Film: Meteoriten, Laser und Seegurken

Wissenschaftliche Berater sorgen dafür, dass Hollywood-Fantasien nicht völlig dem Boden der Tatsachen entschweben – zumindest nicht dort, wo es gar nicht nötig ist.

Etwas ist faul in der Welt von Superman. Er verfügt über Bärenkräfte, die ihn spielend Fahrzeuge durch die Luft wirbeln lassen. Er fliegt schneller als eine Kugel. Er hört das Gras wachsen. Das stört auch gar nicht an dem neuen Streifen „Superman Returns“, der seit einigen Wochen auch in österreichischen Kinos läuft. Schließlich ist es ein launiger Film über einen Superhelden, kein nüchterner Dokumentarfilm über den Arbeitsalltag übermenschlicher Wesen. Aber der Astronom Phil Plait von der kalifornischen Sonoma State University rümpft dennoch die Nase. Er hat in dem Werk Wunderlichkeiten entdeckt, die ohne Not eingefügt wurden.

So schwebt Superman hoch über der Atmosphäre und lauscht, was unten auf der Erde passiert. Doch selbst ein Megaheld kann dort nichts hören. Denn wo es keine Atmosphäre gibt, breitet sich auch kein Schall aus – selbst für einen Kryptoniten ein Ding physikalischer Unmöglichkeit. Auch dass Superman einen kompletten Kontinent an einem einzigen Punkt in die Lüfte hebt, ist bei aller Freiheit der Fantasie nicht stimmig – nicht seine Superstärke, die gönnt man dem Außerirdischen im Blaumann gern. Doch die Spannungskräfte in einem solch gigantischen Stück Festland, das an einem einzigen Punkt in die Höhe gepresst wird, machen Supermans Stemmleistung physikalisch unmöglich. Ebenso könnte man vorsichtig versuchen, einen Wasserballon auf einer Messerspitze zu balancieren. „Das hätte man korrigieren können, hätte sich nur jemand Kundiger das Drehbuch vorher angesehen“, meint Plait, der eine Web-Seite betreibt, die allzu abenteuerlichen Science-Fiction-Filmen gerne ihre naturwissenschaftliche Unterbelichtung ankreidet (www.badastronomy. com).

Solche Patzer sind eine Gefahr fürs Geschäft und den Ruhm, denn nicht nur Plait, sondern eine ganze Schar naturwissenschaftlich Vorgebildeter klopfen im Internet längst jeden wissenschaftlich grundierten Film gnadenlos ab und geben ihn, falls nötig, dem Gespött der Weltöffentlichkeit preis. Filmemacher aus Hollywood verlangen deshalb zunehmend, dass ihre Streifen dem Boden der Tatsachen nicht völlig entschweben, und involvieren Naturwissenschafter inzwischen gerne für eine Hand voll Dollar – oder mehr – in ihre Projekte.

Vampire. Einer dieser Ratgeber, ein spitzbärtiger Ingenieur, sitzt mit geröteter Stirn im Lichtkegel einer Schreibtischlampe in einem dunklen Loft im Fashion District von Los Angeles. Gerade hat er noch nachgedacht. Über globale Epidemien, tödliche Bakterien, Allergien – und Vampire. Er sucht eine plausible Antwort auf eine seltsame Frage: Wie könnte eine Seuche die Menschheit in blutrünstige Zombies verwandeln – und wie ließe sich eine solche Katastrophe überleben? Mit Leuchtstift markierte Fachartikel liegen vor ihm. Der Bildschirmschoner zeigt wuchernde Zellen. Das Ganze erinnert ein bisschen an das Empfangszimmer des Dr. Mabuse. Doch John Underkoffler sehnt keine Apokalypse herbei. „Das ist nur mein neuestes Projekt“, erzählt er. Er arbeitet als wissenschaftlicher Berater für den futuristischen Vampirfilm „I Am Legend“, der nächstes Jahr mit Will Smith in der Hauptrolle in die Kinos kommen soll.

