Finanzmetropole London und die Krise:
'City' kommt mit ein paar Kratzern davon

Die Wirtschaft rutscht immer tiefer ab. Das Zentrum der Krise jedoch, die Weltfinanzmetropole London, kommt mit ein paar Kratzern davon.

Ruth Reitmeier, London

Die Londoner City ist das größte Finanzzentrum der Welt, umsatzstärker noch als die New Yorker Wall Street. Das machte sie zu einer Hauptbühne der Krise. Hier blühte der Handel mit wertlosen Papieren, von hier aus nahm seinen Lauf, was der Weltwirtschaft nun so epochal zu schaffen macht. Und in dieser Stadt, die sich wie keine andere aus dem Finanzgeschäft nährt, finden sich die vermeintlich Schuldigen: die „City Boys“, wie Banker, Trader, Analysten genannt werden. Geht die Welt unter, muss es London zuallererst und mit voller Wucht erwischen. So würde man meinen. Aber die Realität sieht anders aus. Die Krise kennt keine faire Verteilung der Lasten. „Es ist jetzt überall schlimm, doch in London ist es deutlich weniger schlimm als anderswo“, kommentiert Bürgermeister Boris Johnson die aktuelle Lage.

Morgens und abends ist die London Underground zum Bersten voll. Dass die Menschen nach wie vor zur Arbeit fahren, zeigen auch die jüngsten Daten: London ist zwar nicht krisenimmun, doch die statistischen Kurven verlaufen sanfter als im übrigen Königreich: Die Arbeitslosigkeit steigt langsamer, die Beschäftigung ist stabiler. „Es ist verblüffend,“ sagt Tony Travers von der London School of Economics (LSE) im Gespräch mit profil: „London hat von der Rezession bisher am wenigsten abbekommen.“
Großbritannien hat es indes hart getroffen. Die aktuellen Zahlen sind katastrophal, die Trends fatal: Die britische Wirtschaft schrumpft rasant. Minus 3,5 Prozent lautet die Regierungsprognose des Bruttoinlandsprodukts für 2009. Das Centre for Economics and Business Research (CEBR) geht bereits von minus 4,5 Prozent aus. Bis Jahresende wird mit drei Millionen Arbeitslosen gerechnet. Und als ob die ausufernden Staatsschulden nicht schlimm genug wären, fliegt in dieser Situation auch noch der Spesenritterskandal britischer Abgeordneter auf. Premierminister Gordon Brown ist schwer angeschlagen. Labours tiefer Absturz stand schon vor den Europa- und Kommunalwahlen der vergangenen Woche fest.

Angst. Auch die „bösen Banker“ kommen, wie es scheint, nicht ungestraft davon. Seit dem Crash wird in der City rationalisiert. Viele Unternehmen haben zugesperrt, Banken wurden verstaatlicht, Boni drastisch gekürzt, eine ganze Branche ist diskreditiert. In Canary Wharf, wo die größten Banken der Welt ihre Bürotürme errichtet haben, ist Lunchtime. Die Parkbänke sind besser besetzt als die Restaurants. Junge Menschen im dunklen Anzug oder im Kostüm essen Sandwiches. „Angst hat hier jeder, doch was bringt es, ständig daran zu denken. Man lebt damit“, sagt eine Bankerin.

Im Vorjahr hat die Krise 30.000 Londoner Bankern den Job gekostet, heuer dürften noch einmal so viele dazukommen, prognostiziert das CEBR. „Mitleid müssen Sie aber keines haben“, meint Saul Estrin. Der Professor lehrt Management an der LSE. Viele Banker hätten so enorm gut verdient, dass sie nie wieder arbeiten müssen. Estrin: „In meinem Wohnviertel leben eine ganze Menge mittlerweile arbeitslose Banker. Einer meiner Nachbarn erholt sich davon, wie ich höre, an seinem Zweitwohnsitz auf Barbados.“

Fröhliches Stempeln. Wenn Londoner Top-Banker stempeln gehen, klingt das so: „Ich habe den Markt sondiert, lerne Italienisch, arbeite an Rückhand und Handicap“, sagt William, mehrfach ausgezeichneter Analyst, der im Herbst 2008 seinen Job verlor. Im korrekten Freizeitlook sitzt der 45-jährige im Regency-Salon in seinem Haus im Londoner Stadtteil Islington. Er wirkt weder frustriert noch besorgt. Der Unterschied zum gemeinen Arbeitslosen: Dieser Mann braucht kein Geld mehr. Dennoch wird er im Herbst in die Geschäftswelt zurückkehren, eine neue „Herausforderung“ ist so gut wie ausverhandelt. Er will schließlich nicht, dass seine Kinder mit einem Vater aufwachsen, der zu Hause herumsitzt.

