Spieltheorie

Die Fußball-Nationalmannschaft hat einen neuen Cheftrainer. Zuversicht und Pessimismus halten sich vor dem ersten Match am Dienstag noch die Waage. Aber welchen Einfluss hat Marcel Koller wirklich auf den Erfolg des Nationalteams? Und was macht ein Fußballtrainer eigentlich (außer an der Seitenlinie stehen und schreien)?

Marcel Koller sitzt im Medienzentrum des Wiener Happel-Stadions, es ist seine erste Pressekonferenz im Trainingsanzug des ÖFB-Cheftrainers. Eben hat er noch von medizinischen Tests und Zapfenstreichvorgaben im Trainingslager geredet, in einer halben Stunde wird er die österreichische Fußball-Nationalmannschaft zum ersten Mal persönlich begrüßen (und zwar formvollendet: „Ich werde jedem Einzelnen die Hand schütteln“), aber vorher sagt der neue Teamtrainer noch einen Satz, wie ihn schon lange kein österreichischer Nationalteamcoach gesagt hat (dass Koller Schweizer ist, tut dabei nichts zur Sache): „Die Theorie muss erst mal im Vordergrund stehen. Die Spieler müssen wissen, was von ihnen erwartet wird. Man muss sie zu ihren Positionen hinführen.“

Die Theorie?
Offenbar brechen im ÖFB tatsächlich neue Zeiten an, fremdes Terrain wird erschlossen. Kollers Vorgänger Dietmar Constantini hatte noch mit dem Gedanken kokettiert, dass die Wahrheit allein auf dem Platz stattfinde und allzu ausgefeilte taktische Vorgaben ganz bestimmt nicht zu deren Findung beitrügen. Dessen Vorgänger Karel Brückner und Josef Hickersberger hatten auch ihre speziellen, etwas traditionelleren Vorstellungen, und deren Vorgänger Hans Krankl war, nun ja, Hans Krankl.

Die Spieler gaben sich im Vorbereitungslehrgang zum Testspiel gegen die Ukraine am Dienstag entsprechend begeistert, der ehemalige Teamkapitän Andreas Ivanschitz strahlte geradezu: „Das war ein sehr gutes Training. Wir haben von ihm viele Infos vor und während der Einheit bekommen. Koller spricht viel, gibt viele taktische Anweisungen und bietet viele Lösungsvorschläge an.“ Das klingt eigentlich selbstverständlich, war es aber lange Zeit nicht.

Zur Beruhigung:
Das war es nicht nur in Österreich. Philipp Lahm, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, berichtete in seinem jüngst erschienenen Memoirenband „Der feine Unterschied“ von einschlägigen Erfahrungen unter Teamchef Rudi Völler: „Wir laufen ein, zwei Runden um den Platz, um uns warm zu machen, machen ein bisschen Stretching, spielen Kreis, üben Flanken und Torschüsse und fangen nachher ein kleines Spiel an. Mir kommt das so vor, als würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen. Die einzige Besprechung, an die ich mich erinnere, ist die, in der Rudi Völler die Mannschaftsaufstellung bekannt gibt.“ Kurz darauf, bei der EM 2004, schied Deutschland schon in der Vorrunde aus, Völler ging, Jürgen Klinsmann kam und brachte neue Sitten mit: „Alles, was im Training angefasst wird, hat plötzlich Hand und Fuß. Das gesamte Trainerteam weiß, was es will. Klinsmann und sein Team sammeln wie wild Daten, sie untermauern jede Übung mit sportwissenschaftlichen Fakten und Recherchen der teameigenen Analyseabteilung. Kommunikation wird ganz großgeschrieben.“ Kurz darauf, bei der WM 2006, erlebte Deutschland sein Fußball-Sommermärchen und erreichte den dritten Platz.

