Fernsehen: Herzflimmern

Bianca, Julia, Tessa und ihre folgenschweren Irrwege zum Glück: Telenovelas sind das Quotengold für den Nachmittag und vermitteln ein Frauenbild, das durch seinen Anachronismus beklemmt.

„Es war alles zu schön, um wahr zu sein. Fast wie in einem Märchen.“ – „Du bist jetzt in einem Märchen.“ – „Ich habe aber Angst vor Märchen.“
Schlussdialog aus Folge 224 „Bianca – Wege zum Glück“

Wir müssen jetzt ganz stark sein. Denn das Glück ist kein Vogerl, sondern ein Gefühlszustand, den man sich hart erarbeiten muss, oft weit über 200 Folgen lang. Die Stuntfrauen für die unstillbare Sehnsucht nach dem „Supermodel unter den Emotionen“, so der US-Depressionsforscher Andrew Solomon über das Glück, heißen Bianca, Laura, Julia, Tessa oder Sophie.

Sie sind meistens blond. Denn Blond signalisiert im deutschsprachigen Raum seit jeher Tugendhaftigkeit, Leidens- und Liebesfähigkeit – die charakterspezifischen Grundvoraussetzungen für eine anständige Telenovela-Heldin. Die Dunkelhaarigen dagegen verfügen in der Regel über einen hohen Luderfaktor, bergen zumindest ein dunkles Geheimnis im Souterrain ihrer Seele, trinken gern Alkohol und haben ansonsten alle Hände voll damit zu tun, den Blondinen den direkten Weg ins Glück zu versauen – indem sie sich zum Beispiel jenen Porzellanmagnaten-Söhnen, Hotelerben, Gestüts-Junioren und Jung-Ärzten haltlos an die Brust werfen, die den gelbhaarigen Cinderella-Epigoninnen das sichere Ticket zum Aufstieg in die Hand drücken könnten.

Das Prinzip Aschenputtel inklusive all seiner dramaturgisch wertvollen „Via dolorosa“-Verästelungen ist der Motor jener Illusionsmaschinerien, die unter dem Oberbegriff „Telenovelas“ derzeit vor allem den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten im deutschsprachigen Raum den Glauben an den Nachmittag zurückgeben.

Dass die nach lateinamerikanischem Vorbild gestalteten Schicksal-Sagas vom Kampf um den Richtigen, in denen Dialog-Bauteile wie „Ich glaube noch an Träume“, „Wir sind nun einmal füreinander bestimmt“ oder „Wir müssen jetzt ganz stark sein“ in der Endlosschleife abgespult werden, trotz ihres anachronistischen Schundroman-Appeals seit einem Jahr bei den Zuschauern erstaunlich punkten können, ist vor allem mit der gegenwärtigen Krisensituation zu erklären. Vereinfacht formuliert: lieber mit den öffentlich-rechtlichen Aschenputteln leiden als am AMS, den Benzinpreisen und den ausstehenden Unterhaltszahlungen des Exmannes.

„Draußen in der realen Welt weht der kalte Wind des Neoliberalismus, die Menschen sind extrem verunsichert. So kann man für eine halbe Stunde in eine Welt flüchten, in der die Guten zwar leiden, aber immer gewinnen“, analysiert „tv media“-Chefredakteur Ralf Strobl den Boom des Phänomens.

Die Zeiten, in denen öffentlich-rechtliches Fernsehen den aufklärerischen Anspruch verfolgte, sich mit gesellschaftlichen Realitäten auseinander zu setzen, sind offenbar vorbei. Nunmehr sind Märchenstunden angesagt. Dodo Roscic, ORF-Programmentwicklerin und konsequente Beobachterin internationaler TV-Trends, prognostiziert die europaweite „Telenovelaisierung: Der Boom beginnt gerade erst. Die doppelt und dreifach belasteten Frauen wollen nach dem Supermarkt und der Kinderabholung Alltag abstreifen – und ein Programm, das sie auditiv erleben können, bei dem sie also nicht zwingend hinsehen müssen.“ Telenovelas seien dafür ideal: „Daneben muss man kochen, bügeln und kann so jederzeit ein- und aussteigen.“ Außerdem hätten die klassischen Nachmittags-Konsumentinnen die Nase inzwischen voll von den Boulevard-Magazinen „aus der untersten Schublade der Privaten“, in denen sie täglich „mit einem neuen Marie-Antoinette-Problem von Victoria Beckham entnervt werden“.

