Fernsehen: Ausgelacht!

Die Ankündigung von Harald Schmidts TV-Abgang geriet vergangene Woche in Deutschland zum Staatsereignis. Nun spekulieren Fans und Branchenexperten über die wahren Motive – vor allem aber über die Zukunft des genialen Humor-Anarchisten.

Harald Schmidt fröstelt. Offensichtlich zeitigt die Zuwendungslawine gesundheitliche Nebenwirkungen. Das teiggesichtige Redaktionsfaktotum Manuel Andrack verbessert das Sendungsklima nicht, wenn er jetzt Sandra Maischberger und Hannelore Elsner zuspielen lässt. Die Talk-Lady und ihr Gast raufen sich in gemeinsamer Sorge die Haare, weil sie in Zukunft auf die schönsten Hände des Fernsehens verzichten müssen. „Er ist doch ein bisschen grau geworden in letzter Zeit, der Schmidt“, sucht Frau Elsner nach Gründen für das Unfassbare, „um nicht zu sagen: verfallen.“ Schnitt.

Harald Schmidt windet sich, hustet, schreit nach seinem Wasserträger Sven und einer Wolldecke. Wedelt mit einem Zuwendungsschreiben von Claus Peymann, gezeichnet mit den Worten „Ihr Freund, Förderer und Entdecker“. Nein, zum Berliner Ensemble, wie dessen Direktor Peymann am Vortag großspurig verlauten ließ, werde er ganz sicher nicht gehen. Keine Zeit; schließlich habe man mit der kreativen Pause alle Hände voll zu tun.

Und was heißt denn hier überhaupt Entdecker?! Kurz nachdem der große Welttheaterwahnsinnswuzzi Peymann den Südpol entdeckt hatte, kam er im schwäbischen Nürtingen vorbeigeschneit, um sich den kleinen Harald zur Brust zu nehmen?! 1974 war der noch Schüler und keineswegs, wie Peymann stur behauptet, Bühnendebütant als Räuber in – erraten! – Schillers „Räubern“. Dennoch alles Liebe und Gute nach Berlin! Und jetzt eine kleine Werbepause: „Buchen Sie, meine Damen und Herren, solange Sie noch können!“
Galgenhumor im „Spaß-Bunker“, wie Schmidt sein Kölner Studio während des Irak-Kriegs nannte. Bis zum 23. Dezember wird der Ausnahmezustand noch anhalten, ab 19. Jänner (bis 16. April 2004) werden die besten Shows der vergangenen Jahre wiederholt. Dann haben die Festspiele für „das pathologische Selbstbewusstsein“ (Schmidt) ein Ende – vorläufig oder für immer, das weiß im Moment keiner.

Die Nachricht, dass Harald Schmidt nach acht Jahren Late-Night-Pionierarbeit bei Sat.1, „meinem sympathischen kleinen Kuschelsender“, den Hut nimmt, stürzte vergangene Woche nicht nur das Feuilleton, sondern ganz Deutschland in Betroffenheit. Die dürre offizielle Begründung, dass Schmidt eine „Kreativpause“ benötige, roch nach der Wahrhaftigkeit eines „Prawda“-Berichts vor Glasnost.

Schließlich hatte Schmidt erst im Sommer seine Frequenz von vier auf fünf Sendungen pro Woche erhöht.

Köpferollen. „Die Monarchen wollen sich heute leider nicht mehr ihre Narren leisten“, hatte Claus Peymann im Zusammenhang mit gekürzten Kultursubventionen ein paar Wochen zuvor angemerkt.

Dieses Prinzip dürfte auch die neue Sat.1-Führung verinnerlicht haben. Im Zuge der Aufräumarbeiten, die der neue US-Besitzer Haim Saban in der Sendergruppe ProSieben Sat.1 veranstaltet, rollte vor zehn Tagen auch der Kopf des Sat.1-Geschäftsführers Martin Hoffmann. Die Hinrichtung soll nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch genommen haben und wurde von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ als „Akt reiner Willkür“ gewertet. Zu Recht: Schließlich hatte Hoffmann den lange belächelten Kanal wieder auf Schiene gesetzt. Im November lag er mit 13 Prozent Marktanteil nur um 4,2 Punkte hinter dem Marktführer RTL.

