Fernseh-Showgirls: Mit Berlusconi endet der Aufstieg der „Veline”

Mit der Verurteilung von Silvio Berlusconi steht auch ein bizarres Phänomen vor dem Ende: der sagenhafte Aufstieg junger Fernseh-Showgirls in hohe politische Ämter.

"Kannst du mich hören, Eva?“, fragt ein Mann, der gerade nicht im Bild zu sehen ist. Eva, eine kunstblonde Frau Anfang 20, die im schwarzen Abendkleid auf einem roten Sofa sitzt, greift zum Mikrofon und bejaht die Frage in Richtung Kamera.

"Gut“, sagt dieser: "Wo ist dein BH, Eva?“

Ein lila BH liegt auf dem Tisch vor ihr, Eva blickt um sich und wedelt damit kurz darauf in der Luft: "Hier, hier ist er!“ Dann fragt der Mann im Tonfall eines Vaters, der seinem dreijährigen Kind das Laufradfahren beibringen möchte: "Kannst du was für mich machen, Eva? Schrei mal ‚Tatatata!‘ und wirf den BH dabei in meine Richtung, okay?“

„Tatatata!”
"Okay“, sagt Eva artig und grinst dabei ein wenig, weil sie insgeheim schon weiß, was jetzt kommt. "Tatatata!“, schreit sie und wirft den BH weg, wobei ihr Kleid verrutscht und ihre nackten Brüste für eine Sekunde zu sehen sind. Es ist ein plump einstudiertes Malheur, dem Publikum aber gefällt’s, einige Männer grölen, die meisten Frauen klatschen. Eva legt den Kopf neckisch in den Nacken, so als wäre sie gerade hereingelegt worden, und lacht lauthals. Dann schwenkt die Kamera zum Moderator, vor dem aus unerklärlichen Gründen eine Frau in einem durchsichtigen Plastikzylinder mit Löchern zum Atmen auf dem Boden sitzt. Auch sie klatscht vergnügt.

Fernseh-Showgirls
Es ist nur eine von unendlich vielen absurden Szenen, die tagtäglich über die italienischen Fernsehbildschirme flimmern - auf den privaten ebenso wie auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen. Untertags sieht man Frauen, die auf Schaukeln sitzen und mit dem Mund nach Kirschen schnappen, die ihnen Männer auf Angeln hinhalten. Abends befehlen Moderatorinnen mit aufgespritzten Lippen jungen Frauen in weißen Badeanzügen, sich auf der Bühne zu duschen. Dazwischen werden Zuschauer zu Telefonspielen aufgerufen, in denen Eltern darüber räsonieren, ob es in Ordnung ist, wenn sich die eigene Tochter im Fernsehen auszieht.

Man kann die Misere, in der Italien steckt, an politischen Entwicklungen festmachen, an wackeligen Mehrheiten oder der Haltezeit von Regierungen. Man kann das Trauerspiel auf unzählige wirtschaftliche Zahlen herunterbrechen, Zahlen über Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Exporte, Rezession oder Anleihen. Man kann den Verfall des Landes aber auch anhand jener Flut von TV-Sendungen veranschaulichen, in denen Frauen wie die barbusige Eva kräftig mitlachen, während sie vor laufender Kamera gedemütigt werden.

Italiens „Veline”
In Italien nennt man diese jungen Frauen "Veline“, nach einem dünnen Blatt Papier mit Meldungen, das Assistentinnen in früheren Zeiten den Moderatoren während der Sendung reichten. Heute machen sie nicht einmal das; sie tanzen halbnackt auf der Bühne, verharren still in verrenkten Positionen, ziehen Nummern, lassen sich den Hintern versohlen oder grundlose Beschimpfungen über sich ergehen.

Man erkennt sie daran, dass sie alle jung sind und meist gleich aussehen: lange glänzende Haare, schlank, hohe Wangenknochen, operierte Nase, unechte Brüste, aufgespritzte Lippen. Die wichtigsten Schritte in der Karriereleiter: die fixe Institution in einer Show oder die Freundin eines Fußballers zu werden.

