Unschickliche Töchter

Die Frühgeschichte der österreichischen Frauenbewegung war reich an schillernden Figuren, persönlichen Tragödien, hart erkämpften Triumphen und herben Rückschlägen. In der Österreichischen Nationalbibliothek ­werden die Schicksale der feministischen Pionierinnen seit 20 Jahren ­akribisch aufgearbeitet.

Es war ein drückend heißer Augusttag im Revolutionsjahr 1848 – und zwar im doppelten Sinn: Nach monatelangem Kampf hatte das Ministerium für Arbeiter die Senkung der Tageslöhne für „Erdarbeiterinnen“ (so der Terminus für jene Frauen, die auf öffentlichen Baustellen tätig waren) von 20 auf 15 Kronen beschlossen. Auch die Männer wurden von der Kürzung nicht verschont: Ihre Gage wurde von 25 auf 20 Kronen reduziert. Die rigide Verordnung bedeutete gleichsam den existenziellen Ruin für Tausende Frauen. Denn allein ein einfaches Mittagessen kostete im damaligen Wien 16 Kronen.

Gegen neun Uhr morgens versammelten sich am 21. August zirka 3000 wütende Frauen und Männer und besetzten Straßen und Plätze. Viele der Demonstrantinnen, die den Löwenanteil des Protestaufmarschs stellten, trugen Schwarz, klapperten mit Arbeitsglocken und Kübeln oder hatten Strohpuppen in der Hand, denen sie ein 5-Kronen-Stück in den Mund gesteckt hatten. „Besonders die Weibsbilder benahmen sich wie Furien, auf die roheste, empörendste und unsittlichste Weise wurde die Garde beleidigt“, zitiert die Historikerin Gabriele Hauch in ihrem Buch „Frau Biedermeier auf den Barrikaden“ einen Zeitzeugen.

Jener Augusttag, der noch ein so blutiges Ende nehmen sollte, kann rückblickend als der dramatische Auftakt der politisierten Frauenbewegung in Österreich gewertet werden, die mit dem Austrofaschismus und dem NS-Regime in den 1930er-Jahren zu einem jahrzehntelangen Stillstand gezwungen werden sollte. Viele der unschicklichen Töchter, die für das Aufbrechen einer Gesellschaftsordnung auf die Barrikaden gingen oder als intellektuelle und künstlerische Einzelkämpferinnen jenseits von Vereinsmeierei ein emanzipiertes, selbstbestimmtes Leben führten, wurden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer politischen Aktivitäten in den Vernichtungslagern des „Dritten Reichs“ ermordet. Erst zu Beginn der 1970er-Jahre mit seinen Kämpfen um die Fristenlösung und Familienrechtsreform herrschten in Österreich wieder jene hitzige Aufbruchsstimmung und Radikalisierung der Gemüter, die den Feminismus von 1848 bis 1934 gekennzeichnet hatten. Viele seiner Protagonistinnen blieben im historischen Rückblick jedoch nur marginale Randerscheinungen.

Es ist der Dokumentationsstelle „Ariadne“ der Österreichischen Nationalbibliothek zu verdanken, dass die Schicksale und Biografien jener Frauen, die oft unter schweren Entbehrungen und Sanktionen für Bildungszugang, Mutterschutz, Wahlrecht, Pazifismus, Erwerbsmöglichkeiten und menschenwürdige Arbeitsbedingungen kämpften, erhalten wurden und inzwischen über ein Online-Portal frei zugänglich sind. Am Dienstag dieser Woche, zwei Tage vor dem 101. Internationalen Frauentag am 8. März , feiert das Projekt „Ariadne“ sein 20-jähriges Bestehen.

