Frauen: Wer will mich?

Sibylle Hamann über eine neue alte Urangst: Je erfolgreicher eine Frau, desto eher bleibt sie allein. Ist das der Fluch des Feminismus oder die Rache des Patriarchats?

Es gibt Frauen, die sind klug und schön, und solche, die sind dumm und hässlich. Die einen sind erfolgreich, weil sie klug sind, die anderen, weil sie schön sind, die anderen, obwohl sie klug sind. (Es gibt auch viele, die hässlich, klug und erfolglos sind, aber über die wird nicht so viel geschrieben.)

Maureen Dowd, 53 Jahre alt, hat von allem so ziemlich das Beste erwischt. Sie ist sehr klug, sehr schön und sehr erfolgreich. Sie ist Starkolumnistin der „New York Times“, der vielleicht besten Tageszeitung der Welt, die einzige Frau auf der renommierten Meinungsseite „Op-Ed“, die maßgeblich darüber bestimmt, worüber die liberale Ostküsten-Elite jeden Tag am Frühstückstisch diskutiert. Sie bewohnt eine geräumige Wohnung in Manhattan, mit einer Sammlung von Martini-Shakern und einer Sammlung von Meerjungfrauen. Sie hat eine Garderobe, die, wie sie sagt, „von Siegfried und Roy stammen könnte“. Sie ist so stolz auf ihren extravagant schlechten Geschmack, dass es schon wieder Stil hat.

Außerdem ist Maureen Dowd gefürchtet für ihre scharfe Zunge. Obwohl sie ein durch und durch politischer Mensch ist, hat sie nie davor zurückgeschreckt, das Politische als Persönliches zu beschreiben. Aus einer hochtrabend präsidialen Handlung macht sie in wenigen präzisen Federstrichen eine Szene aus einer zweitklassigen Telenovela – wobei sie mit sich selbst ähnlich respektlos umgeht wie mit den Mächtigen. Maureen Dowd hat Glamour, ein stattliches Einkommen und Meinungsautorität. 1999 erhielt sie für ihre Kommentare zur Clinton-Lewinsky-Affäre die höchste Auszeichnung ihrer Branche: den Pulitzer-Preis.

Trotzdem hat sie nicht alles.
Sie hat keinen Mann.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Broadway, Midtown Manhattan, die Premierenparty eines Musicals. Ein stadtbekannter Produzent rückt an der Bar jovial mit einem Geständnis heraus: Er habe nach seiner letzten Scheidung („between marriages“, wie das in abgeklärten New Yorker Kreisen heißt) überlegt, mit ihr auszugehen. Ihr Job und ihre Prominenz hätten ihn jedoch davon abgehalten – Frauen, die formbar und leicht zu beeindrucken sind, seien eben attraktiver. Schließlich schiebt der Mann noch einen gut gemeinten Ratschlag nach: Was Männer am allermeisten fürchteten, sei eine Frau, die ihre kritischen Fähigkeiten nützt. Wenn Dowd so weitermache, raunt er, werde sie wohl unbemannt bleiben.

An der Szene verblüfft allenfalls die unverblümte Ehrlichkeit. Glaubwürdig klingt sie durchaus. Und weil Maureen Dowd glaubt, nicht die einzige erfolgreiche Frau zu sein, die Derartiges erlebt, leitet sie daraus eine These für das Geschlechterverhältnis insgesamt ab: „Das Aroma männlichen Erfolgs wirkt auf Frauen wie ein Aphrodisiakum. Aber das Parfüm weiblicher Macht wirkt auf Männer abtörnend. Wir haben Jahrzehnte gebraucht, um zu merken: Alles, was wir tun, um uns im Konferenzraum durchzusetzen, sabotiert unsere Chancen im Schlafzimmer.“

Ist „der Fluch der Frauenbewegung“ also die Einsamkeit? Hätte Dowd tatsächlich, wie sie halbironisch anmerkt, ihre Paarungschancen beträchtlich vergrößert, wenn sie – wie die meisten ihrer irischstämmigen Vorfahren – ein Dienstmädchen geblieben wäre?

Es muss sich um eine tief sitzende, universell verbreitete Urangst handeln – anders ist das Echo nicht erklärbar, das Dowd auf ihre launigen Ausführungen bekam. „What’s a Modern Girl to Do?“, ein Essay, der Ende Oktober im „New York Times Magazine“ erschien, gehört zu den am öftesten per Mail weiterverschickten Artikeln aller Zeiten. Ihr nachgeschobenes Buch „Are Men Necessary?“ wird in den USA so leidenschaftlich – und bisweilen gehässig – diskutiert wie zuletzt die Frage, ob der Mensch vom Affen oder doch vom lieben Gott abstammt.

