Frankreich: Sarkosistan oder Ségoland

Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal kämpfen Kopf an Kopf um den Einzug ins Elysée – die Stereotypen Napoleonkomplex gegen schwache Frau.

Viande hallal. Bei Kadir können Moslems unbesorgt essen. Das Fleisch im Kebab ist den islamischen Religionsgesetzen gemäß zubereitet, und Schwein ist weit und breit keines in Sicht. Besucher auch nicht. „Seit er hier ist, haben sich die meisten Kunden verflüchtigt“, sagt Kadir und rückt fürsorglich einen Plastikstuhl an einen leeren Tisch. „Schließlich leben die meisten Kurden hier ohne Aufenthaltsgenehmigung.“

„Er“ ist der Kandidat, der am 6. Mai die besten Chancen hat, zum Präsidenten Frankreichs gewählt zu werden: Nicolas Sarkozy hat seine Wahlkampfzentrale im 10. Pariser Bezirk aufgeschlagen. Direkt neben dem Hightech-Hauptquartier Sarkozys reihen sich Kebabbuden, Musikgeschäfte und ein kurdisches Kulturzentrum, in dem niemand Französisch spricht.

Die Nähe zum problematischen Wähler hat ihren Preis. An der Straßenkreuzung neben der Wahlkampfzentrale stehen zwei schwer bewaffnete Polizisten. Wenn sich der hemdsärmlige Volkstribun der Rue Enghens nähert, rückt noch Verstärkung an. Denn beliebt ist er hier nicht: „Wenn Sarkozy Präsident wird, kann meine Frau nicht hierherkommen, weil er den Familiennachzug stoppen will“, meint Kellner Kadir. „Ich gebe meine Stimme lieber Ségolène Royal.“

Frankreich wählt einen neuen Präsidenten – oder erstmals eine Präsidentin. Dem 52-jährigen Sarkozy, dem gaullistischen Kandidaten der UMP, steht die 53-jährige Sozialistin Royal gegenüber. Nach zwölf Jahren Jacques Chirac übernimmt eine neue Generation das Zepter im Elysée, dem Amtssitz des Staatsoberhauptes. Auch politisch versprechen beide eine Verjüngungskur, einen Bruch mit dem alten System, in dem Links und Rechts unverrückbar positioniert sind. Die politische Spannung in den Tagen vor der Stichwahl am 6. Mai ist hoch, die Wählerschaft polarisiert. Die rechtsliberale Tageszeitung „Le Figaro“ sieht ein Kopf-an-Kopf-Rennen: 51 Prozent für „Sarko“, 49 Prozent für „Ségo“.

In einer anderen Umfrage des Instituts Ipsos liegt der rechte Kandidat allerdings sieben Punkte in Führung. Das scheint der Stimmung der Franzosen eher zu entsprechen. Immerhin hat der ehemalige Innenminister im ersten Wahlgang mit 31 Prozent ein sehr gutes Ergebnis eingefahren. Die Konkurrentin lag mit knapp 26 Prozent deutlich dahinter. Da Sarkozy mit dem Großteil des 10-Prozent-Potenzials des rechtsextremen Jean-Marie Le Pen rechnen kann, hat die Sozialistin schwer zu kämpfen. Kommunisten, Trotzkisten und Grüne werden zwar mehrheitlich für sie stimmen, doch diese etwas über zehn Prozent sichern ihr den Sieg keineswegs.

Kampf um die Mitte. Der eigentliche Kampf findet um die Wähler der Mitte statt. Vor fünf Jahren sorgte noch das starke Abschneiden des rechtsextremen Jean-Marie Le Pen für eine Sensation – diesmal stürzte er ab. Jetzt schufen die französischen Wähler einen anderen „dritten Mann“, einen, der genau in der Mitte steht. Knapp 20 Prozent haben François Bayrou gewählt, den Chef der christdemokratischen Zentristenpartei UDF.