Nun kann man Deutschland natürlich nicht mit Österreich vergleichen, und im Fußball ganz besonders nicht, aber eine Frage darf man immerhin stellen: Ist wirklich der Trainer schuld? Und was kann ein Mann bewirken, der elf anderen Männern bei dem, worum es eigentlich geht, nur zuschauen darf? Anders gefragt: Was macht einen guten Trainer aus? Und wie weit reicht sein Einfluss? Kann ein guter Trainer mit einer schlechten Mannschaft gewinnen? Was muss er können, was muss er machen? Was unterscheidet „Pep“ Guardiola von Frenkie Schinkels? Und wie wird man das eigentlich, Fußballtrainer?

Die Antwort, eine Antwort, findet man in Lindabrunn bei Leobersdorf, Niederösterreich. Thomas Janeschitz sitzt in der Cafeteria der örtlichen Sportschule, trägt roten Trainingsanzug und Laptoptasche und wundert sich über den vollen Aschenbecher, der da herumsteht. Gerade hat er eine Hand voll Bundesligatrainer auf Seminar hier, die für das höchste Trainerdiplom, die UEFA-Pro-Lizenz büffeln. Thomas Janeschitz ist der oberste Trainerausbildner des ÖFB und neuerdings auch als Co-Trainer und Chefscout im Betreuerstab des Nationalteams. Als Spieler war er auch einmal kurz dabei, anno 1993 unter Herbert Prohaska. Ganz weit will er sich nicht aus dem Fenster lehnen, aber ein bisschen schon: „Taktisch haben wir damals nicht so wirklich viel mitbekommen. Der theoretische Bezug ist seither jedenfalls größer geworden.“

Diesen vermittelt Janeschitz seinen Schülern – darunter die Jungtrainer Didi Kühbauer und Peter Stöger – in mehrtägigen Seminaren; neben diversen Spielsystem- und Taktiklehrgängen umfasst der Lehrplan (insgesamt 250 Stunden): Teambuilding/Teamentwicklung, Führung/Stress/Medientraining, Trainingslehre/Kondition, Englisch sowie Antidoping/
Medizin/Leistungsdiagnostik. (Religion, Deutsch, politische Bildung, Erste Hilfe, Pädagogik, Didaktik und Methodik können die Trainer schon aus den B- und A-Lizenzkursen.)

Das klingt nach Wissenschaft.
Ist es auch. Moderner Spitzenfußball wird nicht nur gespielt, er wird auch berechnet. In den Spielzügen des FC Barcelona oder Arsenal FC äußert sich eine höhere Form von Geometrie, die das Spielfeld in immer genauer definierte und immer schneller verschobene Kreise, Recht- und Dreiecke einteilt und dabei Zwischenräume öffnet und schließt. Die Trainer der europäischen Spitzenmannschaften (beziehungsweise ihre hauptamtlichen Spieldatenverarbeiter) orientieren sich dabei an dem Material, das ihnen Telemetrie-Unternehmen wie Amisco oder Opta liefern – bis zu vier Millionen Einzeldaten pro Match: Bewegungsprofile, Ball- und Laufwege, Passgenauigkeit, Sprintintensität und -anzahl.

Die Kunst des Cheftrainers besteht darin, im Datenwust das Wesentliche zu erkennen, also das, was sich trainieren, verhindern und verbessern lässt. Das gilt auch für Mannschaften, die (scheinbar) mit der guten alten, romantischen Idee vom „11 Freunde müsst ihr sein“ reüssieren, mit Leidenschaft und Kampf nominell bessere Gegner überwinden, wie Jürgen Klopps Borussia Dortmund. Tatsächlich beruht natürlich auch deren Erfolg nicht nur auf reinem Kampfgeist, die Dortmunder Leidenschaft hat auch etwas Planvolles, Durchdachtes. Jürgen Klopp hat, eigenen Aussagen zufolge, rund 300 verschiedene Trainingsübungen im Repertoire. Fußball wird nicht nur gespielt, sondern auch erarbeitet.

