Fortpflanzung: Risiko aus der Retorte

Seit einem Vierteljahrhundert schaffen Mediziner Leben in der Retorte. Neueste Studien dämpfen nun erstmals die Euphorie: Künstlich gezeugte Kinder leiden öfter an Entwicklungsstörungen und Fehlbildungen.

Für den Kinderfasching war Doris Korec den ganzen Tag auf den Beinen. Nach dem Großeinkauf, dem Girlandenaufhängen und der Kostümierung der sechsjährigen Zwillinge Caroline und Bernhard kam der Ansturm der Piraten, Prinzessinnen und Yedi-Ritter. Gegen 19 Uhr waren dann alle weg, und das schmucke Einfamilienhaus in Wien-Floridsdorf war einigermaßen devastiert – Elternmühen, die Korec dennoch genießt. „Mutter zu sein ist das Lohnendste, was es für eine Frau gibt“, strahlt die 44-Jährige. „Ich möchte das nicht eine Sekunde missen.“

Was Korec für dieses Mutterglück alles auf sich genommen hat, hat sie ihren Kindern bisher noch nicht erzählt. Die elf-jährige Marianne, Schwester der Zwillinge, ahne schon, „dass da irgendetwas ist“. Am neugierigsten sei im Moment aber die kleine Caroline. „Die will ständig wissen, wie denn das geht mit den Babys.“ Doch so, wie andere Eltern ihrem Nachwuchs zu gegebener Zeit die ersten Details über die Mechanismen der Fortpflanzung nahe bringen, wird Korec es nicht erzählen können. Denn ihre drei Kinder wurden nicht im Ehebett, sondern per In-vitro-Fertilisation (IVF) in der Praxis eines Wiener Gynäkologen gezeugt. „Ich werde ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie in dieser Hinsicht etwas Besonderes sind“, sagt Korec. „Weder im positiven noch im negativen Sinn.“

Tatsächlich ist die Zeugung in der Petrischale längst zu einem Routineverfahren geworden. Weltweit verdanken bereits mehr als eine Million Menschen ihre Existenz einer künstlichen Befruchtung, rund 400.000-mal pro Jahr versuchen Mediziner weltweit, Ei und Samenzellen in vitro zu vereinen.

Drei IVF-Kinder täglich. Im Jahr 2002 wurden in Österreich 5200 Fertilisationsversuche unternommen, als deren Folge 1080 Kinder zur Welt kamen – das sind drei pro Tag. Jedes siebzigste Neugeborene stammt hierzulande demnach bereits aus dem Labor. Von dem Erstaunen und den anfangs überaus kontroversiellen Diskussionen, die einst 1978 als Reaktion auf die Meldungen über die Geburt von Louise Brown, dem ersten Retortenbaby, einsetzten, ist heute nicht mehr viel geblieben. Zahlreiche Untersuchungen belegen Glück und Euphorie von Eltern, die ohne Zuhilfenahme der Retortenzeugung kinderlos geblieben wären. Auch unter den Kritikern setzte vielfach ein Umdenken ein. In vielen Ländern wird unerwünschte Kinderlosigkeit inzwischen als Krankheit eingestuft und auch so behandelt. Zwar wird die In-vitro-Fertilisation in Österreich nicht auf Krankenschein durchgeführt, allerdings übernimmt ein von Kassen und Familienbeihilfenausgleichsfonds gespeister Fonds seit 2000 siebzig Prozent der Kosten für die ersten vier Versuche.

Durchaus zufrieden wurde daher international im Vorjahr Bilanz über ein Vierteljahrhundert künstlicher Befruchtung gezogen. „Es hat wirklich viel gebracht“, resümiert der Wiener Gynäkologe Peter Kemeter. Vier Jahre nach der Geburt des ersten Retortenbabys in Großbritannien hatte Kemeter gemeinsam mit Wilfried Feichtinger 1982 Österreichs erste erfolgreiche In-vitro-Fertilisation geschafft.

Doch mitten in die Reminiszenzen mischen sich nun unangenehme Misstöne. Gleich mehrere internationale Studien weisen nun darauf hin, dass die berechtigtermaßen gefeierten Errungenschaften der Reproduktionsmedizin auch ihren Preis haben. So fanden Wissenschafter des finnischen Nationalen Forschungs- und Entwicklungszentrums heraus, dass Retortenbabys fast eineinhalbmal häufiger mit Fehlbildungen zur Welt kommen als natürlich gezeugte Kinder. Bei ähnlichen Untersuchungen in Westaustralien und Schweden wurde gar ein doppelt so hohes Fehlbildungsrisiko ermittelt. Und eine Nachschau im Mainzer Geburtenregister legt den Schluss nahe, dass Kinder, die per Mikroinjektion von Samen in eine weibliche Eizelle gezeugt wurden, sogar mit einem dreifach erhöhten Risiko behaftet sind. Während unter natürlich gezeugten Kindern rund fünf Prozent mit Fehlbildungen zur Welt kamen, lag die Rate bei den künstlich befruchteten bei 16 Prozent.

