Fußball: „Ich habe Respekt vor Liechtenstein“

Teamchef Josef Hickersberger über den Vorteil der Niederlagenserie, die sensiblen Gemüter seiner Spieler, entbehrliche Anregungen aus der Politik und das Brasilianische an den heimischen Kickern.

profil: Am 12. September war der Jahrestag der legendären 0:1-Niederlage gegen die Färöer-Inseln. Haben Sie daran gedacht?
Hickersberger: Nein. Das Spiel war 1990, und es ist nicht so, dass so etwas wie ein Hochzeitstag oder ein Geburtstag gefeiert wird.
profil: Sie hätten einen Schnaps auf den Schrecken trinken können.
Hickersberger: Damit kann ich mich sogar bei solchen Anlässen zurückhalten.
profil: Schmerzt die Erinnerung an dieses Spiel noch?
Hickersberger: Überhaupt nicht. Ich habe das als unmittelbar Beteiligter wahrscheinlich anders empfunden als die Öffentlichkeit. Das war ein Spiel, in dem wir haushoher Favorit waren. Nach dem 0:1-Rückstand war der Druck dann zu groß. Für mich ist das Kapitel erledigt. Ich habe damals die Konsequenzen gezogen und bin zurückgetreten. Wenn ich als Fußballtrainer mit solchen Niederlagen nicht umgehen könnte, hätte ich den falschen Beruf.
profil: Sie haben einmal in Bezug auf dieses Match gesagt: „Bei Begegnungen, wo man sich nur blamieren kann, sind bei mir alle Antennen ausgefahren.“ Am Freitag spielt Österreich gegen Liechtenstein. Haben Sie Angst vor einer Blamage?
Hickersberger: Nein, weil wir diesmal gewarnt sind. Damals ist in den Medien nur die Höhe des Sieges diskutiert worden. Es wurde aufgelistet, wann wir wie hoch gegen so genannte Fußballzwerge gewonnen haben. Einmal sogar mit neun Toren Unterschied …
profil: … man hat sich so richtig auf einen Jausengegner gefreut.
Hickersberger: Der Eindruck ist entstanden. Die Spieler lesen ja auch Zeitungen und kriegen mit, welche Erwartungen die Öffentlichkeit hat. Und auf einmal ist es viel schwieriger geworden, als man gedacht hat. Jetzt ist die Situation ganz anders. Jeder weiß, wir sind am Boden. Selbst in Liechtenstein wird man sich große Hoffnungen machen, das Spiel zu gewinnen.
profil: Das hört sich an, als gäbe es eine Strategie hinter der Niederlagenserie des Nationalteams. So nach dem Motto: Jetzt verlieren wir gegen Kanada, Kroatien, Ungarn und Venezuela, damit uns dann alle unterschätzen.
Hickersberger: Das ist keine Strategie, wir würden lieber gewinnen. Aber wir haben ganz schlechte Resultate, und leider ist die Stimmung im Land noch viel schlechter als unsere Resultate, was gar nicht so leicht ist.
profil: Wie wird das Spiel gegen Liechtenstein ausgehen?
Hickersberger: Wir werden knapp gewinnen.
profil: Einen hohen Sieg trauen Sie der Mannschaft nicht zu?
Hickersberger: Wir müssen uns an die Tatsachen halten. Die Liechtensteiner haben in Schweden bis zur 75. Minute ein 1:1 gehalten, sie haben in Spanien nur 0:4 verloren …
profil: Sammeln Sie schon Argumente für den Fall einer Niederlage?
Hickersberger: Nein, aber es ist wichtig, den Gegner realistisch einzuschätzen. Ich habe Respekt vor Liechtenstein. Wenn alle so viel Respekt vor uns hätten, wäre ich schon zufrieden.
profil: Vielleicht sollte man es mit dem Respekt auch nicht übertreiben. Immerhin hat Liechtenstein nur etwas mehr als 30.000 Einwohner.
Hickersberger: Ach so, jetzt geht es um die Einwohnerzahl.
profil: Ein bisschen schon.
Hickersberger: Na gut, wenn das so ist, dann haben wir in letzter Zeit ein paar Mal zu Recht verloren. Da gab es Gegner mit viel mehr Einwohnern als Österreich. So einfach ist es auch wieder nicht.
profil: Werden Sie im Fall einer Niederlage zurücktreten?
