Fußball: „Gaunereien & Großmannssucht“

Ein Jahr vor der Euro 2008 trudelt die Bundesliga ins Chaos. Die FIFA droht Österreich mit dem Ausschluss von der EM. Jetzt beschäftigt der Fall GAK auch die Staatsanwaltschaft.

Obwohl eben aus dem Lanzarote-Urlaub zurückgekehrt, war Franz Grad, Präsident des Paschinger Fußballvereins FC Superfund, merkbar angespannt, als er am vergangenen Mittwoch vor versammelter Presse erneut das Ende des Profi-Fußballs in der Linzer Vorstadt proklamierte. Was in Pasching nun geschehen soll, ließ Grad vorerst offen. Als wahrscheinlich gilt eine Verschmelzung mit dem Zweitligisten FC Kärnten, der dann ab kommender Saison erstklassig wäre.
Es ist die jüngste Posse in der großen Tragikomödie des österreichischen Fußballsports. Ein Verein geht pleite, nimmt eine ganze Liga in Geiselhaft. Ein anderer gibt kurz vor Schluss de facto auf. Ein Jahr vor der Europameisterschaft in Österreich herrscht im heimischen Fußball blankes Chaos.

Nun macht selbst die FIFA kräftig Druck. In einem Schreiben droht der Weltfußballverband dem ÖFB mit dem Ausschluss österreichischer Mannschaften aus allen Bewerben. Die FIFA ist in solchen Belangen wenig zimperlich: Ähnliche Sanktionen wurden bereits über Polen oder Griechenland verhängt. Sie will den Fall GAK geregelt wissen. Andernfalls droht sie implizit damit, selbst das Nationalteam für die Euro 2008 zu sperren. Wenngleich dieser Fall als höchst unwahrscheinlich gilt, wäre es wohl die größte Blamage des österreichischen Fußballs überhaupt: als Gastgeber zum Zuschauer degradiert. Ein Platz in jedem einzelnen Geschichtsbuch, das je über den Fußballsport noch geschrieben wird, wäre Österreich sicher.

Ins Rollen gekommen war die Affäre nicht zuletzt durch einen profil-Artikel. In der Ausgabe vom 5. März erklärte Harald Sükar, von Mai 2005 bis Juli 2006 Vereinspräsident des GAK, es hätte beim Lizenzierungsverfahren für die laufende Saison Ungereimtheiten gegegeben. Konkret hatte die Sportvermarktungsagentur International Management Group GmbH (IMG) einen Vertrag, der dem GAK eine jährliche Garantiesumme von fünf Millionen Euro bringen sollte, mit einer „Änderungsvereinbarung“ (unterschrieben von Sükar) wieder gekündigt. Darüber, dass nun ein Millionenloch im Budget klaffte, informierte Sükar die Lizenzstelle der Bundesliga jedoch nicht – der GAK erhielt die Spielgenehmigung. Um in der höchsten österreichischen Spielklasse mitkicken zu dürfen, müssen die Klubs entsprechende wirtschaftliche Eckdaten vorweisen. Andernfalls gibt es keine Lizenz. So wurde der insolvente FC Tirol beispielsweise 2002 als regierender Meister zum Zwangsabstieg in die Landesliga verdonnert. Für seine Insolvenz bestrafte die Bundesliga nun den GAK – wie auch den Stadtrivalen Sturm Graz – mit einem Abzug von zehn Punkten in der laufenden Meisterschaft. Weitere sechs Punkte wurden dem GAK per Urteil eines internationalen Sportgerichts aberkannt, weil er einem Ex-Spieler noch immer Geld schulde (siehe Chronologie Seite 34). Und nochmals zwölf Punkte verloren die „roten Teufel“ wegen der durch profil bekannt gewordenen Mängel beim Lizenzierungsverfahren.