Die Liste der aufgefundenen Missbildungen liest sich wie ein Auszug aus einem medizinischen Lexikon: Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, offene Wirbelkanäle, Wasserköpfe, Defekte des Herzens, der Nieren, der Bauchspeicheldrüse und an den Geschlechtsorganen. Auch Chromosomenfehlverteilungen wie beim Down-Syndrom wurden von den Forschern in überdurchschnittlicher Zahl konstatiert.

„In absoluten Zahlen betrachtet ist das marginal“, meint Kemeter, „davon werden sich die meisten Paare zu Recht nicht abschrecken lassen.“ Oftmals werden Paare, die sich ihren Kinderwunsch unter Zuhilfenahme der modernen Reproduktionsmedizin erfüllen wollen, über das erhöhte Risiko aber gar nicht aufgeklärt. So wirbt etwa das Vorarlberger Institut für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie auf seiner Homepage mit der frohen Botschaft: „Die Rate der Anomalien, chromosomalen Ursprungs oder nicht, sind bei der IVF und in der Normalbevölkerung dieselben.“

Auch Sonja Siebert* hat in ihren Gesprächen mit Reproduktionsmedizinern nicht viel über potenzielle Probleme oder Risken gehört. Nach zehn Versuchen verfügt sie in Fragen der Reproduktionsmedizin mittlerweile über recht umfangreiches Wissen. Doch die zahlreichen Vorbereitungsgespräche mit unterschiedlichen Ärzten hätten, meint sie, zu ihrem umfangreichen Kenntnisstand nur wenig beigetragen. „Da gab es einen, der warb aggressiv mit Zwillingsfotos“, erinnert sie sich, „aber dass bei Mehrlingsgeburten das Risiko eines behinderten Kindes höher ist, hat er nicht dazugesagt.“

Im Rahmen der Suche nach den Ursachen für erhöhte Fehlbildungsraten hat die Wissenschaft auf viele der offenen Fragen noch keine wirklich schlüssigen Antworten gefunden. Erkannt sind mittlerweile jedoch einige der wichtigsten Problemzonen. „Wo wir nachjustieren müssen“, meint etwa IVF-Pionier Kemeter, „sind die Mehrlingsschwangerschaften.“ Während auf hundert natürliche Schwangerschaften eine Zwillingsgeburt kommt, resultieren aus 100 künstlichen Befruchtungen 36 Zwillingsgeburten. Zwei bis sechs Prozent aller erfolgreichen Befruchtungsversuche münden in einer Drillingsschwangerschaft.

Der weibliche Körper ist von so viel Nachwuchs manchmal überfordert. Überdurchschnittlich viele Mehrlingsschwangerschaften haben Fehlgeburten zur Folge, die Neugeborenen weisen häufiger als bei Einlingsschwangerschaften Missbildungen auf. Nach einer im Journal „Spectrum der Wissenschaft“ zitierten US-Studie litt etwa die Hälfte der extrem früh geborenen Kinder an Lähmungserscheinungen beziehungsweise an Seh- oder Hörschwäche. Drillinge hatten 47-mal häufiger zerebrale Störungen als andere Kinder.

Dilemma. Reproduktionsmediziner und ihre Klienten sind in diesem Zusammenhang freilich mit einem Dilemma konfrontiert: Je mehr künstlich gezeugte Embryonen in den Mutterleib zurückverpflanzt werden, desto höher ist die Chance auf die ersehnte Schwangerschaft. Das ist nicht nur für die betroffenen Frauen wichtig. „Manchen Kliniken geht es um Erfolgsquoten“, kritisiert Andreas Obruca, der ein Institut im Wiener Spital „Goldenes Kreuz“ betreibt. „Das geht dann nach dem Motto: Hauptsache schwanger.“ Obruca setzt in seinem Institut den Patientinnen maximal zwei Embryonen pro Versuch ein. „Mehrlinge sind ein Menetekel“, meint auch die Salzburger Gynäkologin Barbara Maier und fordert mehr Zurückhaltung von ihren Kollegen. „In vielen Fällen reichen auch ein bis zwei Embryonen.“

Wie neuere Studien zeigen, sind Mehrlingsschwangerschaften nicht das einzige Problem. Offenbar können auch die notwendigen Manipulationen an Ei- und Samenzellen den Nachwuchs schädigen. Besonders gilt das für die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). In Österreich wird diese Methode inzwischen bei sieben von zehn künstlichen Befruchtungen angewandt. Dabei kann die scharfe Mikronadel beim Durchstoßen der Eihülle den so genannten Spindelapparat der Eizelle beschädigen. Diese extrem fragile Verteilungsmaschine sorgt für die exakte Verdoppelung der Chromosomen bei der Zellteilung.

