Friederike Mayröcker: „Der Tod ist mein Feind, er ist ekelhaft“

profil: Was ist der Tod für Sie?
Mayröcker: Der Tod ist mein Feind. Ich kann die Tatsache des Todes überhaupt nicht akzeptieren. Riesenschildkröten erreichen ein hohes Alter, manche Bäume werden über 500 Jahre alt, und gerade der Mensch, die so genannte Krönung der Schöpfung, muss mit achtzig oder neunzig Jahren abtreten?
profil: Gibt es keine Aussicht auf Versöhnung zwischen Ihnen und dem Tod?
Mayröcker: Nein, der Tod ist ekelhaft. Er ist ein Eklat, ein Skandalon, eine Frivolität, eine Schmach, eine Verdammung und eine Herabsetzung des menschlichen Lebens. Und der große Stachel des Todes ist, dass man nicht weiß, wohin es geht.
profil: Seit zehn oder 15 Jahren räumen Sie Ihrem Feind, dem Tod, immer mehr Platz in Ihrer Arbeit ein.
Mayröcker: Ich habe schon mit dreißig einige Gedichte über den Tod gemacht, weil ich mich bereits damals gedanklich mit ihm auseinander gesetzt habe. Die Beschäftigung ist mit zunehmendem Alter stärker geworden. Man sieht den eigenen Verfall, und auch wenn man die liebsten Menschen verliert, ist der Tod ganz nahe. Ich habe einfach Angst vor dem Tod. Nicht nur vor dem Sterben, auch vor dem Zustand des Gestorbenseins. Ich bin sehr skeptisch, was die Bejahung des Todes anlangt. Es gibt viele Menschen, auch viele Autoren und Künstler, die ihn akzeptieren. Ich habe nur einen gekannt, der ihn genauso gehasst hat wie ich; das war Elias Canetti.
profil: Können Sie den Tod und Ihre Angst in Schach halten, indem Sie darüber schreiben?
Mayröcker: Wenn ich über den Tod schreibe, ist das eine positive Beschäftigung. Ich kann mich dann mit der Sprache gegen ihn sträuben. Es ist eine Metamorphose der Angst vor dem Tod. Aber nur für die Zeit, in der ich schreibe. Die Angst kommt immer wieder.
profil: Welchen Wunsch haben Sie für Ihr eigenes Sterben?
Mayröcker: Ich möchte nicht plötzlich sterben. Ich will mich auf diese schreckliche Sache vorbereiten, mich mit dem Tod auseinander setzen können. Und wenn möglich möchte ich zuhause sterben; vielleicht umgeben von ein, zwei Freunden.
profil: Sie haben einmal gesagt: „200 Jahre wären so ungefähr die Lebenszeit, die ich mir vorstelle.“
Mayröcker: 200 Jahre mindestens. Meiner Ansicht nach dürfte das Ende überhaupt nicht kommen. Man müsste so lange weiterleben, wie man gerne lebt, und vielleicht kommt dann eines Tages die Stunde, wo man sagt: „Jetzt habe ich genug. Jetzt möchte ich abtreten.“ Aber an und für sich sollte der Mensch so lange leben können, wie er es wünscht.
profil: Sie hätten kein Problem mit der Vorstellung eines ewigen Lebens auf Erden?
Mayröcker: Ganz im Gegenteil. Das wäre wunderbar. Dann könnte man es sich wirklich einteilen: fünfzig Jahre für das, fünfzig Jahre für jenes. Ich schiebe ja einiges weg, weil ich mir denke, dass ich es in meinem Alter nicht mehr anfangen kann, weil ich dazu noch zwanzig Jahre leben müsste – und das ist ganz ausgeschlossen.
profil: Was möchten Sie noch alles tun?
Mayröcker: Ich entdecke jeden Tag neue Dinge, die mich interessieren und die ich noch näher betrachten möchte: Menschen, Wissensgebiete, Länder. Ich möchte noch zumindest eine Sprache lernen – Französisch. Ich würde gerne nach Südspanien und Südportugal reisen, wo ich noch nie war. Das sind Dinge, die mir immer vorgeschwebt sind, die ich nie in Erfüllung habe gehen lassen. Ich bin noch sehr neugierig. Vor allem aber möchte ich noch sehr viel lesen. Ich habe Rückstände beim Lesen.
profil: Ob das Leben einen Sinn hat, ist demnach eine Frage, die Sie längst mit Ja beantwortet haben?