Vor Gericht. Nun ist in der Liga Feuer am Dach. Der GAK-Masseverwalter ging zu Gericht und ließ sich eine einstweilige Verfügung ausstellen, die dem GAK seine Punkte wieder zurückgibt. Sinngemäße Begründung des Gerichts: Durch den Punkteabzug drohen dem GAK mitten im Insolvenzverfahren wirtschaftliche Nachteile, Gläubigerinteressen seien gefährdet. Nun ist innerhalb der Bundesliga unklar, wer an letzter Stelle liegt und absteigen muss und wer in der neuen Saison ab Sommer in der obersten Spielklasse verbleibt.

Dass ein Verein deswegen vor Gericht geht, war in der Welt der Liga-Granden bislang nicht vorstellbar. Per Statuten unterwirft sich jeder Verein der Schiedsgerichtsbarkeit der Bundesliga. Der Masseverwalter des GAK, Norbert Scherbaum, beruft sich jedoch auf das Konkursrecht. „Selbst wenn eine Bestrafung in anderer Form – etwa durch einen Punkteabzug – in Vereinsstatuten vorgesehen wäre, ändert das nichts daran, dass eine solche Strafe nicht umgesetzt werden darf, da das Konkursrecht den Vereinsstatuten vorgeht.“ Das gelte auch für Strafen, die von der Bundesliga wegen angeblicher Fehler bei der Lizenzvergabe verhängt wurden.

Ein Passus, der in der Liga mit Kopfschütteln aufgenommen wurde. Kommende Woche wollen Scherbaum und die Ligachefs weiterverhandeln. Dennoch wollen mehrere österreichische Vereine sicherheitshalber Regressforderungen in Millionenhöhe gegen den GAK anmelden, da sie durch etwaige FIFA-Sanktionen Schaden erleiden könnten.

Mittlerweile beschäftigt die GAK-Insolvenz jedoch nicht nur Zivilgerichte und Weltfußballverband, sondern auch die Staatsanwaltschaft Graz. Sie hat gerichtliche Vorerhebungen eingeleitet und lässt sich derzeit die Unterlagen des Falles kommen. Dies bestätigte Staatsanwalt Peter Gruber gegenüber profil. In zwei bis drei Wochen will die Anklagebehörde dann entscheiden, ob und gegen wen unter Umständen konkret ermittelt wird.

Das Problem zweifelhafter Finanzunterlagen in der Liga ist allerdings hausgemacht: Die Bundesliga besteht aus den Vereinen. Und diese kontrollieren sich mehr oder minder selbst. Die Liga beschäftigt keine eigene Wirtschaftsprüfungskanzlei, die Originalunterlagen der Vereine prüfen würde. Zu groß ist das Misstrauen untereinander. Vielmehr übergibt ein Klub seine Unterlagen einem Wirtschaftstreuhänder seines Vertrauens. Nur dessen Bericht wird der Liga übermittelt.

„Zum Teil werden den Prüfern ganz einfach falsche Zahlen vorgelegt“, sagt Rudolf Novotny, Geschäftsführer der Fußballergewerkschaft VdF (siehe Interview). Und nicht nur bei Sponsorenkontrakten, auch bei Spielerverträgen tricksen manche Vereine ganz gern.

Wie profil vorliegende Dokumente beweisen, wurden kickende Angestellte von österreichischen Fußballvereinen nämlich häufig mit doppelten Verträgen ausgestattet. Sommer 2004: Ein Bundesligaverein hält vertraglich mit seinem prominenten Neuzugang unter Punkt „III. Bezüge“ fest: „Dem Spieler gebührt ein monatlicher Grundbezug (Fixum) in Höhe von brutto Euro 5000 (…) 14-mal jährlich.“ Ergibt: 70.000 Euro vor Steuern. Dazu kommen Platzierungsprämien zwischen 100.000 (für das Erreichen der Tabellenplätze fünf bis zehn) und 150.000 Euro (für den Meistertitel). „Die Beträge verstehen sich als Nettobeträge, alle Abgaben und Steuern werden vom Verein getragen.“ Das Ganze bis 30. Juni 2006 mit der Option auf ein weiteres Jahr. So weit der offizielle Vertrag für Bundesliga und Finanzamt.

