Fischzucht: Käfighaltung im Meer

Die Überfischung der Meere hat die Fischbestände in den Ozeanen dramatisch reduziert. Das Züchten von Lachs, Dorsch und Heilbutt in Aquafarmen erscheint als clevere Alternative. Doch auch die industrielle Fischproduktion ruft Kritik hervor.

Das romantische Bild vom Fischer, der mit seinem Kutter bei Sonnenuntergang in den Hafen einläuft, um seinen frischen Fang zu verkaufen, ist möglicherweise bald nur noch Nostalgie. Die jahrzehntelange Ausbeutung der Ozeane hat die Fischbestände dramatisch dezimiert. Nach Einschätzung der Welternährungsorganisation FAO sind 75 Prozent der kommerziell genutzten Bestände überfischt oder von Überfischung bedroht.

Das Züchten und Mästen von Speisefischen, die so genannte Aquakultur, erscheint da als probate Alternative. „Der weltweit steigende Bedarf an Fischprodukten ist zunehmend nur durch eine Steigerung der Aquakultur zu decken“, heißt es denn auch in den Grundsätzen zur Fischereipolitik des deutschen Bundesministeriums für Verbraucherschutz.

Unterwasserfarmen boomen: Ende der achtziger Jahre wurden weltweit 2,4 Millionen Tonnen Fisch, Krebstiere und Muscheln in Aquafarmen gehalten, im Jahr 2002 erreichte die Produktion dieses Wirtschaftszweigs bereits 51 Millionen Tonnen. Heute wird nahezu jeder dritte Fisch, der in der Bratpfanne landet, in einer Aquafarm „geerntet“, wie es die Fischzüchter nennen. Zur Erntezeit saugen sie die schlachtreifen Tiere mithilfe von Spezialschläuchen aus den Netzkäfigen.

Eine jener Regionen, in der zahlreiche solcher Fischfarmen betrieben werden, sind die Fjorde bei Stavanger in Südnorwegen. Die Zuchtbetriebe sehen alle gleich aus: Eine Holzhütte dient als Zentrale, Holzstege führen zu den einzelnen, zumeist runden Unterwasserkäfigen, die üblicherweise im Durchmesser etwa 30 Meter groß und 20 Meter tief sind. Computergesteuert rieseln in regelmäßigen Abständen durch Kunststoffrohre mit leisem Surren Futterpellets in die Käfige.

Zuchtfische verwerten Futter doppelt so gut wie Hühner und dreimal besser als Schweine, erklärt Wolfgang Koppe, Experte für Fischnahrung beim Unternehmen Nutreco in Stavanger. Als Kaltblüter verbrauchen sie nämlich weitaus weniger Energie als warmblütige Säuger oder Vögel. Und Fische sind weitaus fruchtbarer: Ein Schwein kann pro Jahr ein Dutzend Nachkommen produzieren, ein Huhn 300, ein Fisch aber zehntausende.

Dennoch haben Aquafarmen keinen guten Ruf: Je dichter der Zuchtbestand, desto anfälliger werden die Fische für Krankheiten und Seuchen. In den siebziger Jahren sorgten Berichte über die großen Mengen von Antibiotika, die an die „Mastschweine der Meere“ verfüttert wurden, für Verunsicherung. Diese Praxis sei Vergangenheit, beteuert Terje Martinussen vom Norwegean Seafood Export Council (NSEC): „Wir haben aus dieser Anfangszeit gelernt.“

Die Fischdichte in den Netzgehegen wurde auf rund ein Drittel der Anfangszeit reduziert. Höchstens 20 Kilogramm Dorsch dürfen nun pro Kubikmeter Wasser gehalten werden. Auch der Einsatz von Antibiotika wurde drastisch reduziert. Wurden im Jahr 1987 in der norwegischen Lachszucht noch rund 50.000 Kilogramm Antibiotika eingesetzt, waren es im Jahr 2004 keine 1000 Kilogramm mehr. Stattdessen werden die Tiere nun gegen bakterielle und virale Erkrankungen geimpft – um durch Prophylaxe eine allfällige Behandlung unnötig zu machen.

