Fernsehen: Aufbruchstücke

Im Einzelnen oft halbgar oder schlicht misslungen, im groß angepeilten Ganzen aber ein beachtlicher Wurf: Sven Gächter und Sebastian Hofer über die ambitionierteste Reform der ORF-Geschichte. Hat Alexander Wrabetz den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gerettet?

Um halb neun Uhr früh ist die alte Welt noch in Ordnung. Kaiserwetter am Hochkar, beste Pistenverhältnisse bei plus vier Grad auf 1800 Meter: ideale Bedingungen für einen verlängerten Osterurlaub, wie das ORF-„Wetter-Panorama“ live und anschaulich dokumentiert. Es ist Dienstag, der 10. April 2007, und in einer halben Stunde beginnt eine vollkommen neue Zeitrechnung – zumindest in Österreich und zumindest im ORF, aber hier und heute gibt es in Österreich ohnehin nichts Wichtigeres als den ORF.

Wie mag sich Alexander Wrabetz jetzt wohl fühlen?

Blendend wäre wahrscheinlich das falsche Wort. Er ist sichtlich nervös, so nervös eben wie ein Generaldirektor, der in der im hypermodernen 16:9-Format ausgestrahlten brandneuen „Zeit im Bild“ die größte ORF-Programmreform aller Zeiten bewirbt und dabei so staatstragend formuliert, wie es die Würde der Institution erfordert: „runderneuerte, ausgebaute Information, Ausbau der österreichischen Unterhaltung, bessere Sendeplätze für anspruchsvolle Programme“. Nicht zu vergessen natürlich: „ein zufriedenes Publikum“. Und: „natürlich auch eine zufriedene Werbewirtschaft“.

Gerade Letztere war zuletzt sehr unzufrieden gewesen mit der Performance des ORF, was wiederum an der Unzufriedenheit des Publikums lag, das ausgerechnet in der umsatzstärksten Zeit – zwischen 19 und 20.15 Uhr – die Programmanstrengungen seines öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer weniger zu würdigen wusste. Die große Reform war deshalb auch in erster Linie ökonomischen Zwängen geschuldet, es herrschte akuter Handlungsbedarf, und im Ernstfall kann keine Kuh so heilig sein, dass sie am Ende des Tages nicht geschlachtet werden dürfte.

Das Ende des Tages begann im ORF seit ewigen Zeiten mit der „Zeit im Bild 1“ auf beiden Kanälen. Die Durchschaltung hatte gleichsam amtlichen Charakter – seit dem 10. April ist sie Geschichte. Eine einschneidendere ORF-Reform war nach österreichischem Ermessen nicht denkbar. Dass sie nur der Angelpunkt eines groß angelegten „Umbaus“ ist, dokumentiert die umfassenden Ambitionen des Teams um Alexander Wrabetz, könnte allerdings auch dessen frühen Untergang bedeuten.

Programmchef Wolfgang Lorenz wurde nicht müde, die neue, tägliche ORF-Jugendserie als „Herzstück“ der Revolution am Küniglberg zu betrommeln. Ein fataler Fehler möglicherweise, denn misst man die Qualität und den Erfolg der Reform an „Mitten im 8en“, dann gibt es dafür jetzt schon nur ein einziges passendes Prädikat: Debakel.

Der seltsame Hybride aus Daily Soap und Sitcom verfehlt alle Zielvorgaben unbeschwerter Vorabendunterhaltung: „Mitten im 8en“ ist zwar laut und hektisch, dabei aber erschreckend blutarm und weitgehend pointenfrei. Selten wurde das Grundthema Sex quer durch alle Generationen und Lebenslagen im Fernsehen so infantil und nervtötend durchdekliniert.

„Wer nicht spürt, dass hier ein Aufbruch stattfindet, ist ein Trottel“, hatte die seit Langem über jeden reformdynamischen Verdacht erhabene ORF-Legende Gerd Bacher im Vorfeld dekretiert und damit verfrüht zu einer wüsten Publikumsbeschimpfung ausgeholt. Denn laut Bacher besteht die heimische Fernsehgemeinde nunmehr offiziell mehrheitlich aus Trotteln: Die erste „MIA“-Folge hatte im Durchschnitt 364.000 Zuseher, tags darauf waren es noch 289.000 und am Donnerstag nur mehr klägliche 187.000. Zur Berechnung der Werbekosten hatte der ORF vorab einen Richtwert von 400.000 Zuschauern veranschlagt.

