<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>

Geburtstagsgruß eines beherzten Begleiters.

"Die Zeit entzieht den meisten Dingen ihr Gift“ Haruki Murakami

Unsere unzähligen klugen Leserinnen und schönen Leser, die vor 30 Jahren noch nicht auf der Welt waren, haben das Privileg, jung zu sein. Anderseits ist ihnen vieles entgangen. Beispielsweise ein Leben mit dem PC von seinen Anfängen bis heute. Es waren drei wunderbare Jahrzehnte voll Freude, Witz und Schmerzensschreien.

Für all jene, die technischen Fortschritt liebten und egoistisches Interesse an immer besseren Werkzeugen und Spielzeugen (tools & toys) hatten, waren die Geburt und Fortentwicklung des "Personal Computers“ ein Abenteuer. Man erlebte 500 Jahre nach Gutenbergs Druck mit beweglichen Lettern, 200 Jahre nach der Dampfmaschine und 100 Jahre nach der Erfindung des Autos das vierte Produkt des Jahrtausends, das wesentlich ins Leben eingriff.

Auch der PC stand anfangs im Kreuzfeuer der Kleinmütigen, Ängstlichen und Beharrenden. Dies ist für die Anfänge alles Großen normal. Gegen den Buchdruck waren die Geistlichen Sturm gelaufen, die ihr Bildungsprivileg und ihren Job als Handschriftenkopisten gefährdet sahen. Gegen Eisenbahn und Auto waren die Ärzte aufgetreten, die geschichtlich immer neben den Schuhen standen. Sie wussten, dass alles Schnellere als Pferdegespanne den menschlichen Organismus zerrüttet. Am PC missfielen vielen die "Primitivität des Binärsystems“ und die Gefährdung von Arbeitsplätzen.

In den Anfängen der Jahrtausendprodukte stand immer das vermeintlich Negative im Vordergrund, niemals die verheißungsvolle Ausweitung der Kreativräume durch Literatur, Reisen und schnelle Erledigung geistloser Rechenroutinen. Auch am Handy, das 20 Jahre nach dem PC als weiteres Zäsurprodukt den Durchbruch schaffte, werden eher die Missbräuche bekrittelt, nicht die fantastischen, oft lebensrettenden Vorzüge gelobt.

Der Urvater aller heutigen PCs, der "IBM-Standard-PC“, blieb insofern einzigartig, als die größte Kritik aus den Reihen der eigenen, hoffärtigen IBM-Mammutcomputer-Manager kam, die im PC ein prestigemordendes Spielzeug sahen. Und die Branche wehrte sich dagegen, im IBM-PC, der am 12. August 1981 vorgestellt wurde, einen echten Anfang zu sehen. Es gab ja schon vor 1981 gute Computer, verbunden mit Namen wie Hewlett-Packard, Apple, Xerox, Altair, Commodore.

Aber IBM schaffte dank seiner Marktführung bei Großcomputern (Mainframes) die erste PC-Großserie, als Arbeitsplatzcomputer in vielen Konzernen. Die Intel-Prozessoren und das Betriebssystem DOS wurden Standard. Letzteres gilt umfassend als Irrwitz der Frühzeit.

PC-DOS wurde von der Zwergfirma Microsoft nicht wirklich geschrieben, sondern aus einem Drittprodukt adaptiert. Microsoft brillierte erst später mit beharrlicher Weiterentwicklung seines MS-DOS und des späteren Windows. Und Microsoft wurde, auch dies kein Scherz, nur deshalb zum Riesen, weil IBM das Betriebssystem nicht kaufte, sondern mietete, da die Zukunftsaussichten des PCs zu ungewiss schienen. Microsoft-Boss Bill Gates, dann schon reichster Mann der Welt, hat mir davon später behaglich erzählt.

Der endgültig entscheidende Grund für den Welterfolg des 1981er-PC lag darin, dass IBM den Standard freigab, was zu weltweitem Wettbewerb und fortwährender Innovation führte. Über die Weiterentwicklung des PCs gibt es gute Geschichten im Internet, inklusive der wichtigen Xerox- & Apple-Entwicklung GUI (Graphical User Interface), die samt Maus, Ikonen und Rollbalken heute alle PCs bieten.

Ich vermittle hier lieber den jungen LeserInnen, was sie in der Frühzeit versäumten. In erster Linie geht es hier wieder um DOS. Dieses OS (Operating System oder Betriebssystem) arbeitete mit Befehlszeilen. Es war extra dry und so knöchern, dass es schepperte. Es trieb Anwender in den Freitod. Dazu kam eine allgemeine Unzuverlässigkeit. Alle Maschinenelemente zeigten noch Kinderkrankheiten. Bei weniger als drei Computerabstürzen pro Tag schlachtete man am Abend vor Freude Tiere. Die Anbindung von Peripheriegeräten wie den brüllenden Nadeldruckern war komplex. Vom heute perfekten "Plug and play“ keine Spur. Man sprach von "Plug and pay“ und "Plug and pray“.

Die tragbaren PCs entwickelten sich mühsam von so genannten Schleppables über Portables und Laptops zum ersten Notebook-ähnlichen Toshiba T1000. Gleichwohl liebte man dieses Gerät. Leider erblindete man an der dunkelblauen Schrift auf mittelgrünem Hintergrund, und die einzige Integral-Software (Text, Balken-Grafik, Datenbank) namens Framework brauchte eine Lernzeit von Monaten. Von hintergrundbeleuchteten Farbdisplays konnte man nur träumen. Für heutige Tele-Com-Fähigkeiten samt Internetzugang reichte nicht einmal die Fantasie.

Mir fällt gerade auf: Seit gut drei Jahren ist mir kein Mac (mit dem ich mobil unterwegs bin) und kein Standard-PC (der segensreich in meinem Büro werkt) mehr abgestürzt. Wer die Geschichte des PCs miterlebte, zieht daraus Freude - eine Belohnung für 30 Jahre des Schmerzes und der Entsagung.

helmut.gansterer@profil.at