Es mag ein Zufall sein, dass das Thema auch andernorts seinen Kopf in die Höhe reckt. In der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ legte eine anonyme Hochschullehrerin jüngst dar, wie sie von ihrem Ehemann verlassen wurde, weil sie zu klug, zu erfolgreich, schlicht: „zu gut für ihn“ war – und er sich bei einer neuen, jüngeren Freundin, die andächtiger zu ihm aufblickte, besser aufgehoben fühlte. „Es ist immer dieselbe Geschichte“, schreibt die Autorin bitter. Aber „keiner der involvierten Herren scheint in der Lage zu sein, den trivialen Zuschnitt des Geschehens zu erkennen“.

Und da es zu jedem Trend auch immer irgendwo auf der Welt eine passende Studie gibt, wird zur Unterfütterung des Anekdotischen noch Neues aus der Welt der Wissenschaft nachgereicht. An der University of Michigan wurden in einer Studie Probanden gebeten, Fotos, die angebliche „Vorgesetzte“ und „Untergebene“ zeigten, nach ihrer sexuellen Attraktivität zu bewerten. Das Ergebnis – Männer fühlen sich, wenn sie an einer langfristigen Partnerschaft interessiert sind, signifikant stärker zu Untergebenen hingezogen – fand seinen Weg nicht nur in das angesehene Wissenschaftsmagazin „Science“, sondern auch in die Massenmedien.

Die biologische Erklärung für das Phänomen: Männer mit ökonomisch unabhängigen Frauen müssten eher fürchten, betrogen zu werden und ihrer Vaterschaft nicht sicher zu sein.

Von anderen empirischen Daten gelangt Christiane Dienel, Familienforscherin an der Universität Magdeburg, zu ähnlichen Schlüssen: Wenn sich 95 Prozent der 18-jährigen Studienanfängerinnen eine Familie wünschen, aber mit 35 Jahren nur 40 Prozent der Akademikerinnen schließlich eine haben – dann liege das daran, dass ihnen dazwischen die Partner dafür abhanden kommen. Da „mindestens die Hälfte aller akademisch gebildeten Männer unstudierte Frauen wählt“, sei „der Partnermarkt für Akademikerinnen enorm eng“, schreibt Dienel im „Handelsblatt“; der Mann, der sich an eine gebildete 35-Jährige binden wolle, sei so schwer zu finden „wie die Nadel im Heuhaufen“. Nur zwei letzte – etwas unbeholfen anmutende – Tricks fallen der Forscherin da noch ein: entweder jung heiraten (solange noch genügend Männer auf der Matte stehen) oder sich mit „einem Bohemien, einem Künstler“ aus der Verlegenheit retten.

Das grollt alles bedrohlich, und man täuscht sich nicht, wenn man meint, es schon einmal gehört zu haben. Wurden die „Blaustrümpfe“ der ersten Frauenbewegung denn nicht schon im 19. Jahrhundert gewarnt, sie würden mit ihren Zicken niemals unter die Haube kommen? Die Feministin, die verhärmt und sexuell frustriert in ihrer Dachstube vertrocknet, ist eines der ewigen Lieblingssujets in der Geschichte der frauenfeindlichen Polemik.

Dass Feministinnen Haare auf den Zähnen haben, ist heute vielleicht keine ganz ernst zu nehmende Drohung mehr. Doch die moderne Version erscheint nicht viel barmherziger: Passt bloß auf, Mädchen! Es wird euch nicht viel Freude machen, euch gegen das Patriarchat aufzulehnen. Denn das Patriarchat hat eine wirksame Strafe bei der Hand: Liebesentzug.

Allem Anschein nach tragen diese Warnungen heute Früchte. Maureen Dowd muss sich nur in ihrer allerengsten Umgebung umschauen – überall sieht sie Indizien dafür, wie sich Frauen zu ducken versuchen, sich klein machen, ihre Intelligenz und ihren Erfolg verbergen, um geliebt zu werden. Da ist die Freundin, die sich über ihren eben erhaltenen Pulitzer-Preis gar nicht richtig freuen kann, weil sie fürchtet, dass jetzt gar niemand mehr mit ihr ausgehen will. Da sind die Studentinnen der Eliteuniversität Harvard, die beim ersten Flirt schamhaft verschweigen, wo sie studieren, um den armen Mann nicht einzuschüchtern.

In Design, Stil und Kleidung machen sich die fünfziger Jahre breit, die Püppchen mit falschen Wimpern und Stilettos (die Dowd übrigens sehr gern selbst trägt). Gleichzeitig ist da der Schlampenkult in der Popkultur, der brave Buchhalterinnen dazu bringt, im Fitnessstudio Animiertänze zu lernen, um ihre „innere Nutte“ rauszulassen.

