"Faszinierend und schockierend“

Der Aluminium-Experte Christopher Exley glaubt, dass mit der Frei­setzung von Aluminium aus der ­Erdkruste eine moderne Büchse der Pandora geöffnet wurde.

profil: Sie beschäftigen sich seit fast 30 Jahren mit Aluminium. Was ist so faszinierend an dem Metall?
Exley: Das Leben auf der Erde entwickelte sich, während Aluminium in der Erdkruste in festen Bindungen mit Silikaten eingesperrt war. Dieses Element besitzt unglaublich vielfältige chemische Eigenschaften, und die meisten davon sind nicht gerade beruhigend.

profil: Aluminium ist das häufigste Metall der Erdkruste. Jeder Mensch nimmt es mit der Nahrung auf.
Exley: Ja, aber vor 100 Jahren gab es kein Aluminium in Lebensmitteln oder Kosmetika. Heute haben auch gesunde Menschen geringe Mengen davon, die sich in Leber, Knochen oder Gehirn anreichern. Es gibt zahlreiche biochemische Prozesse, die dadurch gestört werden. Bei Dialysedemenz, Knochenerweichung, Anämie oder Aluminiumasthma ist die Verursacherrolle von Aluminium erwiesen. Es gibt andere Krankheiten wie Alzheimer, Brustkrebs, Allergien und Autoimmunerkrankungen, bei denen ein Zusammenhang möglich ist, bisher aber nicht eindeutig belegt wurde.

profil: Wenn der Zusammenhang nicht belegt werden konnte, klingt das doch eher danach, dass von Aluminium wenig Gefahr ausgeht.
Exley:
Wir wissen nicht sicher, ob Aluminium Alzheimer auslöst oder zu dessen Entstehung beiträgt. Es gibt aber auch keine Forschung, die eine Beteiligung ausschließt. Es gibt keinerlei Förderung in diese Richtung, also spricht bei den Alzheimerkonferenzen niemand darüber. Die Tatsache, dass es keine Forschung gibt, wird als Argument genannt, dass Aluminium sicher ist.

profil: Man kann doch Forschung nicht einfach so abdrehen.
Exley: Es gibt in der Wissenschaft immer Moden. Die aktuelle Mode besagt, dass jeder Dollar, der in die Aluminiumforschung fließt, ein verlorener Dollar ist. Bei den großen Fördertöpfen brauchen Sie nur das Wort Aluminium reinzuschreiben, und der Antrag wird mit Sicherheit abgelehnt.

profil: Bei Ihren Aluminiumkonferenzen werden doch Dutzende neue Arbeiten präsentiert.
Exley: Wir haben in unserem Netzwerk etwa 600 Arbeitsgruppen weltweit, die zu Aluminium forschen, weil es ebenso faszinierende wie schockierende Eigenschaften hat. Da werden eben Budgets umgewidmet, oder man ist bei den Forschungsanträgen kreativ. Eine Kollegin spricht etwa nie von Aluminium, sondern von einem Metall-Östrogen. Das wird dann gefördert.

profil: Entwarnung bei Aluminium ist demnach die Botschaft einer Lobby wie seinerzeit, als es hieß, Rauchen habe mit Lungenkrebs nichts zu tun?
Exley: Ja, es geht in diese Richtung. Wir wissen eindeutig, dass Aluminium ein Nervengift ist. Sie können mit Aluminium Asthma und Allergien provozieren. Bei Multiple-Sklerose-Patienten finden wir überhöhte Aluminiumspiegel im Harn. Und Menschen, die an Alzheimer sterben, haben im Gehirn den zwei- bis dreifachen Gehalt an Aluminium.

profil: Denken Sie, dass Aluminium die Alzheimerdemenz auslöst?
Exley: Ich bin absolut sicher, dass Alzheimer auch ohne Aluminium auftreten würde. Doch möglicherweise müsste man ohne Aluminium 150 Jahre alt werden, um daran zu erkranken. Oder der Verlauf wäre wesentlich milder und nicht so aggressiv.

profil: Sollte die Produktion von Aluminium eingestellt werden?
Exley: Aber nein. Aluminium ist ein großartiger Werkstoff. Es geht nicht um die Alufelge. Was aber geprüft werden muss, sind bioaktive Aluminiumverbindungen in den sensibelsten Lebensbereichen: in Kosmetik, in Medikamenten, in Lebensmitteln. Wir müssen die Konsequenzen verstehen, die eine höhere Aluminiumbelastung mit sich bringt.

Alu, allgegenwärtig

Ob Kekse, Kirschen oder Kosmetika – die Regale der Supermärkte sind voll mit Produkten, die Aluminium enthalten.

Im unübersichtlichsten ist die Verwendung von Aluminium in Kosmetika. Das reaktionsfreudige Leichtmetall wird in rund 60 Verbindungen verwendet – von „Aluminium Distearate“ bis „Aluminium Zirconium Trichlorohydrex Gly“.

In Deodorants verbindet sich eine Aluminium-Chlor-Kombi mit den Zellen der Haut und verändert diese so, dass kaum Schweiß durchdringt.
Mithilfe von Aluminium wird auch die Viskosität (Dickflüssigkeit) von Cremes und Lotions reguliert. Es fungiert weiters als Gelbildner und wirkt antibakteriell.

In Sonnencremes sorgt Aluminium dafür, dass die Mittel nicht verklumpen und sich gut auftragen lassen. Just in manchen „medizinischen“ Zahncremes werden Aluverbindungen zur Stärkung des Zahnschmelzes, gegen Zahnfleischbluten und zur Abwehr von Bakterien eingesetzt.

Erythrosin-Aluminiumfarbstoff (E 127) färbt Lippenstifte, aber auch die Kirschen im Obstsalat rot. Blau ergibt Aluminium in Verbindung mit Indigotin. Es ist als Zusatzstoff E 132 für Süßwaren, Likör und Speiseeis zugelassen und findet breite Anwendung in der Färbung von Arzneimitteln, Kosmetika und Textilien. In seiner puren metallischen Form kommt Aluminium als silbrig grauer Farbstoff (E 173) in Lakritzdragees sowie zur Dekoration von Keksen zum Einsatz.

Als Verbindung mit Schwefelsäure wird Aluminiumsulfat (E 520)
zur Aufbereitung von Trinkwasser eingesetzt. Kandierten Obst- und ­Gemüsestücken sowie Wursthüllen aus Naturdarm verleiht es Festigkeit. Als Folge der chemischen Reaktion mit Phosphorsäure entsteht Natriumaluminiumphosphat (E 541), das für die Herstellung von Biskuitgebäck zugelassen ist.

Als Trennmittel und „Rieselhilfe“ wird Aluminium in Verbindung mit Silikaten eingesetzt – etwa in Kochsalz, Scheibenkäse, Nahrungsergänzungsmitteln sowie Lebensmitteln in Pulverform (E 554, E 555, E 556, E 559).

Einigen Mitteln geht es nun dank einer Richtlinie der EU vom Mai 2012 an den Kragen. Darin werden Aluminiumquellen wie Bentonite (E 558), Calcium-Aluminium-Sulfat (E 556) und Kaolin (E 559) definitiv verboten.