Fußball: Der Ball ist wund

Ein Jahr vor der Euro 2008 steckt die Nationalmannschaft in einer tiefen Krise. Statt Vorfreude herrscht beim Gastgeber die Angst vor einer Blamage. Was lief falsch seit Córdoba? Kann ein ganzes Land das Kicken verlernen?

Manchmal kann Fußball richtig Spaß machen. Am Freitag vergangener Woche trafen sich ehemalige und aktive Kicker aus verschiedenen europäischen Ländern zu einem Match auf dem Jungfraujoch bei Bern. Mit dabei waren auf österreichischer Seite unter anderem Otto Konrad, Andreas Herzog und Christian Fuchs. Die Höhe des Austragungsortes machte eine Spielzeitverkürzung notwendig: Auf 3454 Metern über dem Meer reichten zweimal fünf Minuten, um außer Atem zu kommen. Die Österreicher schlugen sich bei diesem Juxturnier im Rahmen der Werbetour für die Euro 2008 wacker. Das Match endete 5:5.

Ein paar Umweltschützer hatten im Vorfeld beklagt, dass der Massenandrang das ökologische Gleichgewicht der Bergwelt gefährde. Damit ist endlich auch das böse Klischee beseitigt, wonach der österreichische Fußball für nichts und niemanden auf der Welt eine Bedrohung darstelle. Latschen und Almgräser fürchteten sich nach Kräften. Der Ausflug nach Bern darf als voller Erfolg gewertet werden.

Auf 178 Meter Seehöhe, im Wiener Hanappi-Stadion, war es zuletzt für den heimischen Fußball weniger gut gelaufen. Die Freundschaftsspiele gegen Schottland und Paraguay endeten mit einer Niederlage (0:1 gegen Schottland) und einem Remis (0:0 gegen Paraguay). „Wir sind nicht in der Lage, den Ball über drei Stationen zu halten, werden kaum torgefährlich“, klagte Teamchef Josef Hickersberger. Dem Trainer fällt nur ein schwacher Trost ein: „Gott sei Dank ist uns die Außenseiterrolle geblieben, wir werden sie nicht mehr hergeben.“

Als österreichischer Fußballfan hat man derzeit wahrlich kein leichtes Leben. Nach einer desaströsen Bundesliga-Saison mit zwei Vereinskonkursen und gerichtlichen Ermittlungen gegen Sturm Graz und den GAK hoffte man auf ein wenig Aufmunterung durch die Nationalmannschaft. Doch das positive Aufflackern im Herbst 2006 mit drei Siegen in Folge – darunter ein 2:1 gegen die Schweiz – erwies sich als trügerisch. Seither geht es mit dem Team wieder flott bergab. In der FIFA-Weltrangliste liegen die Österreicher derzeit auf Platz 77, nicht ganz so tief wie unter Hans Krankl, aber 60 Ränge schlechter als noch vor acht Jahren.

Eingeschüchtert. Die Statistik gibt wieder, was das Publikum beim letzten Match gegen Paraguay zu sehen bekam. Routiniers wie Andreas Ivanschitz und René Aufhauser waren matt und völlig außer Form. Neulinge wie Christoph Leitgeb und Christian Fuchs wirkten eingeschüchtert und panisch bemüht, nur ja nichts falsch zu machen. Wie die Neigungsgruppe Nordic Walking eines Rehabilitationszentrums schleppte sich der Großteil des Teams über den Platz. 45 Minuten können verdammt lang sein, wenn man sich nicht zwischendurch hinsetzen darf. Verirrte sich der Ball zufällig in die eigenen Reihen, wurde er umgehend an den Gegner weitergereicht. Man war ja schließlich ein guter Gastgeber. Eigenschaften wie Schmäh und Schlitzohrigkeit, die der österreichischen Bevölkerung ansonsten nachgesagt werden, sind im Nationalteam unbekannt. Und was Spielfreude bedeutet, weiß im österreichischen Fußball offenbar nur Ex-Sturm-Präsident Hannes Kartnig. Das Beste an diesem Match war der Schlusspfiff, ein Dankeschön an den Schiedsrichter.

Gerätselt wird nun, wie es mit dem heimischen Fußball so weit kommen konnte. Immerhin war Österreich (sehr viel) früher einmal eine Großmacht auf dem Rasen und bis vor einigen Jahren wenigstens noch ein ernst zu nehmender Gegner. Wie kann ein ganzes Land das Kicken verlernen? Und warum muss das ausgerechnet vor der EM im eigenen Land passieren?

