Whiskeylehren: Wo bleibt die Inflation?

Finanzkrise - Whiskeylehren: Wo bleibt die Inflation?

Quer über den Globus fluten die Notenbanken seit Ausbruch der ­Finanzkrise die Märkte mit Geld. Eigentlich müsste dieses Experiment zu Geldentwertung führen – doch das Gegenteil ist der Fall. Wo bleibt die Inflation?

Lauwarmes, leicht abgestandenes Bier ist nicht gerade ein Hochgenuss. Dennoch kann die Entscheidung gegen Frischgezapftes ökonomisch grundvernünftig sein – befand zumindest John Maynard Keynes. Der Wirtschaftswissenschafter übte sich in den 1920er-Jahren in Alltagsökonomie und urteilte: Wer in Deutschland oder Österreich Bier trinken will, bestellt sich klugerweise gleich zwei auf einmal. Denn das Risiko, dass sich der Preis nach Leeren des ersten Glases schon verdoppelt hat, ist einfach zu groß.

Die kniffelige Wahl zwischen warmem oder teurem Bier war damals, im Jahr 1923, noch das geringste Problem. In Deutschland und Österreich grassierte Hyperinflation und trieb die Preise grotesk nach oben: Zwischen Juni und Dezember 1923 explodierten die Kosten für ein Ei von 800 Reichsmark auf 320 Milliarden, jene für eine Straßenbahnfahrt von 600 Reichsmark auf 50 Milliarden – und als Inflationsrate wurden 22 Milliarden Prozent (Deutschland) und 1733 Prozent (Österreich) gemessen.
Die Bilder von vor 100 Jahren, als Arbeiter wegen der Geldentwertung zwei Mal täglich bezahlt wurden, ihr Gehalt in Scheibtruhen heimkarrten, Kinder mit wertlosen Geldscheinen spielten und das Vermögen ganzer Bevölkerungsschichten sprichwörtlich über Nacht wertlos wurde, haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Seit damals, als Deutschland und Österreich immer schneller immer mehr Geld druckten, um ihre Kriegsschulden bezahlen zu können, gilt als eiserne wirtschaftliche Grundregel: Wenn Staaten ihre Notenpressen anwerfen, dann ist Inflation die unausweichliche Folge. So lernt das jeder Ökonomiestudent im ersten Semester.

Dieses Einmaleins der Wirtschaftswissenschaften scheint derzeit außer Kraft. Die Gesetze der Ökonomie werden in milliardenteuren Experimenten gerade neu geschrieben.

„Das ist in der Tat ein Rätsel"
Unter martialischen Codenamen wie „Dicke Bertha“, „Bazooka“ oder „Operation Twist“ passiert seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise vor fünf Jahren quer über den Globus dasselbe: Die Notenbanken fluten die Märkte mit Geld. Die US-amerikanische Fed pumpt Monat für Monat 85 Milliarden Dollar in Wertpapiere, die japanische Notenbank druckt gnadenlos Yen und die Europäische Zentralbank (EZB) kauft Anleihen der Krisenstaaten. Insgesamt haben sich die Bilanzen der Notenbanken seit Anfang 2007 auf zehn Billionen Dollar verdreifacht. Gleichzeitig schrammen die Zinsen mittlerweile an der Null-Prozent-Marke. So viel und so billiges Geld wurde seit Jahrzehnten nicht in den Wirtschaftskreislauf gepumpt.
Bloß: Wo bleibt eigentlich die Inflation? „Das ist in der Tat ein Rätsel. Offenbar gelten manche Mechanismen seit der Krise nicht mehr“, seufzt Florian Wakolbinger von der Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsforschung.

Dabei war Jürgen Stark, der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, vor einem Jahr noch felsenfest überzeugt: „Wir wissen, dass jede besonders starke Expansion der Zentralbankbilanz zu Inflation führt“, protestierte er lautstark gegen die Geldflut der EZB – und trat sogar von seinem Posten zurück.

Tatsache ist, dass bisher das Gegenteil der befürchteten Geldentwertung stattfindet: Die Inflation in der Eurozone sinkt und dümpelt derzeit bei 1,1 Prozent dahin, dem niedrigsten Wert seit Februar 2010. Auch in den USA ist die Teuerung mit rund einem Prozent so gering wie seit den Zeiten von Präsident John F. Kennedy nicht mehr.

Irrte Stark also? Und mit ihm eine ganze Riege renommierter Ökonomen, die seit Monaten nicht müde wird, vor der Inflationsgefahr zu warnen?
Auf diese Fragen antwortet Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, mit einem entschiedenen Jein. Und argumentiert, dass die Ängste zwar heillos übertrieben, aber nicht völlig unberechtigt waren: „Inflation findet sehr wohl statt – nicht klassisch bei den Gütern, aber bei Vermögen. Die Immobilienpreise etwa steigen sehr stark, auch auf den Aktienmärkten und bei Wertpapieren ist eine ähnliche Tendenz feststellbar.“

Die Inflationsrate hingegen bildet vor allem ein Bündel von Verbraucherpreisen ab und lag zuletzt in Österreich bei 1,7 Prozent. Gefühlt allerdings ist die Inflation wesentlich höher – was auch nicht ganz falsch ist, denn die Preise für Nahrungsmittel etwa stiegen binnen eines Jahres um vier Prozent. Dazu kommt ein weiterer Effekt: Die niedrigen Zinsen lassen die Spareinlagen stetig dahinschmelzen. Geldentwertung findet also statt, wenn auch auf anderen Ebenen.

