Fremde Federn

Industrie. Die verstaatlichte Industrie ist erstmals in ihrer Geschichte schuldenfrei und schreibt Gewinne. Auf der Erfolgsbilanz des Managements liegen dennoch Schatten.

Rückblickend betrachtet sind die Herrschaften natürlich allesamt selber schuld. All die großen Namen der Branche, die sich den Posten eines Vorstandes der Verstaatlichtenholding ÖIAG nicht zumuten wollten oder konnten. Außer ein gewisser Peter Michaelis. Er war der Einzige, der sich um den Job beworben hatte. Und ihn nicht zuletzt auch deshalb bekam – damals, im Juli 2001. Also darf Michaelis heute auch reinen Gewissens die Anerkennung genießen, die ihm plötzlich allerorten entgegengebracht wird. Am Donnerstag dieser Woche wird der 59-jährige Sprecher des ÖIAG-Vorstands im Rahmen eines Festakts in den Redoutensälen der Wiener Hofburg vor geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Medien referieren. Über sein segensreiches Wirken für Österreich im Allgemeinen und die ÖIAG im Besonderen. Michaelis: „Es ist nicht lange her, da konnte man nicht davon ausgehen, dass die ÖIAG ihre Schulden jemals aus eigener Kraft tilgen würde können. Wir haben es geschafft. Das ist doch eine Story“.
Die verstaatlichte Industrie – genauer: das, was von ihr übrig ist – steht 59 Jahre nach ihrer Gründung, milliardenschweren Abgängen, umstrittenen Subventionen und dem Verlust tausender Arbeitsplätze erstmals vor einer völlig neuen Situation. Die einst kolossalen Schulden von mehr als sieben Milliarden Euro sind praktisch weg, das Unternehmen schreibt Gewinne. „Die ÖIAG ist saniert“, sagt Aufsichtsratschef Alfred Heinzel, „das ist zweifelsfrei eine Erfolgsbilanz.“
Für das Geschäftsjahr 2004 weist die Holding Schulden in der Größenordnung von vergleichsweise bescheidenen 700 Millionen Euro aus. Unter Berücksichtigung jüngerer Privatisierungsmaßnahmen (VoestAlpine, Telekom Austria, VA Technologie) sollen auch diese bis Mitte nächsten Jahres getilgt sein – bei einem verbliebenen Beteiligungsvermögen in der Größenordnung von fünf Milliarden Euro. Nachdem der Finanzminister als Eigentümervertreter für die Jahre 2002 und 2003 bereits 300 Millionen Euro an ÖIAG-Dividenden im Budget verbuchen durfte, werden es für 2004 noch einmal 255 Millionen Euro sein. Weshalb Minister Karl-Heinz Grasser Ende vergangener Woche nur Komplimente zur Verteilung brachte: „Die ÖIAG hat sich von einer Schuldenholding zu einem profitablen Beteiligungsunternehmen entwickelt.“

Viele Väter. Saniert, profitabel, erfolgreich. Begriffe, welche die Beteiligten, allen voran Peter Michaelis und sein seit 2002 wirkender Vorstandskollege Rainer Wieltsch, dieser Tage oft und gerne strapazieren. Vielleicht ein wenig zu oft.
Tatsache ist, dass die ÖIAG in den vergangenen zehn Jahren durch den radikalen Abverkauf von Beteiligungen gut und gern zehn Milliarden Euro eingespielt hat.
Tatsache ist allerdings auch, dass davon vergleichsweise wenig direkt auf das Konto von Michaelis und Wieltsch gehen. Der weitaus größere Teil der Erlöse war bereits unter den Vorgängern erzielt worden. Ex-Verstaatlichten-Chef Rudolf Streicher: „Die wirklichen Privatisierungsereignisse hat es doch bitte bereits Mitte der neunziger Jahre gegeben. Danach ist ja nicht mehr so viel passiert.“
Unter Peter Michaelis und Rainer Wieltsch wurde nur ein Unternehmen wirklich privatisiert: die Druckerei Strohal. Der Verkauf an die Wiener Invest-Equity-Gruppe brachte 2002 rund 28 Millionen Euro.
Die Postbus AG wurde 2003 von der staatlichen Einheit ÖIAG auf die staatliche Einheit ÖBB übertragen (Preis: 119 Millionen Euro).
Rund zwei Milliarden Euro erlösten Michaelis und Wieltsch zwischen 2003 und 2004 durch den weiteren Rückzug aus längst teilprivatisierten Gesellschaften wie VA Technologie, VoestAlpine, Böhler-Uddeholm und Telekom Austria.
Ein ehemaliger ÖIAG-Manager, der namentlich nicht genannt werden möchte: „Die Herren haben ein Portfolio an Firmen übernommen, die sie nicht mehr sanieren mussten, weil sie schon saniert waren. So gesehen war das nur die Pflicht, nicht die Kür.“
Und selbst dabei hat sich das Management Patzer geleistet, die – Jubelmeldungen hin oder her – die Analyse seines Wirkens verzerren.

