Familienaufstellung: Das Leben und die Geschäfte der Paten

Nach dem bislang größten Schlag gegen das organisierte Verbrechen in der US-Geschichte leckt die Mafia ihre Wunden. Was ist von dem filmträchtigen Mythos geblieben, und wie sieht die Zukunft von Camorra, Cosa Nostra und ’Ndrangheta aus? profil sprach mit führenden Experten.

Türklingel-Salven gen Morgengrauen verheißen in der Regel keine Frohbotschaften. Das sollten Profis eigentlich wissen. Über dieser Erkenntnis brüten seit 20. Jänner 127 „Ehrenmänner“, Sub-Capos, Consiglieres und Capos auf einem Gefängnisschiff. 800 FBI-Agenten hatten sie im Zuge des „größten Schlags der US-Kriminalgeschichte gegen die Mafia“, so Justizminister Eric Holder, zuvor aus ihren Betten in New York, New Jersey und Rhode Island gescheucht.

Die dicksten Fische des FBI-Coups sind Luigi „Baby Shacks“ Manocchio, 83 Jahre alt, und der frühere Boss des New-England-Clans Patriarca, der den Spitznamen seinem Faible für magere Minderjährige verdankt, Benjamin „The Fang“ (zu Deutsch: Reißzahn) Costellazzo, der 73-jährige Chef der Colombo-­Familie, sowie deren Straßenchef Andrew „Mash“ (Brei) Russo, 76. Aus dem Lager der Gambinos gingen die Sub-Capos Vincenzo „Carwash“ Frogiero (der Mann musste in seiner Jugend im Novizen-Business Autowäsche nach dem Unrechten sehen) und Tony ­„Bagels“ Cavezza ins FBI-Netz.

Die kuriose Sitte, jedem „wise guy“ eine Art Künstlernamen zu verpassen, gehört seit Al „Scarface“ Capone noch immer zur Lifestyle-Tradition im Mobster-Biotop. Das skurrilste Beispiel dafür lieferte der legendäre sizilianische Don Genco Russo, der als „unsere Gina Lollobrigida“ in den fünfziger Jahren in die Geschichte einging: Er pflegte vor jeder Kamera affektiert zu posieren, was angesichts seiner brutalen Hässlichkeit doppelt komisch wirkte.

„Jeder noch so kleine Mafioso möchte ein unverwechselbares Profil besitzen“, erklärt der US-Mafiaspezialist Chris Cecot: „Diese Typen lieben es auch, von den Medien wahrgenommen zu werden. In Wahrheit wollen sie wie Popstars behandelt werden und alle einmal so berühmt werden wie Coppolas ,Pate‘.“ Doch von dessen filmischem Cosa-Nostra-Glamour waren die Männer, die am Morgen dieses für die Ostküstenmafia so schwarzen Donnerstags in einer eiskalten Turnhalle in Brooklyn zusammengetrieben wurden, Lichtjahre entfernt. Die Opfer der Operation bringen es auf „ein Durchschnittsalter von 72 Jahren“, wie der Nachrichtensender „ABC News“ spöttisch festhielt. Der Rest stammt vorrangig aus echtem Cosa-Nostra-Prekariat: „Billige Turnschuhe, ausgeleierte Trainingsanzüge, Polyester-Blousons – was für ein trauriger Anblick.“ Manche von denen seien so dumm, „dass sie maximal als teilalphabetisiert durchgingen und Italien nicht einmal auf der Landkarte finden würden“, so der ehemalige Undercover-Agent Joseph Pistone, dessen Lebensgeschichte „Donnie Brasco“ mit Al Pacino und Johnny Depp verfilmt wurde.

