Formel 1: Worüber grübeln Autorennfahrer?

In dem prachtvollen Bildbändchen "Pensive Racing Drivers“ präsentiert der Schweizer Journalist und Autor Max Küng seine Sammlung von Zeitungsausschnitten, auf denen nachdenklich dreinblickende Autorennfahrer zu sehen sind. Hier erklärt Küng, worüber Rennfahrer nachdenken und warum in seinem Buch kein Bild von Sebastian Vettel zu finden ist.

Interview: Sebastian Hofer

profil: Ein guter Rennfahrer, sagt man, muss zu allem bereit sein. Auch zum Nachdenken?
Küng: Das Lenken und das Denken sind ja eigentlich zwei Dinge, die einander ausschließen. Wer beim Autofahren nachdenkt, der hat schon verloren. Allerdings geht beim Autofahren natürlich auch immer einiges schief - und dann hat man irgendwann viel Zeit, darüber nachzudenken, was schiefgelaufen ist. Das gilt nicht nur für die Rennstrecke, sondern auch für einen kleinen Auffahrunfall auf der Autobahn.

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Worin wurzelt Ihr Interesse am nachdenklichen Rennfahrer?
Küng: Ich war ein unsportlicher Junge auf dem Lande, Brillenträger, lebte auf einem Bauernhof am Rande des Dorfes und durfte die Brutalität der Dorfjugend am eigenen Leib erfahren: Ich war der klassische Außenseiter. Trost fand ich in Autozeitschriften, die ich sammelte. Durch sie lernte ich alles über Autos, insbesondere über die Formel 1, was mir einen gewissen Respekt auch von den unterbelichtetsten Bauernschlägern einbrachte. Ich kann sagen: Das Auto hat meine Kindheit gerettet. Dafür bin ich ihm dankbar, bis heute. Natürlich hatte ich als Kind kein Interesse an nachdenklichen Rennfahrern. Diese Bilder erschlossen sich erst bei einer Betrachtung meiner Sammlung kürzlich: Diese Männer, ja eigentliche Helden, die Schwäche zeigten ... das fand ich extrem stark.

profil: Wie lautet das Gestaltungsprinzip Ihrer Sammlung?
Küng: Es ist eine klassische Collage.

profil: Angeblich liegen Sieg und Niederlage nahe beinander. Wie nahe genau?
Küng: Jean-Louis Trintignant alias Rennfahrer Jean-Louis Duroc erklärt es seiner Geliebten im Film "Un homme et une femme“: Wenn man zu langsam fährt, dann verliert man. Wenn man zu schnell fährt, dann stirbt man.

profil: Ihr Band endet mit dem jungen Michael Schumacher. Schauen heutige Rennfahrer nicht mehr nachdenklich drein?
Küng: Die Rennfahrer von heute sind Angestellte von großen Firmen. Große Firmen haben meist auch große Interessen, zum Beispiel das Interesse, gut rüberzukommen. Da ist Nachdenklichkeit sicherlich nicht erstrebenswert. Ich denke: Zum Nachdenken geht ein Sebastian Vettel in sein Motorhome.

profil: Der Formel 1 wird gern unterstellt, dass sie früher aufregender war. Hat das auch mit der Nachdenklichkeit ihrer Fahrer zu tun?
Küng: Die Formel 1 ist wie jede Zirkusunternehmung stark geprägt von ihrem Impresario, also Bernie Ecclestone. Er bestimmt, was er haben will, den Grad der Gefährlichkeit. Die Formel 1 ist sicherlich kein Kinderzirkus geworden. Früher aber gehörte die Todesgefahr dazu, war ein fester Bestandteil. Heute lässt sich der Tod natürlich schlecht vermarkten. Der Tod ist kein Bringer. Käme schlecht mit Slogans wie "Red Bull verleiht Flügel“.

profil: Was macht Rennfahrer nachdenklich?
Küng: Betrügt mich meine Frau? Wenn ja: Mit wem? Habe ich alle Steuern korrekt angegeben? Ist mein Geld in der Schweiz gut versteckt? Habe ich den besten Anwalt der Welt? Finde ich Rihanna scharf? Wo soll ich Ferien machen? Was es heute wohl zum Nachtessen geben wird? Gibt es Gott? Kann man ohne Socken in die Schuhe, wenn es draußen heiß ist? Rennfahrer sind ja auch nur Menschen. Und wir alle haben ja einige Gründe, um nachzudenken.

profil: Worüber denken Sie selber nach, wenn Sie heute ein Formel-1-Rennen im Fernsehen ansehen?
Küng: Oft geschieht bei einem Formel-1-Rennen ja nichts, über lange Zeit, aber immer besteht die Möglichkeit, dass etwas passiert. Das macht die Spannung aus. Auch heute noch. Und solange nichts passiert, so lange kann man sehr gut nachdenken, zum Beispiel ob mich meine Frau betrügt - und wenn ja, mit wem.

profil: Fragen Sie sich in Krisensituationen manchmal: Was würde Nigel Mansell tun?
Küng: Mansell war ein riskanter Fahrer, von seinen Gegnern gefürchtet für seine - wie man sagt - unüberlegte Fahrweise. Aber die Fans liebten ihn und die Italiener nannten ihn "Il Leone“. Aber nein, ich denke selten an Nigel Mansell. Ich denke aber öfters an Colin Chapman, den verstorbenen Chef von Lotus. Wenn er nachdenken musste, dann legte er sich in die Badewanne und schaute Zeichentrickfilme.

Max Küng: "Pensive Racing Drivers/Nachdenkliche Rennfahrer“ Edition Patrick Frey, 39,10 EUR.