Filmstar Stauffenberg in Operation Walküre:
Wie Hollywood die NS-Geschichte verfälscht

Tom Cruise spielt im Film „Operation Walküre“ den gescheiterten Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg als lupenreinen Übermenschen. Der adelige NS-Karrierist und Antisemit wird zum Popstar des deutschen Widerstands stilisiert. Betreibt Hollywood Geschichtsverfälschung zu Unterhaltungszwecken?

Wenn NS-Historie und Emotionen aufein­anderprallen, dann steht Guido Knopp, Zeitgeschichtemo­nopolist des ZDF, Gewehr bei Fuß. Knopp ist der Mann, der den Deutschen seit 20 Jahren erklärt, wie die Nazis tickten. Den Fall des am 20. Juli 1944 gescheiterten Hitler-Attentäters Stauffenberg wollte Knopp Hollywood nicht kampflos überlassen. Deshalb produzierte er rechtzeitig zum deutschsprachigen Filmstart des Attentats-Epos „Operation Walküre“ (in Österreich ab 23. Jänner) ein zweiteiliges TV-Dokudrama unter dem Titel „Stauffenberg – Die wahre Geschichte“. In der Hollywood-Variante nämlich gibt der durch seine Scientology-Mitgliedschaft und erratisches Verhalten in der Öffentlichkeit angeschlagene Tom Cruise den adeligen Widerständler als lupenreinen Übermenschen.

Abgesehen von diversen historischen Detailfehlern, wird in „Operation Walküre“ ein zentraler Aspekt zum richtigen Verständnis der Figur Stauffenberg geflissentlich ausgeblendet: die Entwicklung eines äußerst ehrgeizigen und von antisemitischen Ressentiments geprägten Offiziers, der das NS-Regime für eine steile Karriere in der Wehrmacht zu instrumentalisieren wusste. Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 schrieb der dort stationierte Stauffenberg seiner Frau Nina, geborene Freiin von Lerchenfeld und Mutter seiner fünf Kinder: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden, sehr viel Mischvolk. Ein Volk, das sich sicher nur unter der Knute wohlfühlt.“

Wie viele Repräsentanten des mittleren und kleinen deutschen Adels, die während der Monarchie traditionell eine Militärlaufbahn eingeschlagen hatten, verachtete Stauffenberg die Weimarer Republik und empfand den Friedensvertrag von Versailles mit der Auflage einer stark reduzierten Streitmacht als tiefe Demütigung. „Hitlers Vater ist kein Kleinbürger, Hitlers Vater ist der Krieg“: Mit dieser enthusiastischen Äußerung wird der Sohn eines königlich-württembergischen Oberhofmarschalls und einer evangelischen Gräfin aus dem österreichischen Geschlecht Üxküll-Gyllenband von seinem Biografen Peter Hoffmann zitiert. Von den Nationalsozialisten erhoffte sich Stauffenberg neue Heldentaten und einen revitalisierten Nationalstolz. Dass die Verschwörung des 20. Juli 1944 in der Rezeptionsgeschichte vorrangig als ein Courageakt des Adels gilt, ist insofern missverständlich, als bei Kriegsbeginn 1939 „15 Prozent der Wehrmachtsoffiziere Edelleute waren, in höheren Dienstgraden sogar deutlich mehr“, so der Historiker Stephan Malinowski, Autor der umfassenden Studie „Vom König zum Führer“.

Geschichte, so Malinowski, verlaufe immer von hinten nach vorn: Der Adel habe aus seiner „Herrenhaltung“ her­aus dem Parvenü Hitler zwar keine Augenhöhe zugebilligt, jedoch als Steigbügel­halter für ein neues Machtbewusstsein im Visier gehabt und ihn dabei sträflich unterschätzt. Am deutlichsten hatte Vizekanzler Franz von Papen diese Haltung 1933 formuliert: Man habe Hitler zwar als NSDAP-Chef „engagiert“; binnen zwei Monaten werde er aber „in die Ecke gedrückt, dass es nur so quietscht“. Hitler selbst erlag, prototypisch für einen kleinbürgerlichen Aufsteiger, einerseits der Faszination der „Vons“, anderseits spürte er deren Verachtung für seinesgleichen. Nach Stauffenbergs missglücktem Anschlag in einer Lagerbaracke der „Wolfsschanze“, dem Führerhauptquartier in Ostpreußen, machte der mit leichten Verletzungen davongekommene Hitler einen „Klub von Grafen und Reaktionären“ für den Sabotageakt an der „Volksgemeinschaft“ verantwortlich.