„Das organisierte Verbrechen ist nur mehr ein Schatten von dem, was es vor 20 Jahren darstellte“, sagt ­Bruce Mouw, ein früherer FBI-Agent, angesichts dieser ­tristen Gestalten fast melancholisch. Der legendäre Anti-Mafia-Kreuzritter war definitiv mehr „Glitz“ gewohnt, leitete er doch 1992 die Operation gegen John Gotti, den mit Abstand glamourösesten Don der New Yorker Mobster-Szene seit den Mafia-Popstars der „goldenen“ Prohibitionsära, Al Capone und Lucky Luciano. Gotti, der wegen seiner Filmstarerscheinung, die er durch crèmefarbene Maßanzüge und pechschwarze Lincolns aufmunitionierte, ständig in den Tabloids gastierte, war auch wegen seiner Brutalität berühmt. Wenn seine ­„uomini d’onore“ (Ehrenmänner) zu langsam in die Gänge kamen, ließ der Chef der damals einflussreichsten Gambino-Familie seine Männer fürs Grobe lakonisch wissen: „Ich rufe dich nicht noch einmal an, das nächste Mal sprenge ich dein Haus gleich in die Luft.“

„Don aller Dons“.
Gotti, dem durch „Pentiti“, so der Jargon für abtrünnige Mafiamitglieder, die für die Polizei als Informanten arbeiten, zumindest 13 Morde nachgewiesen werden konnten, starb 2002 in einem Gefängnisspital an Kehlkopfkrebs. Sein Sohn, der heute 46-jährige John Gotti Jr., machte „dem Don aller Dons“ („New York Times“) keine Ehre und verließ 1999 – nach neun Jahren Haft – die Mafia. Nun versucht er sich mit seiner Lebensgeschichte im Filmgeschäft: Sylvester Stallone soll laut dem Branchenblatt „Variety“ Interesse an Gottis Kronprinzendrama bekundet haben und will in dem Epos nicht nur Regie führen, sondern auch den in Gewissensturbulenzen geratenen Mafioso darstellen. „Es wird mehr ,Godfather‘ als ,Sopranos‘ werden“, erklärt Gotti Jr. standesbewusst. Seine Schwester Viktoria besitzt bereits Celebrity-Status: In der ­Reality-Doku-Soap „Growing up Gotti“ ließ sich die alleinerziehende Mutter bei der Aufzucht ihrer drei ­gewaltbereiten Söhne filmen.

Die fünf Mafiafamilien
, die in den USA vor allem Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel, Schutzgeld-Erpressung sowie das Baugeschäft im Würgegriff haben, werden sich lange nicht von dem Aderlass am 20. Jänner erholen. „Es wird einige Jahre dauern, bis die Colombos und Gambinos, die die mächtigsten Clans repräsentieren, sowie die Bonnanos, Genoveses und Lucheses wieder zu ihrer alten Form zurückfinden“, sagt der britische BBC-Journalist Misha Glenny, Autor des Buchs „McMafia“. Da New York laut Glenny als wichtigster Umschlagplatz für den internationalen Drogenhandel und den immer wichtigeren Fälschungsmarkt gilt, werden die Familiengeschäfte durch die FBI-Aktion weltweit in Mitleidenschaft gezogen werden. Glenny vertritt die Überzeugung, dass 20 Prozent des Weltbruttosozialprodukts durch das organisierte Verbrechen erwirtschaftet werden. Auf rund 100 Milliarden Euro schätzen die römischen Anti-Mafia-Behörden den Jahresumsatz der italienischen Mafia.

