Fünf, die bei null beginnen: Österreich
schickt Polizisten nach Afghanistan

Österreich schickt Polizeitrainer an den Hindukusch. Warum das nicht mehr ist als eine kleinliche Geste – und welche Herausforderungen auf die Beamten warten.

Irgendwie war die Szene rührend: komisch und ein bisschen traurig zugleich. Ob er im Namen seiner Kollegen einen Wunsch ­äußern dürfe, fragte der Mann im fleckigen ­T-Shirt und deutete auf eine Hand voll Afghanen, die im Juli vergangenen Jahres am Rand des ISAF-Hauptquartiers* in der Provinz Uruzgan herumstanden. Sie würden sich gerne fotografieren lassen, als Erinnerung.
Dann nahmen sie Aufstellung, zwirbelten ihre Schnurrbärte zurecht und setzten verwegene Mienen auf. Ihre Uniformen waren verschossen, die Hemdkrägen fadenscheinig. ­Einer trug eine verspiegelte Sonnenbrille, Marke Fälschung, der Bügel notdürftig mit Leukoplast geklebt. Ein anderer war am linken Auge sehbehindert.
Klack, machte die Kamera.
„Ich danke Ihnen im Namen der Spezialeinheit der afghanischen Polizei“, sagte der Anführer. Der Mann hinter ihm stolperte über seine Stiefel.
Spezialeinheit? Korrekt, bestätigte ihr Ausbildner, ein ISAF-Angehöriger, während die Uniformierten begannen, herumzublödeln und lustige Gesichter zu schneiden.
Afghanistan hat eine ganze Reihe großer Probleme, eines der größten ist aber zweifelsohne seine Polizei. Eigentlich sollten die ­Männer in den graublauen Uniformen neun Jahre nach dem Fall des Taliban-Regimes längst in der Lage sein, für Sicherheit in ihrem Land zu sorgen. Das Gegenteil ist der Fall:
In Wahrheit gelten sie weithin als Unsicherheitsfaktor.
Fast ein Jahrzehnt lang hat der Westen vergeblich versucht, Afghanistan zu befrieden. Ein – mutmaßlich letzter – groß angelegter Versuch, sich dabei auf eine zielführende Strategie zu einigen, wurde gerade in London ­unternommen (siehe Kasten). Dabei wird der jahrelang komplett vernachlässigten Ausbildung der einheimischen Polizei ein zentraler Stellenwert eingeräumt. Und hier kommt auch Österreich, das sich beim Thema Afghanistan die meiste Zeit vornehm zurückgehalten hat, ins Spiel. Die überschaubare Zahl von fünf ­österreichischen Polizisten soll im Rahmen der europäischen Aufbaumission Eupol als Trainer an den Hindukusch geschickt werden ­(profil 4/2010).
Die Aufgabe, die dort wartet, ist so überwältigend, dass der Beitrag Österreichs nicht mehr als eine kleinlich anmutende Geste bleibt. Und die Beamten des Innenministe­riums werden auf Umstände treffen, die für Europäer recht exotisch anmuten.
Die österreichischen Polizeitrainer müssen …

1) … bei null beginnen:
89.000 Mann zählt die Afghanische Nationalpolizei (ANP) offiziell im Moment. Der Papierform nach wäre das bei 33 Millionen Staatsbürgern durchaus respektabel: Österreich hat beispielsweise bei einer Bevölkerung von 8,3 Millionen rund 20.000 Polizisten.
In der Realität ist das Land aber unendlich weit von europäischen Standards entfernt. Die Ausbildner werden bei einer Analphabetenrate von 60 bis 90 Prozent vor allem Rekruten betreuen, die ­anfangs weder lesen noch schreiben können.
Recht plastisch drückte es ein niederländischer Polizeitrainer in der südafghanischen Provinz Uruzgan vergangenes Jahr gegenüber profil aus: „Die Leute, die zu uns kommen, wissen nicht einmal, wie man ein WC benutzt.“ Er meinte es wörtlich.
All das liegt nicht zuletzt an den unrealistisch hohen Rekrutierungsvorgaben der afghanischen Regierung und ihrer westlichen Verbündeten. Bis Jahresende sollen 20.000 neue Exekutivbeamte vereidigt werden, bis 2012 weitere 25.000.
„In Wahrheit gibt es kein Auswahlverfahren“, sagt ein deutscher Militärpolizist. „Wen das Innenministerium in Kabul schickt, der wird genommen.“

2) … mit Polizisten arbeiten, denen es an primitivster Ausrüstung mangelt:
Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, und das betrifft auch die Polizei. „Es fehlt schon an Kleinigkeiten“, berichtete ein deutscher Ausbildner, der in der Provinz Balkh tätig ist, im Jänner gegenüber profil. „Decken zum Beispiel. Oder ­Taschenlampen – und wenn es die gibt, dann sind keine Batterien vorhanden.“ Trainer wissen sogar von Polizisten, die ohne Waffen oder Munition Dienst schieben müssen.