In einem profil-Interview vor etwas mehr als einem halben Jahr lobte Teamchef Hickersberger das ÖFB-Förderprojekt „Challenge 2008“, wies aber zugleich auf dessen Grenzen hin: „Große Talente werden ja nicht nur mit solchen Programmen entwickelt. Große Talente müssen auch geboren werden.“ Sollten die Probleme wirklich genetischer Natur sein, wie Hickersberger andeutet, ist der ÖFB aus dem Schneider. Bei allen anderen, wahrscheinlicheren Erklärungsmodellen kann man den Fußballverband nicht aus der Verantwortung nehmen.

Spätestens seit dem missglückten Versuch, für den gebürtigen Deutschen Stefan Hofmann eine Spielberechtigung im Nationalteam zu erwirken, sind Zweifel an der Professionalität der ÖFB-Funktionäre angebracht. ÖFB-Präsident Friedrich Stickler ist von Haus aus kein ganz großer Motivator – und musste zuletzt noch einige Gänge zurückschalten. Hatte er bei der Präsentation von Challenge 2008 vor vier Jahren noch gemeint, dass Österreich bei der EM „zum Erfolg verurteilt“ sei, hofft er jetzt bloß noch auf eine „positive Überraschung“.

Als die England-Legionäre Paul Scharner und Emanuel Pogatetz im Vorjahr die mangelnde Professionalität im ÖFB kritisierten, war die Empörung groß. Beide spielen nicht mehr im Team, obwohl sie derzeit die mit Abstand erfolgreichsten Fußballexporte sind. Ganz falsch lagen sie offenbar nicht: Bald darauf engagierte der ÖFB den britischen Konditionstrainer Roger Spry. Einen neuen Mentalcoach gibt es ebenfalls seit Kurzem. Von der Detailversessenheit des deutschen Ex-Teamchefs Jürgen Klinsmann oder seines Nachfolgers Jogi Löw trennen Hickersberger und Co aber immer noch Welten. Harald Irnberger, Autor und Spanien-Korrespondent des Fachblatts „Kicker“, bringt es so auf den Punkt: „Der größte Feind des Fußballs sind die Fußballfunktionäre.“

Andererseits: Anton Polster hatte seinerzeit auch keinen Mentalcoach, Matthias Sindelar, Star des Wunderteams der dreißiger Jahre, schon gar nicht, und zu beachtlichen Leistungen auf dem Platz reichte es trotzdem. Aber wie Ex-Teamchef Herbert Prohaska ganz richtig feststellt: „Das ist nicht mehr der Fußball, den es früher gegeben hat.“

Fußballgott. Mit „früher“ meint Prohaska die letzte große Zeit des österreichischen Fußballs. Früher, das war unter anderem die WM in Argentinien 1978, Córdoba, das 3:2 gegen Deutschland und Edi Finger am Rande des Herzinfarkts. Die Glückshormone von Córdoba dürften an mancher Fehlentwicklung schuld sein. Seit damals glaubt Österreich an einen liebevollen Fußballgott, der das Unmögliche wenigstens gelegentlich möglich macht und schon dafür sorgen wird, dass irgendwann ein neues Wunderteam vom Himmel fällt.

Früher, das war auch vor dem Bosman-Urteil von 1995, das Spielertransfers europaweit liberalisierte, die Gehälter explodieren ließ und die Mobilität der Akteure massiv erhöhte. Bis dahin galt eine Auslandskarriere noch als Ausnahme. In den fünfziger Jahren verbot der ÖFB seinen Spielern gar noch per Statut, vor dem 30. Lebensjahr beruflich das Land zu verlassen. Heute werden auch Testspiele in der heimischen U-16-Klasse von internationalen Scouts verfolgt.

Früher konnten auch Spitzenspieler gerade mal von ihrem Job leben, heute hat selbst der gemeine Durchschnittskicker schnell ausgesorgt. Dass der unbedingte Wille zum Erfolg unter solchen Umständen leidet, liegt auf der Hand. „Für uns war das Nationalteam die einzige Möglichkeit, um international präsent zu sein“, erinnert sich Herbert Prohaska. „Bei einigen Nationalspielern hat mir in letzter Zeit der Wille gefehlt, sich selbst zu beweisen.“

