Feuerbefehl in Syrien

Syriens Diktator Bashar al-Assad hat sein Land komplett abgeriegelt und lässt Proteste mit brutaler Härte niederschlagen. Auch ausländische Journalisten werden gejagt. profil war trotzdem dort.

Von Svenja Andersson *, Damaskus

Es sind nur wenige Nachrichten, die derzeit aus Syrien an die Außenwelt dringen – aber diese klingen umso besorgniserregender: Regimegegner berichten von Dörfern und Städten, die von Militäreinheiten umstellt werden. Wackelige Aufnahmen von Handykameras zeigen Panzer, die gegen Zivilisten vorgehen. Die Dissidentin und Autorin Rana Kabbani erzählt von willkürlichen Massenverhaftungen, bei denen sogar Kinder ins Gefängnis geworfen und gefoltert werden.

Auch wenn es für viele Informationen keine unabhängigen Bestätigungen gibt: Alles spricht dafür, dass Diktator Bashar al-Assad einen gegen sein Regime aufgeflammten Aufstand mit größter Brutalität niederschlägt. Alarmiert durch die Beispiele von Tunesien, Ägypten und Libyen, unternimmt der syrische Staatsapparat gleichzeitig alles, um die Berichterstattung über die Revolte zu verhindern. Seit Wochen werden keine Visa für Journalisten mehr ausgestellt. Die wenigen Ausländer, denen eine Einreise als Touristen oder Geschäftsleute erlaubt wird, stehen unter permanenter Überwachung.

profil-Mitarbeiterin Svenja Andersson (* ihr Name wurde wie alle anderen aus Sicherheitsgründen geändert) hat es trotzdem geschafft, sich einige Tage lang in ­Syrien umzusehen.

„Wir werden euch Freiheit geben“

Die Schüsse, die am Arnous-Platz abgefeuert werden, hallen durch die ganze ­Innenstadt. „Wir wollen eine freie Zivil­gesellschaft!“, skandieren ungefähr 250 junge Frauen und Männer an diesem Mittwochabend Anfang Mai in der unweit des Parlaments gelegenen Grünanlage. „Hört auf zu schießen!“
Wenig später setzte die Geheimpolizei bereits zur Jagd auf sie an: „Ihr Zuhälter, ihr Spione! Ihr wollt Freiheit? Wir werden euch Freiheit geben!“, schreien die Agenten der Staatssicherheit aus den Fahrzeugen heraus.
„Das Volk will das Regime stürzen“, hatten Demonstranten am 14. April gerufen – jenem Tag, als die Proteste zum ersten Mal auch die Hauptstadt Damaskus erreichten. Fast überall gehen die Menschen auf die Straße. Von Daraa an der Grenze zu Jordanien im Süden ausgehend griff der Aufruhr wie ein Flächenbrand auf den Norden, Westen und zuletzt auch Osten Syriens über.

Während am Anfang Forderungen nach Reformen, einer verbesserten Infrastruktur, mehr Jobs, weniger Korruption und vor allem der Aufhebung des seit 50 Jahren geltenden Ausnahmezustands im Vordergrund standen, verlangen sie inzwischen immer vehementer den Sturz des Präsidenten. Mit jedem Schuss auf Demonstranten wächst der Zorn gegen den Machthaber und seine Entourage. Menschenrechtler gehen inzwischen von fast 1000 Toten aus. Unzählige Verletzte füllen die Krankenhäuser, unzählige Verhaftete die Gefängnisse.

Im staatlichen Fernsehen werden nahezu täglich Menschen vorgeführt, die offenbar erzwungene Geständnisse ablegen: Sie geben zu, einer Bande anzugehören, die das Regime stürzen will. Insgesamt sollen sich bereits mehr als 1000 Menschen gestellt haben.

Ein bisschen Mitleid

Bei jedem der Schüsse, die vom Arnous-Platz zu hören sind, zuckt Abdallah ein wenig zusammen. Er sitzt neben dem Verkäufer in einem Schreibwarenladen nahe dem Marja-Platz im Herzen von Damaskus und ist verzweifelt.

