Charlotte Roche: „Die Menschen haben den Kontakt zu ihrem tierischen Ich verloren“

Deutschlands umstrittenste Autorin Charlotte Roche über die Verfilmung ihres Bestsellers „Feuchtgebiete“, den Verlust von guten Freunden und das Schreiben als Ersatzreligion.

Interview: Philip Dulle

profil online: Gut fünf Jahre nach Erscheinen Ihres Debütromans folgt nun die Verfilmung. Ist Ihnen „Feuchtgebiete“ nicht schon zu viel geworden? Ein Monster, das man nicht kontrollieren kann?
Charlotte Roche: Ich hatte eine längere Pause von dem Buch. Die Verfilmung meines Stoffes ist aber wieder ganz was anderes. Jetzt über den Film zu sprechen fällt mir viel leichter. Literatur nehmen die Menschen grundsätzlich viel persönlicher.

profil online: Sie haben die Pressearbeit übernommen?
Roche: Nein, ich wollte nur das Filmteam unterstützen, ich schätze den Produzenten und den Regisseur sehr. Außerdem muss ich gestehen, dass ich in die Hauptdarstellerin verliebt bin.

profil online: Sind Interviewserien, wie Sie sie nun geben, nicht harte Arbeit?
Roche: Mit Literaturkritikern über mein Buch zu reden ist unglaublich anstrengend. Ich denke immer: Wenn sie mein Buch hassen, finden sie auch mich persönlich scheiße. Dann muss ich meine Ideen verteidigen und erklären – was ich eigentlich nicht will. Alles ist so intellektuell.

profil online: Bei Filmen ist das anders?
Roche: Auch bei guten Filmen geht es mehr um die Unterhaltung, um Popcorn!

profil online: Hatten Sie beim Schreiben schon eine mögliche Verfilmung im Kopf? Das Buch wirkt in seinen Auswüchsen und Übertreibungen wie perfektes Kopfkino.
Roche: Gar nicht. Ich konnte mir beim Schreiben nicht mal vorstellen, dass ich das Buch jemals zu Ende bringen würde. Ich bin da in meiner eigenen Welt – und weiter kann ich dabei nicht denken.

profil online: Erst nach dem Erfolg des Romans kamen auch die Anfragen für eine Verfilmung?
Roche: Genau. Und ich wollte nicht eine dieser Autorinnen sein, die ihr Werk nicht loslassen können. Nur weil ich den Roman verfasst habe, heißt das nicht, dass ich auch die bessere Drehbuchautorin bin.

profil online: Sie haben sich beim Dreh rausgehalten?
Roche: Ich habe die Rechte komplett verkauft und auf das Filmteam vertraut.

profil online: „Feuchtgebiete“ ist eine überraschend kleine Produktion geworden. Kolportiert werden drei Millionen Euro für die Produktion, inklusive der Rechte für das Buch. Haben sie das Team selbst ausgesucht?
Roche: Ja. Produzent Peter Rommel wäre nie auf die Idee gekommen, ein Angebot für den Stoff zu stellen. Er dachte immer, er könnte bei einer Bestsellerverfilmung ohnehin nicht mithalten.

profil online: Wie kam es dann dazu?
Roche: Ich schätze seine kleinen Independent-Filme. Zum Beispiel „Sommer vorm Balkon“ oder „Halbe Treppe“. Das sind diese seltenen, richtig guten deutschen Filme. Schlau, dunkel, aber auch voller Humor.

profil online: Besitzt der Stoff Ihres Debüts knapp fünf Jahre nach dem Erscheinen denn noch immer literarische Sprengkraft?
Roche: Das ist jetzt die nächste Generation an jungen Menschen, die ins Kino gehen wird. Für junge Leute kann der Film ein richtiges Aha-Erlebnis sein. Als ich 16 war, wäre Hauptdarstellerin Carla Juri eine richtige Göttin für mich gewesen.

profil online: Stellenweise wirkt „Feuchtgebiete“ wie die adoleszente Version der britischen Romanverfilmung „Trainspotting“.
Roche: Das verstehe ich jetzt mal als Kompliment. Im Vergleich zum Buch ist der Film sexyer, unterhaltsamer. Was auch an der Hauptdarstellerin liegt. Sie fährt Longboard, hat bunte Fingernägel und trägt zerrissene Bad-Religion-Shirts. Die Romanfigur ist wahrscheinlich zeitloser.

profil online: Meinen Sie, dass Sie mit den zentralen, auch feministischen Themen Ihres Romans gesellschaftlich etwas bewegen konnten?
Roche: Das wäre zu anmaßend. Wenn ich auf Lesereise bin und 20- bis 30-jährige Frauen im Publikum sehe, teilweise sogar mit ihren Müttern, und sie sich nach der Lesung bei mir bedanken, dann denke ich, ich habe vielleicht doch etwas bewegt.

