Der perfekte Krieg

Der Sturz von Muammar al-Gaddafi hat bewiesen: Es gibt moralisch gerechtfertigte Militärinterventionen – und sie können sogar gut ausgehen.

Das ist die Geschichte des endgültigen Siegs über die Diktatur, wie sie künftig möglicherweise in den Geschichtsbüchern des neuen Libyen erzählt wird: Nach acht Monaten blutiger Kämpfe schafften es Einheiten des Nationalen Übergangsrats am Morgen des 20. Oktober 2011, Muammar al-Gaddafi in seiner Geburtsstadt Sirte zu stellen. Der ehemalige Machthaber war unter anderem mit einer vergoldeten Pistole bewaffnet. Auf der Flucht verkroch er sich in einem Abwasserrohr, bevor er endgültig gefasst wurde.

Ein Video, aufgenommen mit einer Handy-Kamera, zeigt in verwackelten Bildern, was danach geschah: Zwei Rebellen halten den schwer verletzten Gaddafi fest, der auf der Kühlerhaube eines im Schritttempo fahrenden Wagens liegt. Das Fahrzeug bremst ab, der blutüberströmte Revolutionsführer wird heruntergezogen. Immer mehr Männer laufen zusammen, Schläge prasseln auf den Gefangenen nieder, die Menge schleift ihn unter „Allahu akbar!“-Rufen davon. Schüsse ertönen, es ist aber nicht klar, wem sie gelten. Eine kurze Sequenz vermittelt aber den Eindruck, dass Gaddafi in sich zusammensackt. Noch einmal taucht kurz sein schmerzverzerrtes Gesicht im Bild auf, dann läuft der Kameramann in die andere Richtung davon.

Ob Gaddafi zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war, blieb vorerst ebenso unklar wie die Ursache seines Todes: Erschossen? Erschlagen? Verblutet? Aufnahmen, die offenbar etwas später angefertigt wurden, zeigen nur noch die am Boden liegende Leiche des Gewaltherrschers, der Libyen 42 Jahre lang regiert hatte. „Wir können der Welt bekannt geben, dass Muammar al-Gaddafi in der Hand der Revolutionäre getötet wurde. Die Tyrannei ist damit zu Ende, das Kapitel ist abgeschlossen“, verkündete ein Sprecher des Übergangsrats am Nachmittag bei einer Pressekonferenz in der Rebellenhochburg Bengasi. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Was von den Rebellen lediglich am Rande erwähnt wurde, ist ein Luftangriff, den französische Kampfjets zuvor auf jenen Militärkonvoi geflogen hatten, in dem Gaddafi aus dem umkämpften Sirte zu entkommen versuchte. Die NATO machte ebenfalls nicht viel Aufhebens um die Operation – und das, obwohl sie nicht nur entscheidende Bedeutung für den Ausgang der Ereignisse hatte, sondern zudem auch exakt die Aufgabenverteilung beim Kampf um Libyen widerspiegelt: Ohne die Bombardements der NATO, deren Flugzeuge seit Ende März mehr als 26.000 Einsätze durchgeführt haben, hätten die Rebellen dem Gaddafi-Regime nie und nimmer erfolgreich die Stirn bieten können.

Der Ruhm soll dennoch den Aufständischen gehören, dem neuen Libyen ein eigener Gründungsmythos zugedacht werden – auch das ist Teil des Konzepts der einzigen wirklich erfolgreichen Militärintervention, die der Westen im vergangenen Jahrzehnt unternommen hat.

In Libyen hat die internationale Gemeinschaft bislang alles richtig gemacht. Und die Lehren, die daraus zu ziehen sind, wirken weit über das Ende des bizarren Revolutionsführers und seiner Diktatur hinaus. Entscheidend für die Zukunft wird sein, ob auch in der schwierigen Phase der Nationsbildung jene Fehler vermieden werden können, die in Afghanistan und im Irak zu fatalen Konsequenzen geführt haben.

1) Warum Gaddafis Gegner siegten

Es war das übliche Bild von Zauderei und Unentschlossenheit, das die internationale Gemeinschaft im vergangenen März wieder einmal zeigte: Bereits vier Wochen lang kämpften Rebellen im Osten Libyens gegen das Gaddafi-Regime. Nach anfänglichen Überraschungserfolgen hatten die Aufständischen schwere Niederlagen hinnehmen müssen, ihre Hochburg Bengasi stand vor dem Fall – dort drohte ein Blutbad von nicht abzuschätzendem Ausmaß. Trotzdem konnte sich die Welt nicht darauf einigen, die Bedrängten zu unterstützen. Vor allem Deutschland votierte strikt dagegen, die USA verhielten sich abwartend: Die Regierung von Präsident Barack Obama wollte nach Afghanistan und dem Irak nicht in eine weitere Militäraktion ­hineingezogen werden, schon gar nicht in eine, die man als Angriff auf ein islamisches Land auslegen hätte können.