Auf den Ratgeberseiten der Frauenmagazine beobachtet Dowd, wie die alten Verführungsspielchen aus der Zeit ihrer Elterngeneration wieder zu prallem Leben erblühen. Da sind sie wieder, die „100 besten Tricks, sich einen Mann zu angeln“: mit einer Locke spielen, schnurren, so tun, als sei man schwer zu kriegen. „Selbst wenn Sie Chefin Ihres eigenen Unternehmens sind – wenn Sie einem Mann gegenüber- sitzen, bleiben Sie still und geheimnisvoll, schlagen Sie die Beine übereinander, und lächeln Sie“, empfahl 1995 der Bestseller „The Rules“ („Die Regeln“).

Dazu kommt der Zwang zu körperlicher Perfektion – weil nicht nur die Ansprüche, sondern auch die technischen Möglichkeiten gestiegen sind. Reichte es in den fünfziger Jahren noch, sich in ein Mieder zu zwängen, um die natürlichen Körpermaße zu optimieren, muss man sich heute schon unter Vollnarkose auf den Operationstisch legen. „Jede Frau kann heute wie eine aufblasbare Puppe ausschauen“, lästert Dowd. „Vierzig Jahre nach der Morgendämmerung des Feminismus ist das Ideal weiblicher Schönheit rigider und unnatürlicher denn je zuvor.“

Jede dieser Beobachtungen ist, für sich genommen, irgendwie richtig, und die Autorin hat sie zusammengetragen, weil sie ehrlich empört ist. „Es findet ein Backlash statt“, meint sie und malt in schrecklich bunten Farben den Eroberungszug der anpassungswilligen Kätzchen, die nach Botox statt nach Gleichbehandlung rufen – und sich mit eiskalter Berechnung anschicken, die Betten der Männer und die öffentliche Wahrnehmung zu besetzen.

Dennoch macht die Diagnose bei näherer Betrachtung misstrauisch. Gäbe es für jede Anekdote aus den intellektuellen Schicki-Kreisen Manhattans nicht auch eine Anekdote aus Brooklyn oder New Jersey, die das Gegenteil beweist? Und wie authentisch sind eigentlich die Fakten, auf denen die Analyse beruht?

Um bei der so seriösen „New York Times“ zu bleiben: Vor einigen Wochen erschien dort, prominent auf Seite eins platziert, ein Artikel mit dem Titel „Viele Frauen in Eliteuniversitäten streben eine Karriere als Mutter an“. Sechzig Prozent der Yale-Studentinnen hätten demnach vor, ihre Diplome im Kasten zu verräumen und Vollzeit-Hausfrauen zu werden. Wer sich die Mühe machte, der Behauptung auf den Grund zu gehen, stieß auf viele Ungereimtheiten: falsche Zitate, suggestiv formulierte Fragebögen, verzerrende Interpretationen der Anworten. Megan Urry, eine der zitierten Professorinnen für Physik, machte ihrer Empörung öffentlich Luft und konterte mit der Gegenprobe in ihrer Klasse: Von 45 Studentinnen wollten genau zwei Hausfrau und Mutter werden. Der Artikel sei Hype, Quatsch, pure Erfindung.

Die wirklich interessante Frage dabei: Warum schafft es so etwas auf die Titelseite der „New York Times“? Wer versucht hier, einen Trend herbeizureden, der offenbar gar nicht existiert? Und mit welchen Motiven?

Die „New York Times“ steht mit der Beschwörung schiefer Trends nämlich keineswegs alleine da. Hier wird die „neue Häuslichkeit“ ausgerufen, da das „Neo-Biedermeier“, dort die „neue Lust an der Mutterschaft“. Mehrere Hollywoodfilme zeigen derzeit Liebesgeschichten zwischen frustrierten Ehemännern und ihren Kindermädchen/Haushälterinnen. (Die Ehefrauen sind im prototypischen Fall nervtötende, verklemmte Quasseltanten, die Kindermädchen leidenschaftlich, herzlich und der englischen Sprache nicht mächtig. )

Die Trendforscherin Marian Salzman, die der Welt vor drei Jahren den Begriff des „Metrosexuellen“ schenkte, erklärt diesen inzwischen für tot und ruft stattdessen die Ära des „Alpha-Mannes“ aus – eines Mannes, der sich nach den Sicherheiten der präfeministischen Ära zurücksehnt und seine unrasierte Männlichkeit, wie einst seine Großväter, bevorzugt an der frischen Luft, am Lagerfeuer oder beim Angeln auslebt. Seine Gefährtin rührt inzwischen daheim, der neuen Trendsportart Kochen gemäß, das vietnamesische Fondue.