Dass die FBI-Jagd mit einer so hohen Trophäen-Ausbeute endete, hat zwei Gründe: Nach der Tragödie von 9/11 war die US-Mafia auf der Prioritätenliste des FBI weit nach unten gerutscht. Deswegen wähnte sich die Cosa Nostra in Sicherheit und gab aus dem trügerischen Gefühl der Unverwundbarkeit heraus ihren Allmachtsfantasien neue Nahrung.
Von 9/11 profitierten die Ostküsten-Mobster doppelt: Sie lukrierten fette Gewinne mit den Abbruch- und Wiederaufbauarbeiten am „Ground Zero“, wobei die Colombos den Löwenanteil abstaubten. „Es war unglaublich“, erzählt Kenny Gallo, ein Colombo-Soldat und späterer „Turncoat“, wie der US-Mafiajargon für einen Überläufer lautet, in seiner Autobiografie „Breakshot“: „Uncle Manny (Emanuel Garofalo, Anm.), einer der mächtigsten Männer des Clans, stand bei diversen Gleichenfeiern völlig unverfroren neben dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg und grinste in die Kameras. In der Branche nannte man ihn bald auch ,9/11-Manny‘. Kurz nach solchen Auftritten erteilte er Mordaufträge, denn Mord ist bei den Colombos noch heute an der Tagesordnung. Und es ist diesen koksverseuchten Killermaschinen, die diese Art von Drecksarbeit erledigen und ihre Leichen noch immer in Salzsäure verschwinden lassen, völlig egal, ob sie dabei erwischt werden könnten oder nicht.“

Als Kenny Gallo, der heute unter einer neuen Identität in einem Zeugenschutzprogramm in den USA lebt, von seinem Mentor Manny verdächtigt wurde, Geschäftsinterna an einen anderen Clan-Kollegen ausgeplaudert zu haben, stand er selbst auf der Abschussliste: „Mein lieber Onkel Manny, bei dem ich noch am Sonntag zuvor am Familientisch Fleischbällchen in Tomatensauce gegessen hatte, wollte mich kaltmachen. Er bestellte ein Killerkommando auf den Parkplatz eines Restaurants, rechnete aber nicht damit, dass ich selbst bewaffnet war.“

Zu diesem Zeitpunkt war Gallo, der den Colombos wegen seiner Begabung für Kokshandel und den Beischlaf mit Porno-Starlets als „besondere Begabung ins Auge gestochen war“, bereits vom FBI verkabelt worden. „Das sollte man sich auch nicht mehr wie in schlechten Filmen vorstellen“, erzählt Gallo: „Die Mikros sind so winzig, dass man sie nicht findet, selbst wenn sie dich ausziehen sollten. Es sitzen auch keine Agenten in einem getarnten Lieferwagen, die dich 24 Stunden abhören müssen. Die Abhörbänder werden direkt in das FBI-Hauptquartier weitergeschickt.“ Gallo steht stellvertretend für einen Aushöhlungsprozess der Mafia. Das Gesetz des Schweigens, die „Omertà“, hat unter den Mobstern des 21. Jahrhunderts längst nicht mehr die apodiktische Wirkung früherer Tage, was neben der 9/11-bedingten sinkenden Wachsamkeit der zweite Grund für den gelungenen FBI-Schlag war.

„Ich mache nur den Mund auf, wenn ich beim Zahnarzt sitze“, lautete noch der Ehrenkodex des legend­ären New Yorker Mafioso Sammy „Bull“ Gravano. Um ­einem halben Leben in Haft zu entgehen, lassen sich geschnappte „wise guys“ immer öfter auf Deals mit der Staatsanwaltschaft ein und streben eine zweite Karriere als „Pentito“ an.

Weltgewandtheit.
Dieser „Sittenverfall“ macht auch den Branchenkollegen in Europa zu schaffen. Im ­Vergleich zu den eher grobschlächtigen Ostküsten-Drahtziehern besitzen die italienischen Capos, die sich in die kalabrische ’Ndrangheta, die sizilianische Cosa Nostra und die in Neapel beheimatete Camorra ­unterteilen, mehr Stilbewusstsein und Weltgewandtheit. Bis in die frühen neunziger Jahre war es für die italienischen Mafiosi bloße Routine, Kooperationsbereitschaft auf dem politischen Parkett zu finden. Für das Versprechen von Wählerstimmen revanchierten sich Politiker – vom Premierminister bis zum Bürgermeister – mit lukrativen Bauaufträgen und trägen ­Ermittlungsbeamten.