„Geheimes Deutschland“. Die Fundamente für Stauffenbergs Antisemitismus wurden jedoch bereits lange vor der NS-Machtübernahme gelegt. Mit Hingabe verehrte der stets kränkliche Claus seit seinem 15. Lebensjahr den Dichter Stefan George, der in seinem Werk „ein geheimes Deutschland“ beschwört: völkisch rein, judenfrei und von nationalem Stolz getragen. In einem Gedicht an den Meister stilisierte sich Claus als „des Staufers und Ottonen blonden Erben“. Die Aufnahme in den Kreis um George wurde übrigens mit einem Kuss besiegelt. Mutter Stauffenberg war über diese homoerotische Komponente des Männerbunds so besorgt, dass sie den Dichter 1923 empört persönlich aufsuchte. Sie bekam die Antwort: „Dieser Eros gehört zur deutschen Kultur und Erziehung.“

Als George 1933 im Tessin starb, hielten die drei Brüder Stauffenberg beim „Ahnherrn des Dritten Reichs“ (so Georges Selbstverständnis) Totenwache. Zeitzeugen berichteten in zahlreichen Biografien, dass Stauffenberg die nach 1933 einsetzende Vertreibung der Juden sowie deren sukzessive Entfernung aus dem Geistes- und Kulturleben durchaus begrüßte. Wie seine Brüder und sein Onkel, Nikolaus Graf Üxüll, später vor der Gestapo aussagen sollten, standen die Stauffenbergs geschlossen hinter einer „gewaltlosen“ Lösung der „Judenfrage“. Dass sich „Stauff“, wie er von den „Kameraden“ genannt wurde, entsetzt über die Gewalteskalation bei den November-Pogromen 1938 geäußert haben soll, ist jedoch in keiner Biografie belegt.

Opfergang. Nicht einmal Spurenelemente dieses späteren Saulus-wird-­Paulus-Konflikts sind in der Darstellung von Tom Cruise bemerkbar. So ausdrucksstark wie das Glasauge, das er sich immer wieder für den Rapport bei ­Vor­gesetzten einsetzt, zelebriert der ­Hollywood-Star den heldenhaften „Opfergang“ seiner Figur nach der alten Cowboy-Devise „Ein Mann tut, was ein Mann tun muss“. Der Zuschauer bekommt bereits zum Auftakt des Films einen ideologisch fleckenfreien Helden präsentiert. Als Stauffenberg alias Cruise Anfang April 1943, knapp vor seiner lebensgefährlichen Verletzung, als Generalstabsoffizier der 10. Panzerdivision in einem Zelt in Tunesien sitzt, notiert er – historisch nicht belegt – mit entschlossener Stiftführung in sein Tagebuch: „Hitler ist nicht nur der Erzfeind der Welt, sondern der Erzfeind Deutschlands. “

Angesichts der Holzschnitt-Psyche des Protagonisten fällt die Verfälschung diverser geschichtlicher Details in den Bereich künstlerischer Freiheit. Da wird beispielsweise der Plan mit dem Codenamen „Walküre“ im Wald auf der Schreibmaschine von den Verschwörern umgeschrieben. Wo die konspirative Änderung tatsächlich stattfand, steht nicht fest. Ursprünglich war das „Walküre“-Kommando ein Schubladenplan, der ganz offiziell von den Militärs für den Fall von Aufständen im Dritten Reich schon lange vor den Attentatsplänen ausgearbeitet worden war. „Das NS-Regime hatte eine panische Furcht vor einem Aufstand der Fremd- und Zwangsarbeiter“, sagt der deutsche Historiker Peter Steinbach. „Dass die Verschwörer das Konzept für den Staatsstreich übernehmen wollten, war natürlich eine geniale Idee.“ Im Film lässt Stauffenberg sich bei einem Besuch auf dem Obersalzberg, dem Feriensitz von Hitler, am 11. Juli 1944 von diesem eine neue Version des Walküre-Papiers unterzeichnen, was jedoch reiner Hollywood-Fantasie entspringt, im Unterschied zur historisch verbürgten Tatsache, dass er die dorthin mitgebrachte Bombe damals nicht zündete, weil SS-Reichsführer Heinrich Himmler bei der Lagebesprechung nicht zugegen war. Die Verschwörer befürchteten, dass nach Hitlers Tod Himmler an dessen Stelle treten und mit seinen SS-Truppen den Staatsstreich vereiteln könnte.