Im Idealfall aber wurde man bisher immer von einem bestimmten Mann entdeckt: Silvio Berlusconi. Der Ex-Ministerpräsident liebte es bekanntlich immer, sich im Privat- wie auch im Berufsleben mit schönen Frauen zu umgeben. Am einfachsten rekrutierte er diese direkt aus seinem Medienunternehmen und hievte sie in jenes Amt, das gerade bereitstand.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Berlusconi ausgerechnet wegen Betrugs im Zusammenhang mit seinem Medienunternehmen Mediaset vorvergangene Woche erstmals rechtskräftig verurteilt wurde . Das Fernsehen hat den Mailänder reich gemacht, die Sender waren die Basis für seine unglaubliche Karriere. Berlusconi kündigte 1994 nur deswegen seinen Einstieg in die Politik an, weil er Wind davon bekommen hatte, dass die Regierung die Macht seines Imperiums beschneiden wollte. Vier Mal fungierte er seither als Ministerpräsident und kontrollierte in dieser Zeit neben den großen Privatsendern auch die öffentlich-rechtliche Konkurrenz.

Nun könnte ausgerechnet sein TV-Konzern den Entertainer Berlusconi politisch erledigen. Vier Jahre Haft fasste er anfangs aus, drei Jahre davon fallen aufgrund eines Amnestiegesetzes von 2006 weg, ein Jahr wird er aus Altersgründen entweder in Hausarrest verbringen oder in Form von Sozialarbeit abarbeiten.

Bedrohlich ist all das innerhalb von Berlusconis Partei Volk der Freiheit (PdL) vor allem für eine bestimmte Fraktion - jene der "Veline“.

Ex-Miss-Italien Mara Carfagna
Zahlreiche PdL-Abgeordnete haben ihre Karriere so begonnen: Mara Carfagna schaffte es in zahlreiche Fernsehsendungen, Miss-Wahlen und auf jene Kalenderblätter, die an der Innenseite von Spindtüren kleben, ehe auch Berlusconi auf die damals 34-Jährige aufmerksam wurde. Er ernannte sie 2008 zur Ministerin für Gleichstellungsfragen, ein Amt, das sie bis November 2011 innehatte. Sie schnitt sich die Haare kurz, ließ sich fortan nur mehr in eleganter Kleidung blicken und saß bis zu den jüngsten Wahlen im vergangenen März als einfache Abgeordnete im Parlament. In Erinnerung geblieben ist sie hauptsächlich dadurch, dass Berlusconi nicht müde wurde, ihre Schönheit zu betonen. "Mara La Bella“, wie sie genannt wird - "Mara die Schöne“, ist heute Pressesprecherin der Berlusconi-Partei.

Barbara Matera, ehemalige TV-Moderatorin, Miss-Italien-Kandidatin und Schauspielerin, wurde bei den Europawahlen 2009 als damals 28-Jährige von Berlusconi auf die Wahlliste gesetzt. Sie schaffte den Einzug nach Straßburg - im Gegensatz zu den weiteren Berlusconi-Kandidatinnen Angela Sozio, einer früheren Teilnehmerin des Reality-Formats "Big Brother“, Camilla Ferranti, Model und Schauspielerin, oder Eleonora Gaggiolo, einem bekannten TV-Sternchen.

Nicole Minetti hingegen, gelernte Mundhygienikerin, traf Berlusconi, nachdem ihm ein geistig verwirrter Mann Ende 2009 eine Miniatur des Mailänder Doms ins Gesicht geworfen und dabei einige Zähne beschädigt hatte. Berlusconi engagierte sie vom Fleck weg, zunächst als "Velina“ bei seinen Sendern und anschließend für die Politik. Kurz nach der Begegnung zog sie für Berlusconis Partei ins Regionalparlament der Lombardei, eine der politisch wichtigsten Regionen Italiens.

Doch die Nähe zu Berlusconi ist für die jungen Showgirls inzwischen längst kein Garant mehr für ein politisches Amt - sie kann ihnen sogar zum Verhängnis werden: Nachdem Minetti im vergangenen Jahr zusammen mit Berlusconi im Prozess rund um die damals noch minderjährige Tänzerin "Ruby“ angeklagt wurde, drängte ihr einstiger Förderer sie zum Rücktritt. Die heute 27-Jährige wurde vergangenen Juli in erster Instanz wegen Beihilfe zur Prostitution zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil das Gericht es als erwiesen betrachtet hatte, dass sie die Frauen für die berüchtigten Sex-Partys in Berlusconis Mailänder Villa besorgt hatte.