Die Modekette Dorothy Perkins erfindet den Abverkauf täglich neu. 15 Prozent Studentenrabatt gewährt sie auf gekennzeichnete Ware, nur einen Tag später gilt: minus 20 Prozent für alle auf alles. Es liegt wohl nicht am Achtziger-Jahre-Look, der wieder angesagt ist. In der Rabattschlacht der Retailer zeigt sich, dass sich auch London nicht vollständig vom Trend abkoppeln kann. Der Konsum stockt, zumal bei der Middle Class die Kreditkarte schon seit dem Vorjahr fester sitzt. „Die Leute haben ihre Ausgaben um zehn bis 15 Prozent heruntergefahren. Gespart wird bei den Dingen, auf die man leicht verzichten kann“, sagt David. „Im Fitnessclub brauche ich für den Schönheits­salon längst keinen Termin mehr“, erzählt Davids Frau Susan. Das Polish Center um die Ecke, Treffpunkt und Jobvermittlung für Kindermädchen, Putzfrauen und Handwerker, hat vor einiger Zeit dichtgemacht. Den Kaufkraftschwund spüren auch Taxifahrer und die Gastronomie. Den vollen Druck des Arbeitsmarkts kriegen indes andere ab. Es sind Städte mit Industrietradition, die sich von früheren Rezessionen niemals richtig erholt hatten. Den stärksten Zuwachs an Arbeitslosen melden Birmingham, Leeds, Glasgow, Sheffield, Hull und Manchester.

LSE-Experte Travers nennt ein paar Gründe, warum für London andere Regeln gelten: Der Finanzsektor ist zwar der wichtigste Wirtschaftsmotor der Stadt, Banking jedoch bei Weitem nicht die einzige Profession, die gutes Geld abwirft. In London bieten international tätige Anwaltskanzleien, Versicherer, Steuerberater, Headhunter ihre Dienstleistungen feil. Hinzu kommen die Einnahmen aus dem Tourismus. Der Ballungsraum London und die umliegende Region South East beheimatet Europas höchste Konzentration an Privatunternehmen. Gut 40 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts werden hier erwirtschaftet. Travers: „Und der vielleicht wichtigste Punkt: London hat sich längst globalisiert und zieht unermüdlich talentierte Menschen aus aller Welt an.“

Die Öffentlichkeit ist dennoch alarmiert und fragt sich, ob London den Status als führende Finanzmetropole beibehalten kann oder aus der Stadt eine zwar kosmopolitische, aber zugleich abgewrackte Metropole ähnlich wie New York in den siebziger Jahren wird. Wird sich Großbritannien im Zuge ökonomischer Verschiebungen geopolitisch in der Bedeutungslosigkeit wiederfinden und eines Tages gar glücklich schätzen, wenigstens als Mitglied der Europäischen Union mitreden zu können? Diese schaurigen Visionen beschäftigen die Kommentatoren der britischen Presse. Neue Geschäftsmodelle seien gefragt, London müsse sich diversifizieren.

Die City bleibt. In ihrer Blütezeit spülte die Londoner City 14 Prozent der gesamten Steuereinnahmen in die Kasse des Schatzkanzlers. „Man sagt uns, der Finanzsektor wird nicht mehr so dominant sein wie in den vergangenen zehn Jahren“, meint Bürgermeister Johnsons Wirtschaftssprecher Anthony Browne. Wie groß die Lücke sein wird, die um die City in ihrer abgespeckten Form und stärker kontrollierten Zukunft klafft, wagt niemand zu prognostizieren. Als gesichert gilt: Die City wird weniger ab­werfen, doch darauf kann nicht verzichtet werden.

Die Gesundung des Finanzsektors ist von nationalem Interesse. Das ganze Land hängt am Tropf der Londoner Leitindustrie. Laut Travers exportierte London mitsamt umliegendem Einzugsgebiet jährlich bis zu 20 Milliarden Pfund an Steuergeldern in strukturschwache Regionen, die sich ohne diese Transferleistungen weit weniger Sozialstaat hätten leisten können.

„Am erstaunlichsten finde ich den Mangel an Reaktionen“, sagt Travers. „Im Grunde will hier jeder wieder in die Welt vor der Krise zurück.“ Selbst die Systemkritik von links außen erschöpfe sich in Gedanken zum „Soft Capitalism“. Die Frage, ob die jungen Leute, die er an der LSE ausbildet, vom Investmentbanking die Nase voll hätten, kostet Professor Estrin ein Lachen. „Das ist doch alles, was sie wollen“, sagt er.