Fernsehen: Gelbsucht

Vor genau 15 Jahren wurde eine Cartoon-Serie ins Leben gerufen, die erst das amerikanische und wenig später auch das internationale Fernsehen revolutionierte. Heute verbreiten „Die Simpsons“ ihre liberalen Botschaften und bösen Witze in über 70 Ländern, auch in Österreich. Ein Ende des Erfolgs ist nicht abzusehen.

Der postmoderne Bürger gehört vor den Fernseher. Dorthin zieht es die Familie Simpson jedes Mal schon im Serienvorspann, mit ungeheurer Wucht, als führe an der Fernsehcouch kein Weg vorbei. Die fünf Simpsons werden aus dem Schul- und Arbeitsleben regelrecht in ihr Wohnzimmer zurückkatapultiert: Erst vor dem Bildschirm beginnt das wahre Leben – in einer TV-Serie entbehrt das nicht einer gewissen Logik.

Im Unternehmen „Die Simpsons“ spielt die Television eine entscheidende Rolle, nicht nur weil sie sein Medium ist, sondern auch weil es für die sozialpolitische Polemik dieser Serie kein besseres Feld gibt. Der Spott der „Simpsons“ konzentriert sich daher nicht selten auf das Eigene: Er richtet sich beispielsweise gern gegen Medienmogul Rupert Murdoch und dessen Fox-Network, das die Show seit ihrem Debüt ausstrahlt (und das sich im US-Präsidentschaftswahlkampf 2000 durch einseitige Berichterstattung eine solide negative Reputation erarbeitet hat). Seit Jahren schwelt daher der Konflikt zwischen Fox TV und den kreativen Kräften der Serie, deren andauernder Erfolg aber offenbar Narrenfreiheit garantiert: In einer vor wenigen Tagen ausgestrahlten neuen „Simpsons“-Episode etwa konnte man einen „Fox News“-Sendewagen mit knalligem Bush/Cheney-Aufkleber sehen; ein gutes Jahr davor, im Oktober 2003, tauchte dieselbe erzkonservative Nachrichtensendung in anderer Form bei den „Simpsons“ auf – als Diskussionsveranstaltung, die im unteren Teil des Bildes von seltsamen Einblendungen wie „Erregen Demokraten Krebs? Finden Sie es heraus bei Foxnews.com“ oder „JFK schließt sich posthum der republikanischen Partei an“ begleitet wurde. Der wirklich souveräne Hund beißt nichts lieber als die Hand, die ihn füttert.

„Simpsons“-Fieber. Die Bissfreude der „Simpsons“-Macher hat sich längst institutionalisiert. Inzwischen hält die Serie bei Saison 16 und weit über 300 Episoden – und sie scheint, was Quote und Werbeeinschaltungen betrifft, erfolgreicher denn je zu sein. Vor Jahren schon haben sich „Die Simpsons“ den Status der am längsten laufenden Prime-Time-Sitcom der amerikanischen Fernsehgeschichte erspielt. Heute wird sie in über 70 Ländern außerhalb Nordamerikas gesendet, und das „Simpsons“-Merchandising wirft weltweit Millionen ab. (Auch Österreich ist seit langem schon im „Simpsons“-Fieber. Auf ORF 1 ist die Serie täglich gleich zweimal zu sehen, nämlich montags bis freitags um 15.40 Uhr und 19 Uhr.)

Ein flüchtiger Blick auf die Titelhelden der Serie erklärt die globale Durchsetzungskraft der „Simpsons“ kaum: Papa Simpson, ein Zeitgenosse von sehr geringer Intelligenz, arbeitet in einem Atomkraftwerk ohne jedes Interesse für Sicherheits- oder Umweltfragen. Seine Frau Marge – Markenzeichen: blaue Turmfrisur – bemüht sich, für Vernunft im Haushalt und in der Familie zu sorgen, was ihr aber vor allem angesichts der dadaistischen Coups ihres halbstarken Sohnes Bart so gut wie nie gelingt. Barts kleine Schwestern – die smarte Lisa, deren Intellekt in dem Umfeld, in dem sie aufwachsen muss, kaum je anwendbar ist, und das meist unbeachtet vor sich hin robbende Baby Maggie – komplettieren das Bild.

