Florida wird zur politischen Kampfzone:
Reportage aus dem größten Swingstate

Reportage. Vor acht Jahren verhalfen Floridas kaputte Wahlmaschinen George W. Bush zum Sieg. Vergangene Woche war der größte aller Swingstates einmal mehr politische Kampfzone.

Die Menschenschlange auf dem heißen Asphalt vor Miamis Rathaus windet sich in engen Kurven um den strahlend weißen Gebäudekomplex. 27 Grad Celsius, die Sonne steht fast im Zenit: Jeder Fußbreit Schatten, den die geduldigen Wähler in der Sonnenglut finden, gibt der Menschenkette einen neuen Schlenker. Eine kurze Mittagspause reicht für einen schnellen Sprung ins Wahllokal nicht aus. Lokale TV-Anstalten und selbst der Nachrichtensender CNN schalten dutzendfach live zu den Menschenmassen vor den Wahllokalen und lassen sich von einzelnen Wählern via Handy alle halben Stunden über die Fortschritte in der Schlange berichten.

Florida wählt. Und überall im „Sun­shine State“ wird der Wähler plötzlich zum Medienstar. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, keucht Marc Sarnoff, einer von Miamis obersten Wahlverantwortlichen. „Üblicherweise lag die Wahlbeteiligung in unserer Gegend gerade einmal bei 15 Prozent.“ Die sonnige Dolce-Vita-Atmosphäre an Floridas Küsten und der einträgliche ­Tourismus hatten die Politik oft in den Hintergrund gedrängt. „Aber diesmal ließ sich schon nach den ersten Tagen ausrechnen, dass erstmals rund 80 Prozent der Wähler zur Urne kommen würden“, sagt Sarnoff. „Das ist einzigartig in unserer Geschichte.“

Hier in Florida, wo mit dem historischen Auszählungschaos des Jahres 2000 die Präsidentschaft George W. Bushs begann, entscheiden die Wähler seit dem Beginn des „early voting“ Ende Oktober maßgeblich über seine Nachfolge. Nicht zuletzt das knappe Ergebnis der vergangenen Präsidentenwahlen rückt Floridas Wählern die historische Bedeutung ihrer Stimme mehr denn je ins Bewusstsein (siehe auch Kasten Seite 84).
Gouverneur Charlie Crist hat die Öffnungszeiten der Wahllokale von acht auf zwölf Stunden täglich ausweiten lassen, um dem unglaublichen Andrang gerecht zu werden. An den Urnen kontrollieren die Beamten besonders penibel jedes Detail der Stimmabgabe, um etwaige Probleme diesmal von vornherein auszuschließen.

Die 88-jährige Charlotte Duvall kämpft mit dem plakatgroßen dreisprachigen Stimmzettel. In Englisch, Spanisch und Kreolisch sind die Erläuterungen zur Stimmabgabe aufgedruckt. „Nach acht Jahren Bush ist das die wichtigste Richtungsentscheidung für das Land seit Langem“, sagt sie. Sie und ihr 90-jähriger Ehemann George leben seit zwanzig Jahren im Süden – wie hunderttausende andere amerikanische Pensionisten auch, die Florida wegen seines milden Klimas zum Alterssitz erkoren haben. Auf den enormen Prozentsatz über 65-Jähriger im „Wartezimmer Gottes“, wie Florida scherzhaft genannt wird, setzte auch der 72-jährige John McCain mit seiner Wahlkampfstrategie. Der republikanische Präsidentschaftskandidat umwarb die Rentnerresidenzen entlang der Küste intensiv mit vielen persönlichen Auftritten. Und bei den Duvalls hatte er auch Erfolg damit. „Die christlichen Werte werden ja leider viel zu wenig respektiert“, sagt Charlotte Duvall. Dem müsse man entgegenwirken.

In den letzten Tagen vor der historischen Entscheidung war der größte aller amerikanischen Swingstates heiß umkämpft. Zehn Prozent der für den Einzug ins Weiße Haus nötigen Wahlmännerstimmen lassen sich hier einfahren. Im Ost-West-Streifen zwischen Orlando und Tampa konnten sich die Wähler vor Anrufen aus den Wahlkampfquartieren kaum mehr erwehren. Fast täglich klingelten in der Schlussphase die Telefone daheim: „Wir wollten sie nur daran erinnern, zur Wahl zu gehen, und ihnen noch einmal unseren Kandidaten empfehlen.“

