Finanzplatz Osteuropa: Grenzerweiterung

Versicherungen. Österreichs Assekuranzen erwirtschaften bereits nennenswerte Anteile ihres Geschäfts in Osteuropa. Trotz wachsender Konkurrenz bleiben die Expansionspläne ambitiös. Die aktuellen Ziele heißen Serbien, Rumänien und Russland.

Die jüngste Zielregion wurde vor rund zwei Wochen angepeilt: Um 16 Millionen Euro erwarb die Uniqa Versicherungen AG Ende März 80 Prozent an der serbischen Versicherung Zepter Osiguranje, die im Vorjahr ein Prämienvolumen von 17 Millionen Euro erzielte. Demnächst will Uniqa-Chef Konstantin Klien auch den Rest von Zepter, der fünftgrößten Versicherung Serbiens, übernehmen. Als nächstes Land soll die Ukraine ins Portfolio der Uniqa aufgenommen werden. Die österreichische Assekuranz hat mit den Aktionären von Credo-Classic, der sechstgrößten Versicherung der Ukraine, Anfang April die schrittweise Übernahme der Mehrheit vereinbart. Zunächst hält Uniqa 35 Prozent, bis 2009 soll die Beteiligung laut Vertrag auf 75 Prozent aufgestockt werden. „Damit sind wir in 16 Ländern mit insgesamt rund 320 Millionen Einwohnern und sehr hohem Wachstumspotenzial vertreten“, erläutert Klien den aktuellen Stand der Expansion in Zentral- und Osteuropa.

Nach Serbien drängt auch die Generali Group: Im März gab der Versicherungskonzern die Übernahme von 50 Prozent plus einer Aktie der Delta Osiguranje bekannt. Das Prämienaufkommen von Delta betrug 2005 rund 40 Millionen Euro, was „gegenüber dem Jahr davor mehr als einer Verdoppelung“ entsprach, sagt Werner Moertel, für Zentral- und Osteuropa zuständiger Vorstand der Generali Holding Vienna. Auch das Neukundenwachstum des serbischen Versicherers, der Nummer drei am dortigen Markt, sei mit mehr als 145.000 neuen Versicherungsnehmern, was einem Plus von rund 25 Prozent entspreche, durchaus erfreulich gewesen.

Serbien scheint zurzeit überhaupt ein attraktiver Markt für Österreichs Assekuranzen zu sein: Bis Mitte 2007 plant auch die s Versicherung den Markteintritt. Momentan verhandelt deren Vorstand Erwin Hammerbacher mit der serbischen Versicherungsaufsicht die Bedingungen für die Neugründung einer Versicherung. „In Kroatien haben wir eine Vorlaufzeit von zehn Monten nach der Entscheidung zum Markteinstieg gebraucht“, meint Hammerbacher, „in Serbien könnte es dank der Erfahrung noch schneller gehen.“

Neue Initiativen. Galten die Staaten Zentral- und Osteuropas traditionell vor allem als Hoffnungsmärkte für Österreichs Banken, fallen zuletzt immer häufiger auch entsprechende Aktivitäten der Versicherungswirtschaft auf. So verlautbarte die Wiener Städtische im vergangenen Monat gleich zweimal eine neue oder zusätzliche Beteiligung. Zuletzt gab der Finanzkonzern, der auch in Serbien tätig ist, bekannt, seine Beteiligung an der rumänischen Omniasig aufzustocken: Die Wiener Städtische erwirbt aus dem Besitz der rumänischen Erste-Bank-Tochter BCR zusätzliche 21,16 Prozent des Versicherers, womit sich die Beteiligung auf mehr als 93 Prozent erhöht.