profil online: Junge Frauen besuchen Ihre Lesungen mit ihren Müttern?
Roche: Ja, das kommt oft vor. Sie haben eine gemeinsame Sprache gefunden. Es gibt viele natürliche Dinge, für die es keine Sprache gibt. Ich habe mich beim Schreiben auch immer wieder gefragt, warum kaum jemand über den menschlichen Körper mit all seinen Eigenheiten spricht? Alles Körperliche wird nur als ekelerregend empfunden, weil niemand darüber spricht.

profil online: Aber Sie übertreiben in Ihren Romanen natürlich maßlos.
Roche: Natürlich. Aber wenn man eine Botschaft verbreiten will, ist Übertreibung ein probates Mittel.

profil online: Zum Beispiel?
Roche: Parfümierte Slipeinlagen! Das sind Erfindungen, die mein Verhältnis zu meinem Geschlechtsorgan kaputt machen. Um mich dagegen zu wehren, wäscht sich meine Heldin in „Feuchtgebiete“ tagelang nicht. Und das alles, nur um ihren eigenen Geruch feiern zu können.

profil online: Sie fordern zum Nicht-Waschen auf?
Roche: Mir ist schon klar, dass man unerträglich riecht, wenn man sich tagelang nicht wäscht. Aber angesichts parfümierter Seife unter der Dusche, Deodorant und Parfüm frage ich mich schon, warum die Menschen den Kontakt zu ihrem tierischen Ich verloren haben.

profil online: Die Menschen können sich nicht mehr riechen?
Roche: Fortpflanzung, Kinderkriegen, sich verlieben, Freunde haben: Das hängt doch alles damit zusammen, dass man sich gut riechen kann. Man riecht die guten Gene – und da macht es keinen Sinn, wenn das Gegenüber nach Armani riecht.

profil online: Bei der von Ihnen selbst eingesprochenen Version des Hörbuchs fällt auf, dass Darstellerin Carla Juri im Film eine ähnliche Intonation wie Sie hat. War das beabsichtigt?
Roche: Mir ist es ganz ähnlich gegangen, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Ich weiß auch nicht, ob das Absicht ist – dieses leicht bekiffte Sprechen, das Buchstabenverschleppen. Falls sie mich studiert hat, hoffe ich, dass sie diese Manierismen wieder loswird.

profil online: Hatten Sie damals nicht eine ganz andere Figur im Kopf?
Roche: Ich bin beim Arbeiten total von mir eingenommen. Zuerst schreibe ich nur für mich und über meine eigenen Probleme. Ich finde Carla Juri nun zehnmal schöner, als ich mir meine Protagonistin Helen Memel vorgestellt habe. Im Film schneiden sie ihr die Haare kurz, versuchen sie hässlicher zu machen. Gelingen tut es ihnen aber nicht.

profil online: Regisseur David Wnendt versucht ein paar Grenzen zu überschreiten, durch plakative Körperlichkeit zu schockieren. Das nützt sich im Lauf des Films allerdings ab, wird zusehends banal.
Roche: Auch mein Buch wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr weiterlesen. Da gibt es viele redundante Szenen. So sollte es aber sein.

profil online: Es stört Sie nicht, dass ein Gutteil Ihrer Leser vor dem Ende aufgibt?
Roche: Es gibt ja verschiedenste Gründe, warum Menschen ein Buch vorzeitig weglegen. Manche sagen, es sei schlecht geschrieben, andere kommen mit dem Körperlichen nicht zurecht. Wenn ich es mit Worten schaffe, dass mein Buch jemand nicht mehr aushält und zu lesen aufhören muss, macht mich das erst richtig stolz.

profil online: Und wenn es heißt, Ihre Bücher seien schlecht geschrieben?
Roche: Warum müssen Autoren immer ihr Werk verteidigen? Ich habe das Buch so geschrieben, wie ich es für richtig halte. Mich verletzt es auch nicht, wenn mir jemand sagt, dass ich gar keine richtige Literatur schreibe. Punk-Musiker haben sich auch immer wieder anhören müssen, dass ihre Musik keine richtige Musik sei.

profil online: Sie sehen das Schreiben als Rebellion?
Roche: Ich schreibe, wie ich spreche. Manche Menschen berührt das, andere halten es nicht aus. Für sie sind meine Bücher schlechte Literatur. Ich kann mit beiden gut leben.

profil online: Sie haben oft damit kokettiert, eigentlich keine Autorin zu sein.
Roche: Okay, beim ersten Buch habe ich das oft gesagt. Ich komme halt vom Fernsehen, habe schon mit 18 als Moderatorin gearbeitet. Wenn man plötzlich das Fach wechselt und einen Bestseller schreibt, ist es schwierig, richtig damit umzugehen. Ich kam mir manchmal vor wie eine Hochstaplerin.

profil online: Sie wurden zur Unterhaltungsjournalistin 2012 gekürt, arbeiteten in den letzten Jahren in unterschiedlichen Talkshow-Formaten. Sehen Sie sich denn als Journalistin?
Roche: Der Preis spiegelt wohl mehr die Unterhaltung als den Journalismus wider. Eine Journalistin bin ich nicht, ich habe ja nicht einmal studiert und auch kein Abitur.

