Frank Stronach im Interview

Frank Stronach über seinen diese Woche erfolgenden Rückzug bei Magna und seine Ideen für ein anderes Parlament, flotte Elektroautos und zufriedene Rinderherden.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Stronach, ich habe hier die erste österreichische Zeitungsmeldung über Sie. Sie stammt vom März 1988. Damals haben Sie fünf Millionen Euro in ein Werk am ehemaligen Elin-Gelände in Weiz investiert, wo Sie einmal Lehrling gewesen sind. War das die Suche nach den eigenen Wurzeln?
Stronach: : Ich habe die Heimat ja nie vergessen. Damals gab es sehr viele Arbeitslose in der Steiermark, und ich habe zufällig in New York Franz Vranitzky getroffen. Er sagte zu mir: „Du kommst aus der Steiermark, und eine Firma hast du auch. Könntest du nicht dort etwas investieren?“ Ich sagte, ich würde es mir überlegen. Das habe ich getan.

profil: War Ihnen die alte Heimat fremd, die Sie da 1988 vorgefunden haben?
Stronach: : Nein, ich hatte immer noch Wurzeln hier. Ich war ein junger Baum, der in ein anderes Land verpflanzt wurde. Dort gibt es andere Sitten und eine andere Kultur.

profil: Und Europa ist kein Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier werden in der Regel aus Tellerwäschern keine Millionäre.
Stronach: : Auch deshalb, weil wir überverwaltet sind. Wenn man einen Friseurladen aufmachen will, muss man zu drei Hofräten gehen. Du kannst eine Fabrik haben mit noch so guten, fleißigen Arbeitern in der Halle – wenn die Verwaltung in den Büros zu groß ist, ist die Firma nicht konkurrenzfähig. Und wir sind im Staat überverwaltet. Wenn es zum Beispiel eine Steuerprüfung gibt, braucht man Wochen, bis alle Dokumente vorbereitet sind. Furchtbar. Wir beschäftigen 30 Rechtsanwälte in der Firma, das sagt alles.

profil: Der Staat muss eben seine Gesetze vollziehen.
Stronach: : Aber die sind zu kompliziert. Wenn ich zu meinem Finanzchef gehe und ihn etwas frage, liest er zwei Stunden in einem Akt und sagt dann: „Das ist so kompliziert, das versteh ich auch nicht.“ Dann gibt er es an einen Spezialisten weiter, der nach Wochen anruft, eine große Rechnung stellt und sagt: „Das kann entweder so, aber es kann auch anders sein.“ Ein Land muss klare Gesetze haben.

profil: Steuergesetze sind meist Ergebnisse von politischen Kompromissen.
Stronach: : Das ist ja das Problem. Aber Steuergesetze müssen so sein, dass man sie versteht. Die Regierung ist das Managementteam eines Landes. Unglücklicherweise besteht dieses Team aus Politikern. Deren primäres Ziel ist es, gewählt und wieder gewählt zu werden. Jeder hat Angst, den ersten Schritt zu tun, sonst könnte man ja verbal auf ihn schießen. Aber Politiker müssen den Leuten erklären, was sie machen, auch wenn es unpopuläre Maßnahmen sind. Wenn sie es gut erklären, werden die Menschen auch bereit sein, den Gürtel einmal etwas enger zu schnallen.

profil: Dass Regierungen und Parlamente aus Politikern bestehen, werden Sie nicht so leicht ändern können.
Stronach: : Aber zumindest könnte das politische Management durch Bürgervertreter ausbalanciert werden. Ich schlage vor: In jedem Wahlkreis werden 20 mögliche Bürgervertreter mit dem Zufallsgenerator – so wie die Schöffen bei Gericht – ausgewählt, die sich dann – wenn sie dazu bereit sind – zur Wahl stellen. Insgesamt soll es 92 Bürgervertreter geben, die bei wichtigen Gesetzen mit den 183 gewählten Nationalratsabgeordneten mitstimmen. Aber sie stimmen im Gegensatz zu den normalen Abgeordneten geheim ab, damit es keine Sanktionen gegen sie geben kann.

profil: Diese Bürgervertreter wären wahrscheinlich schwer überfordert.
Stronach: : Nein, weil sowohl die Regierungsparteien als auch die Opposition sie eingehend informieren und für ihren Vorschlag gewinnen wollen. So haben dann auch Anträge der Opposition eine Chance, und die Opposition müsste konstruktive Vorschläge machen, nicht nur kritisieren.