Die Politikerinnen von Silvios Gnaden wurden geprägt von dessen lauten, schrillen, voyeuristischen Fernsehsendungen und von seiner Partei, die gewissermaßen das politische Derivat seiner Kanäle darstellt: stets auf Umfragen bedacht, betont antipolitisch, immer darum bemüht, die Idee des schnellen Geldes zu verbreiten. Die Grenzen zwischen Politik und Show sind dadurch bis zur Unkenntlichkeit verwischt worden.

Die öffentliche intellektuelle Debatte liegt längst darnieder. Dazu kommen die Klientelpolitik und die Wirtschaftskrise, die vor allem gut ausgebildete Italiener ins Ausland treiben. Italien verfällt und verludert zusehends. "Velina“ zu werden, gehört inzwischen zu einem der begehrtesten Berufswünsche kleiner Mädchen. Wer auf einem Foto in der Klatschspalte landet, hat es geschafft - und nicht, wer erfolgreich ein Studium beendet.

Die großen Opernhäuser des Landes kämpfen seit Jahren ums Überleben, die archäologische Ausgrabungsstätte in Pompeji zerbröselt, das Kolosseum erodiert. Aber schließlich gibt es Wichtigeres: In seiner Zeit als Premier spendierte Berlusconi der Mars-Statute im Regierungspalast um stolze 70.000 Euro einen neuen Penis - plus einen neuen Arm für die benachbarte Venus, angeblich der Proportionen wegen. Das widersprach zwar den nationalen Restaurationsvorschriften, Berlusconi hatte allerdings darauf bestanden.

Als Leiter der neu gegründeten "Generaldirektion für die Aufwertung des Kulturbesitzes“, die das unter seiner Regierung heruntergefahrene Kulturbudget effizienter einsetzen sollte, berief er im Jahr 2008 ausgerechnet den ehemaligen Italien-Chef von McDonald’s.

Die Ära Berlusconi scheint zu Ende zu sein, die medialen und politischen Kollateralschäden aber werden so schnell nicht verschwinden. Trotzdem lassen sich erste Anzeichen eines Mentalitätswechsels erkennen. In Zeiten der anhaltenden Krise scheinen sich die Italiener immer stärker nach Ernüchterung zu sehnen. Berlusconis Mediaset-Konzern ist nicht minder angeschlagen als die staatliche RAI, die allmählich erkennt, dass sie ihr Programm von jenem der Privatsender abkoppeln muss. Mitte Juli verbannte der Rundfunk überraschend den beliebten Miss-Italia-Schönheitswettbewerb aus seinem Programm, weil, so hieß es, das Format "veraltet“ sei. "Grande Fratello“, die italienische Version von "Big Brother“ und lange eines der meistgesehenen TV-Programme des Landes, lief am Ende so schlecht, dass die Sendung Ende des vergangenen Jahres eingestellt werden musste.

Literaturnobelpreisträger Dario Fo spricht von einer "Katerstimmung nach der großen Fete“. Und Medienkritiker Aldo Grassi sagt: "Die Bunga-Bunga-Stimmung, bei der ernste Probleme immer wieder verdrängt wurden, ist endgültig vorbei.“

Berlusconi mag wieder einmal die Neugründung einer Partei ausrufen, ein Teil seiner Abgeordneten mag für den Fall, dass der Senat für die Aufhebung der Immunität des Ex-Regierungschefs stimmen sollte, mit dem Rücktritt drohen: In Wahrheit scheint keine der beiden Koalitionspartner von der Option baldiger Neuwahlen begeistert zu sein. Alle wissen, dass jeder, der die Regierung im ohnehin notorisch instabilen Italien jetzt sprengt, an der Wahlurne dafür bestraft werden wird. Sechs Jahre darf Berlusconi als Verurteilter nach einem Gesetz von Ex-Premier Mario Monti nicht kandidieren. Die nächsten regulären Wahlen finden 2018 statt. Berlusconi wird dann über 80 Jahre alt sein. Die größten Verlierer stehen aber heute schon fest: Die "Veline“ verlassen bereits die politische Bühne.