Ob die alte Grundregel der Monetaristen – mehr Geld führt zu mehr Inflation – noch ihre Gültigkeit hat, wird derzeit in Japan erprobt. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt startete im April den größten Feldversuch der jüngeren Wirtschaftsgeschichte: Die Bank of Japan will binnen zwei Jahren den Geldumlauf auf zwei Billionen Euro verdoppeln und so gezielt Inflation auslösen, um endlich aus der zwei Jahrzehnte andauernden Wirtschaftsflaute zu kommen. Bisher hieß Japans Problem Deflation. Die dortige überaltete Gesellschaft konsumierte zu wenig. Das soll geändert werden – mit teils skurrilen Methoden: „Kaufen Sie jetzt ein Grab! Sie brauchen dafür eine Vorlaufzeit von zwei bis drei Monaten“, wird etwa im Fernsehen geworben.

Kann so die Inflation angekurbelt werden?

„Notfalls unbegrenzt“
Herbert Walther findet das japanische Experiment des Gelddruckens jedenfalls „hochinteressant“. Er ist Volkswirt an der Wiener Wirtschaftsuniversität und seziert mit wissenschaftlicher Akribie, dass „sich die Geldpolitik auf neuem Terrain bewegt und die Fehler der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zu vermeiden versucht“.
In der Tat reichten letztlich zwei Wörter von EZB-Präsident Mario Draghi, um die Eurokrise zu entschärfen. „Notfalls unbegrenzt“ werde die Zentralbank Staatspapiere der taumelnden Südländer kaufen, hatte er vor einem Jahr angekündigt. Seither ist, so scheint es, der Euro aus dem Gröbsten raus, und Draghi gilt als „Super-Mario“ – der, mit einer gewissen Zeitverzögerung, der Politik seines amerikanischen Pendants Ben Bernanke folgt. Nicht ohne Grund wurde der scheidende Chef des US-Zentralbanksystems Fed „Helicopter-Ben“ genannt – weil er quasi mit dem Hubschrauber Dollarnoten über den Vereinigten Staaten abwirft.
Ökonom Walther glaubt zu wissen, warum diese Geldschwemme allen Unkenrufen zum Trotz bisher nicht zu Inflation geführt hat: „Das Geld der Notenbanken kommt in der realen Wirtschaft kaum an. Die Banken reichen es kaum an Unternehmen und Haushalte weiter.“ Dafür gibt es gute Gründe: Die Banken müssen ihre Bilanzen schrumpfen, um die neuen Auflagen zu erfüllen und Stresstests zu bestehen. Daher herrscht, trotz der Billion Euro, die von der EZB seit 2011 den Banken nahezu kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, in weiten Teilen Europas nach wie vor die „Kreditklemme“. Damit verfehlt die Geldschwemme der Notenbanken zwar ihren erwünschten Effekt – sie kurbelt die Wirtschaft nicht an, weil nicht mehr Kredite vergeben werben. Lässt aber auch die Inflation nicht steigen.

Zumindest vorerst.

Denn die Schwarzmaler sind überzeugt: Das Schlimmste kommt noch, der Fluch des billigen Geldes ist unausweichlich.

Geld zu drucken, ist vergleichsweise einfach und vor allem für Staaten überaus komfortabel, weil sie ohne jegliche Reform-anstrengung ihre Schulden reduzieren können. Die wirklich hohe Kunst besteht darin, den Märkten das „süße Gift“ rechtzeitig wieder zu entziehen – bevor sich durch die Geldschwemme wieder Immobilien- oder Aktienblasen bilden und die nächste Finanzkrise auslösen. Denn gerade bei niedrigen Zinsen gehen Investoren immer riskantere Wetten ein, um noch ein paar Prozent Rendite einzufahren.

„Wenn die amerikanische Fed nicht bald die Wende einläutet, wird es sehr unkomfortabel“, analysiert Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria. Die US-Notenbank sieht das genauso. Ben Bernanke hat bereits im Mai angekündigt, die Geldmengen zurückzufahren und die Zinsen langsam anzuheben.

Das Problem ist bloß: Selbst diese vage Ankündigung reichte für veritable Turbulenzen – vor allem in den Schwellenländern, die vom billigen Geld abhängig sind. Allein die Erwartung, dass Geld abgezogen werden könnte, ließ im Sommer die bisherigen Wachstumsmotoren ins Taumeln geraten: Aktienkurse in Indien, China und Brasilien taumelten, in Indonesien und Thailand stürzten die Währungen ab. Und sofort war die Erinnerung an die Asienkrise der 1990er-Jahre da, die durch eine Zinsanhebung der Fed ausgelöst worden war. Geschockt verkündete Bernanke im September den Ausstieg vom Ausstieg. Vorerst bleiben die Zinsen niedrig und die Notenpresse läuft auf Hochtouren. Auf Bernankes Nachfolgerin Janet Yellen, ab Februar im Amt, kommt die Gratwanderung zu, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg zu finden.

Oder, wie es ein anderer Zentralbanker – Ex-Fed-Chef William McChesney Martin – mit einem Faible für andere Alkoholanalogien formuliert hat: „Eine Zentralbank muss den Schlüssel zum Whiskeyschrank wegsperren, bevor die Party richtig in Schwung kommt.“

+++ Lesen Sie hier: Benya-Formel: Zwischen den Sozialpartnern fliegen die Fetzen +++