Finanzmärkte: Gulasch-Kapitalismus

Nach der Übernahme der Budapester Börse richtet die Wiener Börse AG ihren Blick nun nach Warschau. Die Expansion verlangt viel taktisches Geschick.

Die ungarischen Journalisten sind skeptisch. Da sitzt am Donnerstag vergangener Woche eine Hand voll österreichischer Banker und Börsenmanager unter einem überdimensionalen Gemälde von Kaiserin Sisi und versucht, ihnen glaubhaft zu machen, dass die überraschende Übernahme der Budapester Börse durch die Wiener Börse AG und einige österreichische Banken nichts Böses bedeute. Nein, der ungarische Wertpapierhandel gerate nicht in ausländische oder gar feindliche Hände, wird den Medienleuten hier in der Zentrale der HVB Hungary, der ungarischen Tochtergesellschaft der Bank Austria Creditanstalt, versichert. „Eine Fusion kommt nicht infrage, die Budapester Börse bleibt eigenständig“, beteuert HVB-Hungary-Vorstandschef Matthias Kuntsch in perfektem Ungarisch. Und Stefan Zapotocky, Vorstand der Wiener Börse AG, sekundiert: „Für Österreich ist Ungarn nicht Ausland, und umgekehrt ist das hoffentlich auch so.“ Auch dem ungarischen Finanzminister Tibor Draskovic, der sich nach der Pressekonferenz per Handy bei Kuntsch meldet, wird versichert, dass die Wiener keine Verschmelzung oder gar Schließung der Budapester Börse planten.

Ängstlich darauf bedacht, nur ja keine antiösterreichischen Ressentiments zu wecken, hat die Wiener Börse mit dem Budapester Deal ihre seit langem geplante Expansion nach Osteuropa eingeleitet. Damit hat sie auch schon für die nächste Runde in der europaweiten Konsolidierung der Börsenbetreiber Stellung bezogen: Das Match um die Warschauer Börse, das ebenso viel taktisches Gespür erfordert, soll noch heuer steigen. Bis dahin will die Wiener Börse durch ihre Aktivitäten in Ungarn Werbung für sich machen.

Mit dem Erwerb der Budapester Börse, der in der Rekordzeit von zehn Tagen durch die HVB Hungary ausgehandelt wurde, ist den Österreichern ein echter Coup geglückt. Um 20 bis 30 Millionen Euro haben sie zur Überraschung der Konkurrenz mehrere Aktienpakete des Börsenbetreibers von ungarischen Finanzinvestoren gekauft. Die Gruppe, bestehend aus der Wiener Börse und mehreren österreichischen Banken (neben der HVB Hungary sind auch die Oesterreichische Kontrollbank sowie die in Osteuropa stark vertretenen Erste Bank und Raiffeisen Zentralbank beteiligt), hält nun knapp 69 Prozent an der ungarischen Börse (siehe Grafik Seite 50). „Die Gesichter der Konkurrenz möchte ich jetzt sehen“, triumphiert ein HVB-Manager, nachdem die ungarischen Journalisten abgezogen sind. Denn auch die Börsen in Frankfurt und Paris sowie die größte ungarische Bank OTP sollen an der Budapester Börse interessiert gewesen sein.

Wie die Zusammenarbeit zwischen der Wiener und der deutlich kleineren Budapester Börse konkret aussehen soll, ist laut Stefan Zapotocky noch nicht entschieden. Dem umtriebigen Wiener-Börse-Chef, der ab sofort in Budapest maßgeblichen Einfluss haben wird, schweben jedenfalls eine gemeinsame Vermarktung und eine Angleichung der elektronischen Handelssysteme vor. Und wachsen sollen sie rasant: „Wir wollen in vier Jahren gemeinsam 100 Milliarden Euro Marktkapitalisierung erreichen“, so Zapotocky. Ein sehr ehrgeiziges Ziel, wie er selbst zugibt: Derzeit hält man in Summe erst bei knapp unter 70 Milliarden Euro.

Konsolidierung. Wien fügt sich mit der Expansion in einen europaweiten Trend: Durch die Einführung elektronischer Handelssysteme, die den Börsenhandel weit gehend ortsunabhängig machen, und die Euro-Währungsunion hat sich der Wettbewerb zwischen den europäischen Börsenbetreibern verschärft. Sie suchen ihr Heil daher in Fusionen und Kooperationen:

  • Die Börsen Paris, Amsterdam und Brüssel schlossen sich 2000 zur Euronext zusammen, 2002 kamen die portugiesische Börse sowie die Londoner Derivatbörse Liffe hinzu. Euronext ist damit hinter London und vor Frankfurt Europas zweitgrößte Börse.
  • In Nordeuropa soll die Börsenallianz Norex schrittweise zu einer großen Regionalbörse verschmelzen. Die Betreiber der Stockholmer Börse, die OM-Gruppe, übernahmen 2003 die Börse Helsinki, unter deren Fittichen auch die baltischen Handelsplätze Riga (Lettland) und Tallinn (Estland) stehen. Kooperationen gibt es außerdem mit Oslo, Kopenhagen, Reykjavík (Island) und seit kurzem auch mit Litauen.
  • Die Chefin der London Stock Exchange, Clara Furse, entfachte jüngst auch wieder Gerüchte über eine Partnerschaft mit der Deutschen Börse. Gespräche zwischen London und Frankfurt sind vor wenigen Jahren schon einmal gescheitert.