„Um die Emanzipation zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen“, zitiert „Ariadne“-Verantwortliche Christa Bittermann-Wille die US-Frauenhistorikerin Gerda Lerner, die 1939 in die USA emigrieren musste. Bittermann-Wille arbeitet seit 1992 an dem Forschungsprojekt und ist noch immer erstaunt, „wie viele unterschiedliche Gesichter die Frauenbewegung in Österreich tatsächlich hatte. Denn de facto ist ja nur das Dreigestirn in Form von Marianne Hainisch, Auguste Fickert und Rosa Mayreder einer breiten Öffentlichkeit bekannt.“ Eine subjektive Auswahl an Kurzporträts gibt einen Einblick in die typologische Vielfalt, die innerhalb des Kampfpersonals der frühen Frauenbewegung herrschte.

Eine der tragischsten Figuren in dieser Historie ist die Adelige Karoline von Perin-Gradenstein, die während der blutigen Augusttage im Jahr 1848 zur Pionierin der Revolution wurde. Denn die Regierung blieb trotz der drohenden Ausschreitungen unerbittlich. „Eher sollen 10.000 Arbeiter erschossen werden, ehe ich von meinem Entschluss abstehe“, verkündete der damalige Arbeitsminister Ernst von Schwarzer. Der 21. August ging als so genannte „Praterschlacht“ beziehungsweise als „Augustmassaker“ in die Historie ein. Die Soldaten der Nationalgarde und die Sicherheitswachbeamten wurden vor allem durch die Beschimpfungen und Steinwürfe der protestierenden Arbeiterinnen provoziert und schlugen mit voller Kraft zurück. Die „Wiener Gassenzeitung“ bilanzierte am folgenden Tag 18 Tote und 282 Verletzte, der Frauenanteil unter den Opfern wurde nicht ausgewiesen. Die Publizistik-Historikerin Kerstin Wrussnig sieht in ihrer Diplomarbeit jene Augusttage auch als die Zeit der „Spaltung der bisher einheitlichen Frauenbewegung: Während die Erdarbeiterinnen bereit waren, ihr Leben zu lassen, verurteilten die Frauen des Bürgertums diese Vorgangsweise.“

Gerade erst hatte die Frauenbewegung die Nase in den politischen Wind gestreckt, und schon kam es zu den ersten internen Grabenkämpfen. Bis zum Revolutionsjahr hatte es in Wien zwar eine kleine Anzahl von Frauenvereinen gegeben, die jedoch, so Wrussnig, „nicht politisch orientiert waren, sondern karitative Motivationen hatten“. Den ersten Frauenverein der Monarchie stellte der Hochadel: 1811 wurde die „Gesellschaft Adeliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen“ ins Leben gerufen, die sich laut Vereinsstatuten „der Unterstützung von Kriegs- und Überschwemmungsopfern, für arme, sozial tätige Frauenorden, Waisen, Wöchnerinnen, Findelkindern, verschämten Hausarmen, Blinden und Tauben“ verschrieb. Kaiser Franz I., ­finanziell schwer geschwächt durch die Napoleonischen Kriege, forderte 1816 sogar explizit zu Gründungen solch wohltätiger Frauenvereine auf. Diese vermeintliche Konzession an den Fortschritt war jedoch vor allem vom Kalkül geprägt, den Staatshaushalt zu entlasten, da die Wohltätigkeiten dieser Vereine aus privaten Quellen finanziert wurden.