Der Christdemokrat Giulio Andreotti, der seit 1945 siebenmal Ministerpräsident war, stand ganze 29-mal vor Gericht, zumeist wegen des Verdachts auf Geschäftsbeziehungen mit der Cosa Nostra, deren Oberpaten Totò Riina (auch „der Kurze“ genannt) Andreotti sogar den Bruderkuss gegeben haben soll. Doch in allen Fällen konnte Andreotti eine endgültige Verurteilung, auch aufgrund von Verjährungsfristen, abwehren. Die unzähligen Mafiaverstrickungen und Korruptionsskandale besiegelten Anfang der neunziger Jahre den Niedergang der italienischen Großparteien.
Die Demontage der Democrazia Cristiana (DC) und des Partito Socialista Italiano (PSI) hatte freilich auch fatale Auswirkungen auf die Mafia, die plötzlich die schützenden Hände der Politiker und damit auch öffentliche Bauaufträge verloren. Aus wachsender Nervosität begingen vor allem die Sizilianer schwere Fehler. Fatal wirkte sich vor allem das Sprengstoffattentat auf den wohl berühmtesten Mafiajäger, den sizilianischen Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, aus. Falcone, der im Laufe seiner Karriere 300 Cosa-Nos­tra-Bosse hinter Gitter gebracht hatte, wurde im Mai 1992 durch eine auf der Autobahn platzierte 500 Kilo schwere Bombe mitsamt seiner Frau und fünf Leibwächtern in seinem gepanzerten Wagen in die Luft gejagt; wenige Monate später erlitt auch sein Nachfolger Paolo Borsellino ein ähnliches Schicksal. „Mit den Morden an so berühmten Gegnern haben sich die Sizilianer enorm exponiert und sich selbst extrem geschadet“, meint Mafiaexperte Roberto Saviano. Landesweit wurden Protestmärsche veranstaltet, sogar in Palermo gab es groß angelegte Solidaritätskundgebungen für Anti-Mafia-Organisationen. Die Cosa Nostra musste sich also dringend nach neuen Freunden umsehen – und wurde im Umfeld des Medienmoguls und damals aufstrebenden Politstars Silvio Berlusconi fündig.

Eine zentrale Rolle spielte dabei der Berlusconi-Intimus Marcello Dell’Utri. Der Langzeitsenator verbüßt derzeit eine siebenjährige Haftstrafe, weil er bis 1992 nachweislich als Vermittler zwischen dem „Cavaliere“ und der Cosa Nostra agierte. Die Verbindungen des Sizilianers Dell’Utri mit dem organisierten Verbrechen reichen bis in die siebziger Jahre zurück. Damals war Dell’Utri zum Sekretär Berlusconis beim Mailänder Bauunternehmen Edilnord aufgestiegen. Seither hatte der spätere Spitzenmanager in Berlusconis Medienkonzern Fininvest rege Kontakte mit den führenden Dons und Capos gepflegt.

Immer wieder wurden Mitglieder der Berlusconi-Partei wegen Mafia­verbindungen verhaftet. Der Senator Nicola Di Girolamo musste im Frühjahr 2010 zurücktreten, nachdem ihm vorgeworfen wurde, mithilfe der ’Ndrangheta ins Amt gekommen zu sein. Der frühere Gouverneur von Sizilien, Salvatore Cuffaro, trat erst vor zwei Wochen eine Haftstrafe an, weil ihm Beziehungen zur sizilianischen Mafia nachgewiesen werden konnten.

Trotz der Verurteilung seines engen Freundes Marcello Dell’Utri konnten Berlusconi selbst bislang keine Mafia-Connections zweifelsfrei nachgewiesen werden. Doch Dell’Utri kennt die Hintergründe von Berlusconis märchenhaftem Aufstieg, und in der Isolation seiner Einzelhaft drohte er bereits öfter damit, sein Schweigen zu brechen.