Börsenexperten wie Gerhard Fink, Ökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien, erwarten, dass der Trend zur Konzentration der derzeit etwa 30 europäischen Börsen noch eine Weile anhalten wird: „Langfristig werden nur sechs bis acht Börsenstandorte übrig bleiben“, schätzt er. „Ich hoffe sowohl für die Wiener als auch für die Budapester Börse, dass das nur der erste Schritt war und noch weitere folgen.“

In den kommenden Monaten wird die Börsenwelt gebannt die Entwicklungen in Warschau verfolgen. Die dortige Börse, die sich noch zur Gänze in Staatsbesitz befindet, hat bisher allen Umwerbungen beharrlich widerstanden. Börse-Präsident Wieslaw Roz?ucki sähe sein Haus am liebsten weiterhin unabhängig. Doch die Regierung will die Warschauer Börse noch vor dem Sommer zur Privatisierung ausschreiben, und mehrere große Player – allen voran die Euronext – haben ihr Interesse bereits bekundet.

Expansionspläne. Auch die Österreicher machen kein Hehl aus ihren Einstiegsplänen. „Warschau wäre zweifelsohne attraktiv“, sagt Börse-Chef Zapotocky. Bei einem etwaigen Engagement könnte er mit Unterstützung durch die österreichischen Banken rechnen. „Aber jetzt müssen wir erst einmal in Budapest zeigen, wie wir uns solche Partnerschaften vorstellen.“ Zapotockys Dogma: Auch nach einer Übernahme sollen die Börsen ihre Eigenständigkeit und Kultur weit gehend erhalten und sich um die Bedürfnisse der lokalen Unternehmen kümmern. Große Börsenfusionen hält er nicht für sinnvoll: „Das Kapital soll in der jeweiligen Region bleiben und nicht in wenige Zentren transferiert werden.“ Auch Börsenexperte Fink sieht die Eigenständigkeit als Bedingung für den Erfolg: „Wenn die Bereitschaft da ist, die Interessen der jeweils anderen Börse zu sehen, ist das ein guter Anfang.“

Mit dem Argument der relativen Unabhängigkeit hofft Zapotocky, Warschau von einer Kooperation mit Wien zu überzeugen. Und das wäre noch nicht das Ende: Seit drei Jahren schon umgarnt der Wiener-Börse-Chef auch seine Kollegen in Prag, Bratislava und Ljubljana mit der Vision eines mitteleuropäischen Börsenverbunds.

Skepsis. Doch die Osteuropäer – allen voran Prag – begegnen den Ideen aus Österreich mit einer gehörigen Portion Skepsis. Zum einen behagt ihnen die Idee nicht, dass Wien sich in k. u. k. Manier als Zentrum geriert. Und zum anderen ist die Idee einer Osteuropabörse in Wien schon einmal spektakulär gescheitert. Mit der Gründung der Newex-Börse, einem Joint Venture aus Wiener Börse und Deutscher Börse, sollte Wien im Herbst 2000 zur Drehscheibe für den Handel mit osteuropäischen Aktien gemacht werden. Doch Newex geriet zum Flop. „Das Timing war katastrophal schlecht und das Aktienangebot nicht attraktiv“, erinnert sich eine Mitarbeiterin der Wiener Börse. Ein echter Handel kam nie zustande, und so wurde die Newex schon wenige Monate später sang- und klanglos zu Grabe getragen. „Das Problem war, dass unsere Nachbarländer davon völlig ausgeschlossen waren“, meint Stefan Zapotocky und ortet die Schuld bei seinen Vorgängern: Das Newex-Projekt sei noch vor seinem Amtsantritt als Börsevorstand im Jahr 2000 gestartet und auf sein persönliches Betreiben hin beendet worden.

Der Stil ist heute ein anderer: Zapotocky weiß, dass Triumphgeheul über den Budapester Deal seiner Sache schaden würde. „Wir müssen enorme Rücksicht auf lokale Befindlichkeiten nehmen“, meint er und übt sich schon auf der Rückfahrt von Budapest nach Wien in Wirtschaftsdiplomatie. Per Handy beeilt sich der Chef der Wiener Börse, seinen Kollegen in Prag, Bratislava, Laibach und Warschau zu erklären, dass er friedliche Absichten hege: „Das ist keine feindliche Übernahme, sondern eine freundschaftliche Partnerschaft“, erklärt er den Budapester Deal immer wieder. Fast klingen seine intensiven Versuche, alle Ängste zu zerstreuen, als habe er ein schlechtes Gewissen. Doch offenbar wirkt seine Methode: Am Ende des Telefonats mit dem polnischen Börse-Chef Wieslaw Rozlucki steht eine Einladung nach Warschau. Die Expansion auf Samtpfoten geht weiter.