Salzburger Festspiele: profil-Kritiker ziehen Bilanz

Ende dieser Woche stellen die Salzburger Festspiele ihren Sommerbetrieb ein. Wie schlug sich Intendant Alexander Pereira in seinem ersten Jahr? Zehn Thesen zum Schauspiel- und Musikprogramm 2012.

Von Manuel Brug und Karin Cerny

1 Quantität ist Trumpf. Aber zu viel ist trotzdem zu viel.

Mehr, teurer, glamouröser! Das ist ein Programm. Aber für Salzburg reicht das nicht. Die vielen gleichzeitigen Musikveranstaltungen raubten sich mitunter gegenseitig die Interessenten. Und immer neue Opernpremieren funktionieren auch nur, wenn sie grandios besetzt sind. Die diesjährige „Ariadne“ war ganz ähnlich schon 2006 in Zürich zu erleben, „Die Zauberflöte“ hatte nur Stadttheater-Niveau, „Das Labyrinth“ mitunter noch weniger. Ja, Jonas Kaufmann war da, stand sogar als Einspringer in der „Bohème“ zur Verfügung. Aber ein Jonas macht noch keinen Festivalsommer. Auch Intendant Gerard Mortier hatte seinerzeit viel aus Brüssel importiert, doch das kannte man damals weniger. Bei Pereira fand allzu oft nur ein ernüchterndes Wiedersehen mit Zürcher Personal statt, das seinen Zenit schon überschritten hat.

2 Schauspielbereich: ein Plus für die Internationalität, ein Minus für die Qualität.

Oft schon wurde das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele dafür kritisiert, dass es im Wesentlichen bloß eine Vorschau des deutschsprachigen Stadttheaters sei. Man sicherte sich häufig nur das Recht der ersten Nacht, bevor die Produktion im Herbst ohnehin regulär in die Spielpläne kam. Neo-Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf machte das doch anders, auch wenn er mit Andrea Breths Inszenierung von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ erneut eine klassische Burgtheater-Koproduktion im Programm hatte (ab 6. September in Wien zu sehen). Sonst aber dominierten internationale Einladungen. Das war prinzipiell nicht uninteressant, bloß: Die Qualität sollte stimmen. Irina Brooks Rockstar-Version von Ibsens Sinnsucher „Peer Gynt“ war ein dumpfes Musical, der Puppentheater-Abend „Mojo“ der Londoner Gruppe Theatre-Rites für Kinder ab sechs kam über Klischees nicht hinaus. Da sehnte man sich wieder nach deutschsprachigem Regietheater, das mehr leisten möchte, als bloß seicht zu unterhalten. Elitäre Preise, aber massentaugliche Events – das geht eindeutig nicht zusammen. Senkt Bechtolf weiterhin derart heftig das künstlerische Niveau, wird er sich bald die unangenehme Frage stellen lassen müssen, warum er überhaupt Subventionen erhält. Für breitenwirksame, kommerzielle Shows sind die Festspiele nämlich eindeutig der falsche Ort.

3 Schauspielobjekte ersetzten Schauspielstars.

Anstatt vermehrt auf Bühnenstars zu setzen, vertraute Bechtolf auf die Kraft eines Objekttheaters, das als Kunstform oft zu Unrecht belächelt wird. Figurentheater kann mit einfachen Mitteln Geschichten erzählen, die im herkömmlichen Theater gar nicht möglich wären. Dass da durchaus provokante Themen möglich sind, bewies vor ein paar Jahren die niederländische Gruppe Hotel Modern im Rahmen des Young Directors Projects: Man inszenierte mit Puppen einen Tag im Konzentrationslager Auschwitz. Bechtolfs Blick auf die Welt der belebten Objekte erwies sich hingegen als reichlich naiv. Wenn man sich schon auf ein exotisches Nischenprodukt der Bühnenkunst stürzt, sollte man zumindest gute Gründe dafür haben. Bechtolfs Programm aber fehlte das Innovative, das Radikale, das diesem Genre durchaus zu eigen sein kann. Egbert Tholl, Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“, fühlte sich wohl auch deshalb vom diesjährigen Schauspielprogramm „mit Mottenkugeln beworfen“. Die meisten Inszenierungen waren bestenfalls charmant (wie Raimunds Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“ der Nürnberger Figurentheatergruppe Thalias Kompagnons). Das aber ist für ein Weltfestival wie die Salzburger Festspiele zu wenig.

4 „Die Soldaten“ machte vieles wieder gut.