Hickersberger: Warum sollte ich zurücktreten? Auch mein Rücktritt vor 16 Jahren hat die Situation im österreichischen Fußball nicht wesentlich verbessert.
profil: Aber den Trainer trifft doch zumindest eine Mitschuld, wenn in der Mannschaft dermaßen der Wurm drin ist.
Hickersberger: Ich weigere mich zu sagen, in der Mannschaft ist der Wurm drinnen. Wir haben eine schwierige Situation, ja. Bei der Qualifikation für die WM 2006 waren sehr viele gute Spieler in der Nationalmannschaft. Es gab Ehmann in der Verteidigung; Kühbauer, Vastic, Kirchler und Schopp im Mittelfeld; Mayrleb, Haas und Glieder im Angriff. Die sind jetzt, mit Ausnahme von Schopp, der bald wieder ein Thema sein könnte, Mitte 30 und stehen nicht mehr in der Nationalmannschaft, weil wir einen Weg der Verjüngung eingeschlagen haben. Das wirkt sich auch auf die Resultate aus. Da fehlt die psychische Stabilität, da fehlen die guten Nerven. Jetzt gibt es Stimmen, die wieder nach Vastic und Kühbauer rufen. Das würde uns vielleicht für die nächsten zwei, drei Spiele etwas bringen. Aber bei der EM werden Vastic 39 und Kühbauer 37 sein.
profil: Die Mannschaft spielt derzeit nicht nur unroutiniert, sondern auch völlig unmotiviert. Warum gilt es eineinhalb Jahre vor der Europameisterschaft nicht mehr als Ehre, für das Nationalteam zu spielen?
Hickersberger: Vielleicht sind sich einige dieser Ehre nicht bewusst. Aber wenn die äußeren Umstände so sind wie bei diesem Turnier in der Schweiz, dann ist es sehr schwer, sich zu motivieren und an die Leistungsgrenze heranzugehen. Bei beiden Spielen waren fast keine Zuschauer im Stadion. Und ich kann mich an kein einziges Spiel erinnern, das ohne Zuschauer stattfand und mich begeistert hat.
profil: Vielleicht war dieses Turnier überhaupt ein Fehler.
Hickersberger: Das war einer, das wissen wir jetzt auch.
profil: ÖFB-Präsident Friedrich Stickler hat vor Kurzem gesagt: „Die Einstellung der Spieler muss sich dramatisch ändern. Die Umsetzung liegt am Teamchef.“ Das klang nach einem Ultimatum. Wie viel Zeit haben Sie noch?
Hickersberger: Ich verstehe das nicht als Ultimatum. Es ist ja ganz klar, dass es an mir liegt, die Spieler dorthin zu bringen.
profil: Nach dem 0:1 gegen Venezuela haben Sie angekündigt, Ihr Verhalten gegenüber der Mannschaft zu ändern. Wie darf man sich das vorstellen?
Hickersberger: Man muss mit den Spielern ehrlich sein. Man kann nicht alles nur schönreden.
profil: Haben Sie das bisher getan?
Hickersberger: Ich habe es zumindest immer wieder versucht. Intern ist schon Klartext geredet worden. Aber die Spieler werden auch immer sensibler.
profil: Sie gelten als väterlicher, gutmütiger Trainertyp. Angeblich können Sie gar nicht auf den Tisch hauen.
Hickersberger: Das ist doch wieder nur eine Schublade, in die ich da gesteckt werde. In meiner ersten Ära als Teamchef, als ich vorher keinen Erstdivisionär trainiert hatte, hieß es, ich bin ahnungslos. Trotzdem hat sich die Mannschaft für die WM qualifiziert. Dann sind die Färöer-Inseln gekommen, und ich war in der Färöer-Schublade. Okay, und jetzt bin ich halt wieder in einer anderen.
profil: Dietmar Constantini hat vor Kurzem gesagt, Josef Hickersberger sei ein netter Mensch, aber er sage zu allem Ja und Amen. Stimmt das?
Hickersberger: Das ist die Meinung von Didi Constantini. Er kann sagen, was er will, aber ich werde ihm sicher nicht den Segen dafür erteilen.
profil: Sportstaatssekretär Karl Schweitzer hatte neulich auch eine Idee für die Nationalmannschaft. Er meinte sinngemäß, die Spieler seien verwöhnt und sollten weniger Luxus haben. Was halten Sie davon?