Schwarzgeld. Aber auch ein paar Klassen tiefer tun sich Motivationslöcher auf. Gernot Zirngast von der österreichischen Spielergewerkschaft erzählt von einer stattlichen Reihe talentierter Spieler, die ihr Potenzial brachliegen lassen und den gemütlichen Regionalliga-Kick der anstrengenden Bundesliga-Karriere vorziehen. „Die zweite Bundesliga ist für junge Spieler finanziell uninteressant. Als Profis bekommen sie dort offiziell 1000 Euro im Monat, wenn es hoch kommt. Eine Klasse darunter kassieren sie inoffiziell ein Vielfaches, weil die fehlende Kontrolle im Amateurbereich die Schwarzgeldwirtschaft geradezu herausfordert. Das System geht an der Realität vorbei.“

Am finanziellen und organisatorischen Aufwand für die Nachwuchsförderung mangelt es keineswegs. Derzeit gibt es in Österreich 13 Fußball-Akademien, darunter so professionell geführte wie jene von Frank Stronach in Hollabrunn. Der Magna-Gründer und Austria-Mäzen lässt sich die Jugendarbeit im Jahr rund zwei Millionen Euro kosten. Doch obwohl der Schul- und Trainingsbetrieb schon seit sieben Jahren läuft, sind ihm noch keine großen Stars entwachsen. Ralf Muhr, sportlicher Leiter der Akademie, bittet um Geduld: „In anderen Ländern gibt es diese Art der Nachwuchsförderung schon seit 20, 30 Jahren. Wir sind spät dran.“

Selbst Muhr ist sich jedoch nicht sicher, ob die Rundumbetreuung der Fußball-Eleven letztlich der Qualität dient. Gute Kicker müssen auch lernen, wie man kämpft. Sie müssen Persönlichkeit entwickeln, sich durchsetzen, ein paar fiese Tricks beherrschen und mitunter vielleicht sogar dem Trainer widersprechen. Wer mit perfektem Service durch die Pubertät getragen wird, degeneriert leicht zum braven Fußballbeamten. „Das ist eine Gratwanderung“, bekennt Muhr. „Wir müssen den Burschen etwas bieten, aber andererseits muss man auch aufpassen, dass man ihnen nicht, wie Christoph Daum das mal gesagt hat, ‚zu viel Staubzucker in den Arsch bläst‘.“

Bis zu einem gewissen Alter scheint die Jugendarbeit im österreichischen Fußball durchaus zu funktionieren. 2003 wurden etwa die unter 17-Jährigen (U-17) und die U-19-Mannschaft jeweils Dritte bei den Europameisterschaften ihrer Altersklassen. In den nächsten Wochen stehen weitere Bewährungsproben an: Am 30. Juni startet in Kanada die U-21-Weltmeisterschaft, am 16. Juli die EM der unter 19-Jährigen in Oberösterreich.

Doch nur wenige Nachwuchshoffnungen erfüllen die hohen Erwartungen, die sie einst weckten. Irgendwo auf dem Weg vom Teenager zum Erwachsenen gehen die meisten Talente verloren. Die „Wiener Zeitung“ recherchierte vor zwei Jahren, was aus den Spielern des bisher erfolgreichsten U-17-Teams geworden war, das 1997 bei der Europameisterschaft den zweiten Platz erobert hatte. Ergebnis: Neun Spieler hatten es nicht in den Profibetrieb geschafft.

Während sich das erfolgreiche Nachwuchsprogramm der Schweizer auf wenige Talente konzentriert, setzen die Österreicher auf Masse. „Wir werfen sehr viele junge Spieler auf den Markt, wahrscheinlich zu viele“, sagt Paul Gludovatz, Nachwuchstrainer des ÖFB. Eine allgemeingültige Begründung für den Leistungsabfall sieht er darin aber nicht: „Das sind alles Einzelfälle mit individuellen Geschichten. Man darf nicht vergessen, dass wir in der Jugendarbeit nur die Basics herstellen. Die eigentliche Ausbildung kann erst in der Kampfmannschaft beginnen.“ Doch der Weg dorthin ist steinig und nicht selten auch ganz verbaut. Helmut Senekowitsch, Trainer der WM-Auswahl von 1978, macht unter anderem die Bundesliga-Vereine verantwortlich. „Bevor die einen jungen Österreicher spielen lassen, kaufen sie lieber einen viert- oder fünftklassigen Ausländer“, schimpft er.

Gagenwünsche. Belege für diese These finden sich in der Bundesliga zuhauf. Der österreichische Meister Red Bull Salzburg etwa spielte weite Strecken der Saison ohne einen einzigen Österreicher auf dem Platz. Erst nach der Winterpause erkämpfte sich der Routinier René Aufhauser einen Stammplatz.