Hätten Großbritannien und Frankreich in dieser Situation nicht auf einem Eingreifen bestanden, wären die Libyer wohl sich selbst überlassen geblieben – und Gaddafi vermutlich immer noch an der Macht. Die beiden europäischen Schwergewichte konnten damit aber nur durchkommen, weil zuvor der libysche Übergangsrat selbst dringend um Unterstützung gebeten und sich die normalerweise eher diktatorenfreundliche Arabische Liga dieser Forderung angeschlossen hatte. Das kam wiederum zustande, weil sich die Rebellen darauf beschränkten, die Einrichtung einer Flugverbotszone zu fordern, einen Einsatz ausländischer Bodentruppen aber vehement ablehnten.

Unter diesen Vorbedingungen war es möglich, Russland und China – beide lehnen Militärinterventionen traditionell als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes ab – dazu zu bewegen, im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kein Veto einzulegen, sondern sich lediglich der Stimme zu enthalten. Damit war der Weg frei für UN-Resolution Nummer 1973, die nicht nur eine Flugverbotszone erlaubte, sondern auch alle „notwendigen Maßnahmen, um Zivilisten und von Zivilisten bewohnte Gebiete zu schützen“.

Das erwies sich als vage genug, um von der NATO so großzügig ausgelegt zu werden wie nur irgendwie möglich. Zwar schickte das Militärbündnis tatsächlich keine Infanterie nach Libyen, wohl aber Spezialeinheiten, die einerseits die militärisch weitgehend unbedarften Rebellen ausbildeten und mit Waffen versorgten. Gleichzeitig machten sie sich auch daran, hochrangige Angehörige des Regimes aufzuspüren – alles höchst diskret. Währenddessen beteiligten sich die USA überhaupt nicht an den Kampfhandlungen, sondern beschränkten sich auf Aufklärungsflüge und die Betankung britischer und französischer Jets. Dafür unterstützte mit dem Emirat Katar ein arabischer Staat ostentativ die Luftschläge, die im Übrigen weitgehend unbemerkt abliefen. Die Medien konzentrierten sich vielmehr auf die Auseinandersetzungen am Boden, weil ihnen die Rebellen außergewöhnlich offen Zugang dazu erlaubten.

Letztlich können die libyschen Rebellen also tatsächlich einen guten Teil des Erfolgs für sich selbst reklamieren: Sie ­waren es, die ihr Leben unmittelbar aufs Spiel setzten, um das Land von der Diktatur zu befreien und Gaddafi schließlich zur Strecke zu bringen. Die Umstände, unter denen der ehemalige Machthaber zu Tode kam, widersprechen zwar diametral dem westlich-demokratischen Rechtsverständnis, das ein faires Verfahren etwa vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verlangen würde.
Aus Sicht der Libyer mag das aber anders aussehen: Die Sache letztlich selbst erledigt zu haben wird der Bildung einer neuen Staatsidentität vermutlich förderlicher sein als ein Ende wie jenes von Saddam Hussein, der nur gefasst werden konnte, weil ihn die Amerikaner aufspürten und festnahmen.

2) Was die Militärintervention für künftige Kriege bedeutet

Am 20. März, dem Tag nach Beginn der Militärintervention in Libyen, versammelten sich Demonstranten vor dem Sitz des britischen Premiers in der Londoner Downing Street, um gegen den Krieg zu demonstrieren. „Die Lektionen aus dem Irak und Afghanistan wurden nicht gelernt“, stand auf Transparenten zu lesen, die sie in die Höhe hielten. Der ehemalige Labour-Abgeordnete George Galloway, der einst bei einem Besuch beim irakischen Diktator Saddam Hussein dessen „Mut“ gelobt hatte, wetterte, der wahre Grund für die Attacke auf Libyen sei wieder einmal das Öl. Doch die Botschaft verhallte weitgehend ungehört. Bei einer weiteren Demonstration tags darauf gingen gerade einmal 150 Menschen auf die Straße.