Weit undichter als das Berlusconi-Imperium sind die Mauern des Vatikans. Es ist längst bekannt, wie eng das Verhältnis zwischen den Mafiapaten des Südens und dem Heiligen Stuhl über Jahrzehnte hinweg war. Über die Vatikanbank IOR (Istituto per le Opere di Religione), die aufgrund ihres exterritorialen Status mitten in Rom als Offshore-Finanzplatz agieren kann, wurden Millionen an Mafiageldern weißgewaschen.

Der Abstieg des 1887 gegründeten Bankhauses in die Kriminalität begann in den siebziger Jahren; damals herrschte in der Zentrale der Vatikanbank Kardinal Paul Casimir Marcinkus. Der dubiose US-Amerikaner mit litauischen Wurzeln pflegte beste Beziehungen zu Politikern, Mafiabossen und den rechtsradikalen Umstürzlern der Geheimloge P2. Gemeinsam mit dem Bankier Roberto Calvi knüpfte er ein kompliziertes Netzwerk aus Briefkastenfirmen und Geisterbanken, über das Milliardenbeträge verschoben und Mafiagelder gewaschen wurden. 1982 wurde Calvis Leiche an einem Pfeiler der Londoner Blackfriars Bridge gefunden. Calvis Witwe schloss einen Selbstmord aus. „Wenn mir etwas zustößt, muss Johannes Paul II. zurücktreten“, soll Calvi ihr kurz vor seinem Tod anvertraut haben.
Ermittlungen ergaben, dass Kardinal Paul Casimir Marcinkus zusammen mit Calvi und dem als Mafia­banker bekannten Michele Sindona enorme Summen verschoben und veruntreut hatte. Auch Sindona starb wenig später im italienischen Gefängnis an einem vergifteten Espresso – angeblich einen Tag bevor er seine Aussage machen wollte.

„Familiengeschäfte“.
Trotz dieser öffentlichen Skandale wurden in der Machtzentrale der katholischen Kirche weiterhin „Familiengeschäfte“ betrieben. „Das kriminelle System von geheimen Mafiakonten ist über eine Parallelstruktur der Vatikanbank nach den großen Betrugs- und Mordskandalen jahrzehntelang weitergeführt worden“, erklärt Gianluigi Nuzzi, Autor des Bestsellers „Vatikan AG“, im profil-Gespräch. Nuzzi erhielt von einem ehemaligen Verwalter der Vatikan-Finanzen über 5000 Dokumente, Buchungsbelege, vertrauliche Mitteilungen und Banküberweisungen der IOR, die belegen, dass die kriminellen Machenschaften mit Wissen des polnischen Oberhirten erfolgten: „Papst Johannes Paul II. wurde auf all diese Missstände aufmerksam gemacht, aber er hat nichts unternommen. Im Gegenteil, die Sache wurde eher noch schlimmer.“

Nach Erscheinen von Nuzzis Buch vor knapp einem Jahr wurde der amtierende IOR-Chef Angelo Caloia entlassen und durch den streng gläubigen Finanzexperten Ettore Gotti Tedeschi ersetzt. Doch es sollte nur wenige Monate dauern, bis auch Tedeschi wegen Geldwäscherei und möglicher Verbindungen zur Mafia ins Visier der Justizbehörden geriet. Das Image des Vatikans als prunkvolle Waschmaschine des organisierten Verbrechens bekam neue Nahrung. Nun steht Papst Benedikt XVI. unter enormem Zugzwang. Vorvergangene Woche wurde die Gründung einer vatikanischen Finanzbehörde gegen Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Verbrechens beschlossen, deren oberste Regel lautet: „Wer sich mit der Mafia einlässt, kommt für zwölf Jahre ins Gefängnis.“

Im Gegensatz zu Deutschland haben die österreichischen Behörden vor allem mit Mafiabanden aus Osteuropa zu kämpfen. „In Österreich hatten wir nie Probleme mit den Italienern, weil es anders als in Deutschland kaum italienische Gastarbeiter gibt“, erklärt Ernst Geiger, Chef der Ermittlungsabteilung im Bundeskriminalamt (BK). Der letzte Fall, in dem Österreich eine marginale Rolle in einer italienischen Mafiauntersuchung spielte, reicht über 20 Jahre zurück: 1990 wurde auf ein hochrangiges Camorra-Mitglied, das sich kurzfristig in Wien aufhielt, in der Schönbrunner ­Straße von einem rivalisierenden Clan ein Mordanschlag ­verübt.