Seit dem Jahr 2000 arbeitet Underkoffler für Hollywood-Studios. Damals lockte ihn ein Angebot von Steven Spielbergs Produktionsteam, das am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf Underkoffler gestoßen war, als die Filmleute nach futuristischen Technologien für den Film „Minority Report“ suchten. Die Spielberg-Crew ließ sich von einem neuartigen Monitor beeindrucken, auf dem sich abgebildete Gegenstände mittels Handgesten kommandieren ließen. Im Film dirigiert Tom Cruise Gegenstände auf einem transparenten Bildschirm. Underkoffler erwies sich außerdem als beredt-gewitztes wandelndes Kino- und Poplexikon. Als Spielbergs Angebot kam, stieg er umgehend ins Flugzeug. Die nächsten Monate half er, ein tiefenscharfes Bild eines Überwachungsstaats im Jahr 2054 zu kreieren.

Im Jahr 2003 lud ihn Regisseur Ang Lee ein, bei „Hulk“ nach dem Rechten zu sehen. Keine leichte Aufgabe. Underkoffler musste erklären, wie ein passionierter Forscher sich von einem Tag auf den anderen in ein grünes cholerisches Monster verwandelt, das bevorzugt Panzer durch die Luft wirbelt. „Darüber habe ich ziemlich gebrütet“, gesteht er. Denn bläht sich der Mensch zu einem Ungeheuer auf, müsste eigentlich sein Gewebe zerplatzen. Doch ein Unterwasserwesen bot die Lösung: die Seegurke.

Dieses Tier verfügt über so genanntes mutierbares kollagenes Bindegewebe. Die Seegurke kann die normalerweise eher geleeartige Konsistenz ihres Körpers in Sekundenschnelle versteifen. Das war es, wonach Underkoffler gesucht hatte. In den ersten Filmsequenzen sieht man den verrückten Wissenschafter David Banner, der Gene einer Seegurke in sein Erbgut einschleust. Als Banner einen Sohn zeugt, muss dieser mit den Folgen des Selbstversuchs leben. Starker Gammastrahlung ausgesetzt, mutiert er als Erwachsener zum Hulk. „In Wirklichkeit ginge das wohl nicht“, räuspert sich Underkoffler. „Aber es ist vorstellbar, und darauf kommt es an.“

Technik-Handbuch. Doch selbst manche Fantasiewelt hat Gesetze, die befolgt werden müssen. Die Drehbuchautoren von „Raumschiff Enterprise“ („Star Trek“ im englischsprachigen Original) konsultierten stets ein technisches Handbuch, in dem die Gesetze und Technologien ihres Universums niedergelegt sind. So etwa der „Warp-Drive“, ohne den Captain Kirk und dessen Nachfolger nie besonders weit gekommen wären, oder der „Subraum“, welcher Echtzeitkommunikation über galaktische Langstrecken erlaubt. Das trifft auch für die kürzlich wiederbelebte TV-Serie „Battlestar Galactica“ zu. Sie erzählt, wie von Menschen geschaffene Roboter eine Revolte gegen ihre Schöpfer anzetteln und die von den Menschen besiedelten „Zwölf Kolonien von Kobol“ vernichten. Von vielen tausend militärischen Raumschiffen übersteht allein ein veralteter Kampfstern den Angriff der Cylonen. Die Hauptrolle des Captain Adama verkörpert in der 1978 gestarteten Serie Lorne Greene, aller Welt als Ben Cartwright aus „Bonanza“ bekannt.

Die Serie sah damals auch ein jugendlicher Kevin Grazier, heute Planetologe am Jet Propulsion Laboratory der NASA im kalifornischen Pasadena. Die meiste Zeit verbringt Grazier mit Arbeiten für die Cassini/Huygens-Mission, welche derzeit den Ringplaneten Saturn und seinen Mond Titan erforscht. Als vor Jahren die Anfrage kam, ob er für die Neuauflage der Serie als Wissenschaftsberater tätig sein wolle, zögerte Grazier nicht lange. Seit Februar laufen die Folgen auf RTL II.

Die mangelnde technische Aufwändigkeit von „Battlestar Galactica“ hat durchaus Methode. So hat Grazier bis heute verhindert, dass Laser statt ballistischer Geschosse eingesetzt werden. Grund: Laser seien zu kompliziert und ineffizient. Oft hilft er mit Details aus: Drehbuchautoren bitten ihn, Technikbegriffe einzufügen. Da hieß es kürzlich in einem Manuskript „Schau, ein Kasten TECH“. Grazier entschied, „25 optoelektronische Signalumwandler“ in den Behälter zu packen. Oder er diskutiert mit einem Skriptschreiber den feinen Unterschied zwischen einer Viper Mk. II und Mk. VII, Kampfjets der Galactica-Welt. „Für jemanden wie mich“, so Grazier, „ist das der reinste Himmel.“ Kein Wunder: Als Kind sah er nicht nur die ursprüngliche Serie, er verfolgte auch die Apollo-Missionen, die Mondlandung – und natürlich sah er jede Menge „Star Trek“-Folgen.