Gerade erst habe sich sein Land nach langen Jahren der Isolation wieder vorsichtig geöffnet, der Tourismus begann zu florieren. „Die Franzosen waren die Ersten, die wieder zu uns kamen“, sagt er. Abdallah hat sich gefreut, denn er spricht Französisch und konnte sich durch Führungen ein kleines Zubrot zu seiner Rente hinzuverdienen. Doch nun sind die Grenzen wieder dicht, der Nebenverdienst ist versiegt.

Als seine Heimat am 17. April 1946 die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich erlangte und die Arabische Republik Syrien entstand, war Abdallah zehn Jahre alt. Seitdem ist viel passiert: drei Kriege gegen Israel; der Zusammenschluss Ägyptens und Syriens zur Vereinigten Arabischen Republik, die nur knapp drei Jahre existierte; blutige Machtkämpfe der Baath-Partei, aus denen Hafez al-Assad, der Vater des derzeitigen Despoten, siegreich hervorging; und immer wieder Aufstände und Unruhen, auf die Assad senior mit zunehmender Härte reagierte. Als er vor elf Jahren starb, hinterließ er seinem Sohn Bashar einen Machtapparat mit 17 verschiedenen Sicherheitsdiensten und Spezialeinheiten.

Abdallah schüttelt den Kopf, als die Rede auf die vielen Spitzel und Aufpasser kommt, die Damaskus fest im Griff haben, und legt die Hand vor den Mund. US-Präsident George W. Bush habe bewirkt, dass Syrien in die Isolation getrieben wurde, lenkt der Syrer schnell vom eigentlichen Thema ab. Als der US-Präsident das Land neben Nordkorea und Iran zur Achse des Bösen zählte, wurden blitzartig alle offiziellen Verbindungen zum Westen gekappt. „Das war kurz nach den Terroranschlägen in New York“, erinnert sich Abdallah, „kurz nach der Machtübernahme von Bashar.“ Es schwingt fast ein bisschen Mitleid mit dem Präsidenten mit.

Sie hetzen hin und her

Hervine hat kein Mitleid mit dem Präsidenten. Bashar al-Assad habe elf Jahre Zeit gehabt, etwas zu ändern, sich mit seinen Ideen gegen die alte Garde durchzusetzen. Seiner ersten, aufsehenerregenden Rede nach der Machtübernahme, in der er Reformen, eine Liberalisierung der Wirtschaft und der Gesellschaft versprach, seien keine Taten gefolgt. Auch er kenne nur den Knüppel.

Die kleine Frau hört sofort auf zu sprechen, als ein Mann im grauen Anzug den Schreibwarenladen betritt. Sie bezahlt Stift und Notizblock und geht langsam auf die Straße. An einer belebten Ecke bleibt sie stehen und redet weiter. Schon im Frühjahr 2004 hätten sie die eiserne Faust von Bashar al-Assad zu spüren bekommen, als es bei Demonstrationen zu Zusammenstößen mit den Sicherheitsdiensten kam und Hunderte syrische Kurden, darunter auch Kinder, verhaftet und getötet wurden. Die Proteste fanden damals im Nordosten ­Syriens statt, wo die meisten Kurden leben. Auch jetzt gehen dort wieder Menschen auf die Straße. Sie haben das Regime aufgefordert, alle politischen Häftlinge im Land freizulassen, berichtet Hervine. ­Daraufhin seien die Bewohner der drei Städte gezwungen worden, eine Erklärung zu unterzeichnen, nicht mehr an Protestmärschen teilzunehmen.

Während Konflikte und Aufstände früher zumeist lokal begrenzt und auf eine Region oder eine Stadt beschränkt waren, wird nun im ganzen Land protestiert. ­Armee, Polizei und Staatssicherheit hetzen von einem Ort zum anderen. Ziehen die Panzer aus Daraa im Süden ab, rollen sie nach Banija im Nordwesten. Ist Aleppo im Norden „befriedet“, brechen Unruhen in Latakia am Mittelmeer aus.