Der Erfinder der Simpsons heißt Matt Groening (siehe Kasten Seite 120). Der heute 50-jährige Cartoonist aus Portland, Oregon, machte sich mit dem inzwischen legendären Comicstrip „Life in Hell“, den er ab 1978 in Zeitungen veröffentlichte, einen Namen. 1987 trat Groening zögernd zum Bewegungsbild über: Die Programmmacher des neuen Fernsehsenders Fox baten Groening um eine animierte Version seiner „Life in Hell“-Strips, ein paar bunte 30-Sekunden-Sketches, um damit ihre Sitcom „The Tracey Ullman Show“ aufzufrisieren. Doch Groening hatte keine Lust, sich selbst zu wiederholen; er erfand lieber eine fünfköpfige Familie in Gelb, die er, schön durchschnittsamerikanisch, „The Simpsons“ nannte. Die Popularität der ab April 1987 laufenden Simpsons-Vignetten bewogen den Sender dazu, Groenings gelber Sippe ein eigenes größeres Spielfeld zu überlassen. Am 17. Dezember 1989 flimmerte Folge eins der neuen Serie über Amerikas Bildschirme. Die weihnachtliche Episode trug den surrealen Titel „Simpsons Roasting on an Open Fire“.

Bart Simpson, den Groening ursprünglich als Mischung aus dem kleinen Cartoon-Rabauken Dennis the Menace und sich selbst entwarf, ist neben Homer das eigentliche anarchische Zentrum der „Simpsons“. Der Alt-68er Homer, verfressen und einfältig, verkörpert den Albtraum eines Vaters: Er lässt sein Baby daheim mit der Bohrmaschine spielen, und einen fetten Cheeseburger zieht er seinen Angehörigen im Krisenfall jederzeit gern vor.

„Die Simpsons“ rühren nicht selten an Tabus – und greifen dabei am liebsten auch politisch gleich ins Volle: In einer Episode, die in wenigen Wochen ausgestrahlt werden soll, wird sich Marges kettenrauchende Schwester nicht nur als Lesbe outen, sondern gleich auch ihre Lebensgefährtin kirchlich heiraten. Die moral values von Präsident Bush, die in solchen Szenen offensiv attackiert werden, sorgen bei den „Simpsons“ jedenfalls für Heiterkeit. Minderheiten tauchen hier besonders exponiert auf: indische Immigranten (der wehrhafte Greißler Apu) ebenso wie orthodoxe Juden. „Look, it’s ZZ Top!“, brüllt Bart bei seinem ersten Besuch in New York City einem Trio alter jüdischer Passanten mit Rauschebart hinterher – „You guys rock!“

Welche kulturelle Breitenwirkung diese Serie wirklich hat, steht allerspätestens fest, seit George W. Bush im Rahmen einer Wahlkampfrede seinem Volk ans Herz legte, doch „mehr wie die Waltons und weniger wie die Simpsons“ zu sein. Die antirepublikanischen Ressentiments, von denen „Die Simpsons“ tatsächlich getragen werden, sind offenbar sogar noch im Weißen Haus wahrzunehmen.