Expertise. Fachliche Expertise ist aber nicht nur für die Zukunft gefragt. Es gibt TV-Unterhaltung, die modernste, echte Technologie zeigen will: Die auch im deutschsprachigen Raum erfolgreichen TV-Serien „CSI (Crime Scene Investigation): Las Vegas“ und deren Spin-offs „CSI: Miami“ und „CSI: New York“ dürfen sich mit ihrem Anspruch, authentische Beweis- und Spurensicherung zu zeigen, keinen Fehler erlauben. Einer der Koproduzenten ist der Ingenieur Naren Shankar. Auch er ist, wie er eingesteht, ein Ziehkind Captain Kirks. „Ich hätte als kleiner Junge gerne einen Tricorder gehabt“, erinnert er sich an ein wundersames Messgerät aus „Star Trek“.

Da erscheint es nur konsequent, dass Shankar nach einem Ingenieurstudium an der Cornell University seinen Weg nach Hollywood fand. Zunächst arbeitete er als Berater für „Star Trek: The Next Generation“. Später landete er bei „CSI“. „Wir können es uns nicht leisten, neue Technik einfach zu erfinden“, erklärt Shankar. Zwei Rechercheure überprüfen deshalb in Absprache mit Experten ständig, ob diverse forensische Methoden in der Serie realistisch sind. Nur die Geschwindigkeit, mit der Untersuchungen zu Ergebnissen kommen, gibt Shankar freimütig zu, bildet die Realität nicht akkurat ab. Es dauere länger als nur ein paar Stunden, eine DNA-Probe zu analysieren. „Da beugen wir uns dem Diktat des Fernsehformats.“

Mit dem Erfolg kam die Kritik. Kenntnisreiche Zuschauer bemängelten einen 3-D-Laserscanner, Modell DeltaSphere 3000, den „CSI: Las Vegas“ nutzte, einen Tatort einzuscannen. Das Hightech-Gerät gehört bislang nicht zur Standardausrüstung forensischer Labors. Doch gibt es die Maschine. „CSI“-Mitarbeitern war sie auf einer Industrieausstellung aufgefallen.

Juristen wiederum werfen „CSI“ vor, zu realistisch zu wirken. Gerüchten zufolge überzeugt die Serie manche Zuschauer so sehr, dass diese, kommen sie in Gerichtsverfahren als Laiengeschworene zum Einsatz, perfekt aufgearbeitetes Beweismaterial wie im Fernsehen erwarten. Das ist in den USA als „CSI-Effekt“ bekannt.

Dass Filme unsere Sicht der Wirklichkeit verändern, ist freilich ein Gemeinplatz. Doch eine Geschichte muss allem voran gut erzählt sein, um Zuschauer in ihren Bann zu schlagen. Deshalb stechen die Gesetze der Traumfabrik im Zweifelsfall den Expertenrat aus. „CSI“ schummelt mit der Zeit. In „Battlestar Galactica“ brummen Raumschiffe durchs Weltall, obwohl im Vakuum selbst bei Explosionen Schweigen herrscht. Und Tom Cruise benutzt in „Minority Report“ transparente DVDs, die 2054 obsolet sein dürften. „Mein Einwand wurde mit dem Argument abgewehrt, dass die transparenten Scheiben einfach gut aussehen“, bemerkt Underkoffler, der dieses Detail gerne vergessen würde. Doch solange ein Film seine Welt eingängig präsentiert, mögen ein paar technische Fehler oder spekulative Hirngespinste nicht stören. Niemand weiß das besser als die Experten selbst. Sie sind mit „Star Trek“, „2001: Odyssee im Weltraum“ und den Zukunftsromanen Isaac Asimovs groß geworden. „Ohne all das“, sinniert Underkoffler in seinem Denkerloft, „hätten sich viele von uns vielleicht nie den Naturwissenschaften zugewandt.“

Von Hubertus Breuer