Frankfurter Buchmesse eröffnet

Literatur. Bei der diese Woche eröffnenden Frankfurter Buchmesse präsentiert sich die Türkei als Gastland. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu denkt für profil vorab über die sehr spezielle Literatur im Land seiner Eltern nach.

Die Frankfurter Buchmesse ist das Oktoberfest der Literatur. Es herrscht ein paar Tage lang großer Wirbel, die Buchhändler bestücken ihre Büchertische einige Wochen vor und nach der Buchmesse mit den prominenten Schreibern des Gastlandes – und das war es dann auch. Im Fall der Türkei kann man indes feststellen, dass ein gewisses Interesse an dieser Literatur immer schon bestand, jedenfalls vom Standpunkt des einfachen Lesers aus, eines Lesers, wie auch ich einer bin: Man wollte die in Deutschland und Österreich lebenden Türkischstämmigen verstehen, man hat gehofft, Rückschlüsse aus der Lektüre einiger türkischer Bücher zu gewinnen – aber das waren vergebliche Versuche.

Auf dem Feld des Türken-Kennertums tummeln sich, gerade jetzt, viele Experten, auch viele unberufene. Meinen Worten ist ebenso wenig zu trauen. Ich habe ein emotionales Verhältnis zum Land meiner Eltern, ich weiß, ohne mit Spezialistenkenntnissen aufwarten zu können, dass die türkische Dichtung von großer Bedeutung ist, nicht nur im Land selbst. Ich halte sie für Weltliteratur. Einmal im Jahr fahre ich in die Türkei, um meine Eltern zu besuchen. In der Türkei wird nicht viel gelesen, Bücher sind sehr teuer, und wenn sich eine Publikation 6000-mal verkauft, spricht man bereits von einem Bestseller. Die meisten Menschen lesen Unterhaltungsliteratur, Memoiren, sie lesen zuweilen in nationalem Pathos verfasste Geschichtsbücher, auch Frauenbücher sind beliebt. Ernsthafte Schriftsteller und Poeten wie Oya Baydar, Murathan Mungan und Elif Shafak werden noch weniger gelesen.

In vielen dieser Bücher werden türkeispezifische Themen verhandelt, was Fluch und Segen zugleich ist: Übersetzungen in andere Sprachen sind nur schwer zu vermitteln. Neuerdings sind Istanbul-Bücher im deutschsprachigen Raum groß in Mode, wobei die Stadt als Moloch kodiert wird, in dem Ost und West einander keineswegs in friedlicher Koexistenz verbunden sind, sondern aufeinanderprallen. Das mag in manchem der Istanbuler Stadtviertel der Fall sein. Es ist aber grundfalsch, diese Metropole mit einem Schlachtfeld der abendländischen und östlichen Prinzipien gleichzusetzen. Es gibt in der Türkei viele Autoren, die sich ausdrücklich an ein junges Publikum wenden. In türkischen Buchhandlungen trifft man aber vornehmlich junge Leute, die türkische Ausgaben ausländischer Literatur kaufen. Viele der Studierenden möchten sich fernab des Mainstream-Medienstroms ein Bild machen von der Welt. Nach vier Wochen Aufenthalt in der Türkei kehre ich regelmäßig mit zwei Tüten Büchern zurück nach Deutschland. Von den 30 Büchern, die ich gekauft habe, lese ich im besten Fall vier. Die anderen stehen hübsch im Regal; es ist erstaunlich, wie schön die Bücher sind, die in der Türkei gemacht werden.

Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Raum werden in der Türkei kaum gelesen: Man war es müde, Bücher zu lesen, in denen hauptsächlich Sprachexperimente abgehandelt wurden. Sie waren es müde, Angestelltenprosa zu lesen, sie interessierten sich nicht für Bücher von erfahrungsarmen Jungprosa-Visagisten, für Popliteraten, für all die „Fräuleinwunder“. Den wirklichen Pop konnten die türkischen Leser in den Büchern junger Schreiber entdecken, die in Istanbul, in Izmir, in Ankara aufgewachsen sind, die wirklich etwas erlebt haben.