An Hoffmanns Stelle wurde ein Mann inthronisiert, der „in seiner Heimat, der Schweiz, weltberühmt ist“, wie das Wochenmagazin „Stern“ polemisiert: Roger Schawinski, 58. Er mischte die traditionell schwerfällige helvetische Medienszene durch seinen erbitterten und schließlich erfolgreichen Kampf gegen das staatliche Rundfunkmonopol auf, verfasste binsenstrotzende Selbsthilfe-Fibeln („Das Ego-Projekt“) und musste wegen Liquiditätsproblemen sein TV- und Radioimperium vor zwei Jahren um 59 Millionen Euro an den Züricher „Tagesanzeiger“-Konzern verkaufen. Schawinskis Bestellung, so der Branchentenor, sei eigentlich nur durch die Freundschaft mit seinem Landsmann Urs Rohner zu erklären. Rohner wiederum fungiert als Vorstandsvorsitzender der ProSieben Sat.1 Media AG.

Eklat. Weniger Schmidts persönliche Loyalität zu Hoffmann, der seinem Hausstar immer Narrenfreiheit gelassen hatte, sondern die vorauseilende Erbsenzählermentalität der neuen Sat.1-Geschäftsführung soll Anfang vergangene Woche zum Eklat geführt haben. Am Abend von Schawinskis Ernennung witzelte Schmidt noch über den neuen Chef. „Für mich ist es menschlich ’n bisschen hart“, erklärte er, „aber als Mediennutte muss ich mich jetzt auf den Chef einstellen. Wes’ Brot ich ess’, des Lied ich sing … So wie der aussieht, wird das jetzt sehr eng für Kai Pflaume. Der macht bald ’ne eigene Show … ‚Nur die Kassa zählt‘!“

Der Arbeitstitel dürfte für das Ideologiekonzept beider Fronten gelten. Denn Schawinski soll Schmidt, dessen Produktionsfirma Bonito pro Sendung 40.000 Euro lukriert, durch das Ansinnen eines zwanzigprozentigen Preisnachlasses empfindlich irritiert haben. Eine moderate Fangemeinde von durchschnittlich 880.000 Zuschauern in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erzeugte bei dem Schweizer den Eindruck einer kommerziellen Schieflage. Schmidt, dessen Abendgage mit 20.000 Euro kolportiert wird, versteht jedoch in pekuniären Angelegenheiten überhaupt keinen Spaß.

Doch von solch niedrigen Motiven wollten die Menschen, die sich am vergangenen Donnerstag in München zu einer „Schmidt muss bleiben“-Demo zusammenrotteten, nichts wissen. Und auch nicht die Initiatoren jener zahlreichen Websites, die seit einigen Tagen unter flehentlichen URLs wie „Geh nicht!“ oder „Harry must go on“ im Netz stehen. Denn Schmidt ist Kult, und das Phänomen Kult darf nicht durch schnöden Kommerzgeist beschädigt werden.

„Es war völlig egal, was Johnny Carson machte“, sagte Schmidt einmal über den US-Altmeister der Late-Night-Show. „Hauptsache, er war da.“ Das Prinzip hatte auch bei ihm gegriffen. Schmidt hat es im Lauf der Jahre geschafft, selbst zum Ereignis zu werden. Ob er mit Playmobil-Figuren griechische Heldensagen nachstellte, arglose Zuschauer aus dem Gelsenkirchner Raum vorgefertigte Witzkarten ablesen ließ, auf einem Rhein-Dampfer mit Comedy-Star Anke Engelke rummachte oder gar nur minutenlang ein Schwarzbild senden ließ – alles egal. Hauptsache, er war da.

„Ich habe mir in den letzten Jahren Folgendes angewöhnt: Mir ist einfach alles wurscht“, analysierte er seine Tele-Psychologie. Die immer striktere Weigerung, sich durch die Banalität des alltäglichen Quotendrucks einschüchtern zu lassen, führte zu einem Paradoxon. Gerade durch die Praxis der sinnentleerten Langsamkeit potenzierte Schmidt seinen Sex-Appeal. Seine Parade-Groupies, „alles so halbintellektuelle Frauen, die einen Hau haben und bei der Verlesung eines Thomas-Bernhard-Zitats feucht werden“, hingen an den Lippen des zynischen Bildungsbürgers, der sich, Reclam-Heftchen schwenkend, den Philip-Roth-Kaufbefehl erteilend oder „Best of Hamlet“ zitierend, zum Bollwerk gegen den grassierenden Niveauverfall stilisierte.

