Filmkritik: Demago-go!

Eine Dokumentarpolemik gegen die Bush-Administration: Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ mischt selbstsicher Pop, Politik und Pathos.

Liebesbekundungen, die auf Macht- und Geldgier basieren, haben Hohn verdient: Eine lange Bilderserie in diesem Film, die das innige Händeschütteln und die falschen Bruderküsse zwischen der Familie Bush und ihren saudischen Geschäftspartnern dokumentiert, wird sinnfällig von dem R.E.M.-Song „Shiny Happy People“ begleitet. Das ist eine Lieblingsmethode des amerikanischen Filmemachers Michael Moore: Was sich in den Archiven an belastendem Material finden lässt, wird umgehend den Hochöfen der Populärkultur überantwortet und dort in seltsam schillernde Ironie-Kritik-Hybride, in Entertainment-Agitprop verwandelt.

So geht’s dahin in Moores „Fahrenheit 9/11“, einem Welterfolg, der das US-Kino unsanft aus seinen High-Tech-Träumen geholt hat: Bilder aus den unbeschwerten Urlaubswochen eines frisch gebackenen Präsidenten, der sich mit dem angekündigten Terror gegen Amerika im Sommer 2001 nicht auseinander setzen mag, werden da sarkastisch gegen das fröhliche „Vacation“ der Go-Go’s gesetzt – und die Geschichte von der heimlichen Hilfeleistung der US-Regierung bei der überstürzten Flucht von zwei Dutzend Mitgliedern der Bin-Laden-Familie aus Amerika unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September wird mit der Gesangszeile „We gotta get out of this place“ leichtsinnig ins Triviale verschoben. Die Welt ist, wenn es nach Michael Moore geht, nicht viel komplizierter als ein Popsong.

Man kann Moore nicht vorwerfen, die Lektion nicht verstanden zu haben, die Amerikas Unterhaltungsindustrie auch ihren kritischen Geistern auferlegt hat: keine politische Wirkung ohne Kniefall vor dem Populären. Man spürt die Manipulation bei Moore allerdings stärker als in den Filmen seiner Kollegen, weil er in Wahrheit keine Dokumentarfilme, sondern Demonstrationen macht, weil er nicht recherchiert, sondern behauptet. Aber er weiß, dass er das darf, solange er nicht den Fehler macht, dabei ganz ernst zu bleiben. Er zeigt und wählt, ganz offen, immer nur jene Dinge, die er für sein Argument gerade brauchen kann. Er berichtet von Verstrickungen und Verschwörungen zwischen Regierung, Geheimdienst und Wirtschaft, die er zwar nicht belegen kann, in seinen Erzählungen aber völlig bruchlos einzusetzen weiß. Im amerikanischen Kino zählt eine gute Geschichte eben mehr als ein einwandfreier Nachweis.

Dabei bietet „Fahrenheit 9/11“, vor allem in seiner ersten Hälfte, ein paar wirklich große Momente: etwa jene Szene, die Bush mit abwesendem Blick während eines Fototermins in einem Klassenzimmer zeigt, ein Kinderbuch in den Händen, hinter ihm eine Tafel mit den Worten „Reading makes a country great“. Lesen macht eine Nation groß, das mag sein, aber der Präsident dieser Nation liest nicht, das kann man sehen, er schaut nur vor sich hin, verträumt fast. Es ist 9.05 Uhr am 11. September 2001: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist von einem Mitarbeiter gerade darüber informiert worden, dass das World Trade Center von einem zweiten Flugzeug getroffen wurde, dass also definitiv kein Unfall vorliegt – New York brennt. Und der Präsident tut: nichts. Minutenlang. „Fahrenheit 9/11“ betont diesen Augenblick, zu Recht, denn er zeigt, wie es um die Tat- und Geisteskraft dieses Politikers bestellt sein muss.

Und für die Zerstörung der Twin Towers findet Moore ganz entschieden keine Bilder: Er lässt die Einschläge der Flugzeuge und die Schreie der Menschen nur hören, während die Leinwand dazu eine volle Minute lang schwarz bleibt. So ringt er dem millionenfach reproduzierten visuellen Ereignis des Terroranschlags noch einmal neues Grauen ab.

„Fahrenheit 9/11“ ist alles andere als ein Neuaufguss des Erfolgs von Moores „Bowling for Columbine“. Moore selbst nimmt sich darin überraschend zurück, setzt weite Teile des Films aus Fernsehbildern zusammen. Dass es keine große Sache ist, George W. Bush schlecht aussehen zu lassen, ist bekannt. Es braucht keinen kundigen Archivjäger, um Bilder zu finden, die den Präsidenten in intellektueller Verlegenheit und rhetorischen Krisensituationen zeigen. Der Demagoge Moore erfreut sich dennoch daran, weiß zugleich aber, dass das nicht genügen wird. So bewegt er sich weiter, zu Enron und Halliburton, zu den Rekrutierungsmaßnahmen der US Army, zu den Obszönitäten der boys im Irak.

„Fahrenheit 9/11“ ist eine unebene Arbeit, ein Film, der von einer Tonart überraschend in die nächste kippt, der viele unfertige Filme in sich birgt: ein Anti-Bush-Wahlkampf-Pamphlet, eine Irakkriegs-Doku, eine Mediensatire, einen Wirtschaftsthriller, schließlich die pathosgetränkte Einzelschicksals-Show einer Mutter, die um ihren im Irak gefallenen Sohn trauert. Das ist die Größe und das Scheitern dieses Films: Seine vielen Ebenen und Stile zeichnen, bei aller Voreingenommenheit des Regisseurs, ein radikal widersprüchliches (und umso gültigeres) Bild jenes Amerika, in dem Leute wie George W. Bush und Michael Moore einander am Ende ähnlicher sind, als beiden lieb sein kann.