Fun: Partei, Partie, Party

Elisabeth Gehrer hält die österreichischen Jugendlichen für vergnügungssüchtig. Ihre Politikerkollegen treiben es freilich besonders bunt – und produzieren zu wenige Kinder.

Ein bisschen Reklame kann nie schaden, denkt sich Urs Kamber. Deshalb ist der Tourismuschef von Lech am Arlberg auch nicht böse auf Elisabeth Gehrer. „Ihre Aussage zeigt, dass Lech bereits zu einem Synonym für gepflegte Atmosphäre geworden ist.“

Dabei hatte die Unterrichtsministerin keineswegs vor, den Vorarlberger Nobelskiort zu loben. Im Rahmen ihres Rundumschlags gegen die vergnügungssüchtige Jugend war Gehrer vergangene Woche an der Baumgrenze gelandet. „Bringt dir das später die höchste Befriedigung, dass du eine Ferienwohnung in Ibiza und ein Domizil in Lech hast?“, fragte sie grantig in die Runde.

So sehr war Gehrer in Fahrt, dass sie ganz zu erwähnen vergaß, wie gerne und häufig sie selbst in Lech Urlaub macht. Ihr Eindruck, es handle sich dabei um ein Millionärsmekka, dürfte wohl mit ihrer persönlichen Erlebniswelt zusammenhängen, vermutet Kamber. „Soviel ich weiß, steigt Frau Gehrer in den exklusiveren Häusern ab.“

Zwar ist nicht bekannt, ob und, wenn ja, wie oft die Ministerin zum Abshaken nach Ibiza fährt. Aber dass die vorgebliche „Wertedebatte“ mit einem kräftigen Schuss Doppelmoral geführt wird, lässt sich auch so nicht leugnen. Denn was Gehrer an den Jungen kritisiert („von Party zu Party rauschen“), gilt in ihrer eigenen Zunft geradezu als Pflichtprogramm.

Die Skilehrer vielleicht ausgenommen, wird in keiner anderen Berufsgruppe so oft und so intensiv gefeiert wie bei den Politikern. Obwohl teilweise noch in den besten Jahren, nützen Gehrers Branchenkollegen ihre Freizeit offenbar nur sehr sporadisch, um an der Erfüllung des Generationenvertrages zu werkeln.

Der Einwand, dass die Regierungsmitglieder mit einer Kinderquote von 2,11 pro Kopf das Reproduktionssoll erfüllt haben und damit beruhigt in Bars herumlungern dürfen, lässt sich leicht entkräften: Die Statistik wird von den Ministern Martin Bartenstein (fünf Kinder) und Dieter Böhmdorfer (vier) nämlich grob verfälscht. Abzüglich dieser beiden Ausreißer liegt die Quote nur noch bei 1,8 – es gäbe also hinreichend Handlungsbedarf.
Doch stattdessen geht es ab auf die Piste.

Berufspflicht? Nun lässt es sich noch halbwegs mit Berufspflicht erklären, dass die Politiker in großer Zahl zu den Festspiel-Eröffnungen strömen. Die Hochkultur gehört ja irgendwie zum österreichischen Selbstverständnis, da dürfen die Volksvertreter natürlich nicht fehlen.

Es wird auch noch teilweise jobbedingte Gründe haben, dass die Politiker-Dichte hoch war, als der Privatsender ATV+ jüngst seinen österreichweiten Sendestart feierte. Schließlich schadet es einem Mandatar nicht, wenn er mit Medienmachern auf gutem Fuß steht.

Aber dass etwa Jörg Haider allsommerlich praktisch überall dabei ist, wo mehr als drei Kärntner gesellig beieinander stehen, kann mit Berufsethos nicht mehr erschöpfend begründet werden. In den letzten paar Monaten war Haider unter anderem bei der „Love.at-Night“-Party in Klagenfurt, bei der „Dolce & Gabbana Parfums“-Party, bei der „Karibik-Party“ im Steinbruch Mittertrixen, beim Trachtenumzug in Villach und natürlich bei sämtlichen Feierlichkeiten rund um die Festspiele auf der Seebühne.
Das sei bloß „der Neid der Besitzlosen“, hat Haider schon einmal – anlässlich einer Party, wo sonst? – Kritik an seiner sommerlichen Omnipräsenz zurückgewiesen.