Tatsächlich bekommt der Spieler weit mehr ausbezahlt. Über die Konditionen hat man sich in einem geheimen Nebenkontrakt geeinigt: In dem zwei Seiten schlanken, von Spieler und Vereinsmanager unterzeichneten (und profil ebenfalls vorliegenden) Papier wird die Platzierungsprämie mit einem Minimum von 150.000 Euro (statt der oben angegebenen 100.000) vereinbart, und auch das Fixgehalt beträgt plötzlich stolze 150.000 (statt 70.000) Euro. Dazu kommen unversteuerte Zusatzleistungen wie Wohnung und Dienstwagen. Der Fußballer verdient pro Jahr zumindest 300.000 Euro netto, etwa doppelt so viel wie offiziell angegeben.

Eidesstattliche Erklärungen. Legt man das auf einen Kader von mehr als 20 Spielern pro Verein um, ergibt sich ein erkleckliches Sümmchen, das der jeweilige Klub nicht nur an der Steuer vorbeischleust, sondern auch gegenüber der Bundesliga verheimlicht, um auf diese Weise leichter an seine Lizenz zu kommen.

„Die Beträge werden bar im stillen Kämmerchen ausgezahlt“, erklärt ein Insider gegenüber profil. Diese Vorgangsweise sei im bezahlten Sport noch gang und gäbe – für das Finanzamt jedoch schwer zu beweisen. Und die Liga drückte bisher beide Augen zu. Jedenfalls werden die vorgelegten Spielerverträge nicht allzu penibel geprüft. Die Spieler werden aber auch zu Komplizen der Vereine und derartiger de facto krimineller Machenschaften gemacht. Fußballer schwiegen bisher lieber über ausständige Honorare oder geheime Nebenabreden, als den eigenen Verein unter Umständen die Bundesliga-Lizenz zu kosten und in einer der unteren Spielklassen zu kicken.

Um die Spieler aus dieser Zwickmühle zu befreien, sollen sie künftig in die Pflicht genommen werden. Für das Lizenzierungsverfahren 2008/2009 will die Bundesliga den Spielern eine eidesstattliche Erklärung oktroyieren. Darin sollen die Kicker bestätigen, weder offene Forderungen gegenüber dem Verein noch Nebenkontrakte mit ihrem Arbeitgeber zu haben. Einen entsprechenden Entwurf hat die Präsidentenkonferenz der Ligavereine bereits im Jänner vorab abgesegnet.

„Wir müssen schnell weg von den Gerichtssälen und uns wieder auf den Fußball konzentrieren. Dazu brauchen wir eine saubere Liga“, sagt Bundesliga-Vorstand Georg Pangl. Eine Lösung für die Rechtsstreitigkeiten mit dem GAK stellt er indes noch nicht in Aussicht, wiewohl am Mittwoch bereits erste Gespräche zwischen Pangl, Liga-Präsident Martin Pucher und GAK-Masseverwalter Norbert Scherbaum geführt wurden. „Von einem Waffenstillstand zu sprechen wäre verfrüht. Aber die Gespräche werden nächste Woche fortgesetzt“, so Pangl. „In Zukunft braucht es jedenfalls schärfere Kontrollen, um ein Chaos wie beim GAK zu vermeiden.“

Bisher zählen vor allem die zuletzt in Graz gern als Wiener Mafia gescholtenen Vereine Austria und Rapid gemeinsam mit Salzburg und Tirol zu den seriösesten Klubs der obersten Spielklasse. Austria-Geschäftsführer Markus Kretschmar: „Es müssen endlich alle Klubs von Gaunereien und Großmannssucht loskommen.“

Das Vertrauen der Österreicher in seine Kicker ist ohnehin nicht besonders hoch. Wie eine europaweite Umfrage im Auftrag des Magazins „Reader’s Digest“ kürzlich offenbarte, rangieren Fußballer im Vertrauensranking der Österreicher nur auf dem vorletzten Platz.

Schlechter liegt nur noch eine Berufsgruppe: die Politiker.

Von Josef Barth und Josef Redl