Fußball / Sturm Graz: „Dann bin ich weg“

Während die „Schwarz-Weißen“ gerettet werden dürften, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Hannes Kartnig wegen mehrerer Finanzdelikte.

Der Transportunternehmer Hans Fedl aus Kalsdorf bei Graz hat sich bei den Spielen des SK Puntigamer Sturm Graz 40 Jahre lang die Seele aus dem Leib gebrüllt. Jetzt, wo es ernst wird und alles zu Ende zu gehen droht, will er eingreifen: Fedl hat „acht, neun Leute“ zusammengetrommelt, die entschlossen und solvent genug sind, das Objekt ihrer leidenschaftlichen, lebenslangen Hassliebe zu retten. Sie haben dem Masseverwalter Norbert Scherbaum die nötigen Summen definitiv zugesagt: 750.000 Euro allein für die Weiterführung des Spielbetriebs, weil dabei von Gesetzes wegen keine neuen Schulden auflaufen dürfen, sowie rund zweieinhalb Millionen Euro für die „Befriedigung der Quote für die Gläubiger“. Das heißt, dass die rund 60 juristischen oder realen Personen, denen Sturm Graz Geld schuldet, im Zuge des angestrebten Zwangsausgleichs nur noch 20 Prozent der offenen Beträge erhielten. Einzige Voraussetzung der Geldgeber: „Kartnig muss weg.“ Hannes Kartnig dazu: „Kein Problem, wenn der Masseverwalter sagt, dass das Geld kommt, bin ich weg.“

Nachdem jahrelang von Sturm Graz offiziell behauptet worden war, die Schulden des Vereins seien kaum nennenswert, gestaltet sich nunmehr die Berechnung der tatsächlichen Gesamtschulden, die durch die Eröffnung des Ausgleichsverfahrens sichtbar geworden sind, sehr einfach und aufschlussreich: Wenn 20 Prozent 2,5 Millionen sind, dann wären 100 Prozent nicht „kaum nennenswert“, sondern satte 12,5 Millionen Euro. Und dass selbst diese Summe noch weiter steigen könnte, wird vom Masseverwalter nicht ausgeschlossen.

Während der SK Sturm dennoch gerettet werden dürfte, könnte „Mr. Sturm“ Hannes Kartnig erst jetzt echte Probleme bekommen. Wie der leitende Grazer Staatsanwalt Peter Gruber bestätigt, hat die hiesige Finanzbehörde vor drei Wochen bei der Staatsanwaltschaft Graz eine Anzeige gegen Hannes Kartnig und weitere unbekannte Täter wegen mehrerer Finanzdelikte eingebracht. Die Ermittlungen laufen, auch Kartnig wurde bereits einvernommen und wird noch öfter in den kommenden Wochen Rede und Antwort stehen müssen. Mitte oder Ende November sollen die Untersuchungen laut Staatsanwalt Gruber abgeschlossen sein. Dann wird über Einstellung oder Anklage entschieden werden. Kartnig selbst rechnet zwar fix mit einer Anklage, doch nur wegen „Sachzuwendungen“: Im Jahr 2002 seien etwa Wohnungen und Autos unversteuert an Spieler gegangen.

Viele Feinde. Hannes Kartnig hat sich in den 15 Jahren seiner Präsidentschaft so manchen Feind auch im engeren Kreis von Sturm-Funktionären gemacht. Etliche Personen betreiben seit Langem aus persönlichen oder sachlichen Gründen Kartnigs Demontage, andere wechseln immer wieder die Fronten, je nach Windrichtung. Viele Vorwürfe, die meist anonym gegen den bulligen Zigarrenraucher erhoben wurden, sind nachweislich falsch, nicht nachweisbar oder übertrieben.
Aber nicht alle.

Nicht aus der Luft gegriffen scheinen manche der detaillierten Angaben zu sein, die im Juni dieses Jahres in Form einer anonymen Anzeige bei der Grazer Staatsanwaltschaft eingegangen sind: Im Zuge von Hausdurchsuchungen, die von dieser Anzeige ausgelöst wurden, beschlagnahmten Beamte der Finanz bei Kartnig selbst, bei seiner Werbefirma Perspektiven GmbH sowie in den Räumlichkeiten des schwarz-weißen Erstligisten dicke Stapel an Geschäftsunterlagen. Das besondere Interesse der Fahnder galt einem Karton voller Dokumente, den sie auf Hinweis des anonymen Anzeigers in einem Kellerraum der Firma Perspektiven zwischen alten Autoreifen gefunden haben. Darin befindet sich dem Vernehmen nach auch Aufschlussreiches zu einem der Hauptvorwürfe, die gegen Kartnig erhoben werden: Er habe als Präsident Sturm-Rechnungen in Millionenhöhe an seine eigene Firma Perspektiven für Werberechte (zum Beispiel Bandenwerbung im Stadion Graz-Liebenau) gestellt, doch nur Teile dieser Beträge seien, von Perspektiven kommend, bei Sturm auch tatsächlich eingegangen. Differenzbeträge in Millionenhöhe fehlten (siehe profil 18/06).