Die früh verwitwete Karoline von Perin-Gradenstein, Mutter dreier Kinder, entdeckte über ihre Liebe zu dem glühenden Demokraten Alfred Julius Becher ihre Leidenschaft für die weibliche Gleichberechtigung. Doch die Geburtsstunde des „Wiener Demokratischen Frauenvereins“, als dessen Präsidentin die Freifrau fungierte, am 28. August 1848 sollte sich als so dramatisch wie chaotisch erweisen. Der Klassenkampf überschattete die Frauensolidarität – ein konfliktreiches Leitmotiv, das die Entwicklung des Feminismus in Österreich seit Jahrhunderten und wohl bis heute behindert. Schon der anberaumte Zeitpunkt der Gründungsversammlung, zehn Uhr vormittags im Salon des Wiener Volksgartens, wurde von den Arbeiterinnen als klassenfeindliche Provokation betrachtet, war es ihnen doch unmöglich, sich mitten am Vormittag freizunehmen. Einige bürgerliche Repräsentantinnen, die sich der kaiserlichen Ordnung verpflichtet fühlten, verweigerten die Solidarisierung mit den gewaltbereiten „Erdarbeiterinnen“. Mitten in den Wortgefechten stürmten zahlreiche Nationalgardisten die Veranstaltung, sprangen auf die Tische, verhöhnten die anwesenden Frauen und brachten einige Fensterscheiben zum Bersten. Der Verein sollte sich nur als emanzipatorisches Leuchtfeuer erweisen. Zwei Monate nach seiner Gründung wurde die Oktoberrevolution niedergeschlagen, der Ausnahmezustand verhängt und der Verein ­geschlossen. Perin-Gradenstein musste nach München fliehen, und „der schmutzigen Amazone“ wurde das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Von 1849 bis 1918 war im Vereinsrecht explizit festgehalten, dass Frauen sich nicht politisch organisieren durften. Erst 1856 war es Frauen überhaupt gestattet, allein ein Kaffeehaus zu betreten. 1896 erlaubte ein Staatserlass den Frauen erstmals die Ablegung einer Matura, allerdings zunächst nur auf Externistenbasis. Österreich war neben Preußen auch das letzte Land Europas, das seinen Töchtern den Zugang zur Universität verweigerte. Die Philosophische Fakultät nahm ab 1897 Studentinnen an, gefolgt von der Medizinischen im Jahr 1900. Am frauenfeindlichsten erwies sich die katholisch-theologische Fraktion, dort wurden Frauen überhaupt erst 1946 zugelassen. Trotz dieser repressiven Verhältnisse war gerade die Zeit rund um die Jahrhundertwende besonders fruchtbar in Bezug auf das Auftreten von starken weiblichen Persönlichkeiten. In der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung des Fin de Siècle erlebte Wien eine der aufregendsten weiblichen Epochen. Von der Fotografin Trude Fleischmann über die Flöge-Schwestern, die das Reformkleid erfanden, bis zu den Tanzexpressionistinnen Gertrud Bodenwieser und Hanne Wassermann und der Salonière Berta Zuckerkandl – zahlreiche Damen aus vor allem gutem jüdischem Haus brachen in die Kulturbastion der Männerwelt ein, in der Frauen bislang vor allem nur als Sängerinnen und Schauspielerinnen vorkommen durften. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie schwand auch die Geistesmacht des frauenfreundlichen liberalen Bürgertums.

Die politischen Gräben zwischen christlich-sozialen und sozialdemokratischen Frauen vermochte auch nicht das so lange heiß umkämpfte Wahlrecht zu schließen. Im März 1919 zogen erstmals acht Frauen ins Parlament ein: sieben sozialdemokratische und eine christlich-soziale Abgeordnete. Der überwiegende Teil der wählenden Frauen hatte jedoch für die christlich-soziale Partei gestimmt.„Der Kampf der bürgerlichen Frauen besteht vor allem dar­in, Reformkleider zu tragen, beim Wort ,Mann‘ mitleidig zu lächeln und Frauenklubabende zu veranstalten“, ätzte die Sozialdemokratin Käthe Leichter 1930 im „Handbuch für Frauenarbeit“, „im Übrigen aber immer wieder zu versichern, dass sie gewiss nicht aufrührerisch seien, auf friedlichem Weg und ohne die bestehende Ordnung anzutasten, zu ihrem Recht kommen wollen. Sie jubeln auf, wenn irgendwo in der Welt eine Frau Professor oder Ministerialrätin wurde …“ Eine Aussage, die erschreckend zeitlos klingt und heute durchaus auf beide Großparteien angewendet werden könnte.

Lesen Sie im profil 10/1012: Die Wiener Zeithistorikerin Johanna Gehmacher über die ­Grabenkämpfe des Feminismus um die Jahrhundertwende und die Zäsur durch den Austrofaschismus.