profil: So schlimm können Politiker doch nicht sein. Sie selbst haben immer wieder welche in Ihren Konzern genommen: -Peter Westenthaler, Andreas Rudas, Karl-Heinz Grasser, Mathias Reichhold …
Stronach: : In einem zivilisierten Land soll niemand ein Sündenbock sein. Ich sage nicht, einzelne Personen sind schuld – das System ist schuld. Wir sind alle Gefangene des Systems und müssen es erst einmal wachrütteln.

profil: Sind Sie ein Neoliberaler?
Stronach: : Nein. Ich sage nur: Wir sind überverwaltet, so können wir nicht konkurrenzfähig sein. Ich sage nicht, der Staat soll gar nichts mehr machen. Im Gegenteil. Noch immer ist niemand aufgestanden und hat gesagt: Wir hatten in der Finanzkrise 2008/09 große Probleme, wir müssen dafür sorgen, dass das nie mehr vorkommt. Ich sehe kommen, dass es in ein paar Jahren noch viel schlimmer wird als 2008. Wir müssen darüber nachdenken, bevor es zu spät ist. In Griechenland haben wir zu lange gewartet. Griechenland hat die Talsohle noch lange nicht erreicht. Es wird Generationen brauchen, bis die da rauskommen. Wollen wir das in Österreich?

profil: Sie waren schon ein erfolgreicher Unternehmer, als ihr Vater – ein Kommunist – zu Ihnen auf Besuch nach Kanada kam. Hat er Ihnen Karl Marx vorgelesen?
Stronach: : Mein Vater war ein Erzkommunist. Ich habe ihm in den Wochen seines Besuchs erklärt: Das, was ihr fordert, ist ja sehr nobel. Aber eine Gesellschaft, die ihre Bürger in der Produktivität und Kreativität begrenzt, ist eine sterbende Gesellschaft. Kommunistische Ideen sind nicht gut, um Kapital zu schaffen. Aber man muss zuerst Kapital schaffen. Hat man kein Kapital, kann man auch nichts verteilen. Eine Firma, die keinen Profit macht, ist eine Last für die Gesellschaft. In den meisten Schulen wird gelehrt: Wenn jemand Profit macht, dann nützt er jemand anderen aus. Das ist falsch.

profil: Haben Sie Ihren Vater überzeugt?
Stronach: : Na ja. Zum Schluss hat er gewackelt.

profil: Jemand hat einmal gesagt: Frank Stronach: ist die Mutter Teresa des Kapitalismus. Gefällt Ihnen der Vergleich?
Stronach: : Nein, Mutter Teresa hat ihr ganzes Leben unter bescheidensten Bedingungen gelebt. Ich leiste mir schon einen gewissen Wohlstand.

profil: Aber Frank Stronach: braucht keine Gewerkschaften und keinen Staat: Er macht das selbst und ist mildtätig gegenüber seinen Angestellten. Das ist doch Ihre Philosophie, oder?
Stronach: : Das ist nicht richtig berichtet worden. Ich habe nie gesagt, dass es keine Gewerkschaften geben soll. Man braucht die Regierung, die Wirtschaft, die Gewerkschaft, den akademischen Bereich und die Medien. Die Gesellschaft muss ausbalanciert sein. Der Wirtschaft kann man keinen unbegrenzt freien Lauf lassen. Aber wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, dann funktioniert nichts. Dann gibt es keine Spielplätze, keine Schulen, keine Kulturstätten. Ich versuche nur, mit Hausverstand auf Fehler hinzuweisen. Ich sage nie, dass ich die einzige Lösung habe. Wenn jemand eine bessere hat – -bitte.

profil: Funktioniert die Europäische Union nach Ihrem Geschmack?
Stronach: : Ich sage Ihnen einen Vergleich: Angenommen, man nimmt 20 Bauern in einer Genossenschaft. Zehn sind faul, fünf mittelmäßig und fünf arbeiten fleißig. Alle sagen aber, sie wollen mitbeteiligt sein. Das kann nicht funktionieren, das ist eine Fehlkonstruktion. Ich bin für Europa, aber es braucht andere Regeln, und wir brauchen kein Brüssel mit den ganzen bürokratischen Auswüchsen. Das können die Wirtschafts- und Außenminister erledigen, wenn sie ein paar Mal im Jahr zusammenkommen. Wir brauchen die ganze Überverwaltung nicht, die ist eine Fehlkons-truktion.

profil: Ihre Magna-Anteile haben Sie schon verkauft. Kommenden Donnerstag kandidieren Sie nicht mehr als Chairman of the Board. Ein wichtiger Abschnitt in Ihrem Leben geht damit zu Ende. Werden Sie da nicht sentimental?
Stronach: : Nein. Ich fühle mich noch sehr jung und habe noch so viele Ideen. Ich gestalte neue Firmen in meinem Kopf.