Der deutsche Militärhistoriker Gerd Ueberschär schreibt in seiner Chronik des 20. Juli auch, dass – abgesehen von seiner lebensgefährlichen Verletzung – der Afrika-Feldzug für den leidenschaftlichen Offizier traumatisierend gewirkt haben dürfte: „Dort wurde er Zeuge der großen materiellen Überlegenheit der Westalliierten und ihm die Aussichtslosigkeit, diesen Krieg zu gewinnen, stark bewusst.“ Der Verlust seines linken Auges, der rechten Hand sowie von zwei Fingern der linken Hand und die damit verbundene Beeinträchtigung hatte Stauffenberg mit Haltung zu nehmen gewusst. Schlaf- und Schmerzmittel hatte er trotz rasender Schmerzen, auch aufgrund langsam herauseiternder Bombensplitter, im Münchner Lazarett „mannhaft“ abgelehnt.

Zuvor hatte der Russland-Krieg, an dem Stauffenberg 1941 als Mitglied des Generalstabs teilnahm, eine Richtungswende initiiert. Stauffenberg war einerseits, so Gerd Ueberschär, „von der ­unmenschlichen Behandlung der russischen Bevölkerung durch die NS-­Be­satzungspolitik“ schwer schockiert, aber auch von der deutschen Kriegsführung mehr als frustriert. In Eberhard Zellers Stauffenberg-Biografie wird ein Brief Stauffenbergs an seine Schwiegermutter, die Baronin Anna von Lerchenfeld, zitiert, der mit 11. Jänner 1942 datiert ist: „Dass es zurzeit recht schwierig ist, gebe ich offen zu … Die Entscheidung über fast alle Fragen der Kriegsführung und Führung der Operationen hat sich der Führer seit Langem selbst vorbehalten. Das liegt in der Natur einer derartig überragenden und willensstarken Persönlichkeit …“ Zu welchem Zeitpunkt Stauffenberg sich endgültig entschloss, aktiv an der Be­seitigung Hitlers und dem damit verbundenen Staatsstreich zu beteiligen, ist unter seinen Biografen umstritten. Auch die Frage, ob die Massenvernichtung der Juden oder die Verheizung der deutschen Soldaten in einem zusehends aussichtslosen Krieg die Initialzündung für den Gesinnungswandel gab, bleibt ungeklärt.

„Mein Vater hatte sich bereits 1938 ­einigen Offizieren angeschlossen, die an Widerstandsplänen arbeiteten“, schreibt Kons­tanze von Schulthess, die Tochter, die im Jänner 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück zur Welt kam, in der im vergangenen Jahr erschienenen Biografie ­ihrer Mutter Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Der geschönte Blick einer Tochter, die ihren Vater nie kennen gelernt hatte und mit dessen Heldenmythos aufwuchs, ist nachvollziehbar. Das Buch über die Mutter, die im Alter von 93 Jahren 2006 verstarb, sollte für von Schulthess zur Rehabilitation ihrer Rolle im Geschichtsverständnis dienen. „In sämtlichen Filmen wurde meine Mutter als naives und ahnungsloses Hausmütterchen gezeigt, was nicht den Tatsachen entsprach. Meine Mutter wusste sehr wohl, was vor sich ging, und stand hinter dem Entschluss ihres Mannes. Nur über den Zeitpunkt und dass mein Vater plante, den Anschlag selbst auszuführen, wusste sie nicht Bescheid.“

Ausrottung. Himmlers Androhung vom August 1944, dass „die Verräterfamilie mit Stumpf und Stiel ausgerottet gehört“, wurde nicht umgesetzt. Die Kinder aus den Verschwörerfamilien, deren Väter gemeinsam mit Stauffenberg in der Nacht zum 21. Juli im Hof des Bendler-Blocks erschossen wurden oder nach dem demütigenden Schauprozess, geführt von dem sadistisch-fistelnden „Blutrichter“ Roland Freisler, auf Hitlers Befehl „wie Schlachtvieh“ in Berlin-Plötzensee aufgehängt wurden, wurden im Kinderheim Bad Sascha, unter falschem Namen und ihrer Identität beraubt, versorgt. Dass sie überlebten, lag weniger an der plötzlichen Güte des NS-Regimes, sondern an dem Kalkül, sie nach Einmarsch der Alliierten als Pfand zu nutzen. Rund 40 Attentatsversuche auf Adolf Hitler sind historisch belegt; 15 davon kamen über das Planungsstadium nicht hinaus. Das Schicksal, sein Ziel nur um Haaresbreite verfehlt zu haben, teilt der schwäbische Offizier mit dem KP-Sympathisanten und Kunsttischler Georg Elser, der im November 1939 unter Hitlers Redepult im Münchner Bürgerbräukeller eine selbst gebastelte Bombe platziert hatte. Ein perfider Zufall verhinderte das Attentat: Wegen dichten Nebels entschied der Führer damals, verfrüht aufzubrechen und statt des Flugzeugs den Zug für seine Rückreise nach Berlin zu nehmen. Acht Menschen wurden im Bürgerbräukeller getötet, 63 verletzt.

