Forschungsbilanz: Code mit Rätseln

Hoffnungen der Medizin auf bahnbrechende Erkenntnisse durch das entzifferte Genom bleiben vorerst unerfüllt.

Als die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts bekannt wurde, sahen viele das goldene Pharmaziezeitalter anbrechen und rechneten damit, dass schon bald Therapien für zahlreiche bislang noch als unheilbar geltende Krankheiten entwickelt würden. Denn mit den Genen halten die Forscher die Baupläne für die Eiweißmoleküle in Händen – und Eiweiße entscheiden über gesund oder krank. Sie greifen Krankheitserreger an, bilden Muskelgewebe, kontrollieren Gene. Produziert ein Gen ein schadhaftes Eiweiß, kann dieses zu Alzheimer, Diabetes oder Krebs beitragen. Früher hatte die Pharmaindustrie nur etwa 500 Proteine im Visier, dank der Genom-Entschlüsselung kann sie jetzt an zehntausenden forschen.

Doch die Karte des Genoms hat die Arzneientwicklung bislang kaum beschleunigt, und Medikamente, die auf genetische Defekte abzielen – wie das Brustkrebsmittel Herceptin –, sind selten. Denn selbst wer ein Gen kennt, kann auch mit den avanciertesten Computern kaum errechnen, welche dreidimensionale Form das dazugehörige Eiweiß im Körper entfaltet. Doch diese Form ist für die Funktion eines Eiweißes ausschlaggebend. Bis heute sind die Molekularbiologen vor große Rätsel gestellt: Ein Gen sagt über die räumliche Eiweißstruktur in etwa so viel aus wie ein Wollfaden über ein Strickmuster. In zehn Jahren mag das entschlüsselte Erbgut erste Früchte tragen. Bis dahin, sagt Jerry Karabelas, früherer Chef der Pharmazeutikasparte des Pharmakonzerns Novartis, sehe er allerdings nur „Daten, Daten überall, aber kein einziges Medikament“.