Familienpolitik: Aussterben, aber richtig

Die niedrige Geburtenrate sorgt wieder einmal für hitzige Debatten. Der Kampf um die Kinder ist vor allem ein Kampf gegen die Kinderlosen. Doch die Gefahren der Babyflaute werden massiv überschätzt.

Werdende Eltern haben viele Fragen. Zum Beispiel wollen sie wissen, wie man sich fühlt, wenn der Nachwuchs endlich da ist und zu Hause einzieht. Ein Hörbuch des Sozialministeriums gibt ausführlich Auskunft: „In der ersten Zeit bestimmt das kleine Wesen ganz allein den Tages- und Nachtrhythmus. Keine Sorge: Es wird wieder einen Rhythmus geben – später. Jetzt ist Ihre einzige Aufgabe, zur Familie zu werden“, heißt es in dem Ratgeber. „Die erste Zeit daheim mit dem Baby ist ein Ausnahmezustand. Dass Sie Besuche nicht wahllos zulassen, schulden Sie auch Ihrem Baby. Schreiben Sie ein Schild ,Bitte nicht stören‘, und hängen Sie es an die Tür.“

Das klingt zwar nicht sehr verlockend, ist aber gut gemeint. Sozialministerin Ursula Haubner hat die drei CDs mit Tipps für junge Mütter und Väter erst in der Vorwoche präsentiert. Denn an Informationsmangel soll in Österreich nun wirklich keine Familiengründung scheitern. Ebenfalls ganz neu ist das Geburtenbarometer des Instituts für Demografie. Im Stil der Zeitnehmung beim Hahnenkammrennen wird darin die monatsaktuelle Geburtenrate im Land vermeldet. Im Jänner lag sie (dank modifizierter Berechnungsweise) bei 1,63 – das ist immerhin ein Hundertstel mehr als im Dezember 2005. Vielleicht spornt das den Ehrgeiz der Österreicherinnen ja ein wenig an.

Die Demografie, ansonsten eine recht trockene Beschäftigung für Menschen, die sich gerne in Zahlenbergen vergraben, ist derzeit wieder einmal Breitensport in Österreich. Gebannt starrt das Land auf die Bevölkerungsstatistik, die erhebliches Ungemach verspricht: Die Geburtenrate der Österreicherinnen ist viel zu niedrig, um die Reproduktion sicherzustellen. 1970 hatte jede Frau durchschnittlich 2,29 Kinder, 2004 waren es nur mehr 1,42. Regelmäßige Seher der Fernsehreihe „Universum“ wissen aus der Zoologie, was das für eine Population bedeutet: Sie ist vom Aussterben bedroht.

Die Meldungen der vergangenen Wochen können sensiblen Gemütern durchaus Angst einjagen. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis die letzten Exemplare der Gattung Österreicher in einem Freigehege des Schönbrunner Zoos ausgestellt werden – vielleicht gleich neben den Pandabären, mit denen es ebenfalls zur Neige geht?

„Minimum“. Auslöser der aktuellen Panik sind die Deutschen. Im Nachbarland läuft gerade eine breite Diskussion zum gleichen Thema – allerdings in noch schrillerer Tonlage. Frank Schirrmacher, Co-Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, vertritt in seinem jüngsten Buch „Minimum“ die These, dass sinkende Geburtenraten nicht nur das Pensionssystem unfinanzierbar machten, sondern auch die Gesellschaft destabilisierten. „Familien sind die verlässlichsten Sozialisationsmaschinen. Und durch ihr Verschwinden fehlt auch das Bewusstsein für das, was man moralische Ökonomie nennt“, behauptete Schirrmacher kürzlich im profil-Interview (11/06). Umgehend fanden sich Experten mit Vorschlägen zur Sanierung wenigstens der finanziellen Notlage. Johann Eekhoff, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik in Köln, hält eine Reform bei den Pensionen für notwendig. „Kinderlose hätten nie in das Rentensystem aufgenommen werden dürfen“, sagte er. Zumindest sollten ihre Ansprüche verringert werden. Kanzlerin Angela Merkel versprach, die Idee wohlwollend zu prüfen. „Die Erziehung von Kindern sollte einen Enfluss auf die Rente haben.“

Das Feindbild ist also identifiziert: Es sind die Kinderlosen, die den Sozialstaat demontieren und die öffentliche Moral zerstören. Die dazugehörigen Klischeebilder hat man praktischerweise schon abgespeichert: saturierte Dinks (Double income, no kids), die in Dachterrassenlofts logieren, zweimal jährlich in der Südsee urlauben, über den Parkplatzmangel für das Drittauto jammern und ihre Brutpflegeinstinkte durch Verzehr von Belugakaviar sublimieren. Auf der anderen Seite der Sympathieskala steht die liebevolle Vater-Mutter-Kinder-Familie, ständig in Geldnot, aber gerne bereit, auch noch den grantigen Opa in Pflege zu nehmen. Ihr unter großen Entbehrungen aufgezogener Nachwuchs wird eines Tages die Pensionen der kinderlosen Egomanen zahlen. Furchtbar ungerecht, nicht wahr?

