FPÖ: Rechts ab ins Debakel?

Einige Gründe, die Herren Strache, Mölzer und Stadler für erfolgreicher als Ursula Haubner zu halten.

Wo immer beschrieben wird, wie die Herren Strache, Mölzer und Stadler die FPÖ auf ihren Rechts-Kurs zwingen wollen, wird daran die Überzeugung geknüpft, dass sie das restlos ruinierte – sie könnte mit der Fünfprozent-hürde zu kämpfen haben.
Ich halte das für möglich – aber so überzeugt bin ich nicht.

Viel eher droht der FPÖ die Marginalisierung unter Ursula Haubner. Denn in dem Maße, in dem sie sich durchsetzt, verliert die Partei jenes rechte und radikale Profil, das sie von anderen Parteien abhebt. Sie bleibt vielleicht ein bisserl nationaler und konservativer als die ÖVP – aber nicht entscheidend; sie wird vielleicht ein bisserl sozialer – aber ohne dadurch zur Konkurrenz für die SPÖ zu werden; in (wirtschafts)liberaler Hinsicht liegt sie weit hinter beiden und selbst den Grünen; und das EU-Protestspektrum deckt Hans-Peter Martin erwiesenermaßen erfolgreicher ab.

Selbst wenn sie ähnliche politische Ansichten haben sollten, ist Ursula Haubner in ihrem Stil das Gegenteil ihres charismatischen Bruders: Sie übertreibt, brüskiert und diffamiert nicht – damit fehlt ihr selbst der Unterhaltungswert.

Es gibt rundum keinen einzigen Grund, warum ein Wähler Haubners FPÖ stärken sollte.

Es sei denn, er kommt aus dem ultrarechten Lager: Dann wählt er die FPÖ trotz
Ursula Haubner, weil er überzeugt ist, dass sie demnächst durch Strache, Mölzer und Stadler abgelöst wird.

Die Vermutung so vieler Kommentatoren, dass diese Machtübernahme die FPÖ zur rechts-nationalen Mini-Partei schrumpfen würde, basiert im Wesentlichen auf der Überzeugung, dass das, wofür diese Männer stehen, doch die große Mehrheit der Österreicher abstößt.

Eben dies bezweifle ich aufgrund eines Vorausexperiments: Immerhin konnte Andreas Mölzer Kolumnist der „Kronen Zeitung“ werden. Und wenn Hans Dichand etwas auszeichnet, dann sein sagenhaftes Gespür für Meinungen, hinter denen man Mehrheiten versammeln kann.
Er riecht das. Auch an sich selbst.

Was sind das denn für Äußerungen, die angeblich von der Mehrheit zurückgewiesen werden? Etwa Herrn Stadlers Ausspruch, dass zwischen NS-Besetzung und alliierter Besetzung kein Unterschied sei? Stimmt schon, dass das Peter Rabl oder Hans Rauscher empört – aber die Mehrheit der „Krone“-Leser empört es sicher nicht. Vielmehr ergäbe kompetente Meinungsforschung, dass die Mehrheit sogar einer Ansicht ist, die Stadler gar nicht ausgesprochen hat, weil er sie gar nicht auszusprechen brauchte: dass nämlich der alliierte Sieg nicht Befreiung, sondern Niederlage gewesen ist.

Herrn Mölzers Ansicht, dass die Bomben auf Deutschland und Österreich sich in nichts von den deutschen Bomben auf England unterschieden, würde genauso von einer Mehrheit bejaht, wenn geschickt genug gefragt wird.

Noch mehr gilt das für Kritik an Israel. Natürlich sagte heute fast niemand: Die Israelis sind so übel wie alle Juden. Aber man kann unter Beifall behaupten, dass sie sich den Palästinensern gegenüber benehmen wie die Nazis gegenüber den Juden, woraus unterbewusst zwei Schlüsse gezogen werden: 1. In Wahrheit haben sich ja auch die Nazis gegenüber den Juden nicht ganz so schlecht benommen. 2. Zumal die Juden ja wirklich ein Volk sind, mit dem man nicht friedlich zusammenleben kann.
Und das soll in Österreich nicht mehrheitsfähig sein?

So wie Antisemitismus auf zahlreiche Wähler durchaus anziehend wirkt, solange er sich nicht als solcher deklariert, wirkt Fremdenfeindlichkeit selbstverständlich weiterhin anziehend, wenn sie sich als „Sorge um Österreich“ tarnt: Sorge um „unsere Frauen“, die nachts nicht mehr auf die Straße gehen können, Sorge um „unsere Kinder“, die schwarzen Dealern ausgesetzt sind, und vor allem Sorge um unsere Arbeitsplätze. Andreas Mölzer muss nur lernen, dass er, statt von der Gefahr der „Umvolkung“, von der Gefahr der unlauteren Konkurrenz durch den Osten sprechen muss, um das wichtigste blaue Wählerreservoir von seiner Seite her anzuzapfen: wie Haider alle anzusprechen, die Angst vor der Zukunft haben.
In diesem Rayon ist auch HPM kein Konkurrent, denn der ist ja nicht gegen das neue Europa – nur gegen dessen Spesenritter. Strache & Co hingegen können die Abneigung gegen „Brüssel“ um die Angst vor Modernisierung und Globalisierung vergrößern.

Offen ist freilich, wie gut die drei ihre Thesen im Fernsehen verkaufen. Da hat Ewald Stadler den Nachteil, dass er so aussieht, wie er denkt, und das ist ähnlich hinderlich wie Antisemitismus, der sich als solcher deklariert. Ob Mölzer im TV so gut wie in der „Krone“ ankommt, wage ich nicht einzuschätzen, abstoßend wirkt er offenkundig nicht. Der telegenste ist sicher Strache: jung, fesch, schlagfertig – vermutlich imstande, die Frage „Halten Sie Mitglieder der Waffen-SS auch für besonders charakterstark, weil sie ihrer Gesinnung treu geblieben sind?“ so zu beantworten, dass niemand ihm ankann und die letzten überlebenden Ehemaligen dennoch fühlen: Der Mann verrät unsre Gesinnung nicht.

Nicht dass es so kommen muss, wie ich es hier ausmale – aber für möglich sollte man es halten: Das aktuelle Tief der FPÖ beruht nicht darauf, dass ihre Ansichten zu wenig Anhänger fänden, sondern darauf, dass ihre Repräsentanten sich als unfähig erwiesen haben. Wenn Strache einen neuen Aufbruch vorzuspiegeln vermag, lässt sich der alte Geist, so fürchte ich, durchaus verkaufen.