Wesentlich dramatischer beurteilt Francesco For­gione, Mitglied der sizilianischen Anti-Mafia-Kommission in Palermo, die Österreich-Connections. In seinem 2010 erschienenen Buch „Mafia-Export“ warnt For­gione vor dem weltweiten Netzwerk der italienischen Mafiapaten, die sich auch in Wien und der Kurstadt Baden niedergelassen hätten. „Personen, die mit der so genannten Allianz von Secondigliano in Verbindung stehen, sind zwischen Wien und Baden aktiv und verkaufen gefälschte Markenprodukte“, schreibt Forgione. Die Allianz von Secondigliano, benannt nach einem Stadteil Neapels, gilt als gefährlichstes Camorra-Bündnis Italiens, dessen Haupteinnahmequellen Drogen- und Waffenhandel, Prostitution und der Verkauf von gefälschten Waren sind. Im Gespräch mit profil wehrt Forgione Fragen nach Details ab: „Ich hatte Zugang zu den Unterlagen, ich will nicht mehr dazu sagen.“

Einen besonderen Anreiz für Verbrechersyndikate jeglicher Provenienz stellt das österreichische Bankgeheimnis dar. Im März 2010 wurde der bisher größte Fall von Geldwäsche in Italien aufgedeckt. Für die kalabrische Mafiaorganisation ’Ndrangheta sollen die Telekommunikationsunternehmen Fastweb und Telekom Italia 2,2 Milliarden Euro weißgewaschen haben. Wie profil damals berichtete, war Wien finanzieller Dreh- und Angelpunkt dieses Megabetrugs. Aus den geheimen Untersuchungsberichten der Staatsanwaltschaft Rom ging hervor: In den Jahren 2005 bis 2007 flossen über Tarngesellschaften und Bankkonten in Österreich zwei Milliarden Euro, die aus Geschäften der Mafia stammen.

Die Kalabrier nehmen gegenüber den Kartellen aus der ehemaligen Sowjetunion noch immer die Vormachtstellung ein: Schätzungen zufolge kontrolliert die kalabrische ’Ndrangheta heute bis zu 80 Prozent des europäischen Kokainhandels.

Experten warnen, dass weder die immer lauter werdende Anti-Mafia-Bewegung in Italien noch die groß angelegte FBI-Aktion am 20. Jänner in New York langfristige Konsequenzen haben wird. „Die Mafia ist wie eine Hydra, der man noch so viele Köpfe abschlagen kann, sie werden an anderer Stelle nachwachsen“, sagt Forgione. „Heute befindet sich die Mafia einfach nur in einer Regenerationsphase.“

Den Begriff Mafia, der auf ein volkstümliches Theaterstück über Straßenräuber mit dem Titel „I mafiusi di la Vicaria“ aus dem Jahre 1862 zurückgeht, würden ihre Mitglieder übrigens empört zurückweisen. Denn unter den zehn ehernen Prinzipien der Cosa Nostra steht nach der Regel „Es ist die Pflicht, jederzeit zur Verfügung zu stehen, selbst wenn die Frau vor der Entbindung ist“ als wichtigste Aufnahmebedingung: „Wer sich schlecht verhält und sich nicht an moralische Werte hält, kann nicht der Cosa Nostra angehören.“

Lesen Sie im profil 5/2011 ein Interview mit der Mafiaexpertin Petra Reski über den Mythos der Mafiaehre und die PR der Cosa Nostra.