Manche behaupten beharrlich, Kartnig habe die unauffindbaren Differenzbeträge bei der Perspektiven GmbH zwar entnommen, jedoch um damit ins Casino zu gehen. Kartnig bestätigt gegenüber profil, dass er im Grazer Casino wiederholt mittels Schecks der Perspektiven GmbH bezahlt hat. „Na und?“, sagt Kartnig: „Das ist meine Firma. Da kann ich entnehmen, was ich will.“ Diese Vorwürfe seien alt, durchschaubar und mittlerweile erwiesenermaßen falsch: „Das sind Lügner, die mich fertigmachen wollen. Bei der Finanz und bei der Wirtschaftspolizei ist das bereits aufgeklärt. Alle Beträge sind bei Sturm eingegangen.“

In den Akten der Wirtschaftspolizei befindet sich auch eine von einem Notar beglaubigte eidesstattliche Erklärung (siehe Faksimile) des früheren Vorstandsmitglieds des SK Sturm, Erich Fuchs, den Kartnig als kaufmännischen Geschäftsführer installieren wollte und der außerdem für den Nachwuchs des Vereins verantwortlich war. Fuchs erklärte am 15. Mai 2006 eidesstattlich, Kartnig habe ihm gegenüber unter vier Augen erklärt, „Sturm solle Perspektiven eine hohe Rechnung, z. B.: 15 Mio. ATS, ausstellen. Über den Rechtsgrund müsse man noch nachdenken. Selbstverständlich zahle Perspektiven nicht diese hohe Rechnung, sondern eine verminderte Rechnung. Aber Sturm werde als Verein eh nicht geprüft“, so die Kernaussage der Erklärung.

Kartnig weist diesen Vorwurf zurück. Er habe mit Fuchs nie ein derartiges Gespräch geführt. Fuchs sage die Unwahrheit, um ihn, Kartnig, „zu vernichten“. Fuchs selbst bestätigt gegenüber profil die Echtheit der Erklärung, lehnt aber weitere Stellungnahmen mit Hinweis auf das laufende Verfahren ab, in dem er auch als Zeuge auftritt. Nur so viel: „Kartnig hat die Zukunft von Sturm Graz verkauft.“

Unter den zahlreichen vermeintlichen oder tatsächlichen „Ungereimtheiten“ in der Geschäftsgebahrung des steirischen Clubs befinden sich auch Aufzeichnungen über Sparbücher, die von laufenden Einnahmen in Millionenhöhe gespeist worden sein sollen und deren Verwendung nicht ganz nachvollziehbar ist.

Konkurs um Jahre zu spät? Ob nun der in der Vorwoche eingebrachte Konkursantrag nicht um Jahre zu spät kommt, ist ebenfalls Gegenstand von Ermittlungen. Denn schon im Oktober 2004 brachte der damalige wirtschaftliche Koordinator des Vereins, Adolf Klementschitsch, bei einer Vorstandssitzung den Antrag auf Einbringung des Konkursantrags ein. Er wurde abgelehnt. Klemetschitsch trat wenige Wochen danach aus Protest von seinen Funktionen zurück.

Bei einer weiteren Vorstandssitzung im März 2005 war wieder die Rede von einer „Überschuldung“ und von der „Unmöglichkeit der Fortführung unter diesen Umständen“. Ein Zuschuss von mindestens vier Millionen Euro sei nötig.

Bei der Vorstandssitzung am 11. April 2005 warnte ein Anwalt, der selbst im Vorstand saß, vor den „Folgen einer vorsätzlichen Abgabenhinterziehung“.

Dennoch wurden mehrere neue Spieler eingekauft sowie auslaufende Verträge anderer Spieler verlängert. Sollten dabei Gläubigerinteressen verletzt worden sein, wären diese Geschäfte illegal gewesen.

In einer Reihe von weiteren Vorstandssitzungen des SK Sturm im Jahr 2005 (deren Protokolle profil vorliegen) wurde immer wieder auf massive „Statutenwidrigkeiten“ seitens Kartnigs hingewiesen: Kartnig agiere im Alleingang, tätige beträchtliche Ausgaben, ohne den Vorstand einzubinden. Er habe sogar für die Erhaltung der Bundesliga-Lizenz notwendige Unterlagen ohne erforderliche Unterschriften wie jene des Wirtschaftsprüfers eingereicht. Kartnig habe Spielerverträge über mehr als 70 Millionen Schilling zu einem Zeitpunkt allein unterzeichnet, als der Verein bereits überschuldet gewesen sei.

Tatsache ist, dass die erwähnten Verträge immer zumindest ein oder zwei weitere Vorstandsmitglieder mitunterzeichnet haben. Und Tatsache ist auch, dass man im Vorstand zwar auf Rechtswidrigkeiten hingewiesen hat, von diesen Mahnern aber auch niemand etwas unternommen hat. Bis zu jener anonymen Anzeige im Mai 2006.

Von Emil Bobi