Eine Kette unglücklicher banaler Zufälle vereitelte auch das Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Zweimal war Stauffenberg im Juli zuvor bereits von seinen Mitverschwörern in letzter Minute wegen zu hohen Risikos und dem Fehlen Himmlers von der Ausführung abgehalten worden – am 11. Juli am Obersalzberg und am 15. Juli in der „Wolfsschanze“. Da Hitler noch am Nachmittag einen Besuch von Italiens Duce Benito Mussolini erwartete, stand er unter Zeitdruck und verlegte die Besprechung auf 12.30 Uhr vor, was für Stauffenberg wiederum fatal war. Mit der versehrten Hand konnte er nur mühsam den Zeitzünder der Bombe aktivieren und schaffte es nicht mehr, das zweite Strengstoffpaket zu positionieren. Die Explosion um 12.42 Uhr forderte vier Tote, Hitler kam mit leichten Schürfwunden und einer zerfetzten Hose davon.

Dass Claus Schenk Graf Stauffenberg heute nahezu als einzige Ikone des deutschen Widerstands gefeiert wird, ist so einleuchtend wie auch ein wenig unangebracht. Natürlich hatte Stauffenberg sein Leben für den Tyrannenmord eingesetzt, doch das taten hunderte andere ebenso, deren Gesichter und Namen nicht im kollektiven Gedächtnis vorhanden sind. Stauffenberg war der Mann der Stunde, weil er als Oberbefehlshaber des Ersatzheers als Einziger direkten Zugang zu Hitler hatte. Mastermind der Verschwörung war aber nicht er, sondern Henning von Tresckow, Generalmajor, der bereits 1938 nach den November-Pogromen Mitstreiter um sich sammelte und 1943 mit zwei Attentatsversuchen gescheitert war. Doch Stauffenberg eignete sich hervorragend als pittoresker Märtyrer: Er sah gut aus, war jung (zum Zeitpunkt des Attentats 42 Jahre alt), seine Kriegsversehrtheit potenzierte die Märtyrerkomponente, und seine adelige Herkunft, inklusive Kinderschar und liebender Gattin, garantierte Glamour und Emotionen. In jedem Fall ein attraktiverer Widerständler als der unscheinbare Elser.

Verräter-Stigma. Der Heldenkult setzte jedoch nicht sofort ein. Bis tief in die fünfziger Jahre galten Stauffenberg und seine Mitstreiter als „Vaterlandsverräter und Feiglinge“. Im Gegensatz zur Witwe des „Blutrichters“ Freisler mussten die Frauen der hingerichteten Verschwörer jahrelang um ihre Pensionen kämpfen, wie die 70-jährige Wibke Bruhns, Tochter des Mitverschwörers Hans Georg Klamroth, profil berichtet: „Meine Mutter musste bis 1957 um ihre Versorgung prozessieren.“

Die Rezeptionswende kam mit der 68er-Generation. „Da brauchte man dringend, im Zuge der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration, die von ihren Kindern für Nazis gehalten wurde, bessere Deutsche wie die ‚Weiße Rose‘-Mitglieder, Georg Elser oder eben die Truppe des 20. Juli“, so Wibke Bruhns. Das in den Familien selbst „lang anhaltende Trauma“, dass die Verschwörer oft jahrelang glühende Anhänger des Nationalsozialismus waren, wurde damals geflissentlich unterschlagen. Kritik dieser Art empfindet der deutsche Oscar-Preisträger Florian Henckel-Donnersmarck („Das Leben der anderen“) als destruktiv und überholt. „Es ist ein großes Glück für Deutschland“, vermerkt er, „dass der erfolgreichste aller Superstars der Siegernation sein Superstar-Licht auf jenen glanzvollsten Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte wirft.“

Paradoxon am Rande: Just der spätere Superstar des NS-Widerstands stand Modell für das erste Denkmal des idealen Soldaten, das vom Bildhauer Frank Mehnert 1934 exakt nach Stauffenberg modelliert worden war.

Der ORF bringt zum Kinostart von „Operation Walküre“ ein „Menschen & Mächte“-Spezial zum Anschlag vom 20. Juli 1944 (22.1., 23 Uhr) sowie die Film­biografie „Stauffenberg“ mit Sebastian Koch (23.1., 22.25 Uhr).

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer