Feuchtgebiete: Kann
Funktionsbekleidung ihre Versprechen erfüllen?

Feuchtgebiete: Kann
Funktionsbekleidung ihre Versprechen erfüllen?

Funktionsbekleidung soll Wind und Wetter abwehren, Schweiß und Geruch eliminieren, leicht und robust sein. Doch Tests der oft sündteuren Produkte fallen nicht immer schmeichelhaft aus. Fazit: Die perfekte zweite Haut ist noch längst nicht erfunden.

Von Alfred Bankhamer

Es war ein ungewöhnlicher Wettbewerb. Ein Wandererteam im Steinzeit-Outfit trat gegen eine zweite Gruppe an, die in moderne Funktionstextilien gehüllt war. Bei einer Alpenüberquerung sollte die Tauglichkeit der jeweiligen Bekleidung getestet werden – gleichsam Ötzi gegen Goretex. Die Steinzeit-Alpinisten trugen Fell, Grasmantel, Hirschlederlendenschurz und Lederlappen. Zur objektiven Beurteilung landeten die Textilien im Labor des deutschen Hohenstein Instituts, einer der größten Forschungs- und Prüfungseinrichtungen für Textilien. Dort wurde die Bekleidung auf Wetterfestigkeit und Tragekomfort geprüft. Ein bekleidungsphysiologisches Hautmodell simulierte sogar die Wärmeregulation des Körpers und das Schwitzen.

Die Bekleidung aus Fell und Leder zeigte gegenüber modernen Funktionsmaterialien nicht nur Nachteile. So überraschte der Lendenschurz aus weichem Hirschleder mit raschem Schweißabtransport. Bei trockenem Wetter punktete Ötzis Tracht mit einer höheren Wärmeisolation gegenüber heutiger Kleidung. Dass diese viel leichter, deutlich wasserdichter und – bisweilen um den Faktor fünf – atmungsaktiver ist, war indes unbestritten. Durch Regen und Schwitzen feucht gewordene Bekleidung war auch das Hauptproblem der Ötzi-Mode: Fell und Leder trocknen sehr langsam. Und da feuchte Bekleidung ein hervorragender Wärmeleiter ist, droht dem Körper rasch eine Unterkühlung.

Bis in die 1960er-Jahre dominierten Wolle, Leinen, Leder und Pelz. Danach kamen synthetische Textilien, vor allem Nylon, und es wurde eine Reihe weiterer synthetischer Fasern entwickelt, die dank Röhrenform Luft einschließen konnten. Denn für die wärmende Wirkung ist nicht der Stoff, sondern vor allem der Luftpolster in der Kleidung verantwortlich. Bei der Entwicklung der modernen Funktionstextilien spielte ein Mann namens Bob Gore eine wichtige Rolle, der 1969 die besonderen Eigenschaften von PTFE (Polytetrafluorethylen, besser als Teflon bekannt) erkannte und es mittels Expansion zu einem stark porösen Material gestaltete. Dieses „ePTFE“ erlaubte nun die Konstruktion ­einer wasser- und winddichten sowie ­atmungsaktiven Membran. Und diese hauchdünne Membran soll all die Wunder bewirken, die Hersteller in Bezug auf ihre Produkte versprechen.
Heute gibt es zahlreiche Entwickler solcher Materialien. Porenmembranen sollen ermöglichen, dass große Wassertropfen die Porenstruktur nicht passieren ­können, während die viel kleineren Wasserdampfmoleküle des Schweißes entweichen. Andere Hersteller wie Sympatex setzen auf porenlose Membranen, welche die Wasserdampfmoleküle über hydrophile Molekülketten nach außen führen. Mit Fleece wurde 1979 ein Veloursstoff aus ­Polyester und teils anderen Materialien entwickelt. Das weiche, sehr leichte Material besticht dank seiner Oberflächenstruktur mit guten Isoliereigenschaften, trocknet schnell und ist ebenfalls atmungsaktiv – kam allerdings in den vergangenen Wochen stark ins Gerede, weil winzige Kunststoffrückstände vermutlich durch die Filter von Kläranlagen rutschen und in der Folge die Gewässer belasten.

Funktionsshirt mit Kühlsystem
Unter dem Fleece trägt der Wanderer von Welt atmungsaktive Unterwäsche, die Schweiß schnell abgibt und mittlerweile mit diversen Zusatzfunktionen versehen wird, um Bakterien abzuwehren. Als oberste Schicht dienen wind- und wasserdichte Textilien. Enormer Entwicklungsaufwand wird bei der äußersten Schicht besonders für Funktionsjacken betrieben. Diese waren früher eher steif und raschelten hörbar, weshalb 2002 Softshells ersonnen wurden, die deutlich weicher und angenehmer zu tragen sind.