Doch es sei falsch, den Vereinen die ganze Schuld am Niedergang der Nationalmannschaft zu geben, sagt Didi Constantini, zuletzt Trainer von Superfund Pasching. Für einen österreichischen Nachwuchsspieler würden bis zu 170.000 Euro Ausbildungsentschädigung verlangt. Dazu kommen noch die häufig gar nicht bescheidenen Gagenvorstellungen der jungen Herren. „Wenn so einer den ersten geraden Schuss hinkriegt, hält er sich gleich für Weltspitze. Wir haben lauter 14-, 15-jährige Superstars“, spottet Constantini. „Unter diesen Umständen holst du dir dann halt lieber einen Ausländer.“ Pasching-Präsident Franz Grad illustrierte das Dilemma in einem „Kurier“-Interview vor Kurzem mit Zahlen: Die Verpflichtung des jungen Stürmers Erwin „Jimmy“ Hoffer sei an dessen Berater gescheitert. „Der wollte für ihn 200.000 Euro netto, plus weitere 80.000 Euro pro Jahr. Dazu Auto, Wohnung für zehn Personen und nach drei Jahren die kostenlose Freigabe.“

Manch junges Talent plant die weitere Karriere mehr nach finanziellen als nach sportlichen Parametern. Max Hagmayr, früher selbst Profifußballer und mittlerweile Spielervermittler, erinnert sich etwa an einen 21-Jährigen, der das Engagement bei einem Bundesliga-Verein wegen mangelnder Lukrativität ablehnte. Überbracht hat die Absage der Herr Papa: „Für 3000 Euro netto wohnt mein Sohn nicht 500 Kilometer entfernt von daheim.“

Dass es nicht zuletzt sein Berufsstand ist, der die Sitten verdirbt, will Hagmayr nicht gelten lassen. „Ich habe es langsam satt, immer wieder zu hören, dass die Berater schuld sind. Ich kümmere mich um meine Spieler und versuche, ihnen bei der Weiterentwicklung zu helfen.“ Doch das Umfeld – vor allem die Eltern – käme oft schon mit sehr konkreten Vorstellungen von der weiteren Karriere des Goldjungen zu ihm. Wenn Hagmayr um Rat gefragt wird, empfiehlt er den Weg ins Ausland: „Nur dort können die Jungen wirklich etwas lernen.“

Weiche Knie. ÖFB-Nachwuchstrainer Gludovatz ist da ganz anderer Meinung: „Eine solide Leistung bei einem Verein der zweiten oder dritten Spielklasse in Österreich bringt mehr als ein verfrühter Wechsel in die B-Mannschaft eines internationalen Vereins. Aber wenn einer im Nadelstreif daherkommt und mit dem Geld wachelt, werden bei den Buben und ihren Eltern eben die Knie weich.“

Auch „Kicker“-Korrespondent Harald Irnberger hält allzu frühe Auslandstransfers für wenig zielführend – es sei denn, man ginge einen Schritt weiter: „Man müsste noch langfristiger operieren und versuchen, einige der talentiertesten Kicker schon im Alter von zwölf, 13 Jahren in den weltweit besten Ausbildungsstätten unterzubringen – wie etwa in der Masia, dem Nachwuchs-Internat des FC Barcelona.“ Die katalanische Kickerschmiede brachte zuletzt Talente wie Andrés Iniesta oder Lionel Messi hervor. „Die spielen bereits mit 18, 20 Jahren wie Leute, die sich immer schon an der Weltspitze bewegt haben“, sagt Irnberger.

Für die aktuellen Leistungsträger des Nationalteams kommt dieser Weg wohl eher nicht mehr infrage. Aber im Moment scheint langfristiges Denken ohnehin der einzige Trost für den österreichischen Fußballfan – sehr langfristiges Denken. Otmar Weiß, Vorstand des Instituts für Sportsoziologie an der Uni Wien, empfiehlt einen Blick in die Geschichtsbücher: „Betrachtet man die Entwicklung der letzten sechs Jahrzehnte, ist Österreich noch immer eine ausgesprochen erfolgreiche Fußballnation. Dass es in der jüngeren Vergangenheit anders aussieht, ist normal. Im Fußball geht es immer auf und ab.“

Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich Österreich mit seiner großen Vergangenheit trösten muss.

Von Sebastian Hofer und Rosemarie Schwaiger