Bayrou lacht sich jetzt ins Fäustchen. Genüsslich erzählte er bei einer Pressekonferenz Mittwoch vergangener Woche im eleganten Pariser Hotel „Westin“, dass beide Kandidaten die Mailbox seines privaten Mobiltelefons nach dem ersten Wahlgang vollgequatscht hätten. „Ist es nicht interessant, wie beliebt ich plötzlich geworden bin?“, spottete er zum Gaudium der zahlreich erschienenen Journalisten. Er habe nicht zurückgerufen: „Ich bin kein Händler, das ist nicht meine Art.“

Der Zentrist will sein Wählerpotenzial allerdings schon lukrativ einsetzen. Er kündigte die Gründung einer neuen Partei an. Die „Demokratische Partei“ wird bei den Parlamentswahlen im Juni antreten. Jetzt aber kann Bayrou den beiden um seine Gunst werbenden Kandidaten coram publico die Leviten lesen. Aus dem aktuellen Rennen ausgeschieden, hat er hohe moralische Autorität: „Beide stellen ein Risiko für Frankreich dar. Nicolas Sarkozy mit seinem Hang zu Einschüchterung und Drohung wird die Macht noch mehr als bisher in den Händen des Präsidenten zentrieren.“ Royal kanzelte er für ihr allzu sozialistisches Wirtschaftsprogramm ab.

Obwohl „der dritte Mann“ keine Wahlempfehlung abgeben wollte, wurden seine Worte als „Kopfwäsche“ für Sarkozy empfunden. Der französische Präsident hat immense Macht, ein autoritärer Politiker in diesem Amt wird als reale Gefahr für die Demokratie empfunden. Er ernennt den Premierminister und kann ihn auch wieder entlassen, er darf auch das Parlament auflösen. Er präsidiert über die Kabinettssitzungen, ist Chef der Außenpolitik und entscheidet als Oberbefehlshaber über den Einsatz von Atomwaffen. Sarkozy hat keinen Zweifel daran gelassen, dass ihn die Aussicht auf diese Machtfülle erfreut.

Einer, der durchgreift. Seinen Fans gefällt das. „Wir brauchen einen, der hier durchgreift“, meint Stéphane Levy. Der Kleinunternehmer wohnt in Sarcelles, einer mehrheitlich von Juden bewohnten Vorstadt von Paris. Ein paar Straßen weiter hat es im November 2005 gebrannt, als die unzufriedene Jugend Frankreichs, zumeist moslemische Einwandererkinder aus dem Maghreb, auf die Barrikaden ging. Nicolas Sarkozy in seiner Eigenschaft als Innenminister hat sie damals als „Gesindel“ bezeichnet.

Stéphane ist damit einverstanden: „Ich lasse mir doch nicht mein Auto anzünden!“ Nicht alle Einwanderer seien arbeitsscheue Randalierer. „Die Portugiesen integrieren sich. Aber die da, die von draußen kommen, die sind gefährlich.“ Die Spannungen zwischen Moslems und Juden in den Banlieus haben Frankreichs Juden mehrheitlich in die Arme von Nicolas Sarkozy getrieben. Auch dessen Außenpolitik spricht viele, auch jüdische Intellektuelle an: André Glucksmann oder Alain Fienkelkraut unterstützen den gaullistischen Kandidaten, der in Abkehr der klassischen französischen Positionen die Politik Amerikas und Israels eher unterstützt als kritisiert.

Sarkozy will die Immigranten integrieren, indem er erfolgreiche Lebensgeschichten preist, Mehrfachtäter aber doppelt so lange einsperren will als bisher. Sarkozy sieht sich selbst als Beweis für die Richtigkeit dieses Konzepts: Er wäre der erste Immigrantensohn im Elysée. Sein Vater kam aus Ungarn. Er selbst hat nicht wie unter französischen Politikern üblich die Kaderschmiede ENA besucht, sondern Jus studiert und ist im Zivilberuf Anwalt.

In Wirtschaftsfragen positioniert Sarkozy sich eher klassisch konservativ. Die Malaise der französischen Ökonomie ist so groß, dass keiner der Kandidaten gerne darüber redet. Das Wirtschaftswachstum liegt mit zwei Prozent unter dem europäischen Durchschnitt, die chronische Arbeitslosigkeit mit acht Prozent darüber, und die Staatsverschuldung ist schwindelerregend hoch. Sarkozy will die Wirtschaft ankurbeln, indem er erfolgreiche Individuen belohnt, die Erbschaftssteuer und die 35-Stunden-Woche abschafft.