Rein theoretisch lernt man so etwas in Lindabrunn. Rein theoretisch befähigt die Pro-Lizenz auch zur Betreuung von Mannschaften in allen Ligen und Klassen, was Herbert Prohaska jüngst in einer ORF-Diskussionsrunde dazu veranlasste, als Marcel-Koller-Alternative auch österreichische Pro-Lizenz-Träger wie Andreas Ogris zu nominieren, „der morgen, wenn er ein Angebot hätte, Barcelona, Real Madrid, jeden auf der Welt trainieren könnte“. Rein theo¬retisch. Praktisch verlassen sich die erwähnten Vereine vorläufig doch noch auf Pep Guardiola und José Mourinho, während Ogris seit seiner Beurlaubung beim FAC-Team für Wien (Regionalliga Ost) ohne Klub dasteht.

Aber was macht nun den modernen Spitzentrainer aus, Thomas Janeschitz, wo liegt die Grenze zwischen Erfolg und Misserfolg für einen Fußballtrainer, wo letztlich doch immer die Spieler entweder für das eine oder leider doch das andere ¬sorgen? „Natürlich bist du abhängig von der Qualität der Spieler. Sehr oft ist genau das aber nur eine Ausrede, wenn einer eben nicht alles tut, was man tun kann. Es gibt das Handwerkszeug, das man beherrschen sollte. Aber dazu muss eine Sozial- und Führungskompetenz kommen. Der Trainer braucht die Fähigkeit, eine Mannschaft mit den unterschiedlichsten Charakteren aneinanderzubinden. Und vor allem: für jeden Spieler eine klare Linie vorzugeben.“

Das Spiel dauert vielleicht nur 90 Minuten, die Arbeit ist dann aber sicher noch nicht vorbei. Janeschitz’ Vorgesetzter, der ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, brachte die erstaunlich umfassende Job-Description eines erstklassigen Fußballtrainers in seinem 2010 veröffentlichten Trainings- und Strategieratgeber „Von den Besten lernen!“ sehr schön auf den Punkt, beziehungsweise das Rufzeichen: „Zusammengefasst ist ein Spitzentrainer Manager, Erzieher, Psychologe, Pädagoge, Organisator, Selektor, Taktiker, Teambildner, Promotor und vor allem Sieger!“ Und dabei hat auch der Tag eines Spitzentrainers nur 24 Stunden.

Alfred Tatar beginnt seinen Arbeitstag meistens sehr früh, im Naschmarkt-Café Drechsler, mit ein oder zwei Mokka und der „Süddeutschen Zeitung“. Nachdenklich rührt der Chefcoach des Wiener Zweitligisten Vienna im Kaffee und erklärt den Unterschied zwischen Strategie und Taktik, zwischen systematischem und systembedingtem Erfolg und verwendet dabei Wörter wie „Zeitdilatation“ oder „biopsychosoziale Einheit“. Tatar gehört nicht zur Klasse der Durchschnittstrainer, er macht sich Gedanken. Sein Handwerk hat Tatar nicht nur in Lindabrunn gelernt, sondern unter anderem auch als Co-Trainer von Raschid Rachimow beim russischen Erstligisten Lok Moskau. Eines müsse ein Trainer in dieser Spielklasse vor allem lernen: „Man muss sich bewusst sein, dass man mit Millionären arbeitet. Der Trainer muss etwas an sich haben, damit ihn die Spieler respektieren, ihm vertrauen, seine Kompetenz erkennen, und er muss sie in seinem täglichen Programm geistig und körperlich so fordern, dass das Training spannend bleibt. Das Schlimmste für einen Spieler ist, wenn er schon genau weiß, was Dienstagnachmittag trainiert wird. Dann bekommt es beamtenhafte Züge, und das ist der Tod des Spitzenfußballs.“