Die rührselige Geschichte leidet bloß darunter, dass sie so nicht stimmt. Zum einen ist der Finanztransfer in Richtung Familien ohnehin schon recht üppig (siehe Kasten Seite 21). Fast sieben Milliarden Euro fließen über den Familienlastenausgleichsfonds jährlich in die Taschen der Mütter und Väter – und bezahlt wird das auch von jenen, die zu Weihnachten allein unter dem Christbaum sitzen. Außerdem sei die Gleichung „weniger Kinder ist gleich weniger Geld für Pensionisten“ einfach falsch, sagt Christine Mayrhuber, Arbeitsmarktexpertin beim österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). „Für die Sicherheit der Pensionen ist nicht die Demografie ausschlaggebend, sondern die wirtschaftliche Entwicklung. Es geht darum, wie viele Menschen in Beschäftigung sind.“

Babys sind zweifellos süß, und ohne die Dynamik junger Menschen kommt kein Land aus. Aber sie kosten den Staat eine Menge Geld, und ob sie die investierten Beträge später hereinspielen, ist ungewiss. Nur wer Arbeit hat, kann Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Sollten der liebevollen Großfamilie lauter Langzeitarbeitslose entwachsen, werden diese zu den Pensionen der Loftbewohner leider gar nichts beitragen. Auf den Gedanken, den Eltern dann auch die Rente zu kürzen, ist gottlob noch niemand gekommen.

In Österreich lehnen zwar alle politischen Parteien die deutsche Idee von der Rentenkürzung für Kinderlose ab. Doch der Verdacht liegt nahe, dass diese Einigkeit zumindest in Einzelfällen mehr mit der nahenden Nationalratswahl als mit echter Überzeugung zu tun hat. Ähnliche Überlegungen geisterten in den vergangenen Jahren nämlich bereits mehrfach durch die Medien: 1995 forderte die FPÖ eine Solidarabgabe für Kinderlose. Zwei Jahre später sinnierte Martin Bartenstein, damals Familienminister, ob das niedrigere Pensionsalter für Frauen wirklich in jedem Fall gerechtfertigt sei: „Es besteht hier einfach die Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen Frauen, die Kinder großgezogen haben und deshalb berufliche Nachteile in Kauf nehmen mussten, und Frauen, die diese Doppelbelastung nie hatten.“

Überlegenswert. Erst im Jänner des Vorjahres empfahl „Austria perspektiv“, eine von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung finanzierte Denkfabrik (die mittlerweile aufgelassen wurde), kinderlosen Senioren die Hälfte der Pension zu streichen. IV-Generalsekretär Markus Beyrer fand das „überlegenswert“.

Etwas mehr als ein halbes Jahr vor der Wahl wird die ÖVP nicht mehr gerne an solche Streiche erinnert. VP-Generalsekretär Reinhold Lopatka hält es zwar für positiv, dass über den Wert der Familie derzeit wieder so viel diskutiert wird: „Aber dabei sollte man nicht auf Konfrontation zu den Kinderlosen gehen. Das löst das Problem nicht.“ Lopatka ist Vater von drei Sprösslingen und kann in der eigenen Familie den Zeitenwandel mitansehen. Sein ältester Sohn ist 22 Jahre alt und denkt noch längst nicht an Reproduktion. Der Papa könnte aber durchaus damit leben, schon Großvater zu werden. „Ich sag ihm öfters, dass ich bei seiner Geburt auch erst 23 war.“

Ein etwas genauerer Blick in die Aufzeichnungen der Demografen zeigt, dass die Kinderlosen gar nicht das Problem sind. Die Zahl der Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – gar keine Kinder haben, ist in den vergangenen Jahren kaum gestiegen und war sogar schon einmal viel höher. „In der Generation unserer Großeltern lag der Anteil der kinderlosen Frauen bei 30 Prozent, heute sind wir bei 14“, sagt der Sozialforscher Bernd Marin. „Aber die Zahl der Kinder pro Frau ist im selben Zeitraum auf die Hälfte zurückgegangen.“

Trotzdem sind stets nur die Kinderlosen das Ziel von Vorwürfen oder angedachten Strafaktionen – und nicht etwa 1-Kind-Väter wie Frank Schirrmacher. Die in Wien lebende Journalistin Birgit Kof-ler, ebenfalls nicht Mutter, schrieb sich in dem kürzlich erschienenen Buch „Kinderlos, na und?“ ihren Frust von der Seele: „Viele von uns kinderlosen Frauen haben es satt, dass unsere Entscheidung, so zu leben, wie wir leben, auf Schritt und Tritt hinterfragt, wenn nicht überhaupt infrage gestellt wird.“ Obwohl sie zahlreiche Argumente für ihre Sicht der Dinge gefunden hat, ist Koflers Buch auch ein Beweis für den enormen Rechtfertigungsdruck, den Kinderlosigkeit heute erzeugt.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market sind zwar nur 20 Prozent der Österreicher der Meinung, dass verweigerte Fortpflanzung zu finanziellen Nachteilen in der Pension führen soll. Aber die Ansicht, dass Nachwuchs per se eine volkswirtschaftliche Kostbarkeit darstellt und somit auch seine Erzeuger aufwertet, hat sich weit gehend durchgesetzt. Als im Vorjahr ein Kärntner Hotelier sein Haus als „Oase der Ruhe ohne Geschrei“ – also ohne Kinder – anpries (eine in der internationalen Hotellerie durchaus übliche Einschränkung), löste er lautes Protestgeheul aus. Und die derzeit in Wien laufende Anti-Hundekot-Initiative ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil sie überwiegend von Müttern promotet wird. Die sind nun mal glaubwürdiger als, zum Beispiel, eine Neigungsgruppe von Single-Investmentbankern.