profil online: Dennoch haben Sie ein Händchen für erfolgreiche Formate. Müssen Sie mit Neidern leben?
Roche: Neid kenne ich eigentlich erst seit „Feuchtgebiete“. Vorher konnte man meinen Erfolg nicht wirklich messen. Es gibt ja Neid in vielen Facetten: Neid auf die Aufmerksamkeit, die man plötzlich bekommt, Neid auf Auflagenzahlen – und es gibt natürlich den Neid aufs Geld.

profil online: Ist das die dunkle Seite des Erfolgs?
Roche: Man verliert Freunde, manche Menschen sagen plötzlich verletzende Sachen, die man nicht erwartet hätte. Früher war ich die Moderatorin einer kleinen Independent-Musiksendung, die ohnehin keine Sau gesehen hat. Ich hatte es mir schön eingerichtet, niemals im Leben richtig Erfolg zu haben. Wenn man independent ist, darf man auch keinen großen Erfolg haben. „Feuchtgebiete“ war dann ein regelrechter Schock.

profil online: Mussten Sie sich vom Hype erst erholen?
Roche: Ich hatte einige Jahre damit zu kämpfen. Das Bild, das andere von einem haben, ändert sich schlagartig, während man sich selbst noch genauso fühlt wie davor.

profil online: Sie kommen aus der Medienbranche. Konnten Sie den Rummel, den Ihr Buch entfachte, nicht vorausahnen und besser kontrollieren?
Roche: Ehrlich gesagt konnte ich das nicht. Ich gab viel zu viele Interviews, machte zu viel Werbung. Die Lesetournee war gigantisch. Ich musste erst lernen, weniger zu machen. Nach all diesen Terminen ist nichts mehr von dir übrig. Das war wie die Arbeit einer Prostituierten.

profil online: In Ihren Büchern suchen Ihre Heldinnen stets nach Ersatzreligionen. Was tun Sie, um den Dämonen des Alltags zu entfliehen?
Roche: Meine beiden Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt. Eigentlich könnte ich meine ganze Kraft darauf verwenden, in diese Länder zu reisen und Werbung dafür zu machen. Ich tue aber das Gegenteil: Ich schreibe. Ich stehe jeden Morgen diszipliniert auf und mache nichts außer Schreiben. Das ist sehr leise und langweilig, mein Ruhepol, um dem ganzen Halli Galli zu entgehen.

profil online: Wäre es nicht konsequenter gewesen, Ihr Buch von einer Frau verfilmen zu lassen?
Roche: David Wnendt hat mit seinem Film „Kriegerin“ schon bewiesen, dass er starke, kaputte Frauenfiguren porträtieren kann. Würden Sie Kathryn Bigelow fragen, warum sie in ihren Filmen klassische Männergeschichten erzählt? Das wäre doch auch sexistisch.

profil online: Sie arbeiten gerade an Ihrem dritten Buch?
Roche: Ja, aber ich rede nicht gerne darüber. Das ist wie eine Schwangerschaft im Anfangsstadium. Alles sehr geheim. Was ich aber garantieren kann: Es ist genauso schlecht geschrieben wie die anderen zwei.

Charlotte Roche, 35
Die ehemalige Musikfernseh-Moderatorin, Filmschauspielerin („Eden“) und Hörbuchsprecherin wollte schon immer „die Mutigste, die Lauteste, die Krasseste“ sein. Ihr Romandebüt „Feuchtgebiete“ (2008) verkaufte sich allein in Deutschland über 2,5 Millionen Mal. Auch ihr zweiter Roman „Schoßgebete“, der soeben von Regisseur Sönke Wortmann verfilmt wird und 2014 in die Kinos kommen soll, startete mit einer rekordverdächtigen Startauflage von 500.000 Stück.

Der Film
Für die Kinoadaption von „Feuchtgebiete“, Regie führte der junge Filmemacher David Wnendt, wurden die zum Teil drastischen Schilderungen aus dem Intimleben der Helen Memel (gespielt von Carla Juri) einem jungen Publikum maßgeschneidert, das bei Erscheinen des Romans wohl noch zu jung dafür war. Gedreht wurde in den abgewrackt-schicken Vierteln Berlins, auf den Tanzflächen und Toiletten der angesagten Clubs, in ehemaligen Schwimmbädern und U-Bahnstationen. Während die Hauptdarstellerin mit vollem Körpereinsatz noch versucht, über die fehlende Handlung hinwegzutäuschen, verliert sich „Feuchtgebiete“ in einer Aneinanderreihung und Zurschaustellung vermeintlicher Ekelbilder zwischen Analfissur und –verkehr, Sex mit Gemüse und gezielter verbaler Provokation. Am Ende ist die Abwesenheit elterlicher Zuneigung Schuld an der adoleszenten Misere – und Helen Memel wohl die Mutigste, Lauteste und Krasseste der ganzen Schulklasse. Mission gelungen, Frau Roche.

Zur Weltpremiere wird das Werk am 11. August im Rahmen des 66. Filmfestivals in Locarno gebracht. Österreich-Kinostart: 23. August.