Genetische Prägungen. Auch das unnatürliche Ambiente der allerersten Tage könnte für einen Teil der Probleme verantwortlich sein. Immerhin bleibt die befruchtete Eizelle bis zu sechs Tage in der Petrischale liegen. In dieser Zeit finden wichtige genetische Prägungen, das so genannte Imprinting, statt. Dabei werden bestimmte mütterliche und väterliche Gene an- und ausgeschaltet, mit denen etwa Wachstumsvorgänge beeinflusst werden.

Veterinärmediziner wissen bereits seit längerem, dass bei künstlich gezeugten Tieren öfter als sonst bestimmte Gendefekte, Krebserkrankungen und Entwicklungsstörungen wie überschießendes oder verzögertes Wachstum auftreten, die möglicherweise auf fehlerhaftes Imprinting zurückzuführen sind.

Eine Studie der Gesundheitszentren in Atlanta zeigt, dass IVF-Kinder mehr als zweieinhalbmal häufiger untergewichtig sind als andere – selbst wenn sie nicht als Frühgeburt, sondern zum regulären Termin zur Welt gekommen sind. Einen ersten Hinweis auf mögliche Ursachen haben Forscher an der Mainzer Universitätskinderklinik gefunden. Sie entdeckten bei untergewichtigen, mittels ICSI gezeugten Kindern einen Prägungsfehler genau in jenem Abschnitt des Chromosoms 11, in dem wichtige wachstumssteuernde Gene liegen. „Es könnte sich herausstellen“, sagt der Wiener Endokrinologe Johannes Huber, „dass diese Frühprägung der Gene in der Petrischale anders verläuft als in den Eileitern.“

Neben den mechanischen und chemischen Schwierigkeiten rückt aber noch ein anderes Problem ins Visier der Kritiker: In den Anfängen der Reproduktionsmedizin wurden hauptsächlich Frauen mit verschlossenen Eileitern behandelt. Seit mehr als zehn Jahren helfen die Mediziner aber auch bei Paaren nach, deren Kinderwunsch aufgrund der schlechten Spermienqualität des männlichen Partners unerfüllt geblieben ist. In Österreich ist das bei sieben von zehn Fällen so. Nun versuchen Mediziner herauszufinden, ob derart auch Gene vereint werden, deren Zusammenkommen von der Natur eigentlich ausgeschlossen werden sollte.

Fehlverteilung. Tatsächlich fanden Forscher in Samenproben von Männern, die ihr Kind mithilfe einer Spermieninjektion zeugen wollten, in Extremfällen bis zu 70 Prozent fehlverteilte Chromosomen. Die Resultate lassen sich in einer Reihe von Studien nachlesen: Demnach ist das Risiko bestimmter Genschäden bei solcherart gezeugten Retortenkindern vier- bis sechsmal höher als sonst.

Obwohl die überwiegende Zahl der IVF-Kinder gesund zur Welt kommt, beginnen manche Reproduktionsmediziner aus den erhöhten Risken erste Konsequenzen zu ziehen. So verriet etwa Klaus Dietrich, Präsident der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, kürzlich im Fachblatt „Spektrum der Wissenschaft“, dass er rund fünf Prozent der Nachwuchssuchenden wegschicke. „Wenn Fehlbildungen des Kindes mit größter Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, bin ich nicht bereit, die Behandlung durchzuführen.“ Und auch der österreichische Hormonspezialist Johannes Huber regt an, IVF-Behandlungen bei schlechtem Samenbefund nicht mehr in jedem Fall durchzuführen. Leicht zu argumentieren sei das freilich nicht, erläutert Gynäkologe Obruca das Dilemma, mit dem die Ärzte konfrontiert sind: „Ich kann jemandem ja nicht sagen: Ihr Kind wird wahrscheinlich denselben Gendefekt haben wie Sie und scheint mir deshalb nicht lebenswert.“

Patricia Gross*) und ihr Ehemann verzichteten auf eine Untersuchung der eigenen Gene. Nachdem die künstliche Befruchtung beim fünften Versuch endlich geklappt hatte, ergab eine in der 21. Schwangerschaftswoche vorgenommene Fruchtwasseruntersuchung, dass ihr Sohn am Down-Syndrom leiden würde. Die Ärzte boten der damals 37-Jährigen routinemäßig einen Schwangerschaftsabbruch an. Patricia Gross aber brachte den Buben – gemeinsam mit seiner nicht behinderten Zwillingsschwester – zur Welt und war „überglücklich“.

Heute ist der Bub „ein aufgeweckter Kerl, der gerade zu laufen beginnt“, strahlt die Mutter. „Ich habe es keine Sekunde bereut. Durch ihn sehe ich heute viele Dinge mit anderen Augen.“