Hier wird offenbar nicht bloß ein So-Sein beschrieben, sondern ein Soll-Sein propagiert. Die Trendforschung, ohnehin ein seltsamer Zwitter aus Kartenlesen und Produktvermarktung, ist von blanker Ideologie-Erzeugung heute kaum mehr zu trennen – in feministischen Fragen sowieso.

Männer sind so, Frauen sind anders; die einen kommen vom Mars, die anderen von der Venus; die einen können nicht zuhören, die anderen müssen immer zu viel lieben; die einen können biologisch nicht treu sein, die andern biologisch nicht einparken. Der Generation Ally folgten die vier, die immer über Sex redeten, und dann die verzweifelten Hausfrauen: Es ist eine massenmedial gehypte Typenparade, die zusehends ermüdet. „Der Kampf der Geschlechter gleitet ins Karikaturistische ab“, bilanziert die Schriftstellerin Katie Roiphe knapp.

Der Erkenntnisgewinn aus den Stereotypisierungen, anfangs noch ein unterhaltendes Partyspiel, tendiert mittlerweile gegen null. Nüchtern betrachtet, besteht er aus einer einzigen, immer gleichen, sehr altmodischen Botschaft: Am Ende geht es doch immer bloß darum, den Richtigen zu finden.

Es schmerzt einige amerikanische Feministinnen zu beobachten, wie sich Maureen Dowd, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt, in diese Parade einreiht. Jahrelang war sie, als rothaariger feuerspeiender Drache vom Dienst, ein role model für alle Unerschrockenen und Unkonventionellen. Nun, wo es um Beziehungen geht, verfällt sie jedoch in einen neckischen Tonfall: „Eigentlich brauchen wir Männer heutzutage weder für die Fortpflanzung noch für den Bankkredit. Da fragen wir uns: Werden wir uns trotzdem noch mit euch abgeben? Die Antwort ist: Na ja, wir brauchen euch eher in der Art, wie wir Vanilleeis brauchen. Ihr werdet eher ornamentale Funktion haben.“ Es klingt wie das herzig-altkluge Flirten eines halbwüchsigen Mädchens.

Dowd habe ohne jede Notwendigkeit die weiße Fahne der Kapitulation gehisst, kritisieren Feministinnen. Gloria Steinem, mit 71 Jahren die große alte Dame der amerikanischen Frauenbewegung, nennt das schlicht „läppisch und destruktiv“: „Maureen beschwert sich über Benimmregeln beim Rendezvous – so als ob es beim Feminismus um gar nichts anderes gegangen wäre.“ Jessica Valenti, Proponentin der jüngeren Generation, teilt diese Ansicht: „Feminism is no fucking dating service!“, ruft sie Dowd zu.

Und eigentlich hat die Gescholtene genau das ja schon längst gewusst. Ihr eigenes Leben ist das beste Beispiel dafür, wie weit eine Frau kommen kann, wenn sie sich nur wenig genug darum schert, was andere von ihr erwarten. „Ich habe ein sehr erfülltes Privatleben“, sagt sie in einem Interview mit der britischen Zeitung „The Observer“: „Ich kenne eine Menge Männer, die starke Frauen mögen.“ Dowds – keineswegs geheime – Beziehungsbiografie umfasst Prominenz aus der Glitzerwelt zwischen Wall Street, Hollywood und „People“-Magazin: den Filmproduzenten Aaron Sorkin, Schöpfer von Erfolgsserien wie „West Wing“, „New York Times“-Herausgeber Howell Raines oder Filmschauspieler Michael Douglas (der die Journalistin erst für Catherine Zeta-Jones sitzen ließ).

Sie flirtete mit George Bush senior, während dessen Stabschef schwor, sie „zu vernichten“. Sie zog öffentlich über Bill Clintons Sexualmoral her, während sie mit dessen Stabschef poussierte. Sie wurde gehasst, bewundert, gefürchtet, und gleichzeitig „kann ihr keiner widerstehen“, wie einer ihrer Ex-Lebensgefährten sagt.

„Die feministische Revolution hatte die unerwartete Folge, die Verwirrung zwischen den Geschlechtern zu verstärken. Sie hat die Frauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ein Gewirr aus Abhängigkeit und Unabhängigkeit verstrickt“, schreibt Dowd. Genau danach lebt sie bis heute. Sie hat über die Stränge geschlagen, übertrieben, sich öffentlich entblößt, ihren Spaß gehabt. Bloß eines hat sie, nach allem, was man von ihr weiß, niemals getan: sich klein gemacht.

Warum also hat Maureen Dowd keinen Mann? Eine nahe liegende Vermutung: weil Unabhängigkeit und Lebenserfahrung anspruchsvoll machen.

Denn wenn es tatsächlich einen Fluch des Feminismus gibt, dann diesen: Irgendeinen Mann braucht keine.