Vorkosterin Hanni Rützler und der Stammzellenburger

Hanni Rützler, Ernährungswissenschafterin und Vorkosterin des ersten Stammzellen-Burgers, im Interview über guten und schlechten Fleischkonsum und die Frage, ob mit Kunstfleisch die Welt gerettet werden kann.

Interview: Sebastian Hofer

Am Montag der Vorwoche verkostete die österreichische Ernährungsexpertin Hanni Rützler in London als erster Mensch einen aus Stammzellen geklonten Burger. Die Weltpresse reagierte geradezu hysterisch: Haben wir den Anfang einer Revolution gesehen? Werden wir bald nur noch Fleisch aus der Petrischale essen und damit sämtliche Ernährungs- und Umweltprobleme auch schon wieder gelöst haben? Die Vorkosterin warnt vor übertriebener Euphorie, ist aber selbst auch ein bisschen enthusiasmiert.

profil: Der einflussreiche US-Ernährungsökologe Michael Pollan rät seinen Anhängern: Esst nichts, was eure Großmutter nicht als Essen erkannt hätte. Was hätte Ihre Großmutter von einem Burger aus Stammzellen-Fleisch gehalten?
Rützler: Ich schätze Michael Pollan, aber man darf nicht vergessen, dass sein Publikum in Amerika sitzt, wo die Debatte um hochverarbeitete Nahrung noch auf einem ganz anderen Niveau stattfindet als hier in Europa. Meine Oma hat jede technische Innovation gutgeheißen, die ihre Arbeit erleichtert hat. Sie hat gern selbst gekocht, aber auch Instantkaffee geliebt.

profil: Die Lebensmittelindustrie ist also nicht per se böse?
Rützler: Nein, das ist sie nicht. Aber es gibt natürlich auch Produktionsmethoden, die zu kritisieren sind, und immer wieder bewusste Täuschungen. Deshalb sind die Konsumenten auch kritischer geworden, und die Industrie muss sich das Vertrauen aktiv zurückholen. Der Vertrauensvorschuss ist weg. In den Zeiten meiner Oma war Technologie noch kein Unwort, auch im Lebensmittelbereich. Heute herrscht im deutschsprachigen Raum eine extreme Skepsis gegenüber technologischen Entwicklungen – mit Ausnahme der Kommunikations- und der Automobilindustrie. Eine Mitschuld trifft natürlich die Werbung, die eine Idylle verkauft hat, die es in der Massenproduktion nicht gibt.

profil: Sie meinen die glückliche Kuh aus der McDo-nald’s-Werbung?
Rützler: Nein, denn diese Kühe sind tatsächlich AMA-Rinder. Ich denke eher an höherverarbeitete Nahrungsmittel wie manche Fertiggerichte.

profil: Nimmt die Industrie ihre Verantwortung wirklich wahr, oder gibt sie nur dort nach, wo es sich gar nicht vermeiden lässt?
Rützler: Die Branche ist sehr differenziert, wobei sich die Großen deutlich schwerer tun. Die müssen einen Weltmarkt bedienen, und jedes Land hat seine Eigenheiten. Europa bleibt für die großen Player sehr kompliziert. Deshalb ziehen sich auch einige bereits zurück. Die Gewinnmargen in Afrika und Lateinamerika sind deutlich attraktiver.

profil: Geht es nach Mark Post, dem Hersteller des von Ihnen verkosteten Stammzellen-Burgers, stehen wir dank Kunstfleisch vor einer Zeitenwende: Senkung von Treibhausgasen, Energie- und Wasserverbrauch, Minimierung des Tierleids, Lösung von ethischen und ökologischen Problemen en masse. Sind Sie auch so optimistisch?
Rützler: In-Vitro-Fleischproduktion ist nicht die alleinige Lösung für alle Probleme. Aber der weltweite Fleischkonsum wird weiter steigen, und die Probleme, die das in puncto Nachhaltigkeit aufwirft, sind bei Weitem nicht gelöst. Also müssen wir uns damit auseinandersetzten. Die neue Technologie, die Mark Post vorgestellt hat, birgt ein großes Potenzial. Allerdings reden wir von einer Perspektive auf 20 bis 30 Jahre.

profil: Schon heute sinkt der Fleischkonsum in Europa und den USA.
Rützler: In Europa haben wird die Konsumspitze tatsächlich überwunden, in den USA gilt das aber nur für wohlhabende urbane Gebiete. Dort ist das gesellschaftliche Bewusstsein doch noch ein ganz anderes.

profil: Was halten Sie von bewusstseinsbildenden Maßnahmen durch das Finanzamt wie etwa beim Tabak?
Rützler: Wenig, weil solche Maßnahmen die Menschen am unteren Ende der Einkommenspyramide treffen. Es geht vielmehr um eine neue Preiswahrheit. Dass Fleisch in Europa so günstig ist, hat auch mit der Förderpolitik zu tun. Es ist einfach ein gutes Geschäft, Fleisch zu exportieren. Und Exporte sind gut fürs Land. Die Nachhaltigkeitsdebatte ist bereits deutlich vernehmbar. Aber sie muss noch lauter werden, um die ökonomischen und politischen Maßstäbe zu verändern.

140 Gramm: Gewicht des Stammzellen-Burgers, den Hanni Rützler am Montag der Vorwoche in London verkostete

250.000 Euro: Forschungs­budget, das in die Herstellung des künstlichen Burgers geflossen ist – macht einen Kilopreis von 1,785 Millionen Euro.

66 Kilogramm: jährlicher Pro-Kopf-Konsum von Fleisch in
Österreich – macht insgesamt rund 560 Millionen Kilogramm.

10% Anteil am weltweiten Süßwasserverbrauch, den die Viehmast verursacht.

30% Anteil an den eisfreien Landflächen, die für die Viehmast verwendet werden.

20% Anteil am Treibhausgasvorkommen, das die Viehmast verursacht.

15.455 Liter: Trinkwasserbedarf für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch.

Zur Person
Hanni Rützler, 51. Die Ernährungswissenschafterin und Food-Trendforscherin betreibt in Wien das Futurefoodstudio. Am Montag der Vorwoche verkostete sie in London den ersten In-Vitro-Burger der Welt (Foto). Er hat geschmeckt, hätte aber noch Salz vertragen.