Friendly Fire: Wenn Mütter ihre Kinder als Waffen einsetzen

Angelika Hager über Schlachten, in denen es nur Verlierer gibt.

Sohn und Vater stehen in der Küche. Der Sohn versucht, dem Vater die Zubereitungsart eines dubiosen Eiergerichts namens „Arme Ritter“ zu erklären. Der Vater versagt dabei kläglich. Es ist der erste Tag nach dem Super-GAU, der erste Tag, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat. Der Film „Kramer gegen Kramer“ mit Dustin Hoffman in der Rolle eines Fulltime-Karrieristen und Teilzeitvaters, den der Auszug seiner Frau in die Existenz eines hauptberuflichen Alleinerziehers zwingt und darin allmählich wachsen lässt, wurde in seinem Entstehungsjahr 1976 gesellschaftspolitisch als revolutionär empfunden. Erstmals wurde einem Vater zugestanden, die bessere Mutter sein zu können.

Die damalige Kino-Utopie ist heute noch weit davon entfernt, von der Realität imitiert zu werden. Vielmehr wird die Statistik von Trennungsvätern dominiert, die in ihrem Habitus viel eher an George Clooney in „Tage wie dieser“ erinnern. „Verantwortung, Verantwortung“, erklärt er seiner Ex-Frau, als diese ihm die gemeinsame Tochter erstmals außerhalb der vereinbarten Besuchszeit vor die Tür stellt. „Du warst es doch, die sich seinerzeit bei den Erwachsenen angestellt hat.“

Irgendwo zwischen Dustin Hoffman und George Clooney spielt sich das wirkliche Leben ab, und irgendwo dazwischen existieren auch vereinzelt Frauen, die ihre Kinder systematisch in die Loyalitätsfalle tappen lassen und sie als Waffen in einer Schlacht einsetzen, die von vornherein ausschließlich von Verlierern bestimmt ist. Am verlorensten sind dabei die Kinder. Längst ist wissenschaftlich belegt, wie traumatisierend sich das plötzliche Wegbrechen eines Elternteils auf deren Psyche auswirkt. Dass Frauen, die angeblich das Wohl der eigenen Brut über alles stellen, eine Bezugsperson gesetzlich sanktioniert einfach wegamputieren können, liegt daran, dass die Mutterschaft vor dem Staat einen höheren Stellenwert genießt als eine Vaterschaft.

Wenn es die Ratio dieser Frauen innerhalb „dieser Prozesse komplizierter Kränkungen“, so der deutsche Soziologe Gerhard Amendt, aus den Angeln wirft, so deshalb, weil die weibliche Psyche laut Geschlechterforschung in Krisensituationen prinzipiell emotionaler und deswegen auch obsessiver reagiert als jene der Männer. Die meisten Scheidungsväter sehen in diesen Schlachten nicht so heldenhaft wie Pierce Brosnan im Trennungsdrama „Evelyn“ aus, sondern erleben schwere psychische Einbrüche, die auch in der Psychiatrie enden können. Die Praxis zeigt, dass die Gerichte aus Überforderung und Überlastung kaum in der Lage sind, bei emotionalen Flächenbränden effizient einzugreifen. Wenn die Fronten verhärtet sind, nützt kein psychotherapeutischer Streichelzoo mehr.

Schadensprävention sollte lange vor dem Ausbruch der Katastrophe einsetzen. Wenn Väter ihre Vaterschaft nicht erst nach erfolgter Trennung entdecken, ist die Fortführung in Konfliktsituationen viel leichter. Wenn Therapieeinrichtungen, Mediation und das wachsende Angebotsspektrum der Konflikt- und Trennungsindustrie nicht erst dann in Erwägung gezogen werden, wenn nichts mehr zu retten ist, muss eine Familienauflösung nicht in „Friendly Fire“-Salven ausarten. Und Kindern werden Loyalitäts-Zerreißproben nach dem Motto „Wen hast du eigentlich lieber, die Mama oder den Papa?“ vielleicht irgendwann erspart bleiben.