Mobilisierung. Eine einzigartige Mobilisierungswelle rollte über Florida hinweg. Freiwillige Wahlkampfhelfer fischten die Strände von Miami Beach nach Sympathisanten ab und kutschierten sie im Fall des Falles auch gleich im Privat-Pkw zum Wahllokal. Hollywood-Stars wie Matt Damon hielten eigene Mobilisierungs-Partys unter Palmen ab. TV-Serien-Stars, deren Eltern ihren Alterssitz in Florida haben, warben für Obamas Gesundheitsplan. Selbst das beliebteste aller ehemaligen First Couples wählte Florida für den ersten gemeinsamen Auftritt mit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten: Zum ersten möglichen Wahltag zog Hillary Clinton gemeinsam mit Barack Obama in Orlando rund 50.000 Fans an. Nicht einmal eine Woche vor dem offiziellen Wahltag am 4. November bestritt Ex-Präsident Bill Clinton, der den Bundesstaat 1992 und 1996 gewinnen konnte, seinen ersten gemeinsamen öffentlichen Wahlkampfauftritt mit Obama.

Floridas Urnengang 2008 wird auch durch den demografischen Umbruch so einzigartig: Der Bundesstaat wird zusehends jünger, und die Spanisch sprechende Community wächst. Die Latinos haben sich mehrheitlich auf die Seite Obamas geschlagen. „Hier hat John McCain eine historische Chance vergeben“, sagte David Gergen, Ex-Berater mehrerer Präsidenten beider Couleurs, vor wenigen Tagen in einem Interview. „Obwohl eigentlich konservativ eingestellt, wählen zwei Drittel aufgrund der republikanischen Einwanderungspolitik demokratisch.“

Und mit großer Anstrengung versuchten die Demokraten auch den Verjüngungseffekt auszunützen. College-Studenten wie Monique Phillips und Natasha Rucker hatte Obama mit seinem Popstar-Image ohnehin in der Tasche. Die beiden 19-jährigen Afroamerikanerinnen haben erstmals gewählt – und natürlich Obama: „Das war die Chance für uns, Geschichte zu schreiben! Wenn sich die Möglichkeit bietet, für einen derartigen Generationenwechsel zu stimmen, muss man einfach dabei sein!“ Vor allem aber wurden junge Obama-Fans in unzähligen E-Mails und SMS-Nachrichten quer durch die Vereinigten Staaten ersucht, ihre Großeltern am Alterssitz in Florida vom schwarzen Präsidentschaftskandidaten zu überzeugen. In satirischen TV-Spots strich Comedy-Star Sarah Silverman die Gemeinsamkeiten von jüngeren Schwarzen wie Obama und älteren jüdischen Wählern wie jenen im südlichen Florida heraus. Zitat: „Beide mögen Jogging-Anzüge.“ Der 22-jährige Student Jared Goldman war einer dieser innerfamiliären Wahlwerber. Er kam aus New York nach Fort ­Lauderdale an der Südostküste Floridas. „Viel war jedoch nicht nötig“, sagt Jared.

Anders als bei der evangelikalen Rentnerin Charlotte Duvall kam der christliche Fundamentalismus einer Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin bei den vielen ­jüdischen Pensionisten in Florida weniger gut an. „Palin hat ihnen Angst gemacht“, sagt Jared. Seine Großeltern, George und Shirley Goldman, stimmten für Obama. Auch wenn sie in ihrer Altersgruppe damit trotz allem in der Minderheit blieben. Diesmal wählten sie übrigens nach eigenen Angaben korrekt. Vor acht Jahren waren sie noch unter jenen älteren Herrschaften Floridas, die mit den Stimmzetteln nicht zurechtkamen und damit die Grundlage für den Neuauszählungskrimi lieferten.

Für ein neuerliches Wahlchaos , wie einst im Jahr 2000, sind die Demokraten übrigens gerüstet. Bereits Wochen vor der Wahl hatten sie mehr als 5000 Anwälte allein im Bundesstaat Florida in Stellung gebracht, um den ordnungsgemäßen Ablauf in den Wahllokalen zu kontrollieren und bei etwaigen Unregelmäßigkeiten an den Urnen sofort zu reagieren. „Wir haben aus den Fehlern der Wahl im Jahr 2000 gelernt. Damals haben wir noch gezögert“, sagt einer der Chefanwälte der Demokraten, der mit Bill Clinton angereist ist. „Doch diesmal waren wir von Anfang an bereit, jeden zu klagen, den wir klagen müssen, um uns die Wahl nicht noch einmal stehlen zu lassen.“ Der Wille des Wählers sei zu akzeptieren, sagt er. Ob er nun so oder so ausfalle. Die Geschichtsschreibung aber wie damals dem Zufall – oder gar den Raffinessen eines republikanischen Gouverneurs – zu überlassen, dazu sei die Richtungsentscheidung für dieses Land diesmal zu wichtig gewesen. Schließlich ist Barack Obama laut Sarah Silverman „unsere letzte Chance, unseren Ruf als Arschlöcher des Universums zu beseitigen“.

Von Josef Barth, Florida