„Der weitere Ausbau unserer Marktposition in Rumänien ist aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll“, befindet Generaldirektor Günter Geyer. „Die Prämiensteigerungen sind signifikant, es ist eine Marktbereinigung im Gange, und Omniasig zählt zu den wichtigsten und sichersten Versicherungsunternehmen des Landes.“ Überdies erhielt die Wiener Städtische von der polnischen Aufsichts- und Kartellbehörde jüngst grünes Licht für den Erwerb von rund 63 Prozent des dortigen Versicherers Cigna Stu. „In zwei weiteren Ländern, nämlich Russland und Georgien, treten wir gerade in den Markt ein, damit ist unsere geografische Expansion weit gehend abgeschlossen“, berichtet Geyer. Auch die Grazer Wechselseitige ist bereits in zehn osteuropäischen Ländern aktiv. Zuletzt erfolgte 2004 der Einstieg in Moldawien und Montenegro.

„Österreichs Versicherungswirtschaft ist seit mehr als 15 Jahren in Mittel- und Osteuropa tätig und zählt heute zu den führenden Investoren der Region“, urteilt Louis Norman-Audenhove, Generalsekretär des Österreichischen Versicherungsverbandes. Der erste österreichische Markteintritt erfolgte 1989 in Ungarn, wenige Monate später folgten die Tschechische Republik und die Slowakei.

Heute sind österreichische Versicherer mit mehr als 70 Tochtergesellschaften in 13 Ländern des Ostens tätig. Einige der Assekuranzen erwirtschaften bereits bis zu einem Drittel ihres Prämienvolumens in Mittel- und Osteuropa. In Rumänien, der Tschechischen Republik und der Slowakei liegt der Marktanteil österreichischer Versicherer zwischen 30 und 40 Prozent, in Kroatien und Slowenien sind heimische Versicherungsunternehmen die größten ausländischen Investoren. Wie rasch Aktivitäten in diesen Regionen zu bedeutenden Geschäftsfeldern werden können, zeigen gerade die „Newcomer“: So ist die s Versicherung erst seit 2000 in Osteuropa tätig, lukriert aber bereits rund 130 Millionen Euro, elf Prozent der Gesamtprämieneinnahmen, mithilfe ihrer Tochtergesellschaften in Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Kroatien.

Starke Präsenz. Der größte österreichische Versicherungskonzern in Zentral- und Osteuropa ist aber die Wiener Städtische mit ihrer Vienna Insurance Group. Das Prämienvolumen des Konzerns beträgt in der Region bereits mehr als 1,5 Milliarden Euro, der Konzernprämienanteil rund 37 Prozent. Im Bereich der Schaden- und Unfallversicherung liegt der Anteil bei mehr als 45 Prozent.

Nicht weit unter 30 Prozent liegt auch die Generali, die ihr zentral- und osteuropäisches Prämienaufkommen im vergangenen Jahr um 17 Prozent auf 830 Millionen Euro steigerte. Nach Übernahme von Delta Osiguranje sind weitere Akquisitionen in der Region durchaus nicht unwahrscheinlich. Jedenfalls soll das komplette osteuropäische Geschäft des italienischen Versicherers in eine neue Holding eingebracht werden. Diese soll von der Generali Holding Vienna gesteuert werden, wie das Unternehmen im März bekannt gab. „In den nächsten drei Jahren wird das osteuropäische Geschäft einen entscheidenden Beitrag zum Wachstum der Gruppe leisten“, meinte Generali-Konzernchef Sergio Balbinot.

Marktnischen. „Es geht uns nicht um einen Export von österreichischen Ideen in die Länder, das hätte auch keinen Sinn“, sagt Uniqa-Chef Konstantin Klien über die Motive der gegenwärtigen Expansionsbestrebungen. „In den Märkten Westeuropas konzentrieren wir uns auf Marktnischen, den Bankenvertrieb und Spezialprodukte“, so Klien. „Im ost- und südosteuropäischen Raum setzen wir auf eine weitere Stärkung der Marktposition als Kompositanbieter, das heißt als Allspartenversicherer.“ Dies etwa durch Investitionen ins Vertriebsnetz und, so Klien, „durch das Ausschöpfen der Wachstumsmöglichkeiten in der Lebensversicherung. Die Initiative der regionalen Manager schränken wir hier nicht ein.“