Hickersberger: Ja, mit Klo am Gang und Duschen mit kaltem Wasser. Tolle Vorschläge, wirklich. Solche Beiträge sind entbehrlich. Das ist rein populistisches Verhalten, der Herr Staatssekretär für Sport sollte das eigentlich nicht nötig haben.
profil: Sind Sie neidisch auf die österreichischen Skifahrer, die viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als die Fußballer?
Hickersberger: Na ja, Aufmerksamkeit haben unsere Niederlagen eh genug verursacht. Von mir aus muss das nicht mehr werden. Ich bin überhaupt nicht neidisch auf die Skifahrer. Die sind super, die Besten. Von denen wird nie einer gegen Venezuela verlieren. Im Ernst: Die Skifahrer sind gut, aber sie haben auch nur aus fünf, sechs Ländern Konkurrenz.
profil: Wird es im Skifahrerland Österreich gelingen, bei der Fußball-EM eine ähnliche Stimmung zu erzeugen wie bei der WM in Deutschland?
Hickersberger: Das wird die große Frage sein. Ich hoffe schon, dass es gelingt. In Deutschland war die Stimmung vor der WM ja auch schlecht. Jetzt haben sie das alles vergessen, aber ein paar Wochen vorher ist noch diskutiert worden, ob man nicht den Trainer austauschen soll, weil er in Kalifornien wohnt. In letzter Zeit hätte ich mir das übrigens auch manchmal gewünscht.
profil: Der ÖFB hat jetzt den britischen Konditionstrainer Roger Thomas Spry engagiert. Wessen Idee war das?
Hickersberger: Gerhard Hitzel (Zuständiger für die Trainerausbildung, Anm.) hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass Roger Spry derzeit ohne Engagement ist. Daraufhin haben wir im ÖFB gesagt, das wäre einer für uns. Dann haben wir ausgelotet, ob er überhaupt bereit wäre und ob er zu finanzieren ist.
profil: Was kann er besser als andere Trainer?
Hickersberger: Er hat einen ganz anderen Zugang, und vor allem hat er viel mehr Erfahrung als österreichische Fitnesstrainer, weil er 26 Jahre lang im Ausland mit wirklich hervorragenden Trainern und sehr guten Vereinen und Weltklassespielern wie Deco und Figo gearbeitet hat.
profil: Spry gilt als Anhänger der südamerikanischen Fußballphilosophie. Bei seiner Präsentation schwärmte er vom ganzheitlichen Ansatz, den es dort gibt. Es gehe nicht um Athletik, sondern um Tanz. Die österreichischen Kicker könnten damit überfordert sein.
Hickersberger: Es wird uns natürlich nicht gelingen, so zu spielen wie die Brasilianer. Das kann ein Wunschziel sein, aber mit dieser Aufgabe wird Roger Spry überfordert sein. Es geht einfach darum, dass er seine Erfahrungen aus diesen Ländern einbringt.
profil: Spry wird angeblich von Sponsoren finanziert. In welcher Größenordnung spielt sich das ab? Ist er teurer als Sie?
Hickersberger: Das interessiert mich überhaupt nicht. Von mir aus kann er zehnmal so viel verdienen wie ich.
profil: Sie haben den England-Legionär Emanuel Pogatetz aus dem Team geworfen, nachdem er sie kritisiert hatte. Er sagte unter anderem, dass die Spieler ohne taktische Vorgaben aufs Feld geschickt würden. Unabhängig von der Form seiner Kritik: Bei den letzten Begegnungen hat es tatsächlich so ausgesehen, als wüssten die Spieler nicht, was sie tun sollen. Haben Sie zu wenig über die Taktik geredet?
Hickersberger: Gegen Venezuela haben wir vom System her 4-4-2 gespielt. Ich weiß sehr wohl, dass der Pogatetz ein Spieler ist, der klare Aufgaben braucht. Er ist eher ein Aufgabenspieler als ein kreativer Typ, der mit Freiheiten sehr viel anfangen kann. Er hat deshalb auch immer entweder als Innenverteidiger oder auf der linken Außenverteidigerposition gespielt. Meiner Meinung nach hat er auf dieser Position genügend Erfahrung. Und das taktische Verhalten in der Viererkette hat er gelernt.
profil: Aber die Entscheidung für eine Viererkette ist ja nicht die einzige taktische Vorgabe.