Ein Wahnsinnswerk, das immer noch funktioniert: Bernd Alois Zimmermanns Antikriegs-Oper „Die Soldaten“ von 1965 packt nach wie vor. Mehr noch: Es hat sogar gewonnen. Denn seine Kompaktheit und Simultaneität wirken im iPhone-Zeitalter viel alltäglicher, während seine tönende Sprache weiterhin verstört und berührt. Und wieder ließ, wie schon vor zwei Jahren bei Nono, die mustergültige musikalische Realisierung unter Ingo Metzmacher mit den süffig aufspielenden Wiener Philharmonikern alle anderen Musik­theaterpremieren dieses Festspielsommers verblassen. So wurde Zimmermanns Vision von der „Kugelgestalt der Zeit“ (profil berichtete), in der sich Gestern, Heute und Morgen bricht, aufregend Klangwirklichkeit. 120 Musiker im Graben, 50 auf den Emporen und unsichtbar im Scheinwerferhimmel – die Felsenreitschule wurde zum Auge des Orkans, wo sich freilich auch Inseln der Stille fanden, leise, fast altmodische Idyllen für Cembalo, Harfe, Flöte und Gitarre. Ein großartiges, vielköpfiges, von der nimmermüden Laura Aikin und der sirenentollen Gabriela Beňačková angeführtes Gesangsensemble sang da um sein Leben. Am Ende jubelten alle: Musiktheater, der Normalität enthoben, dem Stadttheater entwunden – so müssen Festspiele sein, und so werden sie lange nachwirken.

5 Musiktheaterregie nahm Pereira nicht so wichtig.

In Zürich offerierte Alexander Pereira bis zu 16 Musiktheaterpremieren pro Saison, da war für jeden etwas im Angebotskorb. Im Salzburger Sommer sind es nur fünf (plus zwei Wiederaufnahmen von den Oster- und Pfingstfestspielen), da fiel doch auf, wie wenig es dem künstlerischen Leiter um stringente Regiehaltungen ging. Jens-Daniel Herzogs „Zauberflöte“ – eine blasse Harry-Potter-Internatsmutprobe. Alexandra Liedtkes stoffliche Fortsetzung „Das Labyrinth“ mit Peter von Winters wenig spezifischer Musik – ein teurer Jux, mit schönen Kostümen im als Spielort kaum genutzten Residenzhof. Sven-Eric Bechtolfs „Ariadne auf Naxos“ in der Urfassung – ein kluges, k. u. k. nostalgieverbrämtes Vorspiel, gefolgt von einer Allerweltsoper. Damiano Michielettos „Bohème“ – der lobenswerte Versuch, aus dem realistisch-zahnlosen Starvehikel bildlich klar definierte Tableaus über Konsumkälte und zwischenmenschliche Vereisung zu formen. Selbst der hochgelobte Theatermann Alvis Hermanis fand für „Die Soldaten“ hinter seiner Ersten-Weltkriegs-Gigantomanie mit echten Pferden, Trödlermöbeln, ausgebrannten Landsern und nackten Daguerreotypie-Mädchen keine zweite Deutungsebene jenseits der reinen Abwicklungsmechanik. So wunderte es nicht, dass vor allem die konzertanten, aber stargespickten Opernaufführungen von Mozarts „Il Re Pastore“ und Händels „Tamerlano“ besonders lautstark bejubelt wurden.

6 Doppelt besetzt ist nicht besser als einfach überzeugend.

Ein Festival zu programmieren, das ist ein Hochseilakt ohne Netz. Bei einer Koproduktion, die in Salzburg Premiere hat, gibt es keine Absicherung. Selbst erfahrene Regisseure können Flops produzieren. Das gehört zum Risiko, das macht ein Festival auch spannend. Bechtolf hat zwar zahlreiche Salzburg-Novizen eingeladen, Regisseurinnen und Regisseure, die erstmals hier arbeiteten, dennoch erschien es nicht sonderlich überzeugend, dass Irina Brook oder die Thalias Kompagnons gleich mit je zwei Produktionen vertreten waren: mit jeweils einem neuen Stück für die Festspiele und einer älteren Produktion. Ein Festival ist keine Schule, es geht nicht ­darum nachzusitzen. Die einzelnen Produktionen müssen für sich sprechen. Alles andere ist feig.

7 Das Konsumieren wurde größer geschrieben als das Denken.

Alexander Pereira ist kein Mann der großen Worte, er will einfach nur, dass der Vorhang sich hebt. Doch erst, wenn sich die Opernaufführungen und Konzerte nicht nur zufällig, sondern sinnhaft ergänzen, entstehen Festspiele auch im Kopf. Pereira hat bewusst versucht, die Moderne in die normalen Konzertprogramme zu integrieren. Doch da haben sie nicht selten Feigenblattcharakter, in der schlecht besuchten Contemporary-Reihe etwa bekamen sie einen Ghettoauftritt. Und auch der schönen „Ouverture spirituelle“ fehlte gerade die geistige Halterung. Dieses Salzburg regte kaum je zum Denken, vielmehr zum Konsumieren an. Dazu passte, dass auch die verwaschenen Programmheft­texte oft wenig hilfreich waren.

