Fernsehen. Der Boom von Endlosserien

Bert Rebhandl über den Reiz, für hunderte von Stunden in die Welt der „Sopranos“, der „Simpsons“ oder von „Lost“ einzutauchen.

Ein Schnitt, ein schwarzes Bild, die leere Ungewissheit des nächsten Moments: So endete vor knapp einem Jahr die Fernsehserie „The Sopranos“. Eben noch war die Familie des Mafia-Paten Tony Soprano zum Essen in einem typischen amerikanischen Diner zusammengekommen, und nun war plötzlich alles aus. Es gab keinen großen Showdown, keine Verhaftung, keinen Streit. Im nächsten Moment konnte alles und nichts passieren – wir werden es nie erfahren.

Dieses Ende einer der erfolgreichsten Fernsehserien in der Geschichte des Mediums wurde von der Kritik bejubelt und von den Fans bis in alle Einzelheiten analysiert. In seiner formalen Kühnheit ist es nebenbei auch ein besonders gelungenes Beispiel dafür, wie sehr das Prinzip der Serie in den letzten Jahren in der populären Kultur an neuer Bedeutung gewonnen hat. „The Sopranos“ sind nur ein herausragendes Beispiel für eine Vielzahl von Projekten, in denen vor allem in den USA dem Kino eine bedeutende Konkurrenz erwachsen ist. „The Wire“, „Curb Your Enthusiasm“, „Weeds“, „Lost“, „Alias“, „Sex and the City“, „Six Feet Under“ – es gibt Serien in allen Preisklassen und Qualitätsstufen.

Das klassische Format des abendfüllenden Films, das Hollywood zuletzt ohnehin schon bedenklich überdehnt hatte, findet in der Regelmäßigkeit der aus überschaubar dimensionierten Folgen aufgebauten, aber potenziell unendlichen Fernsehserie ein interessantes Korrektiv. Internet und DVD als parallele Vertriebswege haben zudem dazu beigetragen, dass eine ganz neue Konsumkultur entstanden ist. Man schaut sich eine Staffel von „24“ konzentriert an einem Wochenende an oder geht niemals ohne eine Folge von „Frasier“ zu Bett. Man sorgt schon viele Tage, bevor man mit den „Sopranos“ endlich durch ist, für passenden Nachschub oder steht nach der letzten Folge von „Battleship Galactica“ ratlos vor den Regalen: „Ich habe gerade keine Serie, kannst du was empfehlen?“

Auf Partys und bei Tisch, im Haushalt von Bildungsbürgern wie von Informationsjunkies wird mit der gleichen Leidenschaft über die Parallelwelten gesprochen, die sich in Serien auftun. Nicht von ungefähr haben Kulturkritiker die epischen Erzählprojekte wie „The Sopranos“ oder „The Wire“ mit den Romanen des 19. Jahrhunderts verglichen. Dickens und Dostojewski veröffentlichten ihre Textkonvolute als Fortsetzungsroman in Zeitungen und zielten – wie die TV-Serien auch – mit ihren Werken doch auf einen möglichst umfassenden Ausschnitt aus der Welt.

Es war an der Zeit, alte Stoffe und Kino-Gattungen neu zu überprüfen. Die lange Geschichte der Mafia-Mythologie verlangte geradezu nach einem „reality check“, wie ihn Erfinder David Chase in „The Sopranos“ vornahm. Und die unglaublich ausdauernden Schöpfer der „Simpsons“ können beständig auf den Wahnsinn der Mediengesellschaft zurückgreifen, den sie in ihrer kleinen Welt von Springfield stets aufs Neue durch­exerzieren. Die „Simpsons“ sind klassische Vorabend­unterhaltung, wie es sie im Fernsehen immer schon gegeben hat, mit einer (gezeichneten) Kleinfamilie im Zentrum und einer Vielzahl von Nebenfiguren und Gastauftritten. Sie sind aber auch so etwas wie ein fortlaufender Kommentar zu dem, was in der Gegenwart so geschieht – in den Medien und da draußen in der „richtigen Welt“. Der Theoretiker Diedrich Diederichsen hält die „Simpsons“ für das „komplette postmoderne Kunstwerk“.