Dabei sind „Die Simpsons“ viel mehr als bloß politisch widerständig. Ihre radikal anekdotische Struktur schichtet unzählige Mini-Komödien und -Erzählungen neben- und übereinander: Filmzitate, Mediensatiren, Anspielungen aus Pop, Malerei und US-Alltag. Die weit verzweigten Referenzsysteme, die im „Simpsons“-Universum (siehe Kasten Seite 121) angelegt sind, verdichten sich in jeder der 23-minütigen Folgen zur Informations-Kakofonie. Die Daten- und Bilderflut einer fernsehabhängigen und trivialkulturell geprägten Welt produziert einerseits ein stetig wachsendes Chaos, andererseits das dringende Bedürfnis, dieses Chaos irgendwie doch noch zu durchdringen. Diesem Bedürfnis entsprechen „Die Simpsons“: Sie produzieren ein Reich der wuchernden Zeichen, das aber letztlich, bei allem Wahnsinn, auch aufklärerische Funktionen erfüllt. Das Wunder dieser so kompliziert gebauten Serie besteht darin, dass sie dennoch von allen Seiten zugänglich bleibt: Man kann die „Simpsons“ auf der sinnlichen Ebene lieben, ganz ohne Wissensballast – aber ebenso gut funktionieren sie auf der Meta-Ebene, im Zusammenspiel der aufeinander verweisenden Andeutungen, Persiflagen und In-Jokes.

Sinnloses Wissen. So sind „Die Simpsons“ auch eine Goldgrube des sinnlosen Wissens geworden: Auf Fan-Sites und internationalen Chat-Foren werden wie besessen mikroskopische Seriendetails analysiert und diskutiert. Gerade im Detail sind „Die Simpsons“ tatsächlich unschlagbar: Jeder Firmenname, der im Hintergrund eine Gebäudefassade ziert, hat hier humoristische Bedeutung, jede noch so rasant über den Bildschirm gespulte Liste setzt die subliminale Kommunikation zwischen Serien-Fans und -Machern fort.

Was „Die Simpsons“, ihrem infantilen äußeren Anschein zum Trotz, aber vor allem auszeichnet, ist ihr starker Realitätssinn, ihr (im US-Fernsehen ungewohnter) proletarischer Blick auf die Welt: Der Begriff working class, notiert der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen, sei mit den Simpsons erstmals seit den mittleren siebziger Jahren wieder im nordamerikanischen Hauptabendprogramm aufgetaucht. „Die Simpsons“ haben zu praktisch allen entscheidenden Fragen, die die nachmoderne westliche Gesellschaft bewegen, etwas beizutragen: Die überbordende Gewalt der „Itchy & Scratchy-Show“ etwa, einer Fernsehserie-in-der-Fernsehserie, erscheint wie ein böser Kommentar zur ewig moralinsauren Gewaltfernsehen-Debatte. Itchy & Scratchy sind im Fernsehalltag der Familie Simpson Katz und Maus, die einander fröhlich – und zum Gaudium der Simpson-Kids – köpfen, zerhacken oder ausweiden, um in der nächsten Folge unversehrt wieder aufeinander zu treffen. Das sind die Regeln des Cartoons: Nichts hat Folgen hier, alles ist möglich.

Der anhaltende Erfolg der Serie, für die übrigens gern prominente Gäste gebucht werden (darunter schon Sting, Dustin Hoffman, Tony Blair und die Rolling Stones), wirft nebenbei finanzielle Fragen auf. Die Schauspieler etwa, die den Simpsons ihre Stimmen leihen, haben vor wenigen Monaten eine Verdreifachung ihrer Honorare erwirkt: Dan Castellaneta und Nancy Cartwright, die seit 15 Jahren (neben vielen anderen Figuren der Serie) Homer beziehungsweise Bart Simpson sprechen, werden für ihre Vokaldienste an den 22 Episoden der laufenden Saison nunmehr jeweils acht Millionen Dollar erhalten, also stolze 360.000 Dollar pro Folge. Davor waren die beiden mit je 125.000 Dollar eingestuft gewesen.

„Simpsons“ ins Kino? Obwohl „Die Simpsons“ mit Kinoverweisen (von Sergio Leone bis „Ben Hur“) nicht geizen, hat Groening die Idee eines Spielfilms zur Serie immer konsequent verweigert. Inzwischen hat er diesem Grundsatz abgeschworen: Ein „Simpsons-Film“ ist in Vorbereitung – allerdings wird er aller Voraussicht nach kaum vor 2008 entstehen können. Die Fachkräfte, die am TV-Auftritt der „Simpsons“ arbeiten, sind, so ließ Fox TV verlauten, vorläufig unabkömmlich.