Auch in den USA wuchsen die Proteste nicht über den allerengsten Kreis der Pazifisten hinaus. Einer ihrer Slogans lautete: „Nein zu den UN, nein zu Gaddafi, lasst dem Volk die Macht in Bengasi!“

Nach wenigen Tagen verschwanden selbst die winzigen Demonstrationen von der Bildfläche. Aus gutem Grund: Die Vorwürfe in Richtung der Kriegs-Koalition waren offensichtlich falsch. Die Strategen hatten die Lektionen aus den Interventionen in Afghanistan und im Irak sehr wohl gelernt.

Anstelle der „Shock and Awe“-Flächenbombardements aus der Luft und martialischer Rhetorik beschränkten sich die Militärs auf räumlich eng begrenzte Einsätze, und die politischen Kriegsherren in London, Paris und Washington übten sich in Diskretion. Die Bevölkerung von Bengasi und anderen Rebellenhochburgen hingegen forderte lautstark das militärische Engagement des Westens und strafte so alle Kriegsgegner Lügen, die ­versuchten, die NATO als unerwünschten Aggressor darzustellen.

Selbst nachdem Aufständische in der von Gaddafi-Loyalisten umzingelten Stadt Misrata durch einen Irrtum bei einem NATO-Angriff ums Leben gekommen waren, sagte ein Überlebender der Rebelleneinheit zu einem Reporter des britischen „Guardian“: „Ich vergebe ihnen, denn sie versuchen, unserem Volk zu helfen. Wir wollen noch mehr Unterstützung durch die NATO.“

Am Ende war das bedrohte libysche Volk gerettet, und mehr noch: Die Aufständischen hatten – auch dank der westlichen Allianz – gesiegt, der Diktator war tot, seine Getreuen verjagt, Ziele wie Elektrizitätswerke oder Telekommunikationsanlagen hingegen weitgehend verschont geblieben. So stehen die Libyer jetzt, sieben Monate nach Beginn der Militäraktion, nicht vor den Trümmern ihres Landes.

Der Krieg in Libyen hat das Image der humanitären militärischen Intervention gerettet. Nach den westlichen Militäreinsätzen in Serbien, Bosnien und im Kosovo sowie in Sierra Leone in den neunziger Jahren und um die Jahrtausendwende galt die Intervention als moralisch gerechtfertigt. Der fragwürdige, unter falschen Vorzeichen geführte Irak-Krieg machte dieses Vertrauen wieder zunichte.

In Libyen hingegen hat die internationale Staatengemeinschaft gezeigt, dass Ethik und Kriegsführung einander nicht ausschließen und dass sie ihre Werte mit militärischen Mitteln gegen die Barbarei verteidigen kann, ohne am Ende als Bande von Heuchlern dazustehen. Das ist das wieder errungene Erbe aus Libyen.

3) Was jetzt in Libyen geschehen sollte

Mit dem Tod von Muammar al-Gaddafi beginnt die Nachkriegszeit. Und diese kann, wie man in Afghanistan und im Irak bitter feststellen musste, einen vorangegangenen erfolgreichen Feldzug im Nachhinein wieder delegitimieren.

Rory Stewart, ein konservativer britischer Abgeordneter und Autor des Buchs „Can Intervention Work?“ (gemeinsam mit Gerald Knaus), sagt lapidar: „Es gibt keine Marshallplan-Momente mehr.“ Der Glaube daran, dass eine Großmacht ferne Länder wieder aufbauen könne, sei verflogen. Zumal gerade die Bevölkerungen der Länder, die einen politischen Neuanfang am dringendsten nötig haben – wie etwa ­Libyen –, dem Westen nicht über den Weg trauen.

So dankbar die Libyer dem Westen für die militärische Hilfe sein mögen, so schnell kann die Dankbarkeit in Ablehnung umschlagen, wenn westliche Abgesandte sich im Land festsetzen und sich anmaßen, zeigen zu wollen, wie Libyen in Zukunft auszusehen hat.

Die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen ist hingegen höchst willkommen und auch schon im Gange. Europa, das beim mühseligen Demokratisierungsprozess im Kosovo einiges an Erfahrungen gesammelt hat, kann Libyen noch am ehesten beratend beistehen, wenn es darum gebeten wird.

Vergangenen Freitag kündigte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen an, die Mission in Libyen offiziell beenden zu wollen. Der libysche Nationalrat will innerhalb von 30 Tagen eine Regierung bilden. Der Westen darf gehen, das neue Libyen gehört sich selbst. Die Party kann beginnen.

Mitarbeit: Gunther Müller


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