„Osteuropa hat noch ein enormes Entwicklungspotenzial“, glaubt Generali-Vorstand Moertel, „sowohl volkswirtschaftlich im Allgemeinen als auch für die Versicherungswirtschaft im Besonderen. Die Marktdurchdringung mit Versicherungen ist noch extrem niedrig.“ Seiner Meinung nach entwickelt sich die Bedürfnispyramide langfristig zugunsten der Versicherungen: zuerst Konsum, dann Wirtschaftsgüter, deren Besitz man dann bald auch absichern will beziehungsweise muss. Außerdem sei auch in diesen Ländern die Pensionsproblematik evident, sodass die private Vorsorge stark steigen werde.

Während sich im osteuropäischen Bankenmarkt inzwischen verstärkt Konsolidierungstendenzen abzeichnen – die Privatisierung ehemals staatlicher Institute ist weit gehend abgeschlossen –, wird unter den Versicherungen noch heftig um zu verteilende Marktanteile und Akquisitionen gerittert. Der Anteil der Versicherungsprämien am BIP ist in Österreich mit rund sechs Prozent fast doppelt so hoch wie jener in Zentral- und Osteuropa. Die Österreicher geben rund 1900 Euro für Versicherungsprodukte aus – in Zentral- und Osteuropa liegt dieser Wert im Schnitt bei einem Zehntel davon.

Steigender Standard. „Betrachtet man die Versicherungsdichte beziehungsweise die -durchdringung im Bereich der Lebensversicherung in diesen Märkten, eröffnet sich ein riesiges Zukunftspotenzial, das es auszuschöpfen gilt“, heißt es in einem Strategiepapier der s Versicherung. „Die geringe Versicherungskaufkraft und die demografischen Strukturen zeigen das enorme Wachstumspotenzial“, meint auch Versicherungsverbandsgeneralsekretär Norman-Audenhove. Allein die Ukraine hat 49 Millionen Einwohner, 22 Millionen sind es in Rumänien. „Nach der Absicherung materieller Werte wie Autos und Eigenheim werden mit steigendem Lebensstandard auch verstärkt Spar- und Vorsorgeprodukte nachgefragt“, so Norman-Audenhove, „die private Altersvorsorge gewinnt zunehmend an Bedeutung.“

Für Günter Geyer kommt neben der vorerst geringen Versicherungsdichte noch hinzu, „dass der Wohlstand der Bevölkerung in diesen Ländern durch das rasche Wirtschaftswachstum deutlich zunimmt“. Geyer ist davon überzeugt, dass der ökonomische Aufholprozess der Region und die damit verbundenen Marktchancen über einen längeren Zeitraum anhalten werden. Ähnlich sieht die Situation auch Hans Raumauf, Generaldirektor der Donau Versicherung – obwohl er einschränkt: „Trotzdem ist und bleibt unser Zielmarkt Österreich. Wir begleiten aber die Kunden nach Osteuropa und wollen den Service europaweit garantieren.“ Etwas kritischer zeigt man sich indes bei der Grazer Wechselseitigen: Der Versicherer sieht eine Anpassungsphase gekommen und geht davon aus, dass sich das Wachstum in den nächsten Jahren abschwächen wird.

Eine Entwicklung, die in den etablierten osteuropäischen Staaten bereits zu beobachten ist. Deshalb gilt: Je weiter von EU-15-Standards entfernt eine Region noch ist, desto größeres Wachstum verspricht sie mittelfristig. Neben Rumänien zählen deshalb auch die Ukraine und der Westbalkan zu den Hoffnungsmärkten.

Naturgemäß arbeiten die Versicherer in Osteuropa – so wie das auch im Westen der Fall ist – im Vertrieb häufig mit Banken zusammen. Und nicht selten mit jenen Instituten, mit denen auch in Österreich kooperiert wird. So hat die Uniqa mit der Raiffeisen-Gruppe ein „Preferred Partnership“-Abkommen: „Wir unterstützen einander in den Bereichen Produktentwicklung, Verkauf und Marketing“, sagt Uniqa-Chef Klien. Die Wiener Städtische wiederum arbeitet in Osteuropa mit lokalen Instituten der Erste-Bank-Gruppe.