Trotz dieser an sich erfreulichen Rahmenbedingungen beenden viele Paare ihre Familienplanung nach dem ersten Baby. Gründe dafür gibt es einige: Das erste Kind kommt immer später, ein zweites oder gar drittes geht sich oft schon aus biologischen Gründen nicht mehr aus. Kinder kosten Geld, brauchen Platz, beeinträchtigen die Karriere – und was sich mit einem Baby noch halbwegs organisieren lässt, wird mit zwei oder gar drei Sprösslingen schon deutlich schwieriger. Mehr und billigere Betreuungsplätze, wie sie SPÖ und Grüne seit Jahren fordern und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein nun in Aussicht stellt, könnten da vermutlich ein wenig helfen. Doch einen neuen Trend zur Großfamilie wird die Politik nicht auslösen.

Es ist umstritten, ob staatliche Zuwendungen überhaupt großen Einfluss auf die Gebärfreude zeitigen. Die Statistik präsentiert ein uneinheitliches Bild: Österreich gibt 3,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Familien und Kinder aus (Schulen und Universitäten nicht mitgerechnet), liegt bei der Geburtenrate aber nicht einmal im Mittelfeld; in Großbritannien wird viel weniger gefördert, aber deutlich mehr geboren; Schweden und Dänemark geben viel Geld aus und erfreuen sich einer hohen Fertilität. Das Reproduktionssoll von zwei Kindern pro Paar erfüllt aber keines der EU-Länder.

Verhütung durch Wohlstand. Global betrachtet spricht einiges gegen die These, dass mehr Geld die Fortpflanzung ankurbelt. Viele Kinder gibt es nämlich vorwiegend dort, wo die Menschen arm sind. Kaum ist der ökonomische Aufschwung da, bleiben die Wiegen leer; es gibt kein besseres Verhütungsmittel als den Wohlstand. In Südkorea etwa sank die Geburtenrate von 6,3 im Jahr 1955 auf nur noch 1,7 im Jahr 1995.

Da die Globalisierung offenbar nicht ausschließlich Opfer fordert, steigt die Zahl jener Staaten, in denen die Menschen auch anderen Hobbys als der Brutpflege nachgehen können. „Länder, die zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, liegen bereits unterhalb des Bestanderhaltungsniveaus“, erläutert Richard Gisser, stellvertretender Leiter des Instituts für Demografie in Wien. Die Demografen haben mit dieser Entwicklung übrigens am wenigsten gerechnet. Wer heute im gebärfähigen Alter ist, kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als Horrorszenarien über die drohende Überbevölkerung in jeden Geografieunterricht gehörten. Gisser gibt zu, dass seine Wissenschaft nicht zu den ganz exakten gehört. „Wir können uns auch irren.“

Das Aussterben der Österreicher wird jedenfalls nicht sofort beginnen. Laut Prognosen soll die Bevölkerung bis etwa 2030 sogar leicht wachsen. Gründe dafür sind die steigende Lebenserwartung und die Zuwanderung, die schon in den vergangenen Jahren für einen Ausgleich sorgte. Sollte auf dem Arbeitsmarkt irgendwann Mangel herrschen, kann auch dieser mit ausländischem Personal behoben werden. Sozialforscher Bernd Marin befürchtet allerdings, dass es mittelfristig zu einem „Menschenhandel mit qualifizierten Mitarbeitern“ kommen werde, wie er derzeit schon beim Krankenpflegepersonal in Gang sei. „Es wird sich herausstellen, dass wir die Türkei dringend brauchen. Wir werden türkischen Arbeitskräften noch einmal einen roten Teppich auslegen.“

Angesichts der demografischen Daten wäre eine Debatte über qualifizierte Zuwanderung also klüger als das Beschwören der Großfamilienidylle oder weitere Millioneninvestitionen in die Gebärfreude. Stattdessen überlegt BZÖ-Chef Jörg Haider, ob er es im Wahlkampf nicht wieder einmal mit einer gepflegten Migrantenhetze versuchen soll. „Ich schließe ein Ausländer-Volksbegehren mit ganz konkreten Zuwanderungsfragen nicht aus“, erklärte Haider in „News“.

Aber der Herr Landeshauptmann ist fein heraus. Er hat in Kärnten ja schließlich den Babyscheck eingeführt. Es kann also nichts mehr schief gehen.

Von Rosemarie Schwaiger