Um Kunst geht es bei den Serien aber immer nur indirekt. Sie sind, mehr noch als die Blockbuster der Traumfabrik, perfekt abgestimmte Kompromisse zwischen künstlerischer Freiheit und kommerziellen Anforderungen. Im Grunde beruht der derzeitige Boom der Serien auf einer Ironie des kapitalis­tischen Medienbetriebs. Weil die großen Networks in den USA konsequent wie Volksparteien in die Mitte der Gesellschaft strebten, ließen sie an den Rändern immer mehr Platz für einfallsreiche Produzenten. So konnte und musste ein Bezahlsender wie HBO (Home Box Office), der auf ein eigenes Profil besonders angewiesen war und für richtige Filme nicht das Geld hatte, kreative Lösungen wagen.

Als David Chase den Managern von HBO seine Idee von einem Mafia-Paten vortrug, der sich in psychotherapeutische Behandlung begibt, war dies eine Sternstunde für ein ganzes System. Inzwischen werden aus erfolgreichen Büchern oder originellen Ideen nicht mehr notwendigerweise Spielfilme gemacht, sondern es sind alle möglichen Zwischenformen denkbar. So ist „Generation Kill“, in dem es um einen Kriegsreporter und ein Bataillon im Irak-Krieg 2003 geht, als siebenteilige Miniserie produziert worden und wurde zum wichtigsten HBO-Ereignis in diesem Jahr.

Die DVD-Auswertung ist bei diesen Unternehmungen schon mitbedacht. Fernsehserien werden gekauft wie ein gutes Buch, sie stehen neben Goethe (und John Grisham) im Regal, zumindest bei einer gewissen Publikumsschicht. Dabei hat sich eine ganz neue Kultur des Austauschs herausgebildet. Viele Fans in Österreich und Europa wollen nicht warten, bis irgendein Fernsehsender eine der vielen interessanten Serien aus den USA übernimmt. Sie warten nicht einmal das Erscheinen einer amerikanischen DVD-Edition ab, sondern „ziehen“ sich die ersten Folgen schon kurz nach der Premiere „aus dem Netz“. Die Medienkonglomerate wissen, dass ihnen dieser Hype rund um illegale Downloads bis zu einem gewissen Grad zuträglich ist. Trotzdem ist dies ein neuralgischer Punkt, an dem zwei Interessen kollidieren: Die Industrie will eine möglichst lange Verwertungskette, die Fans wollen möglichst schnell an die neue Ware.

Von den „Sopranos“ ist kürzlich eine Box mit dem gesamten Werk erschienen, an der viele Konsumenten bemängeln, dass sie nur eine schnelle Verwertung zwischendurch darstellt. Denn längst ist in den USA eine Ausgabe letzter Hand angekündigt, die nicht nur alle Episoden enthalten soll, sondern auch jede Menge zusätzliches Material. So werden Konsumenten, die sich zu einem Teil schon die einzelnen Staffeln brav gekauft haben, noch einmal vor die Konsumentscheidung gestellt: Ob sich in all dem Bonusmaterial auch ein „alternate ending“ findet, eine alternative Version für das Ende der „Sopranos“, wird sich weisen. Man kann aber sicher sein, dass es sich im Handumdrehen im Netz wiederfinden und für neuen Gesprächsstoff sorgen wird.

Das Dunkel um das weitere Schicksal der „Sopranos“ könnte sich dann allerdings doch eines Tages noch lichten – im Kino nämlich, falls David Chase seinen alten Traum eines Spielfilms realisieren sollte. Diesen Kniff hat auch David Lynch schon einmal angewandt, der mit „Twin Peaks“ die Konjunktur der Serien um viele Jahre vorwegnahm.