Stets lächelnde Royal. Die Sozialistin Royal würde die 35-Stunden-Woche auch gerne loswerden, will das aber nicht laut sagen, weil sie die sozialistische Partei nicht verärgern darf. Also verspricht sie die Anhebung der Mindestlöhne und konkretisiert lieber nicht, woher das Geld dafür kommen soll. Teile des sozialistischen Apparates fürchten, dass Royal als Präsidentin einige der heiligen linken Kühe entsorgen wird.

Auch in sozialen Fragen schert sie ganz gerne aus. Sie will zwar nicht gleich wie Sarkozy höhere Gefängnisstrafen für Mehrfachtäter verhängen, hat aber vorgeschlagen, jugendliche Straftäter in Erziehungscamps mit militärischer Disziplin zu stecken. Der Vorschlag der Offizierstochter hat die klassische Linke nachhaltig entsetzt.

Wo Sarkozy staatsmännisch und allgemein doziert, ist Royal darauf bedacht, konkrete Erfahrungen einzubringen. Frauenarbeitslosigkeit mindern? „Dann müssen wir bessere Kleinkindergärten schaffen“, meinte sie etwa in einem Fernsehinterview vorigen Mittwoch und zitierte aus Gesprächen, die sie mit jungen Müttern geführt hatte.

Das ist nicht bloß Strategie, um Volksnähe zu demonstrieren. Das riecht auch nach klassischem Frauenverhalten. Da ihre Meinung allein nicht ausreicht, unterfüttert Royal ihre Erkenntnisse mit Beispielen aus dem „echten“ Leben. Selbst in der emanzipierten französischen Gesellschaft ist die Frauenfeindlichkeit den Männern ein immer noch gern gepflegtes Hobby.

Als Kandidatin hat Royal damit auch in der eigenen Partei leidvolle Erfahrungen gesammelt. Ihr stets gewinnendes Lächeln etwa ist strategisch unverzichtbar. Eine Frau, die nicht lächelt, gilt schnell als hartherzige Zicke. Ein Mann, der Journalisten anfährt, wie Nicolas Sarkozy es gerne tut, gilt dagegen als starker Politiker. Viele Franzosen trauen einer Frau schlicht nicht zu, die Republik zu regieren.

Angstreflex. Sarkozys brennender Ehrgeiz, seine Selbstüberschätzung und sein Hang zum Autoritären schrecken auch viele potenzielle Wähler ab. Er selbst wird nicht müde, sich als Opfer der „Dämonisierung“ durch die Linke zu bezeichnen. Doch die Franzosen haben seit Napoleon Bonaparte einen Angstreflex, wenn kleinwüchsige Politiker nach höchsten Staatsehren streben. Und Nicolas Sarkozy misst gerade mal 165 Zentimeter. „Ich will Frankreich um einen Traum sammeln“, sagt er jetzt etwas blumig. „Das Frankreich, von dem ich träume, ist wie eine Familie.“

Nicolas Sarkozy geriert sich als konservativer Revolutionär, der sein raues Vokabular fürs Erste abgelegt hat. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass er als Präsident das bisherige Regierungssystem voll ausschöpfen will. Ségolène Royal scheint dagegen mehr Einbindung, mehr Moderation im politischen Diskurs, mehr Konsenspolitik zu versprechen. „Frankreich muss reformiert werden, ohne brutalisiert zu werden“, ruft sie ihren Anhängern zu.

Ob das reicht, um die erste Frau ins Elysée zu befördern? Glaubt man den politischen Witzen, dann ist der Spitzenplatz für Sarkozy reserviert. Einer geht so: Als Le Pen, Sarkozy und Royal an die Himmelspforte klopfen, fragt der liebe Gott, was sie ihm zu sagen hätten. Le Pen sagt „Frankreich den Franzosen!“, und Gott – selbst ein Franzose – lädt ihn ein, zu seiner Rechten zu sitzen. „Ich sage Ihnen, was Sie hören wollen“, meint Royal und darf sich links von ihm setzen. Sarkozy aber deutet auf Gottes Thron und meint knapp: „Ich glaube, Sie sitzen auf meinem Platz.“

Von Tessa Szyszkowitz, Paris