Das Leben im Land ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Inzwischen hat die syrische Regierung auch alle Bahnverbindungen gestoppt – nicht zuletzt, weil die Züge für Truppen- und Waffentransporte gebraucht werden. Dennoch weiten sich die Proteste von Tag zu Tag aus, die Zahl der Demonstranten nimmt zu.

„Unser Freiheitsstreben hat jetzt alle ­erfasst“, sagt Hervine, sichtlich stolz. Die Menschen würden nicht mehr in ethnische und religiöse Schubladen gesteckt. Das Volk gegen die Herrschenden sei das Gebot der Stunde: „Kommt drauf an, wer länger durchhält. Wir oder die?“ Und sie zeigt auf ein übergroßes Plakat, das Bashar al-Assad zusammen mit seinem Vater Hafez abbildet und das überall in Damaskus zu sehen ist. Einige sind zerrissen, andere mit Farbe übermalt.

Die grauen Herren

Kaum eine Stunde nachdem die Besucherin in das im Kolonialstil erbaute Hotel am Marja-Platz im Stadtzentrum eingecheckt hat, öffnet sich im Gebäude gegenüber ein Fenster. Ein Mann mit dunkler Lederjacke und noch dunklerer Sonnenbrille beobachtet fortan beständig, was in der Herberge vor sich geht. In der Lobby sitzen Herren in grauen Anzügen, die anscheinend nichts anderes zu tun haben, als stundenlang Zeitung zu lesen. Auf der Straße begegnet man selbst in der zwei Kilometer entfernten Altstadt Menschen, die noch kurz zuvor am Marja-Platz herumgelungert sind. Das Knacksen im Handy hört sich anders an als eine bloße Verbindungsstörung. Als dann auch noch der Computer Virusalarm signalisiert, besteht kein Zweifel mehr: Die Überwachung der Staatssicherheit ist komplett und lückenlos.

Seit die syrische Regierung hinter den Unruhen im Land eine ausländische Verschwörung wittert, gilt jeder Ausländer als potenzieller Verschwörer. Journalisten scheinen dabei als besonders schlimm zu gelten. Auf die wenigen, die sich noch im Land befinden, wird gnadenlos Jagd gemacht.

Der im Golfstaat Katar beheimatete arabische Nachrichtensender Al Jazeera war das einzige ausländische Medium, das bis vor Kurzem mit einer eigenen Korrespondentin aus Syrien über die Aufstände berichten konnte. Seit gut zwei Wochen nun ist die Journalistin verschwunden. Der Sender befürchtet, dass sie verhaftet und von Syrien in den Iran verschleppt wurde.

Die dortige Regime­presse beschäftigt sich ausführlich mit den Ereignissen in Syrien: Vor wenigen Tagen schrieb die iranische Zeitung „Hamshahri“ etwa, der Westen wolle Syrien offenbar destabilisieren, weil das Land Widerstands­organisationen unterstütze – gemeint waren damit wohl die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon oder die Aufständischen im Irak.

Auch Muammar al-Gaddafis Libyen springt dem syrischen Regime bei und betont in offiziellen Stellungnahmen, dass die Unruhen dort von Ausländern geschürt werden. Das staatliche libysche Volkskomitee für internationale Zusammenarbeit fordert in einer Erklärung ein Ende der Einmischung in die ­inneren Angelegenheiten Syriens und spricht von ­einem „imperialistischen Propagandafeuer“.

Für vergangenen Freitag waren in ganz Syrien erneut Proteste angekündigt. In den Tagen zuvor hatte die Brutalität des Regimes Berichten von Regierungsgegnern zufolge neue Höhepunkte erreicht. Unter anderem soll das Militär in mehreren Städten mit Panzern in Wohngebiete geschossen haben.

Am Donnerstag erklärte Bouthaina Shaaban, eine Beraterin von Bashar al-Assad, der Präsident habe Befehl erteilt, nicht mehr auf Demonstranten zu schießen.

Das Gleiche hatte Shaaban schon einmal erklärt: Anfang März, als die Proteste begannen.