Fortbildungslücken bei Lehrern: Doch
keine Schulungen in den Sommerferien

Seit Jahren sollen Lehrerschulungen in die Sommerferien verlegt werden – ohne Erfolg: Die Professoren genießen lieber ihre Ferien.

Das Kursprogramm 2009 hat für jeden Geschmack das passende Angebot: Kunstinteressierte dürfen sich in „Action Painting“ versuchen oder „Auf den Spuren von Miró, Tinguely, Picasso und Co“ wandeln. Naturbegeisterte können bei der sechstägigen Exkursion „Der Mensch und das Meer“ in Kroatien ihrem Hobby frönen, kulinarisch Interessierte sich an „Fingerfood: Kleine leckere Köstlichkeiten für jeden Anlass“ delektieren. Die Pädagogische Hochschule Niederösterreich müht sich redlich, Lehrer für Fortbildungsveranstaltungen in den Sommerferien zu begeistern. „Fat-Burning“, „Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen“ und „Mountainbike“ stehen ebenso zur Auswahl wie ein „Fotografieworkshop“ oder „Speed Reading“. Manche Kurse versuchen mit Wortwitz zu locken – „I chemie aus“ –, andere versprechen Selbsthilfegruppen-Atmosphäre: „Mathematik, mein Lieblingsfach“ oder auch „Wer bin ich, wo? Identitäten, Orientierung, Zukunftsangst“. Geplagten Lehrern wird wahlweise das „Anti-Ärger-Training“ oder die „Burn-out-Prophylaxe“ ans Herz gelegt. Oftmals vergebens.

Nur rund ein Zehntel der 22.000 niederösterreichischen Pädagogen nahm das Ferienangebot an – im Bundesländervergleich aber eine beachtliche Quote. Die meisten der 120.000 österreichischen Lehrer beugen Burn-out und Co lieber im Urlaub vor – Fortbildungen zählen nicht zum Standard-Sommerprogramm; nicht einmal, wenn Kurse gratis angeboten werden, für die Normalbürger mehrere hundert Euro hinblättern. Lehrer widmen sich in den Hauptferien viel zu selten der Weiterbildung, monierte vor ein paar Jahren der Rechnungshof: Nur ein Sechstel aller Kurse werde in den Sommermonaten angeboten. Auffallend selten in den ohnehin meist schütter besetzten Reihen der Seminarräume: AHS-Professoren. Im Gegensatz zu Pflichtschullehrern sind sie nur am Papier zu Fortbildung verpflichtet: Art und Ausmaß sind bei ihnen nicht geregelt.

Bliebe reichlich Zeit für Nachhilfe, dachte wohl BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner, als sie kürzlich vorschlug, Lehrer sollten Nachzipf-Kandidaten in den letzten drei Ferienwochen gratis Unterricht geben. 61 Prozent der Österreicher begrüßen ihre Idee, ergab eine aktuelle profil-Umfrage (siehe Grafik). Die Lehrergewerkschaft klappt indes die Ohren zu: In den Ferien müssten sich die Pädagogen auf das nächste Schuljahr vorbereiten und würden sich außerdem fortbilden.

Tun sie das wirklich?

Laut profil-Rundruf bei den für Lehrerfortbildung zuständigen Pädagogischen Hochschulen (PH) nicht: Die Lehrer sitzen lieber im Stau Richtung Süden als in Didaktikseminaren. Einige Ausbildungsstätten waren vergangene Woche nicht einmal erreichbar.

Leckerschmecker. Die Dame am anderen Ende der Leitung wirkt befremdet. Fortbildungskurse in den Sommerferien? Für AHS-Lehrer? „Hm. Ganz vereinzelt vielleicht“, mutmaßt die Sekretärin der PH Vorarlberg. Ihr sei aber keiner bekannt.

Ein paar Kilometer weiter westlich war man zumindest in den ersten zwei Ferienwochen emsig: Die PH Tirol lud Lehrende zu mehr als 100 Vorträgen, Seminaren und Exkursionen. Der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek referierte über die „EU-Erweiterung am Balkan“. Viele der Veranstaltungen waren eher praktisch ausgerichtet: „Leckerschmecker – mit bäuerlichen Produkten kochen“ etwa, „Tanz dich frei“ oder auch der „Lachyoga Workshop“. Wie viele AHS-Professoren an der so genannten „Sommerhochschule“ teilnahmen, ist nicht bekannt. Spezielle Fortbildungen für diese Lehrergruppe sind auch in Tirol Mangelware – einziges AHS-Only war die sechstägige Exkursion „Transformationsprozesse und Geschichte: Kaliningrad – St. Petersburg“.

An der PH Salzburg ist keine der acht AHS-tauglichen Fortbildungen ausschließlich für Gymnasiallehrer konzipiert.

