Flimmern im Negativland

Das älteste Filmfestival der Welt glänzt neuerdings mit einem Stich ins Avantgardistische. Beim 67. Filmfest am Lido sind Österreichs innovative Kinokräfte daher gut vertreten. Peter Tscherkassky ist unter ihnen der Kühnste: Er tritt mit einem wilden Kunstwerk aus Filmmüll an.

Seine Filmkopie hat Peter Tscherkassky in einer silbernen Box selbst nach Venedig mitgebracht. Sie kommt frisch aus dem Kopierwerk, bis zuletzt hatte Tscherkassky noch am Ton gearbeitet. „Coming Attractions“ heißt seine neue Produktion, durchaus ironisch, wie ein schon vorab proklamierter Höhepunkt. Ganz falsch ist das nicht: Die Einladung zu den Filmfestspielen Venedig erreichte Tscherkassky schon vor Wochen. Die Festivalleitung hatte sich intensiv um die Weltpremiere seines Films bemüht und ihn sich auf Basis eines stummen Rohschnitts gesichert.

Als Urheber von Werken wie „Outer Space“ (1999) und „Dream Work“ (2001) gehört Peter Tscherkassky zu Österreichs großen Avantgarde-Stilisten. Sein Spezialgebiet ist die Arbeit mit fremden, gefundenen Filmbildern, die er in seiner Dunkelkammer – streng analog und mit ungeheurer Präzision, ohne jede elektronische Intervention – neu formt. Seine ekstatische Sergio-Leone-Variation „Instructions for a Light and Sound Machine“ begeisterte 2007 nach der Uraufführung in Cannes die cinephile Weltöffentlichkeit. Seit drei Jahrzehnten arbeitet der heute 51-Jährige am Kino, seit Mitte der achtziger Jahre eben vor allem mit found footage: Auf seinem Gebiet ist Tscherkassky, wenn er auch Mainstream-Filmfreunden kein Begriff sein mag, ein veritabler Star. Wie sehr, das verdeutlicht die Liste der internationalen Festivaleinladungen, die nun einem Film gelten, der erst ein paar Tage alt ist. Gleich nach Venedig werden Kopien der jüngsten Tscherkassky-Produktion zum renommierten Filmfest in Toronto und von dort weiter zum New York Film Festival geschickt, wo „Coming Attractions“ in der Reihe „Views from the Avant Garde“ zu sehen sein wird. Danach wird der Film nach Montréal (zum Festival du nouveau cinéma), nach London und Rotterdam weitergereicht. Und das ist erst der Anfang: An die 100 Festivaleinladungen weltweit sind im Fall der Filme Peter Tscherkasskys seit „Outer Space“ die Regel.

„Coming Attractions“ ist ein Film aus Bildermüll.
Zufällig war Tscherkassky vor Jahren auf eine Kiste mit sechs Stunden Filmmaterial gestoßen, das aus der Konkursmasse eines Werbefilmunternehmens stammt und um ein Haar vernichtet worden wäre. Es sind Reklamefilmabfälle: weggeworfenes 35-Millimeter-Material vor allem aus den frühen achtziger Jahren, das Probeaufnahmen für Werbespots mit verwirrten Models, linkisch agierenden Amateuren und angeödeten Kleindarstellern zeigt. Tscherkasskys kühne Re-Lektüre dieses Materials bringt die Ausschussware zu ungeahntem Glanz.

Peter Tscherkasskys Arbeit ist von einer unbedingten Liebe zum sinnlichen Detail bestimmt: vom leisen Zittern der Bilder und den Phasenverschiebungen übereinander kopierter Einstellung, vom inszenierten Kollaps der Kinomaschine, wenn die Filmstreifen selbst, mit Perforation und Tonspur, in die Bilder kippen, sich das Kino wie in einer Stichflamme gleichsam selbst verzehrt. Die verführerische Instabilität des analogen Kinobilds ist das Ziel dieses Filmemachers. Negativfotografie ist in Tscherkasskys Werken allgegenwärtig; im Negativland fühlt er sich bestens aufgehoben: „Das Fotonegativ zeichnet den analogen Film aus, etwas Vergleichbares gibt es im digitalen Kino nicht. Das Negativ ist die Basis, der Untergrund, aus dem im analogen Kino alles aufsteigt.“

Flackerndes Licht.
Am Freitagabend vergangener Woche fand in der Sala Perla des alten Casino am Lido, direkt neben dem Festivalpalast, die Weltpremiere von Tscherkasskys 25-minütigen „Coming Attractions“ statt: eine raffiniert orchestrierte Reise durch die Geschichte des Avantgardefilms, ein Trip durch künstlich verwitterte, sich auflösende Bildoberflächen und flackerndes Licht. Zwei Jahre lang hatte sich Tscherkassky Bild für Bild durch sein Material gekämpft. Wenige Sekunden Film schaffe er am Tag, sagt er – und auch das nur, „wenn alles gut läuft“. Die manuelle Arbeit an den Bildern ist für ihn aber entscheidend: Er stelle eben Filme her, „die mit digitalen Mitteln niemals entstehen könnten. Wenn ich als Künstler jenes historische Artikulationsniveau nicht unterschreiten möchte, das seit Ende des 19. Jahrhunderts herrscht, muss ich mich mit dem Material, das ich benutze, auseinandersetzen.“

Tscherkassky ist nicht der einzige Österreicher, der heuer in Venedig punktet. Das Wiener Unternehmen Sixpackfilm vertritt vier der sechs experimentellen Arbeiten, die im diesjährigen Festivalprogramm vertreten sind, fast alle in der Nebenschiene Orizzonti. Sixpack gilt längst weltweit als zentrale Anlaufstelle für den innovativen Film. In der von Sergio Fant kuratierten Orizzonti-Reihe zeichnet sich somit etwas in Venedig Unerhörtes ab: Das formal avancierte Kino – vor allem der essayistische und avantgardistische Film – könnte hier langfristig ein neues Zentrum gewinnen.