3) … Rekruten ausbilden, die nie Frieden kennen gelernt haben:
Rekruten, die jünger sind als 30, haben ihr ganzes Leben lang nichts anderes kennen gelernt als Krieg: ab 1979 gegen die Sowjets, dann zwischen dem ­Taliban-Regime und seinen Gegnern. Nun kämpfen Aufständische gegen die Regierung und ihre westlichen Verbündeten. Entsprechend schwierig ist es, ihnen Werte wie Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zu vermitteln. Als bemerkenswerten Fortschritt bezeichnete im Jänner beispielsweise ein Polizeikommandant in Nordafghanistan gegenüber profil die Tatsache, „dass wir Verdächtige nicht mehr gleich schlagen“.
„Was Europa in hundert Jahren erreicht hat, versuchen wir hier in ein paar Wochen“, sagt ein niederländischer Trainer. Da wird für „Gender Mainstreaming“, das Eupol als offizielles Lernziel seiner Mission anführt, eher wenig Zeit bleiben.

4) … sich in hoch korrupten Strukturen zurechtfinden:
Korruption, Drogenhandel, Schmuggel: Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele ANP-Angehörige in kriminelle Machenschaften verwickelt sind – auch das trägt dazu bei, dass die Afghanen im Schnitt ein Viertel ihres Einkommens für Schmiergeldzahlungen berappen müssen. Wenn die Deutschen in ­einem Distrikt mit der Ausbildung beginnen, ­holen sie sämtliche dort tätigen Polizisten für zwei Monate in ein Trainingscamp und lassen sie durch Spezialeinheiten ersetzen. „Das ist oft das erste Mal, dass die Zivilbevölkerung der Gegend sieht: Es muss nicht sein, dass der Beamte am Checkpoint abkassiert“, erzählt ein Trainer.

5)… sich bewusst sein, dass viele ihrer Schüler sehr bald sterben werden:
Seit Anfang 2007 wurden in Afghanistan mehr als 2000 Exekutivbeamte getötet – deutlich mehr als Soldaten der Nationalarmee (ANA) und der ISAF zusammen. „Vor 14 Wochen haben wir den ersten Kurs abgeschlossen“, erzählte ein Eupol-Ausbildner in der Provinz Uruzgan vergangenen Sommer, „jetzt sind schon mehrere Absolventen unter der Erde.“
Das hat mehrere Gründe: Die Polizisten sind im Gegensatz zur Armee nur leicht bewaffnet und in kleineren Gruppen unterwegs – ein verlockendes Ziel für die Taliban. Zudem wurden sie häufig von lokalen Machthabern zur Polizei geschickt, sind also direkt in lokale Fehden oder Machtkämpfe verwickelt. Das macht auch ihre österreichischen Ausbildner zu potenziellen Zielen – gesetzt den Fall, dass sie das Camp verlassen.

6) … damit rechnen, dass sie auch Taliban-Kämpfer ausbilden:
Offizielle Zahlen existieren zwar nicht, es ist aber keine Seltenheit, dass Polizisten nach abgeschlossener Ausbildung einfach verschwinden. Das liegt oft daran, dass ihnen der Job letztlich doch zu riskant ist – manchmal aber auch an besseren finanziellen Angeboten. Die 100 Dollar Anfangsgehalt, die ein Streifenbeamter im Monat bekommt, können Guerilla-Kommandanten locker überbieten. „Wir bilden Kämpfer für die Taliban aus“, warnte der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft vor wenigen Tagen. „Die zahlen das Doppelte.“

Die Österreicher werden dafür aber auch schnelle Erfolgserlebnisse haben. Die meisten Polizeischüler sind hoch motiviert und lernwillig, berichten Ausbildner übereinstimmend, Fortschritte zeigen sich rasch. Auch das werden die Beamten des Innenministeriums erleben – abseits der Erkenntnis, dass sie zu fünft lediglich ein Symbol sein können: auch dafür, dass Österreich an Afghanistan ­eigentlich nicht einmal anstreifen will.