Insgesamt ist die heutige Funktions­wäsche im Idealfall robust, abriebfest, langlebig und nicht schwerer als ein Schokoriegel. Jüngste Modelle sollen gar vor Insektenstichen schützen. Und um Bergläufern mehr Kühlung zu verschaffen, gibt es ein Funktionsshirt mit Kühlsystem, bei dem Kühlmittel eingearbeitet sind. Diese Polymere sollen Schweiß aufsaugen und in einem endothermischen Prozess zugleich einen Kühlungseffekt bewirken.
Um all den behaupteten Komfort zu ermöglichen, bedarf es entsprechender Entwicklungsaktivitäten: Gore hat eigenen Angaben zufolge annähernd fünf Jahre an einer neuen Membran geforscht, die im Frühjahr auf den Markt kommen und einen neuen Superlativ in Bezug auf Atmungsaktivität darstellen soll. Zeitintensiv ist auch die so genannte Laminierungstechnologie, die für die Langlebigkeit wichtig ist, weil die Membranen selbst hauchzart und empfindlich sind. Mem­branen werden deshalb auf ein Träger­material wie Gewebe oder Fleece aufgebracht.
Der Aufwand zahlt sich aber aus: Outdoor-Vergnügen bescheren der Industrie in Europa jährlich Umsätze von mehr als zehn Milliarden Euro, und gut ein Viertel des Markts gehört bereits den Funktionstextilien. Zwar ist der bevorzugte Aufenthaltsort der Menschen heute längst die gut beheizte Wohnung oder das vollklimatisierte Shoppingcenter. Zugleich allerdings drängt es den Großstädter gerade deswegen in der Freizeit hinaus in die Natur; beim Verlassen der gewohnten Komfortzone soll der Körper trocken und warm bleiben.

Weshalb sich viele Konsumenten spätestens dann, wenn sie für eine der Hightech-Jacken im Fachgeschäft 500 oder 600 Euro hingeblättert haben, fragen: Halten die Produkte wirklich, was sie versprechen? Und sind die Top-Marken ihren Preis wert? Immerhin bieten manche Textilketten und sogar Supermärkte angeblich ebenbürtige Kleidungsstücke um weniger als ein Fünftel dieser Summen an.
Tatsache ist: Die ideale zweite Haut für den Menschen existiert bis heute nicht. Selbst modernste Funktionsbekleidung kann nicht immer vor Feuchtigkeit schützen, sei es von innen oder außen. Die Versprechungen von absoluter, dauerhafter Wasserdichte bei gleichzeitiger Atmungsaktivität können nicht einmal die neuen Hightech-Materialien gänzlich erfüllen. „Beim Laufen kann man den Schweiß nicht komplett abführen. Man schwitzt auch, wenn man nur mit einem T-Shirt bekleidet ist“, sagt Christian Mayer, Produkt­manager bei Gore. „Es geht darum, die Grenze zur wirklichen Komfortbeeinträchtigung so weit wie möglich hinauszu­schieben.“
Sehr ernüchternd fiel ein Test von 17 Funktionsjacken aus, den die deutsche Stiftung Warentest im Herbst des Vorjahrs publizierte. Das Preisniveau lag zwischen 85 und 300 Euro. Nur zwei Jacken bekamen ein „gut“, fünf schafften immerhin noch ein „befriedigend“. Den dritten Platz erzielte eine relativ günstige Jacke um 100 Euro – noch vor dem Highend-Modell um 300 Euro. Der Preis ist, wie auch viele Tests in Outdoor-Magazinen bestätigen, nicht immer ein Kriterium für Funktionalität und Qualität.