Selbstverständlich werden nicht nur die Filetstücke der Fische verwertet. Weniger begehrte Teile wie Kopf, Rücken und Innereien werden in einem großen Fleischwolf zerkleinert, anschließend auf 92 Grad erhitzt und zu Öl verarbeitet. Das Lachsöl wird später zur Herstellung von Kosmetika oder Tiernahrung verwendet.

Die oft kritisierte Belastung des Meeresbodens durch Exkremente der Mastfische sei in den Fjorden „unproblematisch“, sagen die Farmer. An den meisten Stellen ist das Wasser mehr als 100 Meter tief, da verteilen sich die Fäkalien. Und zwischen den „Produktionsphasen“ werden drei bis sechs Monate Pause eingelegt.

In Skandinavien sei man mittlerweile „auf einem guten Weg“, bestätigt auch der Aquakulturexperte Uwe Waller vom Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. „Die Kollegen in Norwegen planen ihre Anlagen nun sorgfältiger als während der Pionierphase der Aquakultur.“ Wer Fischfarmen im großen Stil betreiben wolle, müsse etwa auch die Wasserströmungen in den Fjorden genau untersuchen. „Erst dann lässt sich abschätzen, wie sich die Stoffwechselendprodukte der Tiere verteilen werden und wie lange in einer Region produziert werden darf, ohne das ökologische Gleichgewicht zu gefährden“, sagt Waller.

Ein weiteres Problem: Durch Nahrungsreste, die aus den Netzkäfigen rieseln, werden Wildfische angelockt. Und selbst wenn die Zuchtfische sicher im Käfig geborgen sind, können Parasiten – wie etwa die Lachslaus – auf die Wildpopulation übergreifen oder auch Krankheiten übertragen werden. „Die Lachslaus ist eines der großen Probleme der Netzkäfigaquakultur“, erklärt Waller. In der Umgebung von Fischfarmen nimmt die Lachslauspopulation jeweils erheblich zu.

Die Überdüngung des Meeresbodens und die Verbreitung von Parasiten sind nicht die einzigen Kritikpunkte an der intensiven Fischzucht. Aquafarmen haben einen hohen Fischmehlbedarf. Der Lachs etwa bekam als Raubfisch anfangs ausschließlich gemahlene Artgenossen verfüttert, was zur weiteren Ausbeutung der Ozeane beitrug. Inzwischen wird Lachs in den Fjorden bei Stavanger mithilfe von Raps- und Sonnenblumenöl, Mais und Soja zum Vegetarier umerzogen. Rund 50 Prozent des Futters ist mittlerweile pflanzlich.

Wenn eine kontinuierliche Abnahme des Tageslichts den Herbstbeginn signalisiert, stellen Lachse ihren Stoffwechsel um. Die Geschlechtsdrüsen werden aktiv, die Fettreserven im Körper abgebaut. Das Fleisch wird faserig und verliert an Geschmack. Mithilfe von Scheinwerferlicht versuchen die Farmer daher, die Geschlechtsreife der Tiere hinauszuzögern.

Längst wird aber nicht mehr bloß Lachs, sondern auch Dorsch und Heilbutt gezüchtet. Heilbutte wachsen langsamer als Lachse und Dorsche. Vier Jahre dauert es, bis die Tiere schlachtreif sind. Doch der Heilbutt ist ein Tiefseefisch und geht den traditionellen Fischern vergleichsweise selten ins Netz. Daher lässt er sich auch viermal so teuer verkaufen wie Lachs. Der Aufwand lohnt sich.

Heilbutte sind flach wie Frisbeescheiben und halten sich am liebsten am Meeresgrund auf. Diese Eigenschaft ist nicht im Sinn der Farmer, die den gesamten Netzkäfig ausnützen wollen – und der hat keinen Boden. Daher greifen sie zu einem Trick und statten die Käfige mit regalartigen Strukturen aus, in denen sich die Tiere hinfläzen können. Eine Art Ikea-Möblierung für Fische. Die Heilbutt-Pawlatschen bestehen aus runden Tablaren mit einem Radius von sechs Metern.