Und dabei werden verloren geglaubte Kräfte aktiviert:
Der Wiener Martin Arnold, von dem man meinte, er habe das Kino endgültig zugunsten der bildenden Kunst aufgegeben, traktiert in „Shadow Cut“, seinem ersten Film seit zwölf Jahren, zwei Trickfilm-Ikonen. In nervösem Vor- und Rücklauf der Bilder bearbeitet Arnold eine kurze, irrlichternde Szene der Innigkeit zwischen Mickey Mouse und Pluto, die letzten Sekunden eines Disney-Films: Eng umschlungen sitzen die Maus und ihr Hund mit blitzenden, dann toten Augen im Hell-Dunkel-Gewitter stroboskopischen Lichts, begleitet von der bizarren Komposition eines hängengebliebenen Cartoon-Soundtracks. Die im Schwarz funkelnden, im Licht erloschenen Augen der animierten Figuren untergraben die vermeintliche Harmonie der Sequenz. Dass Arnolds „Shadow Cut“ eigentlich für den Kunstbetrieb, als digitale Installation für eine Wiener Galerie konzipiert wurde (und nicht für die klassische Kinoprojektion), tut der Wirkung dieser Produktion keinen Abbruch.

Die Maus ist im neuen österreichischen Kino offenbar ein Faszinosum: Für „Mouse Palace“ hat das Filmemacherduo Harald Hund und Paul Horn eine Miniaturwohnung aus Lebensmitteln gebaut: einen von Käse- und Oblatenwänden begrenzten Raum, in dem winzige Kekstische, Toastbrotfauteuils und Eiswaffelregale stehen. In dieses Ambiente werden ein paar Mäuse geschleust, die unverzüglich, beäugt von mehreren Überwachungskameras, mit den Abrissaktivitäten beginnen. Die Demontage und fortschreitende Verwüstung der Wohnung durch die gierigen Nager zeitigt nebenbei gewalttätige Auseinandersetzungen: Im Mauspalast herrscht Krieg.

Skandalisierter Bau.
Eine ganz andere Stilrichtung vertritt die Wiener Architekturporträtistin Sasha Pirker. Ihre kurze dokumentarische Arbeit „The Future Will Not Be Capitalist“ gilt den sozialen Aspekten, der Geschichte und Gegenwart eines einst skandalisierten Baus – der von Oscar Niemeyer in den sechziger Jahren geplanten Pariser Zentrale der Kommunistischen Partei. Gemeinsam mit ihrem Kameramann Johannes Hammel streift Pirker durch die Räume des vielstöckigen Gebäudes, zeichnet Impressionen vom Arbeitsleben in den großzügig dimensionierten Räumen und Korridoren auf, aber auch Bilder vom Alltag in den Straßen rund um das Haus. Die Premieren zweier in Österreich koproduzierter Langfilme werden in den kommenden Tagen außerdem in Venedig zu sehen sein: Die niederländisch-österreichische Koproduktion „The Forgotten Space“, inszeniert von dem US-Fotokünstler Allan Sekula und dem Theoretiker Noel Burch, befasst sich essayistisch mit den ökologischen Kapitalschäden, die von der globalen Transportindustrie auf den Weltmeeren verursacht wird; das Kunstprojekt „All Inclusive 3D“ des italienischen Filmkollektivs Zapruder, das anschließend auch beim steirischen herbst zu sehen sein wird, ist dagegen ein Low-Budget-Thriller, der in einem Hotel spielt. „Kammerkino“ nennt die Gruppe ihre Arbeit, eine eigenwillige Verschmelzung von theatralischen und filmischen Techniken.

Streng antitheatralisch geht es bei Peter Tscherkassky zu: Er nimmt das reine Kino ins Visier. „Deux minutes de cinéma pur“ heißt das zehnte der elf Kapitel in „Coming Attractions“, und es bietet eine bestechende Montage aus bewegten Schatten und präparierten Frauenbeinen, man nimmt Unschärfen wahr, kurze Raumtonfragmente und flackerndes Licht. Tscherkassky nennt diese zwei Minuten filmischer Aleatorik „mein John-Cage-Kapitel“.

„Coming Attractions“
soll, wie Tscherkassky noch ankündigt, der Beginn einer neuen Trilogie sein, die, analog zu seinem Cinemascope-Dreiteiler, aus Werbefilmresten bestehen wird: die „Rushes“-Trilogie. Kritik an der Werbeindustrie mit den Mitteln der Kunst will er übrigens nicht üben. „Ich bin ja nicht dagegen: Wenn ich die Werbung kritisieren wollte, hätte ich mich anders als filmisch damit auseinandergesetzt., Coming Attractions‘ ist eher ein Augenzwinkern, ein Schmunzeln mit der Werbung und auch ein wenig über sie.“ Aber: „Mein Anliegen war etwas anderes, nämlich aus Abfall Kunst zu machen: Hier steht wirklich der Mistkübel Pate.“