Hickersberger: Darüber hinaus hat es sehr klare Anweisungen gegeben. Ich habe mich bei mehreren Spielern erkundigt, ob auch ihnen taktische Anweisungen gefehlt haben. Okay, Pogatetz hat es anscheinend als Einziger nicht mitbekommen.
profil: Warum haben Sie ihn überhaupt aufgestellt? Er ist für die ersten beiden EM-Matches ja gesperrt.
Hickersberger: Ich war der Meinung, dass er trotz dieser Sperre bei der EM ein wichtiger Spieler sein kann. Aber wie er in die Öffentlichkeit gegangen ist, das war inakzeptabel. Das gibt es auf der ganzen Welt nicht.
profil: Der Fußball ist da ziemlich diktatorisch organisiert …
Hickersberger: Ich gebe Ihnen einen Tipp: Kritisieren Sie einmal Ihren Chefredakteur oder den Herausgeber in der Öffentlichkeit. Dann wünsch ich Ihnen alles Gute.
profil: Wäre einen Versuch wert. Aber wenn Sie einen Vergleich aus der Medienbranche möchten: Armin Wolf hat vor ein paar Monaten die ORF-Führung kritisiert – und gehen musste mittlerweile die Generaldirektorin, nicht er.
Hickersberger: Gut, dann hat Pogatetz vielleicht das Gleiche vorgehabt. Ich weiß es nicht.
profil: Österreich steht in der Fifa-Rangliste derzeit auf Platz 70. Falls es irgendwann wieder besser läuft – welcher Platz wäre denn realistisch?
Hickersberger: Ich glaube, ein Platz unter den Top Ten ist nicht zu erreichen, weil wir die Voraussetzungen nicht haben. Aber eine Platzierung wie die Schweiz, also um Rang 14, müsste drin sein.
profil: Warum sind die Schweizer derzeit so viel besser als die Österreicher?
Hickersberger: Sie haben ein sehr gutes Nachwuchsprogramm namens Futuro. Und sie haben viele gute Secondos, also Kinder von Einwanderern. Das wird sich aber vielleicht bald aufhören, nachdem sie jetzt dieses neue Ausländergesetz machen wollen. Wir haben mit unserem ebenfalls sehr guten Projekt „Challenge 2008“ einige Jahre später begonnen und sind daher noch im Hintertreffen. Aber große Talente werden ja nicht nur mit solchen Programmen entwickelt. Große Talente müssen auch geboren werden, und das kann ich schlecht beeinflussen.
profil: Die Stronach-Akademie hat bisher offenbar gar nichts gebracht.
Hickersberger: Dazu ist es ja noch zu früh. Dort wird sehr gut gearbeitet, aber wenn die Spieler vom Talent her nicht gesegnet sind, dann hilft das auch nichts.
profil: Bereuen Sie manchmal, dass Sie Teamchef geworden sind?
Hickersberger: Ich hab gewusst, dass es schwierig sein wird. Dass es so schwierig wird, habe ich mir nicht gedacht. Aber jetzt sind wir in einer hervorragenden Ausgangsposition. Es kann nur noch besser werden.

Interview: Rosemarie Schwaiger

Josef Hickersberger, 58
Der gebürtige Amstettner war als Fußballer unter anderem für Austria Wien, Rapid und Fortuna Düsseldorf aktiv. Er gehörte dem erfolgreichen WM-Team von 1978 an, das in Córdoba Titelverteidiger Deutschland mit 3:2 besiegte und insgesamt Platz sieben erreichte. Hickersbergers erste Amtszeit als ÖFB-Teamchef dauerte von 1987 bis 1990. Unter seiner Leitung qualifizierte sich Österreich für die Fußball-WM 1990 in Italien. Nach einem 0:1 gegen die Färöer-Inseln trat Hickersberger zurück. Zwischen 1995 und 2002 war er in Bahrain, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar als Trainer tätig. Anschließend übernahm er den SK Rapid, den er 2005 zum Meistertitel und in die Champions League führte. Seit 1. Jänner 2006 ist Hickersberger wieder ÖFB-Teamchef. Er soll die Mannschaft auf die Heim-Europameisterschaft 2008 vorbereiten.