Viele Vorwürfe. Bis heute müssen sich Michaelis und Wieltsch vorwerfen lassen, im Frühsommer 2003 klammheimlich Gespräche zum Verkauf der VoestAlpine aufgenommen zu haben – und zwar ausgerechnet mit jenem Unternehmen, zu dem ein gewisser Karl-Heinz Grasser damals noch ein Rückkehrrecht besaß: dem Magna-Konzern des Austrokanadiers Frank Stronach. profil deckte die Unappetitlichkeiten (Codename: „Minerva“) im Juni 2003 auf. Mit dem Ergebnis, dass die VoestAlpine überhastet und mitten im laufenden oberösterreichischen Landtagswahlkampf privatisiert wurde.
Auch da machte die ÖIAG eher keine gute Figur. Tatsächlich haben sich Gewinne und Aktienkurs der Voest seit dem Ausstieg der ÖIAG – Zufall oder nicht – prächtig entwickelt. Allein durch den Kursanstieg sind der Verstaatlichten seit 2003 rund 300 Millionen Euro durch die Lappen gegangen, entfallene Dividendenzahlungen nicht mit eingerechnet. Johann Moser, Wirtschaftssprecher der SPÖ: „Hier wurde ohne Not Volksvermögen verschleudert.“ Laut Moser hätten die ÖIAG-Organe im Rahmen der Privatisierungsaktivitäten der vergangenen Jahre „durch schlechtes Management insgesamt 600 bis 700 Millionen Euro liegen gelassen“. Rudolf Edlinger, SPÖ-Finanzminister a. D., legt noch eins drauf: „Es ist nun wirklich keine große Kunst, Unternehmen unter ihrem Wert zu verkaufen.“
Plakative, wenngleich sehr theoretische Nachbetrachtungen. Umso mehr, als sie von Vertretern der Opposition kommen, die nie ein Hehl aus ihrem Argwohn gegenüber den jüngeren Privatisierungen gemacht hat. Ungleich schwerer wiegen da die Vorwürfe, die gleichsam aus dem eigenen Lager kommen – dokumentiert in einem an ÖIAG-Vorstand Rainer Wieltsch adressierten Schreiben vom September 2004. Der Verfasser: Claus Raidl, Vorstandsvorsitzender des im Vorjahr zur Gänze privatisierten Edelstahlerzeugers Böhler-Uddeholm. Raidl damals: „Ich meine, dass die ÖIAG den Privatisierungsauftrag, wie er gemäß ÖIAG-Gesetz gegeben ist, schlecht, oft sehr schlecht umsetzt“ (profil 46/04).
Das Schreiben erreichte Wieltsch nur wenige Tage nachdem der beabsichtigte Verkauf der Telekom Austria an die schweizerische Swisscom völlig überraschend geplatzt war. Warum, ist unklar. Michaelis und Wieltsch verteidigen sich bis heute damit, dass die Schweizer eine inakzeptabel lange Frist zur Prüfung der Telekom-Bücher verlangt hatten.

Viele Fragen. Die hätte vielleicht mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl vermieden werden können. So war Telekom-Chef Heinz Sundt kurz zuvor auf Geheiß der ÖIAG nach München geeilt, um dem Swisscom-Management „offene Fragen“ zu beantworten. Zu einem Zeitpunkt, da er in Wien mitten in delikaten Verhandlungen zur Verlängerung seines Vorstandsvertrags steckte. Eine Phase, in der Sundt nahezu täglich in der Zeitung von neuen potenziellen Nachfolgern lesen musste. Ein involvierter Investmentbanker: „Man kann sich ungefähr vorstellen, wie motiviert Sundt bei den Unterredungen mit den Schweizern gewesen ist.“
Der Telekom-Chef hat das nie kommentiert.
Ende 2004 verkaufte die ÖIAG 17 Prozent ihrer Telekom-Aktien über die Börse – zu einem schlechteren Kurs als die Swisscom geboten hatte. Rechnerischer Verlust: 203,95 Millionen Euro.
Ex-ÖIAG-Chef Rudolf Streicher fällt dazu nur mäßig Schmeichelhaftes ein: „Ich habe unter anderem die Postsparkasse und die Austria Tabak verkauft. Und da hat es nie einen Wirbel gegeben.“
ÖIAG-Aufsichtsratsvorsitzender Alfred Heinzel stellt sich dennoch vor sein Management. „Mag sein, dass manches besser hätte laufen können. Aber wir haben daraus für die Zukunft gelernt.“
Und die steht gleichsam unmittelbar bevor. Finanzminister Karl-Heinz Grasser will vor Ablauf der Legislaturperiode auch noch das letzte große Privatisierungsvorhaben durchgezogen wissen: den teilweisen Rückzug aus der Österreichischen Post AG. Die aus heutiger Sicht wahrscheinlichste Variante: ein Verkauf über den Kapitalmarkt. Alfred Heinzel: „Der Staat wäre gut beraten, zumindest 25 Prozent in Form einer Volksaktie an der Börse zu platzieren.“ ÖIAG-Vorstand Michaelis hält sogar bis zu 49 Prozent für realistisch. Wenn – ja wenn – die Gewerkschaften und Betriebsräte diesmal mitspielen. Die hatten bereits 2002, nachdem Verhandlungen mit der Deutschen Post ruchbar geworden waren, Widerstand geleistet.
Und machen bereits wieder mobil. Leopold Abraham, Sprecher aller im ÖIAG-Aufsichtsrat vertretenen Betriebsräte: „Wir werden in keinem Fall zulassen, dass die Interessen des Kapitals über jene der Mitarbeiter gestellt werden.“
Ein bisschen Imagepflege in eigener Sache täte inzwischen auch im eigenen Hause Not.

Bei den Mitarbeitern der ÖIAG-Zentrale in der Wiener Dresdner Straße Nummer 87 firmieren Michaelis und Wieltsch neuerdings unter den Pseudonymen „Coppenrath & Wiese“, frei nach dem gleichnamigen deutschen Süßwarenhersteller – und dessen leicht abgewandelten Selbstverständnis: „Wir backen kleine Brötchen.“

Von Michael Nikbakhsh