Selbst wenn man diesen Schnitt generös halbiert und optimistischerweise annimmt, die verbliebenen 200.000 rekrutierten sich vor allem aus der von der Werbewirtschaft so heftig umschwärmten Traumzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, bliebe das Resultat immer noch ernüchternd. Das kann nicht die von der teuersten Eigenproduktion der ORF-Geschichte angepeilte Dimension sein. Der Daily-Soap-Dauerbrenner „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ auf RTL hat in Österreich seit Jahren eine treue Fangemeinde von rund 150.000 Zusehern pro Tag.

Der viel beschworene Kampf um die Jugend ist ohnehin eines der großen Paradoxa im modernen TV-Geschäft: Wie bindet man ausgerechnet jene neuralgische Minderheit an das Medium Fernsehen, die sich für dieses Medium immer weniger interessiert, weil es so unvergleichlich flexiblere und schillerndere Medien wie etwa das Internet gibt? Die ORF-Innovation „Szene ;)“ – unmittelbar im Anschluss an „Mitten im 8en“ – dokumentiert die Ohnmacht der Programmmacher jedenfalls anschaulich: Betont zwanglos, oberflächlich und nichts sagend werden hier „Seitenblicke“ für junge Menschen simuliert, für die Seitenblicke allenfalls beim Aufreißen und Komatrinken ein Thema sind.

Ist die Wrabetz’sche Reform also eine Totgeburt? Keineswegs. Denn obwohl der im Sinne der Werbewirtschaft auf jugendlich umgepolte Vorabend ein Rohrkrepierer zu werden droht, stellt die Neuausrichtung des „Restprogramms“ – insgesamt immerhin 30 neue oder erneuerte Formate – einen mehr als respektablen Innovationsschub dar, mit allen lästigen oder unvermeidlichen Geburtsfehlern. Der von Bacher diagnostizierte „Aufbruch“ ist durchaus keine Schimäre. „Der neue ORF hat etwas ins Fernsehen importiert, was bislang seinen Radioprogrammen vorbehalten war: sendungsübergreifendes Denken, die Fähigkeit, etwas durchzuziehen, einen Spin anzubringen“, schreibt der FM4-Chefintellektuelle Martin Blumenau in seinem Online-Tagebuch. Tatsächlich hat sich der TV-Koloss von seinem über Jahrzehnte hinweg gepflegten Nischen- und Gärtchendenken befreit, und das buchstäblich über Nacht. Einzelne Sendungen werden miteinander vernetzt, formal und inhaltlich, dasselbe Thema wird auch schon mal mehrfach aufbereitet, je nach Tageszeit und Format politisch, satirisch oder serviceorientiert. Das schlägt sich in einem durchgehenden Programm-Flow nieder, der das Potenzial hat, dem Sender etwas von seiner verloren gegangenen Unverwechselbarkeit zurückzugeben. Seit knapp einer Woche sieht, hört und spürt man förmlich, wie erstarrt und vermieft der „alte“ ORF in Wahrheit längst war.

Dafür gibt es wohl eine simple Erklärung: Die ORF-Mitarbeiter dürfen sich endlich wieder selbst spüren. Der „Aufbruch“ unter Wrabetz ist in erster Linie ein hausinterner. Was bis vor Kurzem nur in der geschützten Werkstätte der „Donnerstagnacht“, allenfalls noch im „Report“, möglich schien, ist offenbar zur neuen Grundhaltung des Senders avanciert: ein augenzwinkerndes Selbstbewusstsein, das der Realität mehr entgegensetzt als den lähmenden, panikstarren Geist der Ausgewogenheit.

Am lockersten verkörpert diesen ironischen, aber immer noch hinreichend ernsten Spirit Andy Knoll, einer der beiden Moderatoren des erfrischenden Magazins „Wie bitte?“, bezeichnenderweise ein Radiomann. Auch in die „ZiB 1“ ist buchstäblich Bewegung gekommen, weil die reaktivierte Tradition der Doppelmoderation dazu genutzt wird, dass einer der Anchors zwischendurch im Stehen agiert (und wenn etwa Gerald Gross das über Jahre antrainierte Sitzfleisch erst einmal abgearbeitet hat, wird er nicht mehr wirken wie ein Schüler, der zur Strafe vor die Wandtafel zitiert wurde). Vor lauter Grafiken, Live-Schaltungen, Studiogästen und dreidimensionalen 15-Tage-Wetterprognosen verlieren die Moderatoren noch selbst oft den Überblick, doch der entscheidende Ruck ist geschafft: Die „ZiB“, in der Ära Lindner bis hin zum journalistischen Wachkoma anästhesiert, lebt endlich wieder – zumindest bemüht sie sich, die Realität so abzubilden, dass sie auch für Nicht-Parteisekretäre interessant wirkt (und die weißen Designer-Schlieren auf blauem Hintergrund werden sicher bald im Fundus der Innovationssünden entsorgt).