8 Sven-Eric Bechtolfs Entscheidung, das gesamte Schauspielprogramm im Alleingang zu programmieren, war keine gute Idee.

Mit so viel Hohn wie heuer wurde der Nachwuchswettbewerb der Festspiele, das Young Directors Project (YDP), wohl noch nie überschüttet. Eine „gut gemeinte kleine Freiheits-Performance, die bei einem Fringe-Festival sicher besser aufgehoben wäre“, befand etwa die Kritikerin Christine Dössel über die praktisch flächendeckend durchgefallene Auftragsarbeit „Trapped“ der blutjungen südafrikanischen Regisseurin Princess Zinzi Mhlongo. Auch Cornelia Rainers seltsam lahmes Spektakel „Jakob Michael Reinhold Lenz“ musste viel Kritik einstecken. Die meisten Schauspielchefs delegierten das YDP bisher an eine eigenverantwortliche Kuratorin. Bechtolf dagegen erklärte, wie bereits einer seiner Vorgänger (Martin Kušej), den Wettbewerb kurzerhand zur Chefsache. Inzwischen muss er sich fragen lassen, ob sein Wunsch, zu überraschen und junge, kaum erfahrene Regiekräfte in Salzburg zu präsentieren, nicht kontraproduktiv war. Mit der diesjährigen Gewinnerin, der französisch-österreichischen Choreografin Gisèle Vienne, hat Bechtolf zwar keine Entdeckung gemacht – ihre popkulturell aufgeladene Psychostudie „This is how you will disappear“ wurde unter anderem bereits 2010 beim steirischen herbst gezeigt. Trotzdem sind die verstörenden Arbeiten von Vienne in Salzburg am richtigen Platz. Die künstlerisch schwache Eislaufshow „Éternelle Idole“ hätte man sich zwar sparen können, aber den unheimlichen, durchaus faszinierenden naturalistischen Wald von „This is how you will disappear“ wird man als Zuschauer sicher nicht so schnell vergessen.

9 Keine Entdeckungen.

Grundsätzlich gilt im Theater: Je schwieriger ein Werk, desto sinnvoller ist es, einen erfahrenen Regisseur einzuplanen. Die dunklen, ex­trem verdichteten Stücke des Tiroler Autors Händl Klaus sind vor allem deshalb eine Herausforderung, weil sie auf der Bühne erst geerdet werden müssen, um auch ­gebührend zu leuchten. Von dem im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannten französischen Regisseur Nicolas Liautard, einer Entdeckung von Bechtolf, wird man wohl auch in Zukunft eher wenig hören. Die Uraufführung des rätselhaften Inzestdramas „Meine Bienen. Eine Schneise“ im Salzburger Landestheater blieb über weite Strecken sprachlich und szenisch reichlich gestelzt. Auch die Musik der ansonsten furiosen Osttiroler Gruppe Franui überzeugte nur zum Teil. Im Unterschied zur vielschichtigen Ouvertüre klangen die Arien des verzweifelten Sohns auf der Suche nach seinem Vater (ein Wiltener Sängerknabe) angestrengt artifiziell, als wolle man große Oper in kleinem Rahmen spielen. Für ein psychologisches Kammerspiel war dies aber eine schwierige Entscheidung: Alle spielen, einer singt. Brigitte Hobmeier, die mit einem reichlich dubiosen Frauenbild zu kämpfen hatte (Frauen stehen für Natur und Verführung, Männer für Disziplin und Gewalt), sowie André Jung und Stefan Kurt gelang es nur ansatzweise, einen natürlichen Sprechton zu finden. So wurde „Meine Bienen“ zum enttäuschenden Eigenproduktions-Finish einer extrem schwachen Festspieltheatersaison 2012.

10 Der Ausblick aufs nächste Jahr verspricht musikalisch leider keine Besserung.

Alexander Pereiras Pläne für 2013 sind bereits bekannt. Bechtolf und Franz Welser-Möst bekommen Gelegenheit, an ihrem wenig distinguierten Zürcher Da-Ponte-Zyklus weiterzuschrauben. Es beginnt mit „Così“, dann stehen „Don Carlo“ (neuerlich werktreu gemeißelt von Peter Stein) und „Falstaff“ (es gibt ein Michieletto-Wiedersehen) im Verdi-Jahr auf der Liste – lauter gute Repertoire-Bekannte an der Salzach. Antonio Pappano wird als überfälliger Dirigenten-Debütant erscheinen, Zubin Mehta als alter Routinier. Es wird „Die Meistersinger“ zum Wagner-Jubiläum mit Stefan Herheim am Regiepult geben, das klingt gut. Aber die Zürich-erprobte Besetzung wird Daniele Gatti dirigieren, hoffentlich besser als die heurige „Bohème“. Von der Mozart-Woche wird „Lucio Silla“ mit Rolando Villazón und Marc Minkowski kommen, von den Pfingstfestspielen Cecilia Bartoli als Bellini-Priesterin Norma – im Schlepptau freilich das wenig glückliche Regieteam des diesjährigen „Giulio Cesare“. Und so hoffen alle, dass György Kurtágs Beckett-Oper „Endspiel“ auftragsgemäß fertig werden und immerhin einen zeitgenössisch knalligen Auftakt für den nächsten Festspielsommer setzen kann.