Mayröcker: Der Sinn meines Lebens liegt in meiner Kreativität, die sich Gott sei Dank immer wieder wiederholen lässt, in der Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen und zwischenmenschliche Beziehungen auszubauen.
profil: Sind Sie gläubig?
Mayröcker: Ja, aber nicht in einem strengen Sinn.
profil: Ist das nicht ein Widerspruch: sich als gläubigen Menschen wahrzunehmen und das größte Trostversprechen aller Konfessionen und jeglicher Spiritualität, nämlich die Aussicht einer Existenz nach dem Tod, nicht zu teilen?
Mayröcker: Ich schwanke einfach nur sehr. Es gibt Zeiten, in denen ich das Gefühl habe, es könnte sein, dass man doch weiter existiert. Dann aber habe ich wieder ein ganz negatives Gefühl und fürchte, dass es nach dem Tod total aus sein könnte.
profil: Wie stellen Sie sich ein mögliches Danach vor?
Mayröcker: Ich würde vor allem hoffen, dass ich Ernst Jandl, meine Mutter, meinen Vater und ein paar liebe Menschen wiedersehe, die gestorben sind. Mein Vater hat so gern gelebt. Anscheinend habe ich das von ihm. Außerdem habe ich noch die ganz verrückte Idee, dass es in einem Leben nach dem Tod möglich sein müsste, dass ich weiter schreiben kann. Es ist eine monströse Vorstellung, sich vom Schreiben verabschieden zu müssen. Das Tod-sein bedeutet eine Abnabelung von dem, was man an Intimität mit sich selbst gehabt hat.
profil: In Ihrem „Requiem für Ernst Jandl“, das ein halbes Jahr nach dem Tod Ihres „HAND- und HERZGEFÄHRTEN“ im Sommer 2000 erschienen ist, haben Sie sich von Ernst Jandl verabschiedet. Sie schreiben: „Jammervoll ist der Tod, erbärmlich ist der Tod … Zerbrecher und Zerstörer ist der Tod.“ Es ist ein ungeheuer zorniges Buch.
Mayröcker: Ich war unlängst wieder an seinem Grab und habe mir gedacht: Er liegt da drinnen, und er war ein so hundertprozentig lebendiger Mensch. Es ist entsetzlich, dass nichts mehr in seiner Macht liegt und dass er nichts mehr bestimmen kann.
profil: Hat sich Ihre Arbeit nach dem Tod Ernst Jandls verändert?
Mayröcker: Zuerst habe ich mein Bewusstsein ausgeschaltet, weil der Schmerz über seinen Tod so groß war. Nach vier Wochen habe ich mit dem Schreiben des „Requiems“ begonnen. Das hat mich die erste Zeit über Wasser gehalten. Obwohl ich Selbstmord ablehne, war ich nahe daran, Schluss zu machen. Ernst Jandl war sehr krank, und ich habe seinen möglichen Tod jahrelang immer wieder vorweggenommen. Deswegen war es aber auch nicht leichter, als er dann tatsächlich gestorben ist. Eine Sache verfolgt mich ununterbrochen, auch dreieinhalb Jahre nach seinem Tod noch: der Moment, als der Primararzt herausgekommen ist und ganz lapidar gesagt hat: „Ernst Jandl ist gestorben.“ Das war wie ein Hieb.
profil: In Ihrem neuen Gedichtband „Mein Arbeitstirol“ gibt es ein Gedicht mit dem Titel „wenn ich vor ihm gestorben wäre“. Haben Sie sich oft vorgestellt, vor Ernst Jandl zu sterben?
Mayröcker: Ich habe immer gehofft, vor ihm sterben zu können, weil ich wusste, dass mich sein Tod vollkommen entwurzeln würde. Das war ja dann auch wirklich der Fall.
profil: Sie wären dafür freiwillig bereit gewesen zu sterben?
Mayröcker: Ich habe es halt so gedacht.