Quotenhoch. Die Zahlen bestätigen diese These: Die Titelheldin von „Bianca“, der ersten im deutschsprachigen Raum produzierten Telenovela, konnte über 224 Folgen hinweg bis zu drei Millionen ZDF-Zuschauer in ihren Bann ziehen. Im ORF, der mit dem ZDF als Koproduzent von „Bianca“ firmiert, erzielte der Gossenhauer, der vergangene Woche knallzart und wenig überraschend mit einem Finale vor dem Altar endete, bei den Frauen über 50 bis zu 50 Prozent Marktanteil. Selbst unter den 22- bis 49-Jährigen wurde ein Seherzuspruch von erstaunlichen 27 Prozent gemessen.

„,Bianca‘ hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen“, sagt die ORF-Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz (siehe Interview). Neben der eben angelaufenen Telenovela „Julia – Wege zum Glück“ (Safari-Hostesse kämpft um Porzellanmagnaten-Sohn) schickt sie im Jänner die Pferdenärrin Tessa 230 Folgen lang täglich durch den Hindernisparcours des Lebens, bis sie endlich im Arztmilieu Anker werfen kann.

Auch in der ARD fegt seit vergangener Woche der „Sturm der Liebe“ durch den Nachmittag: Vom Verlobten betrogene Ex-Ossi-Schönheit versucht im Intrigensumpf von München den Neustart. Auf ihrem Karriereweg als Konditorin im Nobelschuppen Fürstenhof wird sie durch ihre Zuneigung zum glutäugigen Herbergserben erheblich behindert.

Ab Anfang November steuert die ARD mit „Sophie – Braut wider Willen“ sogar den richtigen Vorabend an: Da kommt Schnulzensängerin Yvonne Catterfeld, die blonde Rehfrau aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, im Part einer Jung-Aristokratin aus dem Leiden nicht mehr raus, da sie sich den Sohn einer Näherin ins Herz gesetzt hat.

Angesichts solcher hedwig-courths-mahleresken Aussichten mutet die quotenträchtige Sat1-Vorabend-Telenovela „Verliebt in Berlin“, in der die übergewichtige Zahnspangenträgerin Lisa Plenske bei einem Marktanteil von zwanzig Prozent ihren durch einen Textil-Tycoon genährten Erlösungsfantasien nachhängt, geradezu zeitgeistig an.

Branchenstrategen gehen davon aus, dass es im deutschsprachigen Fernsehen 2006 bis zu acht konkurrierende Produkte in diesem Segment geben wird. Laut „Spiegel“ ist sogar ein eigener Telenovela-Sender in Planung, der im deutschen Kabelnetz nach Vorbild der israelischen Station Viva 24 Stunden flimmernde Dreigroschenromane aus lateinamerikanischer Manufaktur ausstrahlt.

Paradoxerweise zeigt sich ausgerechnet der Kölner Privatsender RTL, ansonsten eine höchst verlässliche Adresse für die Bedienung banaler Instinkte, angesichts der aktuellen Telenovela-Hysterie ungerührt. In einem „Standard“-Interview erklärt die neue RTL-Chefin Anke Schäferkordt, dass „wir uns das Thema Telenovela einmal anschauen werden“. Man könne ja nicht jedes neue Format bei RTL „bringen“. Eine mutige Entscheidung, denn die wachsende Zahl von Arbeitslosen und stetig steigende Frustration der Ex-DDR-Bewohner verspricht eine täglich expandierende Telenovela-Klientel. Vor diesem Hintergrund hat ARD-Programmdirektor Günter Struwe längst eingesehen, dass „man diese bildungsbürgerlich-akademische Attitüde“ hinter sich lassen müsse, ansonsten bestehe die Gefahr „von Zynismus“. Und den gab es in den vergangenen TV-Jahren zwischen Container-Fernsehen und nachmittäglichen Talkorgien ohnehin bis zum Abwinken.

Duell am Nachtmittag. Vorbei sind die Zeiten, als Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, in die Frühpension entsorgte Hausfrauen und andere Verlierer des Neoliberalismus den Fernsehnachmittag anheizten, indem sie zwanglos über Penisimplantate, Intimschmuck und ihre akuten seelischen Devastierungen plauderten – oder gar ihre lästigen Ehegesponse, Problemkinder und Liebhaber zum johlenden Gaudium des Saalpublikums lauthals zur Rede stellten. Die Talkshow als Schlammschlacht und Befindlichkeitsarena für das Reality-Proletariat liegt in den letzten Zügen.

