Friede, Freude, Pustekuchen

Vor genau einem Jahr wurde der Irak-Krieg beendet – symbolisch zumindest. Seither läuft die Friedensmaschinerie auf Hochtouren, und sie wird täglich blutiger.

Das nennt man Weltgeschichte. Bagdad, Mittwoch, 9. April 2003: Ein US-Panzer bringt am zentralen Fardus-Platz eine überlebensgroße Statue des irakischen Diktators Saddam Hussein zu Fall, unter dem frenetischen Jubel einer euphorisierten Menge. Die Weltöffentlichkeit ist via Fernsehen live zugeschaltet. Der Moment gefriert schlagartig zur TV-Ikone, der einprägsamsten seit dem Kollaps der Twin Towers am 11. September 2001 in New York.

Nach drei Wochen ist der Irak-Krieg zu Ende, symbolisch zumindest. Die Opferbilanz bisher: USA – 96 Tote und zehn Vermisste; Großbritannien – 30 Tote; irakische Armee – 2320 Tote laut US-Angaben. Am 1. Mai verkündet Präsident George W. Bush an Bord des Flugzeugträgers „USS Abraham Lincoln“ kraft seines Amtes als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte das Ende der Hauptkampfhandlungen.
Friede, Freude: Pustekuchen!

Zum Jahrestag des Kriegsbeginns am 20. März 2004 lief die blutige Friedensmaschinerie im Irak immer noch auf Hochtouren: Die Opferbilanz verzeichnete mittlerweile 671 getötete Soldaten und über 10.000 tote Zivilisten. Das ist allerdings auch schon wieder drei Wochen her; die „casualty reports“ müssen laufend nach oben korrigiert werden. Seit vergangenem Wochenende sind die bisher eher ruhigen Gebiete mit schiitischer Bevölkerung im Süden ebenso heftig umkämpft wie das „sunnitische Dreieck“ westlich und nördlich von Bagdad. Täglich kommen dutzende von Toten hinzu, allein in Falluja binnen eines Tages weit über 100. Am Mittwoch bombardierte die US-Armee eine Moschee in der sunnitischen Rebellenhochburg: mindestens 40 Opfer. Augenzeugen berichteten, auf den Straßen auch Leichen von US-Soldaten gesehen zu haben.

Der Irak-Krieg war ein Desaster. Die Besatzung ist ein Desaster. Man kann einen Krieg nicht auf der Grundlage von Lügen organisieren“, erklärte der designierte spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero kurz nach den Parlamentswahlen am 14. März. Das mag kein besonders subtil argumentierter Standpunkt sein, nur leider kommt er der Realität ziemlich nahe. Dass der vor einem Jahr so fieberhaft forcierte Krieg gegen den Irak auf einem nachgerade abenteuerlichen Begründungsgespinst von Halb- und Unwahrheiten fußte, räumen mittlerweile auch die klammen Feldherren Bush und Blair recht unverhohlen, wenn auch schulterzuckend ein, ohne sich deswegen selbstverständlich als Lügner geoutet wissen zu wollen. Dass ihnen – beziehungsweise den Statthaltern der Besatzung – die Kontrolle über die Lage im Irak so dramatisch entglitten ist, dokumentiert das ganze erschütternde Ausmaß einer Planlosigkeit, für die in der Privatwirtschaft normalerweise nur eine logische Konsequenz vorgesehen ist: fristlose Entlassung.

Offenbar wurde nicht nur im Vorfeld des Krieges die reale Gefahr Saddam Husseins für die Weltsicherheit verkannt (dies jedoch offenbar mutwillig) – vor allen Dingen scheint man in geradezu kriminell fahrlässiger Naivität darauf vertraut zu haben, dass nach dem Sturz des Diktators eine neue irakische Nationalordnung mit derselben Nonchalance verfügt werden könnte, mit der ein halbseidener Jahrmarktmagier Kaninchen aus seinem Zylinder zaubert.

Unsachlich, sicher. Aber sicher nicht unsachlicher als die melodramatischen Beschwörungen von Bush und Blair, Saddams Massenvernichtungswaffen bedrohten den globalen Frieden akut und nur eine militärische Strafaktion gegen den Schurken könne die Welt wieder zu einem „safer place“ machen. Tatsächlich ist die Welt im Mai 2004 weiter denn je von „safety“ entfernt. Darin nicht zuletzt auch eine Folge des gründlich – und täglich neu – vermurksten Irak-Feldzugs zu sehen erscheint legitimer, als es heute selbst jenen lieb sein kann, die schon im Vorfeld erbittert gegen den Stellvertreterkrieg im Irak agitierten – darunter immerhin keine geringeren Gewährsleute als Gerhard Schröder, Papst Johannes Paul II. oder Kofi Annan.

Der „Klein“-Krieg gegen Saddam sollte ein Meilenstein des Großprojekts „Krieg gegen den Terror“ werden, den Präsident Bush unmittelbar nach dem 11. September 2001 feierlich proklamierte. Dieser Krieg jedoch ist heute nicht nur keineswegs beendet, er ist allem Anschein nach über zweieinhalb Jahre systematisch verdrängt worden. Mittlerweile hat der Terror Europa erreicht: Bei Bombenattentaten auf vier Pendlerzüge, organisiert von al-Qa’ida-Kämpfern, kamen am 11. März in Madrid 191 Menschen ums Leben. Vor kurzem stellte die italienische Polizei in Cremona ein Videoband sicher, auf dem ein Vertrauter des Terrorchefs Osama Bin Laden angeblich die „Zerstörung Roms“ ankündigt. Die „Schwerter“ würden schon vorbereitet. „Wer nicht Muslim ist, muss getötet werden. Der Koran verlangt den Kampf und die Zerstörung der Feinde des Islam.“

Die Reaktion auf solche Drohungen dürfe nicht Hysterie sein, mahnen rationale Zeitgenossen, und sie haben Recht. Leider war der Irak-Krieg ein Akt staatlich konzertierter Hysterie, und dass er ein Jahr nach seinem symbolisch so plakativen Ende immer noch andauert, und zwar blutiger denn je, ist nicht dazu angetan, den globalen Hysteriepegel zu senken.