Das Tragische daran:
Der Tod lauert auch im Detail. Der Trainerberuf lässt sich nicht nur auf Spielerdaten, Trainingspläne und sportmedizinische Fakten reduzieren – und leider auch nicht auf psychologische Schwammigkeiten wie Charisma oder Motivationsfähigkeit. Es bleibt ein unkontrollierbarer Rest, „der letzte Puzzlestein“, wie es Tatar formuliert: „Der bleibt im Irrationalen und heißt Glück. Das trifft dich als Trainer unvorbereitet. Wenn der FC Bayern im Champions-League-Finale 1999 bis zur 90. Minute 1:0 führt und Manchester United nach 93 Minuten 2:1 gewinnt, hat das nichts mehr mit der Spielphilosophie oder der taktischen Vorbereitung von Alex Ferguson zu tun. Dann ist das Glück.“ Und dann tritt ein altes Fußballtrainergesetz in Kraft, das der ehemalige österreichische Teamchef Leopold Stastny einmal so beschrieb: „Wenn du gewinnst, kannst du sagen, im Oasch ist’s finster, und alle werden dir zujubeln.“

Donnerstagvormittag, der Jubel vor dem Hanappi-Stadion in Wien-Hütteldorf hat nichts mit Dunkelheit oder Erfolg zu tun, sondern ist ein Fall fürs Museum: Vor dem Stadioneingang grölen altgediente Fans und Vereinslegenden eine Rapid-Hymne, ein Kamerateam zeichnet das ¬erbauliche Tondokument auf, es soll im neuen Rapid-Museum für standesgemäße Stimmung sorgen. Am Platz nebenan läuft das Vormittagstraining der Kampfmannschaft, zwei, drei Hardcore-Kiebitze trotzen der Kälte und murmeln Kommentare in ihre Fanschals, während Chefcoach Peter Schöttel Angriffsvarianten trainieren lässt. In der Mittagspause erzählt er von seiner Arbeit: „Den Trainer als One-Man-Show gibt es nicht mehr. Du arbeitest in einem Team von Spezialisten. Wie ich meine Aufgabe verstehe, handelt es sich um eine Management-Position. Es geht darum, 25 junge Menschen zu führen und zum Erfolg zu führen.“ Aber auch die Spieler haben sich verändert: „Sie wollen mehr wissen, sie sind kritischer geworden und testen dich schon aus. Inzwischen hat ja jeder selbst einen Manager und einen Mediencoach. Du musst ihnen ständig deine Kompetenz beweisen.“ Das war, andererseits, schon unter Ernst Happel so, der seine Profession so erklärte: „Wer ein guter Trainer ist, das merkt die Mannschaft in den ersten vier Wochen. Am wichtigsten ist dabei, dass dann die Spieler wissen, wer der Chef ist.“

Als ehemaliger Rapid- und Nationalteamspieler hat Schöttel die Zeit der One-Man-Shows noch am eigenen Leib erfahren, die Zeit, als Chef Ernst Happel im Training „die Trankler gegen die Nichttrankler“ (Happel) antreten ließ, als eine professionelle Spielvorbereitung noch durchaus so aussehen konnte, „dass die Leiberln verteilt, eine Hösche gespielt und dann ausgelaufen wurde“, und als Abwehrspieler wie Schöttel jahrelang mit ansehen durften, wie in aller Welt die Viererkette reüssierte, während in Österreich noch immer Manndecker und Liberos aufliefen. „In Österreich sind wir auf den Zug des modernen, systemorientierten Fußballs sehr spät aufgesprungen. Darunter habe ich auch persönlich sehr gelitten.“

Es besteht Anlass zur Vermutung, dass dieser Zug für die Nationalmannschaft noch nicht ganz abgefahren ist. Die Ergebnisse werden in den kommenden Monaten zweifellos optimistisch stimmen.
In der jüngeren ÖFB-Geschichte hat schließlich noch jeder Teamchefwechsel für eine Weltranglisten-Verbesserung gesorgt. Durchwegs vorübergehende zwar, aber man darf nicht undankbar sein. So etwas nennt man Trainereffekt.