Im restlichen Österreich sieht es für lernwillige AHS-Pädagogen noch trister aus: In Wien ist die Fortbildungsabteilung derzeit geschlossen, an der PH Oberösterreich das AHS-Büro bis Ende August nicht besetzt. Die PH Burgenland scheint ebenfalls abgemeldet – die Telefonleitung ist tot; online wünscht die Hochschule „schöne Ferien“. Auch auf der Webseite der PH Steiermark finden sich keine Fortbildungskurse; Anrufern erklärt eine Tonbandstimme, die Hochschule sei derzeit auf Urlaub.

Aber wo bilden sich die Lehrer dann fort, wie die Gewerkschaft behauptet?

Das Unterrichtsministerium hat schon vor mehr als zehn Jahren angeregt, Fortbildungen in die unterrichtsfreie Zeit zu verlagern: in die Abendstunden, auf Wochenenden, in die Ferien. Ein frommer Wunsch, der nie Gesetz wurde.

Die Ergebnisse fallen entsprechend mager aus: Zwar beteuerte die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer 2005: „Die Lehrkräfte nützen den Sommer zur Fortbildung.“ Untermauerndes Faktenmaterial fehlte freilich. Im Jahr darauf bekrittelte der Rechnungshof (RH) prompt, dass nur ein Bruchteil aller Lehrerschulungen im Sommer stattfinde. AHS-Professoren seien besonders fortbildungsfaul, attestierte die Kontrollbehörde: Ein Drittel bilde sich gar nicht, ein weiteres nur mäßig fort. Schon gar nicht in den Ferien. Während des Schuljahres könnten sich die Lehrer zwar eher für Fortbildung erwärmen, die so anfallenden Vertretungsstunden verursachten aber unnötige Kosten, monierte der RH. Als Folge gelobte Unterrichtsministerin Claudia Schmied im Sommer 2007, Fortbildungskurse in die Ferien zu verlegen. Große Worte, keine Taten: Mit der mächtigen Lehrergewerkschaft, die solche Ideen grundsätzlich entbehrlich findet, wollte sie sich damals nicht anlegen. Alles blieb so beim Alten, kritisiert nun der Rechnungshof in seiner „Follow-up“-Überprüfung zur Lehrerfortbildung: Lediglich einer seiner fünf Vorschläge von damals sei umgesetzt worden – die Fortbildungsveranstaltungen werden nun etwas besser evaluiert. Andere Zusagen des Unterrichtsministeriums kamen laut RH-Bericht nie in der Realität an: Einheitliche Qualifikationskriterien für Fortbildungsvortragende? Fehlanzeige. Evaluierungen, ob und wie sich Fortbildung im Unterricht niederschlage? Fanden nicht statt. Mehr Kurse in der unterrichtsfreien Zeit und eine österreichweite Datenbank zu deren Dokumentation? Nicht verwirklicht.

Resümee: „Das Unterrichtsministerium setzte die Empfehlungen bisher nicht um.“

Schmied versprach abermals Besserung. Und verweist neuerdings auf Herbst. Dann wird das Lehrerdienstrecht neu verhandelt – Fortbildungspflicht für AHS-Lehrer und verpflichtende Kurse außerhalb der Unterrichtszeit haben gute Chancen, auf dem Verhandlungstisch zu landen, heißt es.

Sicher ist: Ohne Zwang werden die Ferien auch in Zukunft fortbildungsfreie Zeit bleiben. Es mangle an Sommerkursen, verteidigt Eva Scholik, AHS-Lehrergewerkschaftschefin, ihre Schäfchen. Manche Pädagogischen Hochschulen hingegen sagen, die Lehrer seien schuld: Sie nähmen das Ferienprogramm nicht an. Wissensmanager Paul Kral kennt das Leid. Er war 15 Jahre lang Leiter der größten Lehrerfortbildungsstätte in Österreich, des Pädagogischen Instituts Wien (es wurde 2007 in die neu geschaffene PH Wien integriert): „Wir haben früher probiert, auch abseits der ersten und der letzten Ferienwoche Kurse anzubieten – mit mäßigem Erfolg: Wir mussten sie wegen mangelnder Nachfrage wieder absagen.“ Auch an der schulinternen Kommunikation hapere es: Oft wüssten Direktoren nichts über die Qualifikationen ihrer Untergebenen.

Zumindest das wird sich in Zukunft ändern. Ab kommendem Wintersemester können Fortbildungsveranstaltungen nur noch über die Web-Datenbank „PH-Online“ gebucht werden – alle Kurs- und Teilnehmerdaten werden dann zentral gespeichert. Ob aus Sicht der Lehrer tatsächlich jede Fortbildung darin erfasst wird, ist aber fraglich: Viele Pädagogen meinen, es sei grundfalsch, Fortbildung nur auf Kurse an den PH zu reduzieren; für die Kreativen unter ihnen fällt auch der abendliche Erfahrungsaustausch unter Kollegen bei einem Bier darunter. Oder die Lektüre eines Sachbuchs am Strand.

Burn-out-Prophylaxe und fachliche Weiterbildung auf einen Schlag – darauf ist selbst die PH Niederösterreich noch nicht gekommen.