ARD-Fernsehpfarrer Jürgen Fliege, der zugunsten der Telenovela „Sturm der Liebe“ nach elf Jahren abgesetzt wurde, lamentierte nach seinem Rausschmiss: „Ich möchte diese seichten Geschichten … nicht sehen. Schließlich haben wir uns mit dem wahren Leben auseinander gesetzt.“

Doch die Ware wahres Leben hat nach der „Big Brother“-Offensive, auf der RTL 2 seit über fünf Jahren reitet, einen rapiden Kursverfall erfahren. Durch die permanente Überdosis Realität, die das Fernsehen von einer Illusions- zu einer Desillusionierungsinstitution verwandelte, verschoben sich die Bedürfnisse der Konsumenten. Eskapismus ist das aktuelle Schlagwort, aus dem das Quotengold gemacht wird – egal, ob es sich dabei um abendfüllende Klippendramen aus der Backstube Rosamunde Pilcher, „Traumschiff“-Trips oder eben Telenovelas handelt.

Außerdem – kein ganz nebensächlicher Faktor – sind Telenovelas Fließbandware und entsprechend billig zu produzieren. Eine Telenovela-Sendeminute kostet mit 2140 Euro nicht einmal ein Siebentel von dem, was man für die gleiche Zeiteinheit bei einem Spielfilm kalkulieren müsste.

Betäubungsmittel. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann definiert den Trivial-Boom als „kulturelle Gegenbewegung“: Nach der „totalen Medialisierung der Gesellschaft“ sei das „authentischere Bedürfnis, in Fiktionen versetzt zu werden“, gewachsen. Der Konsum von Kitsch erfülle „eine uralte Beruhigungs- und Trostfunktion, die aber nur auf ästhetischer Belanglosigkeit beruhen kann, weil sie anders nicht sedativ funktioniert“.

Als Betäubungsmittel gegen die Alltagstristesse des Volkes waren Telenovelas auch in ihrer ursprünglichen Form konzipiert. In den vorrevolutionären Zeiten in Kuba war es Brauch, dass den vom Zigarrendrehen erschöpften Frauen in den Fabriken aus einer Herzschmerz-Endloserzählung vorgetragen wurde, um ihren Frustpegel abzubauen. Später übernahm das Radio die Funktion des Vorlesens – die Radionovelas entstanden. In den fünfziger Jahren wurde das Prinzip ins Fernsehen überführt. Die Rezeptur war mannigfaltig variierbar, basierte jedoch immer auf dem gleichen Prinzip: Schicksal statt Revolte. Eine durch und durch unschuldige Heldin, Marke arm und schön, überwindet ihre Herkunft und findet nach entbehrungsreichen Wanderungen auf dem Pfad der Tugend ihr Glück in der geschützten Werkstatt des Privaten – mit der moralischen Botschaft, dass nur dort, wo es einen Mann gibt, dem selbstlos zu dienen sich lohnt, keinen Klassenkampf, keine Politik, keine beruflichen Ambitionen und keine feministischen Befreiungstheorien, die Chancen auf ewige Idylle intakt sind.

Verglichen mit den von idyllischer Milde geprägten deutschsprachigen Telenovela-Adaptionen, wirken die aktuellen brasilianischen Flimmerromane wie aus der Nahkampfschule der Realität. Der brasilianische TV-Konzern Globo schickt inzwischen mehr als 400 Seifenopern über den Schirm, in denen Aids, entrechtete Amazonas-Indianer und korrupte Politiker thematisiert werden und auch schon mal die Silikon-Luder den braven Landmädchen den Prinzen vor der Nase wegschnappen.

Wenn eine Telenovela wie die „Sklavin Isaura“ in Brasilien ins Finale geht und die glutäugige Leibeigene nach zirka 300 Folgen endlich die Ketten sprengt, dann herrscht Ausnahmezustand. Dienstmädchen, Chauffeure und die Herrschaft sitzen einträchtig vor der Kiste, die Straßen der Slums sind leer gefegt, und Globo kann sich über Einschaltquoten in Fußball-WM-Dimensionen (90 Prozent) freuen.

Dass die Kulturkritik sich auch hierzulande mit dem Kitsch versöhnen sollte, fordert ausgerechnet der gestrenge Großkritiker Marcel Reich-Ranicki: „Wir haben es leider verabsäumt, uns mit Hedwig Courths-Mahler und den Folgen auseinander zu setzen. Das war ein Fehler. Denn ein ordentlicher Mediziner muss auch das Prinzip des Stuhlgangs kennen.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer