FPÖ: Blaue Familienbande

Erstmals in der politischen Geschichte Westeuropas übernimmt ein Geschwisterpaar die Führung einer Partei. Sobald Jörg Haider es wünscht, wird Ursula Haubner wohl Platz für ihn machen. Im Hintergrund wirken Eltern und Ehefrau.

Der erste Tag in der neuen Selbstständigkeit nahm eine enttäuschende Wendung. Ursula Haubner hatte sich Montagvormittag gerade notdürftig zurechtgelegt, was sie den gewiss anstürmenden Journalisten auf die Frage antworten werde, ob sie nun das Geschäft ihres Bruders erledige. Da plauderte der schon im Spiegelsaal der Kärntner Landesregierung fröhlich über seine Schwester, die neue Parteichefin. Dem politisch enthaupteten Herbert Haupt wurde ausgerichtet, er dürfe „auch noch was dazu sagen“. Und erst die spätere Meldung aus dem Ministerratsdienst, dass er demnächst den Vizekanzlerzuschlag für acht Monate ausgezahlt bekomme – man hatte ihn vergessen –, glättete Haupts Zornesfalten.
So war das alles nicht ausgemacht.

Nun bemüht sich Ursula Haubner redlich, die Sache richtig zu stellen. Nein, sie sei keineswegs die neue Parteichefin, sondern nur geschäftsführende Parteiobfrau. Jörg Haider habe das bloß etwas verkürzt formuliert. Überhaupt sei im Detail noch offen, mit welchen Agenden sie nun wirklich betraut werde. Jedenfalls wolle sie der Parteibasis wieder „Begeisterung einhauchen“. „Und wenn wir erst wieder mit einer Sprache sprechen“, sagt sie hoffnungsfroh, „dann stellt sich die Begeisterung schon von selbst wieder ein.“

Meint sie die Sprache der Familie Haider, den Jargon der Unverstandenen und Verfolgten, der Ehre und der Treue?
Bisher waren die Rollen so verteilt: Die große Schwester lebt im Schatten des kleinen Bruders. Das Maß der Dinge ist immer noch Jörg Haider.

Die Schwester sei ganz anders, erzählen Kenner der Familie. Sie sei weder bösartig noch verletzend, sondern warmherzig und sachkundig. Selbst Heide Schmidt, der ehemaligen Bundessprecherin des Liberalen Forums, deren Verhältnis zu Haider nicht gespannter sein könnte, fällt zu Ursula Haubner zuerst der Begriff „anständig“ ein.

Seltsames Paar. Die politische Karriere der 58-jährigen ehemaligen Hauswirtschaftslehrerin und vormaligen Landesrätin in Oberösterreich begann spät und verlief rasant. Im Jahr 1989 übernahm sie den vakant gewordenen Vorsitz der FPÖ-Bezirksgruppe in Bad Hall. Zwei Jahre später kandidierte sie für das Amt des Bürgermeisters, und Bruder Jörg, der fünf Jahre vorher die FPÖ handstreichartig übernommen hatte und eben von Sieg zu Sieg rauschte, sagte erstaunt: „Du traust dich was.“

Haubner wurde Sozialstaatssekretärin, so sagt man, um den zornigen Bruder zu beruhigen – quasi eine lebende Versicherungspolizze für die zweite Auflage der schwarz-blauen Regierung.

Jetzt ist sie in der FPÖ ganz nach oben aufgestiegen – und vielleicht doch nur Statthalterin für den unruhigen Landeshauptmann, die sofort den Platz räumen würde, wenn der Bruder es wünscht.

Nach einem erfolgreichen Kärntner Landtagswahlkampf würde es so weit sein, mutmaßen viele in der FPÖ.

Bisher unternahm Haubner wenig, um diese Befürchtungen zu zerstreuen. „Ich kann mit solchen Vorurteilen leben“, sagt sie ein ums andere Mal, „weil ich weiß, dass ich nicht Haiders Sprachrohr bin.“ Und doch würde sie ihren Bruder grundsätzlich „immer positiv beurteilen“. Die Familienloyalität spiele eben „eine ganz, ganz wichtige Rolle“ in ihrem Leben.
Ein einziges Mal hat sie sich in aller Öffentlichkeit eine kleine Spitze erlaubt. Als Minister Martin Bartenstein bei einem gemeinsamen Regierungsausflug zu den Marchfeldschlössern Haubner mit den Worten, er habe mit seinem kleinen Bruder „auch immer Schwierigkeiten gehabt“, zu necken versuchte, konterte sie kokett: „Ist der auch ein bisserl anstrengend?“
Es ist schon ein seltsames Geschwisterpaar: Jörg Haider, für viele der Inbegriff des Bösen in der Politik; Ursula Haubner, der Kumpel von nebenan, zuständig für die gute Stimmung – warm, weich, mütterlich.

„Haider hat seine Schwester instrumentalisiert, weil er anders mit Herbert Haupt nicht zurande gekommen ist. Bei allem Bauchweh würde sie ihm jederzeit den Weg frei machen“, analysiert ein ehemaliges Regierungsmitglied der Freiheitlichen.

Familienzwist. Ein langjähriger Freund der Familie Haider, der die Geschwister aus Kindertagen kennt, ist überzeugt, „dass sich die Uschi vom Jörg nichts sagen lässt. Sie würde sich öffentlich aber niemals gegen ihn stellen. Bis zur Selbstaufgabe. Das sind die Familienbande.“

Die können in der Tat eine rechte Zwangsjacke sein. Es wird berichtet, dass sich in den vergangenen Monaten die Spannungen zwischen den Positionen Haiders und denen Haubners sogar am Mittagstisch der alten Haider-Eltern im heimatlichen Bad Goisern entluden. Zerrissen zwischen Uschi und Jörg, erwarteten die Eltern besonders von der Tochter Loyalität und Einsicht. Im freiheitlichen Seniorenring, wo Mutter Haider nach wie vor höchst aktiv ist, wird voll Eifer gegen die Kritiker des Landeshauptmanns gezetert.
So war es immer. „Er war halt von klein auf schon immer so was wie ein Chef“, hat Haubner einmal die ehrgeizigen Ansprüche ihres Bruders begründet.

Der kleine Chef. Mittlerweile hat sich aus der Kindheit eines Chefs allerdings das Erwachsenenleben eines Politikers herausgeschält, der nützliche Kompagnons neben sich, aber keinen über sich duldet, der Fehler macht, weil er vor Selbstliebe strotzt, der Fehler nicht zugeben kann, weil er das als unverzeihliche Schwäche ansehen würde.
Die Geschwister wurden früh in eine schwierige Welt von Sein und Schein eingeführt.

Die Eltern der Haider-Kinder versuchten, die Welt draußen nichts wissen zu lassen von der Armut und von den Demütigungen, denen sie sich als ehemalige Nationalsozialisten ausgesetzt fühlten.

Zu den reichen Verwandten in Südtirol fuhr man in einem geborgten Mittelklassewagen und lieh sich dort das Schulgeld für das Gymnasium aus. Ein Onkel, der an Haider junior einen Narren gefressen hatte, vererbte ihm dann später auch das Bärental, Ursula Haubner bekam ein kleines Grundstück.
Die Gespräche im Hause Haider drehten sich, wie sich ein alter Freund der Familie erinnert, „immer nur um den brillanten Jörg, nie um die Uschi“.

Die Loyalität zur Familie, das Austarieren von Spannungen und Zurücksetzungen haben beide von Kindesbeinen an gelernt – freilich in unterschiedlichem Ausmaß. So unvergleichbar sich die Charaktere der Geschwister heute darstellen, so ungewöhnlich war auch die Verbindung ihrer Eltern: Die Heirat der großbürgerlichen Arzttochter und des Schuhmacherlehrlings war eine klassische Mesalliance, obwohl beide eingefleischte Nationalsozialisten waren.

„Dass unsere Eltern trotz der Klassenunterschiede bis zum heutigen Tag eine vorbildliche Ehe führen, ist faszinierend“, findet Haubner. „Das haben sie an uns Kinder weitergegeben.“
Die unmittelbare Nachkriegszeit empfanden die Haiders als bitter. Robert und Dorothea Haider waren keine großen, aber glühende Funktionäre des Regimes gewesen, sie NS-Bannmädchenführerin, er NS-Gaujugendwalter. Im Frühjahr 1945 wurde Robert Haider verhaftet. Er rechnete mit der Todesstrafe, weil er schon 1934, damals 18 Jahre alt und arbeitslos, dem Ruf der SA gefolgt und am NS-Putsch gegen den christlich-sozialen Kanzler Engelbert Dollfuß beteiligt war.

Ahnungslose Nazis. Der Beamte der Entnazifizierungskommission, so erzählt ein Freund der Familie, „kam offenbar zur Auffasssung, dass das ein idealistischer Mensch ist“. Auf die Frage, wie er jetzt darüber denke, habe Haiders Vater gesagt: „Nur ein dummer Esel geht ein zweites Mal aufs Eis.“

Als Sühnemaßnahme wurden damals NS-Funktionäre aus dem „Gau Oberdonau“ zusammengetrieben, um die Leichenberge, die die SS in einer Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen zurückgelassen hatte, zu beerdigen.

Auch Robert Haider hob in diesen Tagen Massengräber aus. Dorothea musste in einem ehemaligen Kinderheim der Volkswohlfahrt Putzarbeiten verrichten. Später erzählte sie Freunden, wie entwürdigend sie das empfand. Jüdische Tuberkulosepatienten hätten ihr den Auswurf direkt vor die Füße gespuckt und sie als „Nazi-Sau“ beschimpft.

Im Jahr 1995 sagten Haiders Eltern zu einem Mitarbeiter des profil, von den Gräueln des Nationalsozialismus hätten sie „nichts gewusst“. Dorothea Haider: „Die haben uns zu Verbrechern gestempelt, weil wir immer nur unsere Pflicht getan haben. Wir haben doch keine Ahnung gehabt von den Konzentrationslagern. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, das hab ich erst 1945 überhaupt mitgekriegt. Wir haben gewusst, dass Mauthausen ein Lager ist. Da haben wir halt gemeint, dort sind Kriminelle.“

Ursula Haider wurde 1945 in Bad Goisern geboren, Jörg fünf Jahre später. Ihre Welt waren die Lagerfeuer des RFJ (Ring Freiheitlicher Jugend), die Redewettbewerbe des weit rechts stehenden Turnerbundes (ÖTB), bei denen die Mutter in der Jury saß, die stramm deutschnational gesinnten Kreise der Arzt- und Anwaltssöhne in Bad Ischl, die Burschenschaften, über die man Zutritt zu den besseren Ischler Kreisen bekam. Vater Haider war schließlich nur ein kleiner Bezirkssekretär der FPÖ, und die Mutter, die eigentlich Lehrerin war, fiel eine Zeit lang unter das Berufsverbot und gab Nachhilfe in Latein.
Ursula Haubner war 17, als sie begann, unangenehme Fragen zu stellen. Sie wollte wissen, warum die Eltern „so begeisterte Nationalsozialisten gewesen waren und warum sie diese furchtbaren Dinge nicht gewusst haben“. Diese Diskussionen seien „sehr kontrovers“ verlaufen, sagt sie. Der kleine Bruder, so glaubt sie sich zu erinnern, war nicht dabei.

Gemeinsame Heimat RFJ. Jörg Haider pflegt einen tiefen Groll gegen die „Opportunisten, die es sich rechtzeitig gerichtet haben und gleich wieder an die Macht kamen“. Er hat großes Verständnis für die sozialen Ursachen des Aufstiegs der Hitler-Bewegung. Solche wie sein Vater, sagte Haider 1999, „waren vorher gesellschaftlicher Abschaum. Dann kommt über Nacht die Chance, sie haben Arbeit, verdienen gut und waren in einer angemessenen Lebensart.“

Ursula Haubner ist nie mit befremdlichen oder verharmlosenden Aussagen über die Nazizeit aufgefallen. Sie reagierte betreten, als sie 1991 gefragt wurde, was sie von Haiders Lob für die Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs halte: „Mich hat diese Äußerung sehr betroffen gemacht. So was hätte nicht passieren dürfen, keine Frage.“

Aber wenn er provoziert werde, bleibe er halt nichts schuldig. So sei der Jörg schon als Kind gewesen, ein Heißsporn eben.
Diesem Erklärungsmuster für ihren Bruder hängt Haubner heute noch nach. Die so geübte Nachsicht sind in mütterlichen Klagen über seine Lästigkeit und sein Temperament mittlerweile zur Formel erstarrt.

Anfang der siebziger Jahre ging Jörg Haider nach Wien, um Jus zu studieren. Ursula Haider, die in Bad Ischl an der so genannten „Knödelakademie“ maturiert und in Innsbruck das Lehramt für Hauswirtschaft absolviert hatte, wurde Lehrerin in Steyr.

Aber im Ring Freiheitlicher Jugend hatten sie eine gemeinsame Heimat. Während der Bruder den RFJ aufmischte, gestaltete Ursula, inzwischen verehelichte Haubner, für die RFJ-Zeitung „Tangente“ die letzte Seite. Unter der Rubrik „Boutique“ gab sie Koch- und Basteltipps.
In dieser Zeit trat auch Haiders Ehefrau in sein Leben. Claudia Hoffmann schrieb für die „Tangente“ kleine Buchrezensionen. Bald war das erste Kind unterwegs.

Heim und Herd. Keine Frage, dass geheiratet wird. Hochzeit in Bad Goisern. Ein Leben, angepasst und im Einklang mit den Traditionen, bieder und kleinbürgerlich. Der Wahlspruch an der Tür von Haiders Haus, das er sich später in Klagenfurt baute, lautet: „Dies Haus ist nur ein kleiner Punkt / in Gottes großer Welt / Doch ist es eine ganze Welt / wenn es Dein Glück enthält.“

Im heurigen Sommer trat das Ehepaar Claudia und Jörg Haider Scheidungsgerüchten händchenhaltend auf einer gemeinsamen Pressekonferenz entgegen.

Claudia Haider gilt vielen freiheitlichen Funktionären als heimliche Strippenzieherin. Sie versteht es, ein Netzwerk mit den Ehefrauen maßgeblicher Persönlichkeiten zu knüpfen. In einer Krisensituation soll sie schon einmal gesagt haben: „Da ruf ich die Löffler an“ (die Gattin des Bundespräsidenten). Eine Zeit lang schrieb sie an FPÖ-Funktionäre unaufgefordert kurze Briefe mit Tipps und Anregungen zur Parteiarbeit.
Im Kärntner Wahlkampf eilt sie unermüdlich von einem Society-Event zum nächsten. Vor kurzem sprach sie in der ORF-Sendung „Vera“ über ihre Liebe zum Wald im Allgemeinen und zu „Bruder Baum“ im Besonderen: „Ich bin ja die Tochter eines Försters und im Wald aufgewachsen.“

Beißhemmung? Mit Frauen außerhalb seiner Familie hat Haider in der Regel kein Glück. Das Zusammenspiel funktioniert immer nur, solange sie sich ihm bedingungslos unterordnen. Zwischen den Geschwistern könnte nun eine Pattstellung eintreten. Die Hoffnung gründet sich auf eine Beißhemmung des Bruders gegenüber der größeren Schwester.
Da es nach bekanntem Haider’schem Muster aber immer einen Sieger und einen Verlierer geben muss und Haubner keine Anzeichen erkennen lässt, Jörg Haider jemals im Stich zu lassen, geht der prolongierte Machtkampf wohl zu seinen Gunsten aus.