profil: Im Elektroautogeschäft, nehme ich an.
Stronach: : Ja, da sehe ich große Zukunft. Über den Bereich Elektroauto habe ich die Kontrolle. Wenn man bedenkt, welche Menge Benzin täglich verbraucht wird in Rio de Janeiro, Los Angeles oder Tokio, ist das, als ob die Donau voller Benzin hinunterrinnt. Es wird eher früher ausgehen als später. Das Elektroauto ist enorm wichtig für die Zukunft der Mobilität.

profil: Es sind in diesem Jahr bisher 90.000 Autos in Österreich angemeldet worden, davon waren 173 Elektroautos. Das ist zwar etwas mehr als im Vorjahr, aber trotzdem sehr wenig.
Stronach: : Man hat sich erst in den letzten drei oder vier Jahren auf das Elektroauto konzentriert. Es wird noch ein paar Jahre dauern. Aber 2020 werden zehn Prozent aller neuen Autos Elektroautos sein. 2030 werden es 20 Prozent sein und so weiter.

profil: Die Energie muss aber auch irgendwo herkommen.
Stronach: : Ja, natürlich. Aber wir alle wissen, dass Strom in der Nacht zum Großteil ungenutzt bleibt. Dann kann man die Batterien aufladen.

profil: Sind Sie für Atomkraftwerke?
Stronach: : Ich verstehe zu wenig davon. Dass man solche Werke in Erdbebengebiete gestellt hat, ist für mich unbegreiflich. Aber was sind die Alternativen zur Atomkraft? Das ganze Leben enthält immer ein bisschen Risiko.

profil: Wollten Sie nie in Windparks oder andere alternative Energien investieren?
Stronach: : Ich habe andere Prioritäten. Elektroautos und Lebensmittelerzeugung. Da werde ich mich stärker engagieren.

profil: Lebensmittelerzeugung?
Stronach: : Ja. Ich habe lange über Rinderzucht nachgedacht. Als ich es meiner Tochter gesagt habe, hat sie gesagt: „Du kannst ja nicht Tiere aufziehen, die du danach wieder tötest.“ Da habe ich sie gefragt, ob sie nicht hin und wieder ein Steak isst. Ja, meinte sie, da sagte ich: Dann dürfen wir nicht heucheln. Was ich meine ist: Wie die Rinder auf Lastwägen und in Schlachthöfen behandelt werden, ist schlimm. Wir alle wissen: Tiere sind den Menschen untertan. Das heißt noch lange nicht, dass man deswegen grausam sein muss.

profil: Sie schlachten nur glückliche Kühe?
Stronach: : Meine Rinder in Florida werden nie eingesperrt, die sind immer auf der Weide und bekommen nur Gras. Es darf keine Schmerzen geben. So wie es jetzt ist, ist es unwürdig. Damit befasse ich mich sehr viel, und da werde ich investieren. Über die letzten zwei Jahre habe ich mir 40.000 Hektar Weideland in Florida gekauft. Dort werden wir vielleicht 20.000 bis 30.000 Rinder haben.

profil: In Österreich gab es immer die Sehnsucht nach dem reichen Onkel aus Amerika. Hatten Sie je das Gefühl, dass man Sie so sieht?
Stronach: : Nein. Jeder hat verschiedene Motive. Es hängt von mir ab, wie weit ich darauf eingehe. Ich kann da schon aussortieren.

profil: Ist es für einen wohlhabenden Mann wie Sie unangenehm, wenn ständig Leute kommen und Geld wollen?
Stronach: : Nein. Manchmal fühle ich mich schon begnadet, dass ich von Zeit zu Zeit etwas helfen kann. Das schönste Gefühl ist ja, wenn man etwas geben kann.

profil: Wie gesagt: die Mutter Teresa des Kapitalismus.
Stronach: : Mutter Teresa hat nur ihre Hände benützt, um Leuten zu helfen. Ich versuche, Kapital zu bekommen. Je mehr ich habe, umso mehr kann ich der Menschheit helfen.

profil: Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Stronach: : Ich gehe hin und wieder in den Wald, setze mich auf einen Stein und sage ein leises Gebet. Wie Gott aussieht, weiß ich nicht. Ich glaube, jeder Mensch hat etwas Gutes in sich. Aber mit Himmel und Hölle befasse ich mich weniger. In die Kirche gehe ich selten.

profil: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Stronach: : Ich mache mir darüber keine Gedanken. Es kommt, wie es kommt.

profil: Falls Sie im Himmel landen sollten: Was wäre dort Ihre Hauptbeschäftigung?
Stronach: : Darüber sollte ich wirklich einmal nachdenken.

profil: Der Chairman-Posten dort ist allerdings schon besetzt.
Stronach: : Das weiß man nicht so genau.