Die Proletenliga, der Schmidt durch den Stammtisch-Humor seiner Late-Night-Anfänge ans Herz gewachsen war, bekam trotz Playmobil-Odyssee und Oden an den „Alpen-Beckett“-Bernhard auch noch ihre Fußball-, Bier- und Frauenputzwitzchen serviert, wenn auch in immer homöopathischeren Dosen. Die Birkenstockschlapfen-Träger mit akademischem Abschluss und der Liebe zu französischen Filmen in der Originalfassung standen zwar bei Schmidt ständig unter Beschuss, fühlten sich aber doch irgendwie verstanden. Die Trash-Youngsters, die nach dem Ende diverser Comedy-Formate wie der „Wochenshow“ und der Stagnation von Stefan Raab heimatlos geworden waren, fanden bei Schmidt wieder etwas Halt. „Irgendwann ist es wie bei jedem Kindergeburtstag“, kommentierte Schmidt lakonisch den Niedergang der Jung-Konkurrenz. „Nach dem zehnten Mohrenkopf wird’s langweilig.“

Stahlhart gute Laune. Zu Glanzleistungen schwang sich Schmidt während des Irak-Kriegs auf. Mit Stahlhelm und Uvex-Brillen bewaffnet, eröffnete er das Sperrfeuer gegen hilflos Phrasen dreschende Korrespondenten („Jetzt heißt es abwarten“), gravitätisch Sinn stiftende Feierabendexperten und friedensbewegte Spontan-Promis, die in eilig angemieteten Studios „Stop the bombs from falling“ intonierten. Im Part eines kriegerischen Pazifisten legte Schmidt die Absurdität der „Rumsfeld-Polonaise“ offen und brüllte zwischendurch: „Ja, darf man denn das alles?“
In der konsequenten Umsetzung dieses Prinzips schaffte Schmidt es im Zuge seiner TV-Karriere, den Deutschen das Deutschsein auszutreiben. Anfangs mit durchaus derben Methoden: Schmidt rüttelte an den Tabus der politischen Korrektheit, indem er Polen als notorische Autodiebe, Fußballer als teilalphabetisierte Vollidioten und Frauen als ewige Blondinen denunzierte. Die Grobkörnigkeit dieses Humors trieb das Feuilleton in Schmidts ersten Late-Night-Jahren auf die Barrikaden. Nicht ganz zu Unrecht, denn Schmidt betrieb seinen „Amüsierfaschismus“, wie der Philosoph Peter Sloterdijk es nannte, mit dem Waffenarsenal der Stammtisch-Hocker.

Die zum Kult stilisierte Geschmacklosigkeit führte allerdings zu einem Paradigmenwechsel in der deutschen Humorkultur. Schmidt eröffnete eine Spielwiese für unzählige Epigonen. Als schließlich alle so sein wollten wie Schmidt, wandte er sich neuen Selbstverwirklichungstaktiken zu. Angetrieben vom Ehrgeiz, „der größte Entertainer aller Zeiten zu sein“, wuchs Schmidt „vom Narren in Nadelstreif“, so die „Zeit“, „zum Meister der zynischen Vernunft“. Er rächte sich am Theater, wo er mit seiner Sehnsucht, Schauspieler zu werden, gescheitert war, indem er es einfach in das Fernsehen transponierte. „Schmidt ist der einzige Mann, der Theater im Fernsehen macht“, sagt Matthias Hartmann, Intendant am Bochumer Schauspielhaus, „weil er die Fiktion des Fernsehens bricht.“

Unter Hartmann hatte Schmidt 2001 in Becketts „Warten auf Godot“ den Sklaven Lucky, der von seinem sadistischen Herrn Pozzo an der Leine durch ein Niemandsland gezerrt wird, in Bochum gespielt. Nur einmal lässt sich Pozzo zur direkten Anrede seines Vasallen herab und brüllt: „Denk, Schwein!“ Ein Kommando mit nachhaltigem Effekt. Denn jetzt ist Schmidt zu jenem Fernsehmenschen gewachsen, der uns, frei nach Rilke, „am unendlichsten entgeht“.

Und vielleicht ist das auch gar nicht schlecht so. Denn nie wieder möchte man Schmidt so sehen wie vergangenen Sommer in einer Live-Übertragung vom Vergnügungsdampfer „MS Loreley“. Gegen Ende der Tortur stand er allein an der Reling, nur mit einem bunten Sat.1-Schaumstoffball vor seinem Geschlecht, und brüllte durch ein Megafon: „Der kommerzielle Druck ausländischer Eigentümer hat mich gezwungen, mich hier zum Deppen zu machen. Helfen Sie mir bitte!“ Jetzt hat er sich offenbar selbst geholfen.