Früher ging es in der türkischen Literatur vor allem darum, die Unschuld der Provinz, die Unverfälschtheit der ländlichen Gebiete in Form alter Fabeln aufzuschreiben. Zu dieser Wald-und-Wiesen-Literatur gesellte sich Nostalgieliteratur: was wir waren, was wir sind. Im Grunde stehen die wirklichen Grabenkämpfe und Grenzziehungsgefechte innerhalb der türkischen Literatur noch aus. Autoren gehen in der Türkei nicht auf Lesetour, die wenigsten Schreiber können vom Schreiben leben. Die europäische Literatur ist wiederum so reich, dass sie von der türkischen Literatur nichts lernen muss; ein Austausch der Ideen vollzieht sich dennoch tagtäglich. Eine Separation zwischen türkischer und europäischer Literatur kann ich nicht feststellen, sie wäre auch unmöglich einzuhalten – die Grenzen sind nicht erst seit dem Tage durchlässig, seitdem die Menschenströme innerhalb Europas ungehindert fließen können und Schwachköpfe in den Manageretagen ungehindert das Geld anderer Leute versenken können.

Es ist ein Mythos, dass in der Türkei Zensur herrscht. Es wird vieles gedruckt, man kann über vieles schreiben, nicht jedoch über alles. Aber diese Bücher kommen dennoch auf den Markt. Auch im Land meiner Eltern gilt: Persönlichkeitsrechte sind zu achten, Unwahrheiten und Indiskretionen zu vermeiden. Es gibt Bücher, in denen die Missstände, die Defizite und Ungeheuerlichkeiten des politischen Systems verhandelt werden. Leicht möglich, dass die Schreiber dieser Romane und Erzählungen Ärger bekommen. Und dann gibt es jene Profilneurotiker, die allzu gut wissen: Man muss nur mal so richtig in die Pfütze springen, damit man im europäischen Ausland bekannt wird. Ich beziehe mich hier keineswegs auf meinen Touristenblick, sondern auf Aussagen von Verlegern und Schriftstellern, die sich darüber beklagen, dass man die Türkei nach wie vor für rückständig hält.

Ich hege die Hoffnung , dass im Rahmen der Buchmesse die Kunst der türkischen Autorinnen und Autoren im Vordergrund stehen wird – genauso wie ich mir wünsche, dass dabei die Politik die Literatur nicht instrumentalisieren wird. Man kann über die europäische Verortung der Türkei denken, wie man will, man kann getrost gegen den EU-Beitritt des Landes argumentieren. Was die rechten Pfeffersäcke in Österreich allerdings gefährlich macht, ist, dass sie auch über die türkisch- und kurdischstämmigen Österreicher Blödsinn verbreiten. Ich freue mich jedenfalls, dass ich nun zur Frankfurter Buchmesse fahren und einige Tüten mit Büchern abgreifen werde. Es entzückt mich weiters, dass ich nach der Literaturmesse auf eine lange Lesereise gehen werde – und die Büchertaschen nicht werde mitschleppen müssen. Bücher, die ich ausgelesen habe, verschenke ich. In meiner Wohnung habe ich keinen Platz mehr, außerdem macht der Fußboden komische Geräusche, als ob er jeden Augenblick durchsackte.

Vielleicht werde ich bei meinem nächsten Türkei-Aufenthalt nur 15 Bücher mitnehmen. Auf diese Weise komme ich nicht so schnell in Verlegenheit, Literatur mit Bußgeld abgleichen zu müssen: Am Flughafen in Ankara habe ich einmal, ausgestattet mit einigen Taschen voller Romane und Erzählungen, 180 Euro wegen Übergewichts bezahlen müssen. Das reichte.