Financial Times

Jeder berechnende Mensch weiß, dass dem anderen noch immer zu viel Geld bleibt.

Aller Reklame für minderwertige Glücksspiele zum Trotz liegt das Geld nicht auf der Straße. Und zwar deshalb nicht, weil es nach wie vor in den Säcken der Mindestdenker und Ausgleichsfühler steckt. Zuhauf sogar, sagen Statistiken, deren Zahlen über privates Vermögen jeden Finanzminister in Rage bringen müssen. Selbst fiskalische Lämmer, die es vorziehen, sich nicht über manches Hinterziehen zu ärgern, werden angesichts des immensen brachliegenden Kapitals zu Geiern.
So sieht sich auch Österreichs bekanntester Mittelscheitel, Karl-Heinz Grasser, zu seiner unsäglichen Verlegenheit gezwungen, auf die immer noch erstaunlich gestopften Mitmenschen zuzusegeln. Und weil er an das große Kapital nicht herankommt, rast er im Sturzflug auf die Brosamen zu.

Nichts läge diesem Herrn von Ehre und gewissen ebenso geraden Vögeln unter normalen Verhältnissen ferner, als das wenig Hab und Gut der einkommensschwächeren Mitglieder der Ableistungs-Gesellschaft anzutasten. Leider aber herrschen gerade keine normalen Verhältnisse, denn es herrscht Grasser über die wahrhaftig nun mit Recht so benannten Scheide-Münzen.

Er, der angeblich alle werden wollenden Schwiegermütter schon vom vornehm blassen Antlitz her zu Freudentränen rührte, treibt nicht nur ihnen seit guter Weile das Wasser in die Augen, deren Weißes er zu entnehmen bestrebt ist. Der aristokratisch schlanke Herr mit den sorglosen Umgangsformen eines einst wenig beaufsichtigten Junkers schien zwar schon drauf und dran, draufzugehen ob seiner persönlichen pekuniären Attitüden, doch er hat sich derrappelt und rappelt folglich vor sich hin.

Woran der Chimärchenprinz glaubt, ist das „Aber aus allem lässt sich Gewinn schlagen“. Herzensgut, wie er ist, erblickt er überall Mördergruben, die fiese Verweigerer ihm in den zwar nicht mehr kurzen, aber noch bündigen Weg graben wollen. So mussten dem auch partei-farblosen Wegelagerer die gelben Füchse dreist ins Aug stechen: „Die Post bringt vielen etwas“ – warum nicht auch ihm? Könnte er, in diesen financial times, nicht aus jedem Postfuchs eine cash cow machen? Dass der angehängte Begriff „Amt“ mit allfälligen Würden nichts mehr zu tun hat, weiß kaum einer besser als er. Was sollte ihn also davon abhalten, Erlöse aus dem Versand-Verkehr zu erzielen: Immerzu hält er zum Profit, von der alten staatlichen Verpflichtung hält er, was unter eine Briefmarke passt.

Das Schließen von Postämtern ist aber für einen Begehrer (das ist keine Steigerungsform) seelisch ungleich minder erquickend als das Erschließen neuer Steuern. Da aber der gern Hochwohlfahrende ein Freund jener Geistesverfassung ist, die sich unter „Reich und schön“ telegen zusammenraffen lässt, ist er nicht wirklich unglücklich darüber, dass die Vermögensteuer als Marginalsteuer abgeschafft wurde. Er greift statt in abgeschiedene Herrschaftshäuser hinein ins volle Menschenleben, er hat den Wirtshaustisch entdeckt. Denn, so wurde ihm von getreuen Lakaien zugemunkelt, dortselbst werde er nicht nur ausgerichtet, sondern auch insofern ausgenommen, als die Kellner über das Zehrgeld hinaus noch weiteres Geld einnehmen: das Trinkgeld.

Das musste einer so peniblen Natur wider diese gehen. Darum wurden alle schriftlich ausgewiesenen Trinkgelder als zu versteuernde Einnahmen punziert. Vergangene Woche wurde der Bannfluch noch ausgeweitet: Grasser lässt sich nicht über den Tisch ziehen, auf den Trinkgelder bar hingelegt werden. Obwohl es sich dabei um freiwillige Spenden des Gastes handelt, soll es bald heißen: „Ober, zahlen!“

Diese Ranküne, so fordert es das gesunde Rechtsempfinden, dürfte nicht singulär bleiben. Soll nur das Servierpersonal die Zeche für einen Abgabenrausch zahlen? Bei exaktem Hinsehen fällt auf, dass der Maut-Marder schon nach diesem ersten Schluck Wahrnehmungsstörungen haben muss.

Denn alle Vielbefahrer der öffentlichen Bahnen und Busse müssten mit einer Umsatzsteuer belegt werden: sie beanspruchen während ihrer Fahrt verschiedene Sitzplätze, setzen sich also dauernd um. Eine Luftsteuer wäre für alle fällig, die in kurort-ähnlichen Gegenden einatmen. In größeren Gemeinden hingegen könnte eine Infrastruktur-Steuer dafür verlangt werden, dass die dort Befindlichen alles bequem erstehen können (die beiden Letztgenannten sind wie Luxussteuern einzustufen). Jeder Mensch, der in diesem Land seinen Platz verlässt, müsste mit einer Fortbewegungssteuer belegt werden, weil jegliche Bewegung alle Ressourcen rascher abnutzt. Bei ständigem Stillstand, während dessen der darunter liegende Fleck ruiniert wird, ist eine Verharrungssteuer einzuheben. Da jeder täglich öffentliche Grundflächen benützt, sollte eine allgemeine Bodensteuer eingeführt werden. Betrübliche Tatsache ist auch, dass alle Menschen in der Öffentlichkeit Laute (reden) oder Geräusche (gehen) von sich geben, sodass sie individualmitteilungssteuerpflichtig würden. Wer das BNP mutwillig stundenlang verschnarcht, zahlte eine Schlafsteuer.

Es wird Karl-Heinz Grasser schon was einfallen. Schade, dass er sein Amt nicht von Gott bekommen hat.