Fleischexperte Andreas Schmölzer: „Ein Sturm im Wasserglas“

Der Ernährungswissenschafter und Fleischexperte Andreas Schmölzer über die Affäre um falsch deklariertes Pferdefleisch in Fertignahrung.

Interview: Robert Buchacher

profil: Verstehen Sie die Auf­regung um Pferdefleisch in Fertignahrung?
Schmölzer: Ja, aber es ist ein Sturm im Wasserglas, weil es für die Sicherheit der Konsumenten keinerlei Bedeutung hat. Pferdefleisch ist eine Spezialität, die bis auf den Pferdeleberkäs im Wiener Raum in Österreich keine Kultur hat. Auf der anderen Seite gibt es den Sachverhalt der Täuschung, und das ist ein Tatbestand im Lebensmittelrecht.

profil: Vielleicht gibt es auch mentale Widerstände?
Schmölzer: Viele Menschen haben ein grundsätzliches Pro­blem, Fleisch von Tieren zu essen, die sie vorher gestreichelt haben. Das muss man akzeptieren. Ich habe Pferdefleisch auch nicht so gerne, ohne dass es dafür eine wissenschaftliche oder Geschmacksbegründung gibt – das ist einfach eine persönliche Einstellung.

profil: Aber ernährungsphysiologisch gibt es keinen Unterschied zu Rindfleisch?
Schmölzer: Es ist mindestens genauso wertvoll, weil sämtliche Fleischarten wertvolle Nahrungsmittel sind und man vernünftigerweise nicht ableiten kann, dass eines wertvoller wäre als das andere. In einer qualitativ hochwertigen, möglichst abwechslungsreichen Ernährung kann Pferdefleisch durchaus auch einen gewissen Platz einnehmen. Und von der Sicherheit her ist es genauso sicher, wenn nicht sogar sicherer als Rindfleisch, weil jedes Pferd einen Pass hat.

profil: Auch in Rumänien?
Schmölzer: Das ist eine EU-Bestimmung, und nachdem Rumänien zur EU gehört, gilt das dort genauso.

profil: Und darauf ist Verlass?
Schmölzer: Ich wäre da vorsichtig mit Vorurteilen. Kriminelle Energie gibt es überall. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Lebensmittelkontrollen in diesen Ländern sehr ausgeprägt sind und dass Lebensmittelsicherheit in den ehemaligen Ostblockstaaten ein wichtiges Thema war und ist. Ich habe auch Kunden in den neuen Mitgliedsländern und kenne die behördlichen Kontrollen, es mangelt dort nicht an Strenge.

profil: Gesetzt den Fall, Sie würden Pferdefleisch genauso gern essen wie Rindfleisch, dann würde es Sie nicht stören, wenn es aus Rumänien kommt?
Schmölzer: Nein, das ist überhaupt kein Thema, ich esse aber schon gern „österreichisch“.

profil: Dass Medikamentenrückstände in dem Fleisch gefunden wurden, stört Sie nicht?
Schmölzer: Die wurden in Fleisch aus England gefunden. Da geht es um zwei verschiedene Probleme: einmal um eine kriminelle Falschetikettierung von Fleisch, im anderen Fall um Rückstände, die dort nicht hingehören. Da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder illegale Behandlung eines zur Lebensmittelerzeugung bestimmten Tiers oder Verwendung eines nicht zur Lebensmittelerzeugung bestimmten Tiers.

profil: Dass man das falsch etikettierte Pferdefleisch auch bei uns gefunden hat, stört Sie nicht?
Schmölzer: Also, das Thema ist seit September auf dem Radar, das ist nicht wirklich neu. Aber mich stört jede Täuschung der Konsumenten.

profil: Sie wissen schon seit September von der Pferde­fleischaffäre?
Schmölzer: Von irischem Pferdefleisch in Produkten, wo normalerweise Rindfleisch enthalten ist oder draufsteht. Aber das hat mich damals in puncto Sicherheit ebenso wenig aufgeregt wie heute.

profil: Wie erklären Sie sich dann die öffentliche Aufregung?
Schmölzer: Es ist die Unsicherheit. Was die Menschen wirklich bewegt, ist der Gedanke: Wenn sie nicht vom Pferdefleisch wissen, was wissen sie dann noch alles nicht? Im Vergleich dazu hat mich der Skandal um falsch deklarierte italienische Bioware vor einem Jahr noch mehr aufgeregt.

profil: Sie plädieren also dafür, Ruhe zu bewahren?
Schmölzer: Wir haben hier kein Problem mit der Zuverlässigkeit der Lebensmittelbranche, wir haben ein Problem mit einer Gaunerbande.

profil: Pferdefleisch ist in keiner Weise ungesünder als Rindfleisch?
Schmölzer: Wenn Sie in ein gutes italienisches Restaurant, vor allem in Italien, gehen, dann finden Sie auf der Speisekarte eine Pferdefleischspezialität, „Bistecca di cavallo“, oder „Pasta asciutta con asino“, also mit Eselsfleisch, und wenn Sie Pech haben, kriegen Sie gar kein anderes. Das hat dort lange Tradition, die Leute fahren deswegen extra dorthin. Das ist schon etwas Gutes, wenn man es mag.

profil: Auch bei uns fahren manche Feinspitze zum Pferdefleischhauer. Ist das nicht kurios: die Suche nach Pferdefleisch, dann die Angst davor?
Schmölzer: Ich glaube, die Menschen fürchten sich nicht vor dem Pferdefleisch, sondern vor der Unsicherheit, weil es so aussieht, als hätte man die Sache nicht unter Kontrolle. Das stimmt natürlich so nicht. Man ist vor krimineller Energie nie ganz gefeit, wir können auch nicht jeden Kriminellen im Vorfeld abfangen, aber die Lebensmittel sind so sicher wie nie zuvor.

profil: Das Maschennetz ist eng genug?
Schmölzer: Es ist für die wesentlichen Dinge eng genug. Es kann nicht so eng sein, um alle Betrüger an ihren kriminellen Machenschaften zu hindern, wie wir aus anderen Lebens­bereichen wissen.