Kurz, der neue ORF ist, was man einem Medienmoloch dieser Größe kaum zutrauen würde: ausgesprochen sympathisch. Er ist menschlich, weil er die Menschen, die er beschäftigt, arbeiten lässt, in aller vertretbaren, aber auch gebotenen Ruhe. Und er ist neugierig, weil er ganz offenkundig selbst noch nicht weiß, wohin das alles führen soll. Der neue ORF ist leider auch ein Ärgernis, weil er seinem Publikum ungeniert Flachverstand à la „Mitten im 8en“ und „Szene ;)“ zumutet. Er ist bewährt altbacken, weil er seine – nicht besonders jugendliche – Kernklientel über die Abschaffung von „Willkommen Österreich“ hinwegtrösten muss. Er ist andererseits wieder wunderbar albern, weil er sich traut, Spießerformate wie „Die liebe Familie“ mit jungem Comedy-Personal zu reanimieren. Und er ist ziemlich mutig, weil er mit „Extrazimmer“ an die (bekanntlich heillos verklärte) Talk-Tradition des „Club 2“ anzuknüpfen behauptet.

Aber ist der neue ORF auch (noch) öffentlich-rechtlich? Er muss es sein, denn sonst entfiele die institutionelle Berechtigung, sich zu 51,5 Prozent über Zwangsgebühren zu finanzieren. Das 2001 novellierte Rundfunkgesetz grenzt den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag wie folgt ein: „Das ausgewogene Gesamtprogramm muss anspruchsvolle Inhalte gleichwertig enthalten. Die Jahres- und Monatsschemata des Fernsehens sind so zu erstellen, dass jedenfalls in den Hauptabendprogrammen (20 bis 22 Uhr) in der Regel anspruchsvolle Sendungen zur Wahl stehen. Im Wettbewerb mit den kommerziellen Sendern ist in Inhalt und Auftritt auf die Unverwechselbarkeit des öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks zu achten. Die Qualitätskriterien sind laufend zu prüfen.“

Man wird Alexander Wrabetz und seinem Team schwerlich nachweisen können, mit dem reformierten ORF gegen diese Bestimmungen zu verstoßen, denn sie sind in den Kernpassagen so allgemein und vage formuliert („ausgewogen“, „gleichwertig“, „anspruchsvoll“, „Unverwechselbarkeit“, „Qualitätskriterien“), dass Wrabetz und Co wiederum schwerlich nachweisen können, dem gesetzlichen Auftrag wirklich buchstabengetreu zu entsprechen. Aber kommt der ORF beispielsweise dem legitimen Unterhaltungsbedürfnis seiner Zuschauer nach, wenn er ein Daily-Format wie „Mitten im 8en“ produziert, von dem sich offenbar nicht einmal halb so viele Menschen unterhalten lassen wollen, wie nach den Gesetzen des Marktes mindestens erforderlich wären? Ist andererseits die „Verbreitung und Förderung von Volks- und Jugendbildung unter besonderer Beachtung der Schul- und Erwachsenenbildung“ (Rundfunkgesetz) im Rahmen einer zeitgemäßen Fernsehkultur überhaupt umsetz- und zumutbar? Der viel beschworene „Bildungsauftrag“ hat heute einen ähnlich symbolträchtigen Status wie die immer währende Neutralität: Alle beschwören sie – und versuchen doch bei jeder Gelegenheit, sich daran vorbeizuschummeln. Man muss sich schließlich mit den Gegebenheiten arrangieren, und die Gegebenheiten sind immer seltener hausgemacht. Selbst ein Nach-wie-vor-Quasimonopolist wie der ORF kann die Realitäten des Marktes nicht leugnen.

Verglichen mit den öffentlich-rechtlichen, ebenfalls stark gebührenfinanzierten Anstalten in Deutschland, ARD und ZDF, präsentiert sich der neue ORF als rundum moderner und neuerdings wieder erfreulich experimentierfreudiger Sender. Auf jeden Fall bemüht er sich, anregendes, gegenwartsorientiertes Fernsehen für Menschen zu machen, die fernsehen wollen – und das sind allen konkurrenzmedialen Versuchungen zum Trotz immer noch sehr viele.

Die Zukunft des ORF – und, unmittelbarer noch, jene des Teams Wrabetz – hängt jedoch nicht von mehr oder weniger wohlwollenden Würdigungen programmgestalterischer Ambitionen ab. Sie steht und fällt letztlich mit den Quoten: Wenn es nicht gelingt, die breite Masse der österreichischen Zuschauer dauerhaft an das Massenmedium ORF zu binden, dann kommt sehr rasch ein existenzbedrohender Schwung in die ewige Gebührendebatte, und aus „Mitten im 8en“ wird tatsächlich, wie profil vergangene Woche titelte, „Mitten im Schlachten“.