Balltiger und Golfspieler. In den Terminkalendern der Politiker wird dem Fachgebiet „Jux und Tollerei“ offenbar bereitwillig Platz eingeräumt. Und wenn der Wähler seine Mandatare im tiefsten Schönheitsschlaf wähnt, werden einige der Herrschaften in Wahrheit erst so richtig munter.

So fällt der an sich verpflichtende „ZiB 2“-Konsum für Maria Rauch-Kallat, Martin Bartenstein und Alfred Finz im Fasching des Öfteren aus. Die Gründe liegen im Walzertechnischen, alle drei sind leidenschaftliche Balltiger.

Als wirklich zäh gilt auch Karl-Heinz Grasser. Nur ein kleiner Auszug aus seinen Verpflichtungen in den vergangenen Monaten: Formel-1-Grand-Prix in Monte Carlo (samt Abendfete mit DJ Ötzi), Eröffnung des Hangar 7 von Red Bull, diverse Partys im Rahmen der Klagenfurter Beach-Volleyball-WM sowie der erste Geburtstag des Wiener Asia-Restaurants „Indochine“. Erstaunlich genug: Tagsüber findet Grasser noch Muße, um bei einem Promi-Turnier im Golfclub Fontana anzutreten.

SP-Chef Alfred Gusenbauer ist der Einzige, der halbwegs ehrlich mit seinem ausufernden Unterhaltungsbedürfnis umgeht. „Ich bin ein Genussmensch“, gestand er jüngst dem Magazin „Format“.

Das Gros von Gusenbauers Kollegen pflegt dagegen als Arbeitseinsatz auszugeben, was auf Fotos verdächtig nach reinem Gaudium aussieht. Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll etwa spricht in Interviews gerne über die Mühsal der Verantwortung und die drückenden Pflichten (die ihn vermutlich demnächst zwingen werden, als Bundespräsident zu kandidieren). Gleichzeitig ist Pröll in seinem Heimatland fast so emsig unterwegs wie Jörg Haider in Kärnten. Vor kurzem fand er sogar noch Zeit, um in der Fernsehproduktion „Der Ferienarzt in der Wachau“ mitzuspielen. Sein Part: ein Landeshauptmann.

Politiker ist keineswegs gleich Politiker, wenn es ums Dolce Vita geht. Wiens Nachtschwärmer haben bereits verschiedene Typologien ausgemacht: Da gibt es den Genügsamen, Marke Alfred Finz: ist überall dabei, stets kreuzfidel und immer der Letzte, der heimgeht; die Sportliche wie Maria Rauch-Kallat: kommt am liebsten, wenn sie tanzen darf; den Kampf-Gourmet à la Alfred Gusenbauer: erwartet ein üppiges Buffet und gilt als extrem rechthaberisch bei Weinverkostungen; sowie den Verwöhnten wie Karl-Heinz Grasser: ist ein fröhlicher Gast, wenn sichergestellt ist, dass die Seitenblicke dabei sind und er am Schluss einen Anzug geschenkt bekommt.

Chansonette Gehrer. Nicht einmal die gestrenge Elisabeth Gehrer ist völlig immun gegen die Verlockungen des Nightlife. Sie wird häufig auf Ballveranstaltungen gesichtet, und vor ein paar Monaten gastierte die Ministerin sogar als Chansonette bei einem Promi-Songcontest.

An den Arlberg muss Gehrer demnächst auch wieder, diesmal aber beruflich. Mitte September wird sie das Philosophicum in Lech eröffnen – und die Veranstalter wissen, was sie dem Gast aus der hohen Politik schuldig sind: Nach den Referaten und Diskussionen winkt ein unterhaltsames Abendprogramm.