Naturgemäß spielen lokale Mitbewerber – vor allem in den zur EU gehörenden Ländern – häufig eine wichtige Rolle. „Die Wettbewerbssituation kann nicht verallgemeinert werden, sondern ist lokal sehr unterschiedlich“, erklärt Thomas Steiner von der s Versicherung. „Es gibt Länder wie Tschechien, in denen im Bereich der Versicherung die alten Monopolisten immer noch sehr stark sind“, so Steiner.

Verdrängung. Ähnlich wie bei den Kreditinstituten ist auch im Versicherungsmarkt in einzelnen Märkten Zentral- und Osteuropas künftig mit verstärkten Konsolidierungstendenzen zu rechnen. Tendenzen eines Verdrängungswettbewerbs sind daher denn auch – zum Beispiel in Ungarn – bereits erkennbar, und vor allem kleinere Gesellschaften werden sich auf Dauer vermutlich nicht halten können. „Die Einführung von an die EU-Vorschriften angepassten Richtlinien in fast allen ehemaligen Oststaaten führt zu einer deutlichen Marktkonsolidierung“, sagt Günter Geyer.

Dieser Prozess wird sich in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach weiter fortsetzen beziehungsweise verstärken: Kleine, vor allem nationale Gründungen werden wieder verkauft, weil sie dem Wettbewerbsdruck nicht standhalten können oder nicht die finanzielle Substanz besitzen. Andererseits ziehen sich internationale Versicherer teils schon wieder aus den Ländern zurück. „So hat die Generali die Gesellschaften der Zürich-Gruppe in vier Ländern übernommen und in ihre Gruppe integriert“, berichtet Moertel.

Neben Österreichs Versicherern und lokalen Anbietern sind überdies internationale Unternehmen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA in der Region vertreten. Bisher haben sich diese aber eher auf die neuen EU-Länder konzentriert und in den weiter im Osten und Südosten liegenden Märkten vorläufig noch weniger Aktivitäten gesetzt. „Viele große internationale Anbieter waren nach dem Börsencrash 2001 mit internen Problemen beschäftigt und haben erst nach ihren Restrukturierungen den Weg Richtung Osten eingeschlagen“, konstatiert Uniqa-Boss Klien. In Zukunft jedoch werden die wichtigsten internationalen Wettbewerber der österreichischen Assekuranzen wohl auch in Serbien oder der Ukraine um Marktanteile rittern. Der heißeste Kampf wird dabei wohl auf dem größten Markt des Ostens ausgetragen werden: in Russland, bisher noch ein weit gehend weißer Fleck auf der Landkarte der meisten westlichen Versicherer – zugleich jedoch ein Land mit 143 Millionen Einwohnern und immensem Potenzial. „Wir beobachten Russland sehr genau“, lässt Klien bereits die Zielrichtung erahnen.

Expansion noch weiter in den Osten lautet die Devise auch bei der Generali: „Entsprechend unserem neuen strategischen Plan wird der weiteren Expansion in Zentral- und Osteuropa besonderer Stellenwert beigemessen“, so Vorstand Moertel. Neben Serbien wurden die Ukraine und Bulgarien als neue Tätigkeitsfelder genannt, aber auch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion werden geprüft.

Die Wiener Städtische, die den Schritt nach Russland und Georgien bereits gewagt hat, ist außerdem beim niederländischen Versicherer Kardan Financial Services (KFS) eingestiegen. Die KFS hält als Holdinggesellschaft die Mehrheit an der TBIH Financial Services Group, welche Eigentümerin von Finanzdienstleistungsgesellschaften in Zentral- und Osteuropa ist. Derart ist die Wiener Städtische nun stärker in Südosteuropa vertreten – über die Bulstrad-Gruppe in Bulgarien und die Helios Versicherung in Kroatien.

Von André Exner und Susanne Leiter