Schon bald wollen erste Aquafarmer off-shore gehen: Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston werden große Käfige mit automatischen Fütterungsanlagen entwickelt, die – gefüllt mit Jungfischen – satellitenüberwacht autonom im Golfstrom von der Küste Floridas über den Atlantik nach Portugal schwimmen sollen, um dort dann „abgeerntet“ zu werden.

Dabei erwiesen sich schon die klassischen Aquafarmen an der Küste als problematisch: In Nordamerika und Schottland etwa trug die Lachszucht zur Dezimierung der Wildpopulation bei. Experten vermuten, dass Parasiten und Krankheiten entkommener Zuchtlachse dabei eine fatale Rolle spielen.

Die Wildlachsbestände sind nach Angaben des World Wide Fund for Nature (WWF) im Zeitraum von 1983 bis 2001 um 45 Prozent zurückgegangen, die Lachsbestände in den Aquafarmen parallel dazu um 55 Prozent gewachsen. Im Jahr 2002 wuchsen allein im Nordostatlantik 700.000 Tonnen Lachs in Unterwasserfarmen heran. Und trotz der beständigen Kontrolle durch Unterwasserkameras entkamen etwa in Norwegen in den vergangenen Jahren 0,3 Prozent der Zuchtlachse. Das sind Hunderttausende. „Es gibt Hinweise, dass in bestimmten Regionen des Nordostatlantiks mittlerweile bis zu 50 Prozent der Laichtiere aus Zuchtpopulationen stammen“, sagt Uwe Waller vom Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel.

Das Entkommen von Zuchtfischen sei „eines der großen Risiken der Aquakultur“, meint der Experte. Seit Beginn der neunziger Jahre sei wissenschaftlich dokumentiert, dass ausgebüxte Zuchtlachse in natürlichen Beständen auftreten und sich auf Laichflächen reproduzieren. Wie gefährlich solche freigekommene Zuchtlachse für die Wildpopulation sind, ist unter Fachleuten aber umstritten.

„Etwas zynisch könnte man formulieren: Was gut ist, setzt sich durch“, sagt Waller. Wenn entkommene Zuchtlachse sich in natürliche Bestände einkreuzen, entscheidet die Selektion darüber, ob sich Eigenschaften der Zuchtlachse in der natürlichen Population ausprägen. Ein Problem liegt dabei aber im – durch Züchtung und Genmanipulation erreichten – schnelleren Wachstum der Aquakultur-Lachse, so Waller: „Sie sind aggressiver, fressen mehr und werden schneller groß und fett.“ Entkommene Zuchtlachse können daher die Nahrungsressourcen beeinträchtigen. Im ungünstigen Fall fressen sie den Wildfischen die Beute weg und verändern damit das Nahrungsgefüge.

Waller sieht Lösungsmöglichkeiten: Untersuchungen in Kanada haben gezeigt, dass Zuchtlachse standorttreu sind und für mehrere Tage im unmittelbaren Bereich des Netzkäfigs bleiben. „Die Tiere sind auf die immer gleichen Arbeitsabläufe in Aquafarmen konditioniert“, so Waller.

„Sie verbleiben in dem Bereich, wo Futter nach festem Plan verabreicht wird.“ Durch gezielte Fischerei könnte man – im Fall der Beschädigung eines Netzkäfigs – daher einen Großteil der Tiere erfassen und somit das Umweltrisiko minimieren. Doch die meisten Aquafarmer produzieren am Rande der Wirtschaftlichkeit und haben nicht immer Spielräume für ökologischeres Management. Der Konsument entscheide also letztendlich, welcher Zuchtlachs am Markt besteht.

Im aktuellen „Fischführer“ des WWF (www.wwf.ch/fisch) kommen Zuchtlachs und -dorsch aus Norwegen nicht gut weg. „Wenig empfehlenswert“, lautet das Fazit. Wilder Lachs und Dorsch aus dem nördlichen Atlantik schnitten allerdings noch weit schlechter ab. Der WWF empfiehlt, Zuchtfische mit Bio-Siegel zu kaufen. Oder auf einheimische Süßwasserfische zurückzugreifen. Die sind allerdings ernährungsphysiologisch weniger gut als die gezüchteten Meeresfische.

Von Till Hein