Lästige Feuchtigkeit
Den Eigenangaben der Hersteller scheint man ebenfalls nicht allzu sehr trauen zu dürfen: „Daten zur Wasserdichtheit wie eine Wassersäule von fünf, 15 oder 20 Metern sagen oft wenig aus“, erklärt Renate Ehrnsperger, die den jüngsten Test leitete. „Meist kommt die Nässe über undichte Nähte, Säume oder Reißverschlüsse.“ 15 der geprüften Jacken bewiesen keine ausreichende Regendichte, sechs ließen sogar in völlig neuem Zustand zu viel Wasser durch. Und nach fünf Waschgängen hatten viele offensichtlich ihre Imprägnierung verloren. Dass einige der leichten Jacken auch unzureichend atmungsaktiv waren, führt Ehrnsperger auf schlecht ausgeführte Membranen und zu dichte Beschichtungen zurück.
Der Bundesverband der deutschen Sportindustrie beschwerte sich naturgemäß prompt über die angeblich extremen Testsituationen, die zur Prüfung angewandt wurden. „Wir haben die harte Normprüfung für regendichte Berufsbekleidung gewählt, um in kürzester Zeit Leckstellen ausfindig zu machen“, entgegnet Ehrnsperger. „Die Jacken wurden von den Herstellern schließlich als regendicht ausgewiesen.“
Immer wieder wurden vergleichbare Tests durchgeführt – mit mal besseren, mal schlechteren Ergebnissen. Doch die behaupteten Wundereigenschaften wies selten eine Mehrheit der Produkte auf. Aber auch wenn die Membranen selbst wasserdicht sind, heißt das noch lange nicht, dass dies für die ganze Jacke gilt: Oft mangelt es schlicht an der Verarbeitung der Hightech-Stoffe oder am Design. Selbst die teuersten Qualitätsprodukte aus Goretex, Event, Dermizax, Polartec Neo Shell oder Sympatex funktionieren nicht, wenn Nähte, Bünde oder Reißverschlüsse schlecht verarbeitet sind.

Ebenso lästig kann Feuchtigkeit von innen sein: Der Mensch produziert ohne besondere körperliche Anstrengung an einem kühlen Tag 100 bis 200 Milliliter davon. Bei extremer Belastung können es zwei bis vier Liter pro Stunde sein. Damit der Schweiß problemlos entweichen kann, spielt der Schnitt einer Jacke eine wichtige Rolle. „Wenn ich eine Active-Shell-­Jacke mit sehr guter Dampfdurchlässigkeit wie einen Kartoffelsack designe, habe ich so viel Luft zwischen Haut und Stoff, dass ­diese als Isolator wirkt und die Jacke nicht atmen kann“, erklärt Gore-Manager Christian Mayer.
Deshalb gilt: je enger, desto besser. Aber auch Anwendungsfehler – etwa Baumwollunterwäsche unter einer Funktionsjacke – konterkarieren den gewünschten Effekt.

Ganz so unzerstörbar wie beworben sind die leichten Textilien ebenfalls nicht. Die an sich raffinierte Membran kann leicht verstopfen, was mitunter an unsachgemäßer Handhabung durch den Konsumenten liegt: Ein Weichspülgang, Rückstände von Körperfett oder Sonnencreme oder zu häufiges Waschen können die Funktionstextilien beeinträchtigen.
Die Hersteller sehen sich mittlerweile jedoch noch mit anderer Kritik konfrontiert: Da wie die meisten Produkte auch Funktionstextilien heute in China und Südostasien produziert werden, gewinnen Themen wie Arbeitsstandards und Umweltschutz an Bedeutung. Meldungen von abgebrannten Textil­fabriken und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen passen schlecht zum angestrebten Natur-Image, weshalb die meisten Markenhersteller jüngst Programme für ein reineres Gewissen gestartet haben. Dennoch warnen Studien immer wieder vor Problemen wie Umweltschadstoffen aus der Produktion.
Die Zukunft könnte eine Kombination aus Natur und Hightech sein. So geht der Anteil von Chemiefasern auf Basis von Rohöl bereits zurück. Biopolymere wie Viskose aus Biomasse, funktionalisierte Wolle und Naturfasern aus Bambus, Kokosnuss oder Hanf gewinnen an Terrain. Federführend ist hier das neuseeländische Unternehmen Icebreaker mit einer Funktionswäsche, die leicht, atmungsaktiv, schnell trocknend, geruchsabweisend und sogar im Sommer kühlend sein soll sowie angeblich einfach zu waschen ist. Auf eine Mischung aus Merino-Wolle und Seide setzt der schwedische Hersteller Houdini. Der Seideanteil soll zu noch höherem Tragekomfort und mehr Stabilität führen. Das Schweizer Unternehmen Schoeller kombiniert Funktionstextilien mit Kork, der aus alten Weinflaschenkorken gewonnen wird. Das neue Corkshell-Material soll eine deutlich höhere Wärmedämmung bei gleichzeitig hoher Atmungsaktivität bieten.

Bald soll sogar die Biotechnologie die Welt der Funktionstextilien bereichern. Das Düsseldorfer Biotechnikunternehmen Evocatal forscht gerade an synthetischen Stoffen für Zelte und Outdoor-Bekleidung, die sich gleichsam selbst heilen sollen: Nahtlöcher oder gar Risse würden sich dank eines bioaktiven Überzugs dann von selbst wieder verschließen. Ob die Stoffe auch undichte Stellen gleich selber flicken, blieb der Öffentlichkeit bislang allerdings verborgen.

+++ Bergsteiger Reinhold Messner über Schnürlsamt, Plastikschuhe und die richtige Kleidung für den Mount Everest +++